Emile Boutroux
Von den neuesten französischen Philosophen wird Bergson mehr genannt als der kürzlich verstorbene Emile Boutroux. Das zeitgenössische Urteil dürfte damit nicht ganz im Rechte sein. Bergson spricht für das Publikum verständlicher; er lehnt sich mit seinen Vorstellungsbildungen mehr an geläufige naturwissenschaftliche Ergebnisse an als Boutroux. Dieser aber scheint derjenige von beiden zu sein, der sich mit größerer Leichtigkeit in der souveränen philosophischen Begriffsbildung bewegt. Bergson geht von einzelnen naturwissenschaftlichen Feststellungen aus; Boutroux von der Überschau über Tragweite und Grenzen des naturwissenschaftlichen Erkennens als solches. Bergson stellt der naturwissenschaftlichen Anschauungsart seine auf einer unbestimmten gefühlsmäßigen Intuition beruhende Mystik gegenüber; Boutroux seine denkerische Weltinterpretation. Beide fühlen die Notwendigkeit, vom Naturerkennen zum Geisterkennen vorzuschreiten; beide schrecken vor einer wirklichen Erfahrung über die geistige Welt zurück.
Boutroux fragt sich: wie erkennt der Mensch die leblose mineralische Welt? Er vergegenwärtigt sich die Erkenntnisart, die hiebei angewendet wird. Er charakterisiert sie. Dann geht er zur lebendigen Natur über. Er findet, daß dabei eine andere Erkenntnisart angewendet werden muß. Und wieder eine andere in der Seelenkunde für den einzelnen Menschen; wieder eine andere in der Soziologie. Zu einer Stufenfolge der Erkenntnisarten kommt er. Damit deutet ihm das Erkennen auf eine Stufenfolge des erkannten Seins von dem materiellen Gebiete in die geistigen herauf. Aber dem Geistigen gegenüber entfällt ihm der lebendige Zusammenhang mit der Wirklichkeit. Hier ist es notwendig, zu der Wirklichkeit durch Produktive innere Seelenorgane, die dem gewöhnlichen Seelenleben nicht zum Bewußtsein kommen, ein ähnliches Verhältnis herzustellen, wie es durch die Sinne und durch das Verstandesdenken für die materielle Wirklichkeit gegeben ist. Daher bleiben Boutroux für die Geist-Wirklichkeit doch nur die abstrakten Verstandesbegriffe. Daher läuft seine Anschauung auf einen Intellektualismus hinaus, der zwar auf den Geist hinweisen, aber ihn nicht inhaltlich erfassen kann.
Man muß bis in Leibnizens Zeit zurückgehen, wenn man einen Denker wie Boutroux historisch einschätzen will. Bei Leibniz findet man noch den Ausblick auf eine wirkliche geistige Welt. Er blickt auf Monaden, die Vorstellungen haben und wesenhaft sind. Bis zur Monadenhaftigkeit, das heißt bis zum geistigen, abstrakten Punktwesen ist allerdings zusammengeschrumpft, was Leibniz hinter der Sinneswelt sucht. Aber immerhin: es ist noch wesenhaft. Die spätere Zeit hat an die Stelle des Suchens nach solcher Wesenhaftigkeit dasjenige nach Gesetzen gesetzt. Man kümmert sich nicht mehr um die Wesen, die in Wechselwirkung treten und dabei Gesetze erkennen lassen; man sieht nur mehr auf die Gesetzmäßigkeit selber. Das Naturgesetz sucht man; nicht die Wesen, welche in ihrem Verhalten dieses Gesetz offenbaren. Man kommt dabei höchstens noch auf das Atom, den Leichnam jeglicher Wesenhaftigkeit.
Boutroux hat bis zu einem gewissen Grade diesen Gang des modernen Wissenschaftslebens erkannt. Er sucht daher die Gesetze wieder zwischen den Wesen; er sieht in ihnen die Offenbarung der Betätigungsart der Wesen. Dadurch gelangt er zu dem Hinweis auf die Selbständigkeit, die Innerlichkeit der Wesen. Er ist sich klar darüber, daß man mit dem Einblick in die Weltgesetze noch nicht die Weltwesen durchschaut hat.
Hier würde beginnen die Notwendigkeit, eine solche menschliche Anschauungsart zu entwickeln, die von der kombinierenden Gesetzeswissenschaft zu einer lebendigen Wesensanschauung aufsteigt. Diesen Weg hat Emile Boutroux nicht beschreiten wollen. Er konnte die Hindernisse nicht überschreiten, welche die modernen Denkgewohnheiten einem solchen Weg entgegenstellen. — Aber er hat in der schärfsten, eindringlichsten Art auf einen solchen Weg hingewiesen, den er vielleicht nicht einmal nach seiner Eigenart geahnt hat. Er hat so intensiv auf ihn hingewiesen, wie es nur ein von der modernen intellektualistischen Art des modernen Forschens gefesselter Denker kann.
Das ist sein großes Verdienst. Vielleicht kommt ihm in der Treffsicherheit der nach dieser Richtung gehenden Begriffe kein Anderer gleich. Man muß das anerkennen, trotzdem sich die Schattenseiten des Intellektualismus gerade dadurch bei ihm ganz außerordentlich enthüllen. Er suchte eine Berechtigung der religiösen Vorstellungsart neben der wissenschaftlich-philosophischen nachzuweisen. Allein dabei zeigte sich gerade das Unzulängliche seiner Anschauungsart. Er konnte innerhalb des Erkenntnisgebietes das religiöse Element nicht finden. Er glaubte, daß Erkennen nicht aus dem ganzen Menschen kommen könne, daß man aber doch eine Weltanschauung haben müsse, die auf den Kräften der vollen Persönlichkeit beruhe. Dadurch entsteht für ihn die Wissenschaft als ein Ausfluß eines Teiles der Menschennatur, und die Religion als ein solcher des ganzen Menschen. Damit ist ein Wissenschaftsgeist geschaffen, der seine Sicherheit doch wieder nur dadurch erkauft, daß er von sich aus nicht zur Innerlichkeit des religiösen Lebens eine Beziehung schafft; und der Religion wird das Dasein zugesichert, indem ihr eine zwar umfassendere Aussicht als der Wissenschaft, doch aber eine mindere Gewißheit zugestanden wird. Der schwere Zwiespalt, der durch das Empfinden des Gegenwartsmenschen geht, findet damit nicht eine Heilung, sondern er wird, indem er gewissermaßen philosophisch dogmatisiert wird, wesentlich verschärft.
Auch durch diese Wendung seines Denkens zeigt sich Boutroux als ein bedeutender Repräsentant der gegenwärtigen Weltanschauungsktisis. Man muß ihn kennen, wenn man beurteilen will, wie diese Weltanschauung in ihren hervorragenderen Pflegern überall über sich hinausweist und doch wieder in ihrem Netz so verstrickt ist, daß sie nicht hinaus kann; wie sie sich unfähig erklärt, auf ihren Grundlagen zu bauen, und doch auch von diesen Grundlagen nicht lassen will.