Wladimir Solowjoff, ein Vermittler zwischen West und Ost

Daß der «Kommende-Tag-Verlag » in Stuttgart sich entschlossen hat, die Werke des russischen Philosophen Wladimir Solowjoff in deutscher Übersetzung der Öffentlichkeit vorzulegen, entspricht einer Notwendigkeit im Geistesleben der Gegenwart. Aus der Fülle dessen, was Solowjoff geschrieben hat, ist vor kurzem erschienen: «Zwölf Vorlesungen über das Gottmenschentum.» Aus dem Russischen von Harry Köhler (Stuttgart 1921). Das Leben Solowjoffs fällt in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, seine Werke in dessen Ende. Wie osteuropäische Vorstellungsart über die tiefsten Fragen des Menschendaseins sinnt, wie sie sich mit den Lebensfragen ihrer eigenen Zeit auseinandersetzt, das tritt in den Betrachtungen Solowjoffs in anschaulicher Art zutage. Er ist eine Persönlichkeit, die sich mit der Denkweise der west- und mitteleuropäischen Weltauffassungen gründlich auseinandersetzt. Er redet in den Vorstellungsformen, in denen sich Mill, Bergson, Boutroux, Wundt auch ausdrücken. Aber er redet doch auf ganz andere Art als alle diese. Er bedient sich dieser Vorstellungsformen als einer Sprache; aber er offenbart das Menschen-Innere aus einem anderen Geiste heraus. Er zeigt, daß in Osteuropa von dem Geiste noch Vieles lebt, der im Beginne der christlichen Entwickelung derjenige anderer europäischen Gebiete war, der aber da sich völlig umgewandelt hat. Was das übrige Abendland nur noch aus der Geschichte erfassen kann, im Osten hat es unmittelbares Leben.

Solowjoff spricht so, daß man in einer gewissen Art wieder aufleben fühlt, wie bis zum vierten Jahrhundert die Denker des Christentums sich mit der Vereinigung der Christus-Wesenheit in dem Menschen Jesus von Nazareth auseinandergesetzt haben. Von diesen Dingen so zu reden wie Solowjoff redet, dazu fehlen den west- und mitteleuropäischen Denkern heute überhaupt alle Begriffsmöglichkeiten.

In Solowjoffs Seele sind deutlich zwei Erlebnisse nebeneinander vorhanden: das Erleben des Vater-Gottes in Natur- und Menschendasein, und des Sohn-Gottes, Christus, als der Macht, welche die menschliche Seele den Banden des Naturdaseins entreißt und dem wahren Geistdasein erst einverleibt.

Mitteleuropäische Gegenwartstheologen sind nicht mehr in der Lage, diese beiden Erlebnisse auseinanderzuhalten. Ihre Seele kommt nur zu dem Vater-Erlebnis. Und aus den Evangelien gewinnen sie nur die Überzeugung, daß der Christus Jesus der menschliche Verkünder des göttlichen Vaters gewesen sei. Für Solowjoff steht der Sohn in seiner Göttlichkeit neben dem Vater. Der Mensch gehört der Natur an wie alle Wesen. Die Natur in allen ihren Wesen ist das Ergebnis des Göttlichen. Man kann sich mit diesem Gedanken durchdringen. Dann schaut man zu dem Vater-Gott auf. Man kann aber auch fühlen: der Mensch darf nicht Natur bleiben. Der Mensch muß sich aus der Natur erheben. Die Natur wird, wenn er sich nicht über sie erhebt, in ihm sündhaft. Wenn man die Seelenwege in dieser Richtung verfolgt, gelangt man in die Regionen, wo man in dem Evangelium die Offenbarung des Sohn-Gottes findet. Solowjoffs Seele bewegt sich auf diesen beiden Wegen. Er gibt eine Weltanschauung, die sich weit erhebt über die russisch-orthodoxe Religion, die aber durchaus christlich-religiös ist, obgleich sie auch als echtes philosophisches Denken sich offenbart.

Die Philosophie spricht bei Solowjoff religiös; die Religion tingt sich bei ihm dazu durch, philosophische Weltanschauung zu sein. In dem europäischen Denken ist dergleichen nur noch bei Scotus Erigena im neunten Jahrhundert vorhanden, später nicht mehr. Dieser im Frankenland lebende Schotte hat in seinem Buche «Von der Gliederung der Natur» eine Gesamtanschauung über Welt- und Menschenwesen gegeben, in der noch etwas ähnliches im Abendlande lebt, wie es in Solowjoffs Gedanken und Empfindungen atmet. Aber man sieht bei Erigena bereits dasjenige Element aus der Weltanschauung des Abendlandes schwinden, das in Solowjoff noch volles Leben hat. Dieses tritt aus dessen Darstellung vor die Seele des europäischen Lesers wie eine Auferstehung des Geistes der ersten christlichen Jahrhunderte.

Man sehe, wie Solowjoff in einem Aufsatz über Natur, Tod, Sünde, Gnade zu sprechen anhebt: «In der Menschenseele sind wie zwei unsichtbare Flügel zwei Wünsche. Sie erheben diese über die Natur. Das sind der Wunsch nach Unsterblichkeit und der Wunsch nach Wahrheit als derjenige nach sittlicher Vollkommenheit. Der eine Wunsch ist ohne den andern sinnlos. Ein unsterbliches Leben ohne sittliche Vollkommenheit brächte dem Menschen kein Glück. Der Mensch kann sich nicht damit begnügen, unsterblich zu sein; er muß auch die Würdigkeit zu dieser Unsterblichkeit dadurch erlangen, daß er der Wahrheit nachlebt. Aber auch die Vollkommenheit ist kein Gut, wenn sie dem Tode verfallen müßte. Ein unsterbliches Leben ohne die Vollkommenheit wäre Betrug; eine Vollkommenheit ohne Unsterblichkeit wäre eine empörende, schadenstiftende Unwahrheit.»

Aus solcher Denketgesinnung spricht Solowjoff. Sie gibt seinen Darstellungen den östlichen Charakter. Die Gegenwart hat notwendig, den Gesichtskreis des Geistes zu erweitern. Die Menschen des Erdkreises müssen einander näher kommen. Solowjoff ist ein Repräsentant des europäischen Ostens. Er kann dem Geistesleben des Abendlandes zur Erweiterung dienen. Er war selbst in dieses Geistesleben in der Art seines Ausdruckes hineingewachsen; aber er hat auch ganz seine östlich empfindende Seele bewahrt. Ihm begegnen, bedeutet für den Abendländer, etwas finden, das bedeutsame Seiten des Menschentums offenbart, das aber der westliche und mitteleuropäische Mensch wenigstens auf den Wegen nicht mehr finden kann, welche die Erkenntniswege der letzten Jahrhunderte geworden sind.

Der Westen und der Osten müssen für einander Verständnis finden. Solowjoff kennen lernen, kann auf der Seite des Westens viel zum Gewinnen eines solchen Verständnisses beitragen.

German original of Vladimir Solovyov, a mediator between West and East · ← Previous