Scheinbare und wirkliche Perspektiven der Kultur

Der Leser von Albert Schweitzers «Geschichte der Leben-Jesu-Forschung» (von Reimarus zu Wrede, 1906) und anderer Schriften desselben Verfassers, muß diesen für einen sehr scharfen Denker halten. Für einen solchen, der mit seinen Gedanken in Gebiete des Geisteslebens eindringen möchte, die viele andere für das Denken unzugänglich und nur für gefühlsmäßiges, mystisches oder Glaubenserlebnis erreichbar halten.

Man greift daher mit Interesse nach dem eben erschienenen ersten Teil einer «Kulturphilosophie » von Albert Schweitzer, der den Titel trägt: «Verfall und Wiederaufbau der Kultur» (Paul Haupt, Akademische Buchhandlung Bern, 1923).

Sogleich auf den ersten Seiten stößt man auf die Wiedergabe von Empfindungen, die von den Verfallserscheinungen der «Kultur» der Gegenwart widerklingen. Der Mangel an einem Denken, das die Geistigkeit der Welt ergreift, wird gründlich empfunden und mit schneidender Schärfe charakterisiert. Die Worte der Kritik fallen wie schneidende Messer auf das Gesamtantlitz des gegenwärtigen Lebens.

Der erste Satz lautet: «Wir stehen im Zeichen des Niedergangs der Kultur.» Damit ist der Grundton angeschlagen. Und aus dessen Weiterführung hören wir: «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war.» ... «So überschritten wir die Schwelle des Jahrhunderts mit unerschütterten Einbildungen über uns selbst.» ... «Nun ist für alle offenbar, daß die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist.» ... «Die Aufklärungszeit und der Rationalismus hatten ethische Vernunftideale über die Entwicklung des Einzelnen zum wahren Menschentum, über seine Stellung in der Gesellschaft, über deren materielle und geistige Aufgaben ... aufgestellt.» ... «Aber um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung ethischer Vernunftideale mit der Wirklichkeitan abzunehmen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Stillstand. Kampflos und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur ...»

Schweitzer glaubt zu sehen, woran das liegt. Die ethischen Vernunftideale waren bei früheren Weltanschauungen in denselben Quellen liegend wie die Gedanken über die Natur. Diese Weltanschauungen sahen hinter der Natur eine geistige Welt. Und aus dieser flossen in den Tatsachen der Natur die Antriebe; ebenso aber auch in der Menschenseele die ethischen Vernunftideale. Es gab eine «Totalweltanschauung ». Die gibt es heute nicht. DieGedanken der neuen Naturanschauung können nur von Kräften in den Naturerscheinungen, nicht aber von ethischen Zielen der Menschenseele sprechen.

Schweitzer sieht innerhalb dieser Situation nur eine kraftlose Philosophie, die die Schuld trägt an dem Niedergange. «Daß das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschauung von optimistisch-ethischem Charakter aufzustellen und die Ideale, die die Kultur ausmachen, in einer solchen zu begründen, war nicht Schuld der Philosophie, sondern eine Tatsache, die sich in der Entwicklung des Denkens einstellte. Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philosophie dadurch, daß sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur unterhielte.» ... «So wenig philosophierte die Philosophie über Kultur, daß sie nicht einmal merkte, wie sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der Stunde der Gefahr schlief der Wächter, der uns wach erhalten sollte. So kam es, daß wir nicht um unsere Kultur rangen.»

Schweitzer weist scharf darauf hin, daß Institutionen in der äußeren Welt, auf welche die neuere Menschheit allein baut, den Verfall der Kultur nicht aufhalten können. Ihm ist klar, daß aller materielle Lebensinhalt, soll er sich zur Kultur gestalten, von den selbständigen Schöpfungen des Geisteslebens ausstrahlen müssen. Er findet, daß die Menschen der Gegenwart, weil sie sich an das Materielle der Außenwelt verloren haben, unfrei, im Denken ungesammelt, in der Entfaltung der vollen Menschlichkeit unvollständig, im ethischen Verhalten humanitätslos geworden sind. Die Einrichtungen des Lebens erscheinen ihm überorganisiert, weil die Initiative des Einzelnen gehemmt ist durch die Einspannung in die Organisationen, die überall das Individuelle in ein abstraktes, unpersönliches Allgemeines aufnehmen wollen.

Daß das Vertrauen in die Schöpferkraft des denkenden Geistes geschwunden ist, kennzeichnet Schweitzer in der verschiedensten Art. «Früher war jeder wissenschaftliche Mensch zugleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermögen angelangt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu können. Darum gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast keine denkende Wissenschaft mehr.» In den Seelen der Denker müssen, im Sinne Schweitzers, die Impulse entstehen, die in alles materielle Kulturgeschehen wirken. «Kant und Hegel haben Millionen regiert, die nie eine Zeile von ihnen gelesen haben und nicht einmal wußten, daß sie ihnen gehorchten.» ... «Daß das römische Reich, trotz der vielen hervorragenden Herrscher, die es besaß, zugrunde ging, lag letzten Endes daran, daß die antike Philosophie keine Weltanschauung mit reichserhaltenden Gedanken hervorbrachte.» ... «Für die Gesamtheit wie für den Einzelnen ist das Leben ohne Weltanschauung eine pathologische Störung des höheren Orientierungssinnes.»

Ich muß nun den Rest dieser Ausführungen so gestalten, daß ich mich der Gefahr aussetze, von Vielen für einen eingebildeten Tropf gehalten zu werden. Doch das geht nun einmal angesichts meiner Überzeugung über die Dinge, die Albert Schweitzer bespricht, nicht anders.

Nehmen wir an, jemand wolle ein Haus bauen, und man frage ihn: wie soll es gestaltet sein? Er antwortet: fest, witterungssicher, schön und so, daß man bequem darin wohnen kann. Man wird mit dieser Antwort nicht sonderlich viel anfangen können. Man wird einen konkreten Plan und in sich begründete Formen gestalten müssen. Albert Schweitzer durchschaut die Baufälligkeit der «Gegenwartskultur». Er fragt sich: wie soll der Aufbau einer neuen sein? Er antwortet: «Die große Aufgabe des Geistes ist, Weltanschauung zu schaffen.» «Die Zukunft der Kultur hängt also davon ab, ob es dem Denken möglich ist, zu einer Weltanschauung zu gelangen, die den Optimismus, das heißt die Welt- und Lebensbejahung, und die Ethik sicherer und elementarer besitzt als die bisherigen.» Nun, auch mit dieser Antwort kann man nicht sonderlich viel anfangen. Die Anthroposophie empfindet das Negative in der «Gegenwartskultur» ähnlich wie Schweitzer. Sie wird dies vielleicht weniger polternd und weniger kraftmeierisch zum Ausdruck bringen; aber sie beantwortet das Beobachtete mit einer geistigen Erkenntnis, die das menschliche Denken von den berechtigten Forderungen der Naturanschauung zu einer Einwurzelung in die lebendige Geisteswelt weiterführt. In dieser Geisteswelt haben die ethischen Ideale wieder Kraftwirkung wie auf dem Felde der Natur die Naturkräfte.

Schweitzer meint, das neuere Denken schrecke davor zurück, in das Geistige einzudringen und überlasse dieses Feld der gedankenfreien Mystik. «Aber warum» — sagt er — «annehmen, daß der Weg des Denkens vor der Mystik ende?» Er will ein Denken, das so lebendig ist, daß es in die Regionen eindringen kann, die Viele der Mystik zuteilen. Nun - die Anthroposophie lebt ganz in einem solchen Denken und in einem solchen Verhältnis zur Mystik. — Schweitzer findet: «Wieviel wäre für die heutigen Zustände schon gewonnen, wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten und bei der Teilnahme an einem Begräbnis uns dem Rätsel von Tod und Leben hingeben würden ...» Man sehe, wie sich dazu die Anthroposophie verhält.

Schweitzer kennzeichnet das alles, wie Einer, der sagt: ich will ein Haus haben, das fest, wettersicher, schön und so ist, daß man bequem darin wohnen kann. Die Anthroposophie möchte nicht in diesen Abstraktionen verbleiben, sondern den konkreten Bauplan gestalten.

German original of Apparent and Real Perspectives of Culture · Next →