Die Konferenz von Genua, eine «Notwendigkeit»

Allzuviel versprechen sich von der Konferenz in Genua wohl auch diejenigen nicht, die sie für eine «Notwendigkeit» halten. Denn angesichts der tiefen Verworrenheit der öffentlichen Angelegenheiten Europas fühlen sie, daß, was für die Gesundung der Welt geschehen muß, ganz wo anders sich vollziehen muß als auf Konferenzen. Sie fühlen das, auch wenn sie denken, Konferenzen zur Herbeiführung dieser Gesundung seien eine «Notwendigkeit».

Das ist begründet in dem tiefen Widerspruch, der heute besteht zwischen dem, was in den Gedanken gewisser Menschen aus den Beziehungen der Staatsgebilde sich festgelegt hat, und den wirklichen Interessen der diese Staatsgebilde bewohnenden Menschen. Man denkt aus den Ergebnissen des politischen Geschehens der letzten Jahrzehnte heraus, und man hat Interessen, die aus diesen Ergebnissen längst herausgewachsen sind. Diese Interessen fordern ein Verständnis des Lebens, das erst gefunden werden muß. Und man redet von einem Verständnis aus, in das man sich hineingewöhnt hat. Die geistigen, rechtlichen und wirtschaftlichen Probleme, die heute die Welt erschüttern, werden nicht gefaßt von Ideen, die Aussicht haben, auf einer Konferenz besprochen zu werden.

Eine Illustration dieser für die Gegenwart bedeutungsvollen Wahrheit ist die Erwartung, die man in Europa hegt, über die Beteiligung der Amerikaner an der Konferenz in Genua. Deutlich wird diese Illustration dadurch, daß Stimmen über den Atlantischen Ozean dringen: man wolle sich in die Angelegenheiten Europas erst dann mischen, wenn die Europäer es selbst erst zu einer gewissen Ordnung bei sich gebracht haben. Europa weiß nicht, was es mit sich machen soll; und Amerika wird wissen, was es für Europa machen soll, wenn dies Europa erst selbst wissen wird.

Alles aber wird davon abhängen, daß man wird einsehen müssen, in welche Einseitigkeit die Welt verfallen ist dadurch, daß sie den Blick nur auf die wirtschaftlichen Fragen richtet. Man tut dies, weil sie das Nächstliegende sind. Millionen von Menschen des Ostens leben in Hungersnot. Von Rußland her droht der Zivilisation eine Krankheit, für die Worte zu ohnmächtig sind, sie zum Ausdruck zu bringen. Gewiß, solcher Menschennot gegenüber erscheint zunächst jede Diskussion als billiges Auskunftsmittel; unmittelbare Hilfe ist allein am Platze. Aber es ist nun einmal im Menschenleben so, daß die Hilfe für die großen Übel nicht erfolgen kann ohne die Erkenntnis von deren Ursachen. Und die Ursachen für das gegenwärtige Weltelend liegen doch in der geistigen Verfassung der Menschen. |

(Man muß heute, um nicht mißverstanden zu werden, auch Selbstverständliches sagen. Deshalb nur füge ich hier ein, daß ich natürlich nicht etwa von der geistigen Verfassung derjenigen spreche, die in Rußland den Hungertod erleiden.)

Kein Unbefangener wird behaupten, daß man der Natur die Ursache der gegenwärtigen Weltnot zuschreiben müsse. Sie liegt in der Art, wie die Menschen mit dem verfahren, was ihnen die Natur gibt. Sie liegt in dem Verhältnis der Menschen zueinander. Und dieses Verhältnis ist doch das Ergebnis der Vorstellungsart, des Empfindungslebens der Menschen. Es ruht auf dem Geistesinhalt der Menschen. Wie die Menschen für einander arbeiten, das hängt zuletzt davon ab, wie sie in den Tiefen ihrer Seelen die Welt erleben.

Über diese bedeutungsvolle Wahrheit wird eine rein wirtschaftliche Orientierung in den Weltangelegenheiten immer hinwegsehen. Die wirtschaftlichen Fragen der Gegenwart sind zugleich in dem Sinne soziale, als sie allgemein-menschliche sind. Man kann nicht wirtschaften, ohne daß man ein Herz hat für das wahrhaft Menschliche. Aber man verfällt immer wieder in diese «Herzlosigkeit». Die Wirtschafter haben sich in eine Denkweise eingewöhnt, die mit Produktion, Warenzirkulation und Konsum so rechnet, wie wenn sich das alles vollzöge als ein Mechanismus, den man dirigieren kann. Aber in all das sind die lebenden, die fühlenden Menschen eingeschaltet. In der Theorie gibt das jeder als etwas Selbstverständliches zu. In der Praxis, die aber keine wahre Praxis, sondern nur eine Routine ist, kalkuliert er, wenn er ein Geschäft beginnt, oder führt, mit Ausschluß des wirklichen menschlichen Lebens. Er setzt die Zahlen aneinander, die zuletzt die rein zahlenmäßige Fruchtbarkeit des Geschäftes ergeben sollen.

Aber wie sollte man das anders machen? So wird immer wieder die Frage derer lauten, die Routine mit Praxis verwechseln. Sie sollten sich die Antwort aber aus den Ergebnissen heraus holen, die ihre Denkweise im Menschenleben hat. Sie wollen sie nicht holen, so lange ihre Zahlen durch die nächsten Erfolge gerechtfertigt erscheinen. Die weiteren Mißerfolge im Menschenleben bringen sie dann nicht mehr mit ihrer Denkweise in Zusammenhang. Deshalb ist es, daß ein Streben nach der Gesundung der öffentlichen Verhältnisse keine Stütze findet an den Menschen des Wirtschaftslebens.

Das zeigt sich in kleinen Verhältnissen; das hat sich aber übertragen auf die Behandlung der großen Weltangelegenheiten. Man rechnet auf Konferenzen; und die Rechnungen stehen in keinem Zusammenhang mit dem, was Menschen fühlen und erleben. Deshalb werden die Rechnungsergebnisse nicht Wirklichkeit. Deshalb weiß Europa nicht, was es mit sich machen soll. Deshalb wartet Amerika, bis Europa dies wissen wird, weil es vorläufig auch nicht weiß, wie es in Europa eingreifen soll. Wenn allerdings Europa das vollzogen haben wird, worauf Amerika wartet, wird die Frage ein anderes Gesicht haben. Und dieses Gesicht müßte werden; denn Europa müßte die Kraft finden, sich selber zu helfen.

Konferenzen können doch nicht die Gebuttsstätten von völkerbeglückenden Ideen sein, sondern höchstens Mittel zur Verständigung über schon vorhandene, etwas voneinander verschiedene Ideen. Die Güte einer Konferenz hängt ab von dem, was die Teilnehmer mitbringen. Denn, wenn sie nichts mitbringen, können sie auch nichts nach Hause bringen. Heute ist erst notwendig, zu sehen, was zu Hause fehlt. Gelingt dies, dann wird es mit der Verständigung vorwärts gehen.

Ehe man dies eingesehen hat, werden die «Notwendigkeiten» eine große Rolle spielen ; aber diese «Notwendigkeiten » werden wirklichkeitsfremd sein. Diese Einsicht wird außer den am engeren Geistesleben beteiligten auch den wirtschaftenden Kreisen kommen müssen. Auch an ihnen prallt gegenwärtig das Streben nach Gesundung gerade des wirtschaftlichen Lebens ab. Solche Gedanken müssen dem kommen, der auf die Erwartungen sieht, die manche mit Genua jetzt verbinden, wie sie das mit der nun schon stattlichen Zahl von Konferenzen getan haben, die Genua vorangegangen sind. Die Diskussionen, ob und wann man sich in Genua versammeln soll, sind kein gutes Vorzeichen. Sie sprechen dafür, daß man entweder dahin nichts mitzubringen hat, oder nichts mitbringen will. —

German original of The Genoa Conference: A 'Necessity' · Next →