Ein Beitrag zur Wiederbelebung des «versunkenen Geisteslebens»
Der «Kommende-Tag-Verlag » hat die Restbestände von Karl Julius Schröers Schriften über Goethe erworben: «Faust von Goethe. Mit Einleitung und fortlaufender Erklärung von K. J.Schröer» und «Goethe und die Liebe» sowie «Die Aufführung des ganzen Faust auf dem Wiener Hofburgtheater ». Mir gibt dies Veranlassung, hier mit ein paar Worten zunächst auf die beiden letzten kleinen Schriften hinzuweisen. «Die Aufführung des ganzen Faust» ist 1883 erschienen. Karl Julius Schröer, der mir Lehrer und väterlicher Freund war, sah ich damals oft, sowohl in seinen Vorlesungen wie in seiner Arbeitsstube in der Wiener Salesianergasse. Vor mir stand die Art, wie dieser Mann in Goethes Geistesart lebte. Er arbeitete damals an seiner Fausterklärung und an derjenigen der andern Dramen Goethes. In diese Arbeit fiel die von Wilbrandt versuchte Aufführung des ganzen Faust im Januar 1883 an drei Theaterabenden. Die Reife der Anschauung, die sich Schröer an seinen Goethestudien erworben hatte, ließ er auf die Beschreibung fallen, die er von dieser Aufführung gab. Sie war ja damals ein hervorragendes künstlerisches Ereignis in Wien. Was Schröer darüber zu sagen hatte, scheint auch heute noch so lebendig, daß es mit vollem Interesse gelesen werden kann.
Das Schriftchen «Goethe und die Liebe» steht wohl einzig da in der reichen Goetheliteratur. Da ist jeder Satz aus unmittelbarem Erlebnis heraus geschrieben. Lebensphilosophie im schönsten Sinne des Wortes an Goethe dargestellt, erscheint vor dem Leser. Schröer lebte ja ganz in der Goetheschen Art des Idealismus. In der Zeit, als er an diesem Schriftchen arbeitete, hielt er in Wien einen Vortrag «Die kommenden Anschauungen über Goethe», von dem ein Auszug als Anhang zu «Goethe und die Liebe» abgedruckt ist. «Fünfzig Jahre sind seit Goethes Tode vorübergegangen, und es will uns fast scheinen, als ob er jetzt wahrer und lebendiger vor unseren Augen stünde, als seinen Zeitgenossen vor fünfzig Jahren; als hätte bereits eine Art Auferstehung nach dem Tode stattgefunden.» Schröer schrieb das 1882; er lebte damals in der Vorstellung, daß eine solche Auferstehung des Goetheschen Idealismus notwendig sei. Er vermeinte, sie kommen zu sehen. Aus dieser Gesinnung heraus hat er alles geschrieben, was von ihm über Goethe vorhanden ist. Man kann aber auch überzeugt davon sein, daß in der Gegenwart solche Stimmen wie die Schröers wieder gehört werden sollten. In dem Büchelchen «Goethe und die Liebe» stehen die Sätze: «In der Heilkunst preist man an großen Diagnostikern am Krankenbette den Tiefblick, mit dem sie den Habitus, den individuellen Typus des Kranken und daraus dann die Krankheit erkennen. Nicht ihr chemikalisches oder anatomisches Wissen steht ihnen dabei zur Seite, sondern die Intuition in das Lebewesen als Ganzes.... Folgt ein solcher Diagnostiker der intuitiven Methode Goethes unbewußt, Goethe hat sie mit Bewußtsein in die Wissenschaft eingeführt. Sie führte ihn zu Ergebnissen, die nicht mehr bestritten werden, nur die Methode ist noch nicht allseitig erkannt.» Damit ist doch eine Forderung der Erkenntnis aufgestellt, an deren Erfüllung heute intensiv gearbeitet werden müßte.