Wie eine dichterisch-begeisterte Persönlichkeit vor fünfzig Jahren unsere Zeit vorfühlte
Es ist fast ein halbes Jahrhundert verflossen, seit der österreichische Literaturhistoriker Karl Julius Schröer sein Buch «Die deutsche Dichtung des neunzehnten Jahrhunderts» schrieb. Er faßte darinnen eine Zeiterscheinung, die sich in einer Reihe von Dichtern offenbarte, mit dem Namen «Gelehrte Lyrik» zusammen. Die Dichter, die ihm dazu Veranlassung gaben, waren: Hermann Lingg, Wilhelm Jordan, Robert Hamerling, Victor Scheffel. Es ist nicht eine ablehnende Beurteilung dieser Dichter, die Schröer damit zum Ausdrucke bringen wollte. Das wird auch der zugeben können, der mit dieser Beurteilung in vielem nicht einverstanden ist.
Was aber Schröer wollte, das drückt er in den folgenden Worten scharf aus: «Möchten uns die Dichter, deren Werken ich den Namen gelehrter Lyrik zu geben mir erlaubte, fast wie Zeugnisse für eine an Überbildung leidende Zeit erscheinen, so ist doch nicht zu verkennen, daß unter den genannten gewiß Hamerling vom wahren Dichter noch am meisten an sich hat. — Wahrhaftig in Samen schießt die neue Bildung und Gelehrsamkeit mit dem letzten Lyriker, mit dem wir uns zu befassen haben, mit Victor Scheffel.»
Schröer empfand den Druck, den die «gelehrte Bildung » in der Zeit, in der er seine Betrachtungen niederschrieb, auf die freie Schwungkraft der dichterischen Phantasie ausübte.
Man kann nun gewiß nicht sagen, daß Victor Scheffel «Gelehrsamkeit» in seinen Dichtungen verkörpern wollte. Man wird das auch bei den andern genannten Dichtern nicht unbedingt finden können. Am wenigsten wohl bei Robert Hamerling.
Aber Schröer weist dennoch auf etwas hin, was für die abgelaufenen fünfzig Jahre bedeutsam ist.
Am meisten auffallen muß das Wort «für eine an Überbildung leidende Zeit». Es ist die Zeit, die im Keime schon die Niedergangskräfte enthält, unter deren Wirkung die Menschheit der Gegenwart leben muß. Und gerade diese Keime empfindet Schröer, wenn er von «Überbildung » redet. Er fühlt, wie in der Richtung, welche die geistige Bildung genommen hat, etwas liegt, das den Menschen von den inneren Quellen des Lebens und der Welt trennt. Er weist, indem er solches ausspricht, auf Goethe zurück, der Natur und Welt noch kräftig in seinem Herzen trägt.
Es ist der Druck, der von den Erkenntnisbestrebungen der damaligen Zeit ausging, der Schröer die Worte auf die Zunge trägt. Was in dieser Wochenschrift oft gesagt worden ist, darf von anderem Gesichtspunkte wiederholt werden. Man kann die großen Errungenschaften des Naturerkennens, das jene Zeit unbeschränkt beherrschte, voll anerkennen; aber es darf dies die Einsicht nicht verscheuchen, daß die Denkart, die mit diesen Errungenschaften in der Entwickelung der Menschheit heraufgekommen ist, Niedergangskräfte in sich schließt. Und das sieht Schröer, indem er von dem Leiden seiner Zeit an «Überbildung» redet. Er sieht, wie nur mehr Vertrauen in diejenige Seelentätigkeit vorhanden ist, die den Verstand auf die Naturvorgänge richtet, insofern sich diese Naturvorgänge durch die Sinne offenbaren. Dadurch kommt ein Seeleninhalt zustande, der für Schröers Gefühl die Dichterkraft lähmt.
Gewiß, das muß nicht so sein. Und wer sagen will: « Ja, soll man denn, um die Dichter nicht zu stören, auf die «Objektivität» der wahrhaften Erkenntnis verzichten », der hat — von seinem Standpunkt aus — ganz recht. Aber die Denkatt, die sich aus dieser «wahrhaften Erkenntnis» ergeben hat, drängte überall zur Anerkennung ihrer eigenen Grenzen. Man fand die «Objektivität» nur dann vorhanden, wenn man sich an die «Grenzen des Naturerkennens» hielt. Wer da sagt: so viel kann die Naturwissenschaft erkennen: wer anderes erstrebt, der suche die Wege über die «Grenzen des Naturerkennens » hinaus, der wird segensreich wirken. Wer aber dekretiert: Naturerkenntnis muß unbedingt gelten; sie hat ein Recht, die Grenzen des Erkennens überhaupt zu bestimmen, der bringt durch diese Denkart Ideen zustande, die auf die Seelengewohnheiten des Menschen wirken. Und diese Wirkung ist eine auslöschende auf alles, was in freier Kraft aus der Seele aufsteigt, um in den Menschenschöpfungen des Geistes sich zu offenbaren.
Diese freien Menschenschöpfungen aber sind es, die mit dem Wesen des Menschen selbst zusammenhängen. Sie sind die ins Geistige verwandelten Kräfte, die im Wachstum, in der Gestaltung, in der ganzen Bildung auch des physischen Menschen wirken. Der Mensch läßt in der freien Geistesschöpfung das aus seiner Seele in anderer Gestalt hervorgehen, was die Weltkräfte ausleben, indem sie ihn selbst aus dem Mutterboden des Daseins in die Erscheinung treten lassen. Der Mensch kann nimmermehr sein eigenes Wesen verstehen, wenn erin sich eine Zusammenfügung dessen sieht, was die Natur an sich ihn erkennen läßt.
Die Erwiderung, die da oft gemacht wird, ist nicht berechtigt. Wer die gebräuchliche Orientierung nach dem bloßen Naturgeschehen in sich aufgenommen hat, glaubt, er gehe an den Menschen heran, um diesen so unbefangen zu betrachten wie die Natur. Das tut er eben nicht, sondern er hat in seine Seele die Natur-Ideen mit ihren Grenzen als Denkgewohnheiten aufgenommen, und die überträgt er auf den Menschen. Er glaubt, diesen anzuschauen; in Wahrheit steht die Halluzination eines Gespenstes vor seiner Seele, das er aus den Naturstoffen und Naturkräften zusammengestellt hat; und die wahre menschliche Wesenheit fällt aus der Anschauung heraus.
Mit dieser Halluzination vor der Seele sieht sich der Mensch überall gehemmt, wo er seine freie Geisteskraft walten lassen will. Er möchte auch in der Seele geistig entfalten, was in den Tiefen wirkt, indem sein eigenes Wesen ersteht; da kommt die «wahrhaftige Erkenntnis» und raunt ihm zu, das magst du tun; aber du bist in dem luftigen Reiche des Unwirklichen. Man kann nun theoretisieren darüber, daß eine «wahre Erkenntnis» doch nur auf sich selbst gebaut sein müsse; daß die Phantasie eben ihre eigenen Wege gehen müsse, unbekümmert darum, was die «Wissenschaft» feststellt: diese Wissenschaft fließt aber doch in die Seelen. Und sie bewirkt das, was Schröer das Leiden an « Überbildung » nennt. Diese Überbildung liegt in dem Glauben, daß die im neunzehnten Jahrhundert erwachsene Naturerkenntnis mit ihrer Ideenorientierung an das menschliche Wesen herankommen könne.
Diese Überbildung wird zur Unterbildung auf dem geistigen Gebiete. Beirrend im höchsten Grade wäre es, wenn man in Wahrheit sagen müßte: wer den Menschengeist freischaffend walten lassen will, der ist eben genötigt, dies unbekümmert um die «Feststellungen» der Erkenntnis zu tun. Sieht man dann, daß das freie Schaffen doch dadurch in Fesseln gelegt wird, so müßte man einen tragischen Zwiespalt in dem Wesen des Menschen voraussetzen. Man müßte glauben, daß er Erkenntnis nur gewinnen könne, wenn er sein eigenes Wesen verkümmert. Wäre dies wirklich das Ergebnis der gewissenhaften, «exakten» Forschung: der Mensch müßte sich resignierend darein fügen. Daß es nicht so ist, das versucht die anthroposophische Geistes-Erkenntnis zu zeigen. Sie steht aber nicht auf dem Standpunkte: um des Menschen willen muß sie — gleichsam wie eine Hypothese — angenommen werden; sondern sie geht an das geistige Sein heran wie die Naturwissenschaft an das natürliche. Daß der Mensch eine Harmonie in sich finden kann, ist nicht ihre Voraussetzung, um derentwillen sie ihre Ergebnisse erschleicht; sondern sie gewinnt diese Ergebnisse geistig, wie die Naturwissenschaft die ihrigen natürlich. Und sie darf dann aus diesen Ergebnissen heraus auf die Harmonie im Menschen schauen und sich der Hoffnung hingeben, daß sie durch ihre Impulse auf diese Harmonie auch wirken könne.