Die verschüttete Geist-Erkenntnis

Wer sich in die mitteleuropäische Literatur der Zeit um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vertieft, der kann eine merkwürdige Entdeckung machen. Er wird dies aber nur dann tun, wenn er sich nicht ausschließlich an dasjenige hält, was in der folgenden Zeit beliebt geblieben ist und was in der Gegenwart gewöhnlich als wertvoll neu gedruckt wird und viel gelesen ist. Denn es gibt etwas wie eine durch die Denkungsart der spätern Zeit verschüttete Schicht mitteleuropäischer Anschauungen, die in Ton, Haltung und Interesse für bestimmte Ideenkreise heute ganz fremdartig anmuten.

Man kann sich aus der Lektüre von Werken dieser verschütteten Schichte Bilder von Persönlichkeiten mit einer der Gegenwart ganz fernen Geistesart vor die Seele stellen. Mir ist übrigens das Glück widerfahren, in meinem alten Lehrer und Freund, Karl Julius Schröer, in den achtziger Jahren in lebhaftem Geistesverkehr mit einer Persönlichkeit zu stehen, die nach ihrer Seelenverfassung ganz in dem Leben der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurzelte. Ein idealischer Zauber ging von dieser Persönlichkeit aus. Wenn Karl Julius Schröer von Goethe sprach, so lebte etwas von der verschütteten Schichte auf.

Ich habe ein Bild aus dem Verkehr mit Karl Julius Schröer vor mir. Ich besuchte ihn wenige Stunden, nachdem der österreichische Kronprinz in der Tragödie von Meyerling zugrunde gegangen war. Karl Julius Schröer stand wie starr vor dem, was in einer Zeit geschehen konnte, von der er empfand, daß sie der seinigen so unähnlich geworden war. Seine Augen blickten wie aus einer fremden Welt heraus, und er sprach: «Es ist ja, wie wenn das Zeitalter Neros wieder auflebte.»

Schröer selbst schrieb sein Anderssein gegenüber der jüngeren Generation allerdings auch persönlichen Anlagen zu. Er sagte mir einmal - allerdings ohne sich damit als einen Anhänger der Phrenologie zu bekennen: ein Phrenologe habe ihn vor langer Zeit untersucht und eine Eigentümlichkeit an seinem Kopfe gefunden, bei der er das Wort «Theosophie» ausgesprochen habe. (Ich überlasse den Inhalt dieser Bemerkung denjenigen, die etwa zu der Ansicht kommen wollen, meine anthroposophische Anschauung sei ein dem Psychoanalytiker erklärliches Aufleben einer «Provinz» meines Seelenlebens, die in den achtziger Jahren durch Karl Julius Schröer bebaut worden ist.)

In der «verschütteten Schichte» lebte ein Verständnis für objektive Ideen. Man glaubte, daß im Einzelleben des Menschen und im Völkerleben solche objektive Ideen walten. Man sah aber auch mit einer gewissen intellektualistischen Trauer den Sinn für diesen objektiven Idealismus in der europäischen Zivilisation dahinschwinden. So fühlte man sich der Wirklichkeit einer geistigen Welt gegenüber; man hielt sich an diese. Die äußere Welt nahm man als eine Art Abbild eines GeistWaltens. Man kann Persönlichkeiten auftauchen sehen durch Vertiefung in diese ältere Zeit, die aus ihrer geistgemäßen Anschauung das Verhängnis der Folgezeit wie in einer merkwürdigen Gseistesschau schildern.

Eine solche Persönlichkeit ist Ernst von Lasaulx, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in München gelebt und gewirkt hat. Man lese sein Buch: «Neuer Versuch einer alten auf die Wahrheit der Tatsachen gegründeten Philosophie der Geschichte» (München 1856). Ganz durchdrungen von einer geistgemäßen Anschauungsart ist dieses Buch. Die sinnenfällige und geschichtliche Wirklichkeit wird überall von der Erkenntnis des Geistigen aus beurteilt. Aufstieg und Niedergang der Völker werden mit dem aus Geist-Erkenntnis gewonnenen Lichte beleuchtet. Und man lese, was Lasaulx von der Zukunft aus seiner Beurteilung der Gegenwart heraus schreibt. «Daß die Sprachen fast aller europäischen Nationen, mit Ausnahme jener der slawischen Zunge, vollständig entwickelt, teilweise schon merklich verbraucht seien, unterliegt keinem Zweifel; ebensowenig, daß das bisherige religiöse Bewußtsein, im ganzen geschätzt, nicht mehr im Wachsen, sondern im Absterben begriffen sei: wie es denn eine offenkundige Tatsache ist, daß weit über die Grenzen Europas hinaus die innere progressive Entwicklung in allen noch bestehenden weltgeschichtlichen Völkerreligionen, im Mosaismus, im Buddhismus, im Mohammedanismus, ihren Höhepunkt längst überschritten hat, und daß in allen dreien nicht mehr bloß ein Rückleben, sondern ein unleugbarer Verfall eingetreten ist. Und wie steht es mit dem Christentum, in seiner inneren theoretischen Entwicklung und in seiner äußeren praktischen Übung in Europa?»

Nachdem er solche Fragen aufgeworfen und den Zustand Europas sich vergegenwärtigt hat, kommt Lasaulx zu dem folgenden düstern Urteile. Er überdenkt die Geschicke Süd-, West-, Mitteleuropas und setzt dieses Denken so fort: «... und daß endlich auch der nordische Koloß, wie es scheint, auf tönernen Füßen ruht und in den oberen Schichten von Lüge und innerer Fäulnis vor der Reife stark angefressen ist: wer dies und ähnliches ernst überdenkt, der wird sich einer düsteren Ahnung, wie sie jedesmal dem Eintritt großer Katastrophen vorangeht, kaum zu erwehren vermögen.»

Aber Lasaulx steht in einer Perspektive der Geistes-Erkenntnis. Und in dieser spricht er nicht bloß pessimistisch; aber überraschend ahnungsvoll am Schlusse seines andern Buches: «Der Untergang des Hellenismus»: «Und wenn das drohende Schicksal der Zukunft sich erfüllen und die verhängnisvolle Stunde eines letzten großen Völkerkampfes in Europa kommen wird, so kann es keinem verständigen Zweifel unterliegen, daß auch hierin der endliche Sieg nur da sein wird, wo die größere Kraft des Glaubens herrscht.»

Ist nicht bei einer solchen Persönlichkeit der verschütteten Schichte mehr Verständnis der Gegenwart zu finden als bei manchem maßgebenden Geiste dieser Gegenwart? Mehr Verständnis für das, was verfällt, mehr für das, was zum Aufstieg nottut. Und Lasaulx ist nur ein Repräsentant; man könnte Viele in seiner Art aufzeigen.

Die Frage drängt sich vor die Seele: warum ist diese Denkungsart verschüttet worden?

Sie war niemals eine volkstümliche; sie blieb diejenige einer auserlesenen Minderheit. Sie wurzelte im Geiste; aber nur mit dem allgemeinen Gefühle. Sie wußte sich nur intellektualistisch auszudrücken. Sie blieb in abstrakten Begriffen stecken, die das Herz der Menschen nicht warm machen können. Sie redete vom Geiste; aber sie kam nicht zu Anschauungen vom Geiste. Sie ergriff nicht den ganzen, vollen Menschen; sie ergriff nur die Erziehung der Kopfmenschen. Die Welt ließ diese Denkungsart deshalb fallen und hielt sich an das Sinnenfällig-Wirkliche und an das Geschichtlich-Äußere. Und so kam es, daß die Prophetien der Persönlichkeiten aus der verschütteten Schicht so merkwürdig wahr, ihr volkstümlicher Wirkensbereich so klein war, daß sie vergessen werden konnten.

Aber an sie darf Anthroposophie erinnern. Sie will die geistige Welt als die feste Grundlage aller Zivilisation nicht in der Abstraktion, sondern durch Vermittelung lebendiger Anschauungen geltend machen; sie möchte nicht bloß zu dem Kopfmenschen, sondern zu der ganzen, vollen Menschlichkeit sprechen. Sie will nicht intellektualistische, sie möchte realgeistige Erkenntnisse vermitteln, die lebenskräftig in der Wirklichkeit stehen können.

Daß Anthroposophie mißverstanden wird, hat viele Gründe; die Betrachtung der verschütteten Schichte liefert einen: es muß zunächst durch die sinnenfällig-materialistischen Vorstellungen hindurch gearbeitet werden, die deshalb so stark wirken, weil sie sich im Gegensatz zu einer Denkungsart entwickelt haben, die zwar geistig, aber einseitig intellektualistisch war. Man glaubt sich berechtigt, mit dieser Einseitigkeit alle Geistigkeit abtun zu können.

German original of The Buried Spirit of Central European Literature · ← Previous · Next →