32. Warum man eine hundert Jahre alte «Anthropologie» wieder veröffentlicht
Der Kommende-Tag-Verlag hat FTenrik Steffens «Anthropologie», die vor hundert Jahren zuerst erschienen ist, neu herausgegeben.
Damit ist ein Werk wieder vor die Öffentlichkeit gebracht, das in eindringlicher Art das Leben der naturwissenschaftlichen Erkenntnis in der Goethe-Zeit zur Offenbarung bringt. Man kann nicht sagen, daß in ihm das allgemeingeltende Naturanschauen dieser Zeit lebt. Um ein Buch in dieser Weise zu schreiben, dazu war Steffens eine viel zu individuell geartete, originelle Persönlichkeit. Aber das kommt zum Vorschein, was eine solche Persönlichkeit im Geiste ihrer Zeit aus den Naturerkenntnissen gewann, um an die Menschenrätsel heranzukommen.
Henrik Steffens ist Norweger. Er ist von dem Studium der Mineralogie ausgegangen. Als Vierundzwanzigjähriger begibt er sich nach Deutschland, in die geistige Luft, in der Goethe für die Schöpfungen seiner Seele die Atemmöglichkeit hatte. Goethes Geistesart wurde die weckende Kraft für Steffens.
In Jena, wo die Philosophie auf ihre Art zu dem Gipfel strebte, den Goethe auf anderen Wegen zu erklimmen suchte, setzte Steffens seine Studien fort. Schelling, der die Naturphilosophie wie ein schaffender Geist vortrug, dem Erkennen der Natur Nachschaffen ihrer Geheimnisse war, gewann tiefgehenden Einfluß auf ihn. Werner, der Geognost, dem auch Goethe bis zu einem gewissen Punkte folgte, wurde ihm Führer. Von Fichtes und Schillers philosophischen Ideen wurde Steffens Seele getragen, von Novalis’ kühnem Eindringen in den Geist des Naturwirkens wurde sie beflügelt.
Und so strömten in dieser Seele alle die Impulse zusammen, die damals im deutschen Geistesleben wirkten. Von ihnen aus wollte er Licht bringen in die naturwissenschaftlichen Einsichten, die in dieser Zeit so mächtige Anregungen durch die aufsprossende Chemie, durch die Elektrizitätslehre und vieles Andere erfahren hatten.
Wer Schellings Naturphilosophie auf sich wirken läßt, der hat den Eindruck: da spricht eine Persönlichkeit, die in wagemutigem Ideenflug nach den letzten Daseinsrätseln sich aufschwingen will, und die bei ihrem Fluge deutend, kombinierend mitnimmt, was an naturwissenschaftlichen Ergebnissen von links und rechts zu erraffen ist. Sie will aus der Natur Rechtfertigungen erhalten für den Ideenflug. Die Natur muß da der Ideenarchitektonik dienen.
Fichte ist mit seiner ganzen Seele so mit dem Ideenfluge Eines, daß er für die Naturwissenschaft überhaupt nicht Auge und Interesse hat.
Goethe gestaltet mit lebensvoll anschaulicher Ideenkraft das Einzelne der Naturdinge und Vorgänge in Gedanken nach; zur endgültigen Zusammenfassung will er sich nicht bewegen lassen; dazu ist seine Achtung vor der Tiefe der Weltgeheimnisse zu groß.
Novalis schlägt wie aus einem Feuerstein aus der Natur die Funken genialischer Geistigkeit, die er zusammenbringen will zu seinem «magischen Idealismus ». Er stirbt viel zu jung, um das Gewaltige, das ihm vorschwebt, zu einem Ganzen zu vollenden.
Alle diese Geister haben die Einseitigkeit, die oft bei Menschen auftritt, die innerlich starke a&five Seelen in sich tragen.
Bei Steffens überwiegt das Passive, die sich hingebende Empfänglichkeit der Seele. Er nimmt auf, was von Fichte, Schelling, Goethe, Novalis ausgeht; und er entwickelt vielseitige Fähigkeiten, in denen die Kräfte dieser Geister zusammenfließen. In dieser Harmonie von Fähigkeiten geht er mit unbegrenzter Liebe an die Naturprozesse heran. Er gibt erkennend der Natur, was er an seinen großen Vorbildern im Geistesstreben erlauscht hat, indem diese sich über die Natur hinweg zu den Quellen des Daseins erheben wollten.
Und so verfolgt er mineralogisch, geologisch, was die Erde an Schieferbildungen, was an Kalkbildungen in ihrer Gesteinsstruktur trägt. So sucht er den Zusammenklang der magnetischen und elektrischen Vorgänge zu ergründen. So ist er bestrebt, die Rätsel der Schwere und des Lichtes zu erraten. Und aus alldem will er ein Bild gewinnen, wie aus dem Kosmos heraus unter dem Einfluß von Schwere und Licht, von Magnetismus und Elektrizität die Erde geboren wird. Wie sie durch diese Kräfte ihren schiefrig-kalkig-porphyrischen Körper gestaltet. Und in dieser Kosmos-Geburt, die dann sich weiter entwickelt, sucht er die Entstehungselemente der Lebewesen bis herauf zum Menschen.
So wird in seiner Seele die «Anthropologie».
Diese wird zum umfassenden Ideengebäude. Die Formationen der Erde bilden die Grundlage. Die Enträtselung der Menschenwesenheit bildet das oberste Stockwerk. Mit ebenso viel Geist werden die Gestaltungen der menschlichen Sinneswerkzeuge behandelt wie der Gneis, der das Gebirgsgerüste mitformt. Diese Betrachtung macht für die « Anthropologie » nicht Halt vor jener Region, wo im Menschen die Naturgrundlage vom Seelisch-Geistigen ergriffen wird. Sie dringt bis zu den Temperamenten, bis zum Leben der Liebe vor.
Ja, bei dieser Betrachtung erscheint es wie eine Selbstverständlichkeit, daß sie die Erkenntnis-Offenbarung, die der Mensch aus der Natur empfängt, einmünden läßt in die religiöse Seelenverfassung. Und so liest man auf der vorletzten Seite dieser « Anthropologie»: «Diese Offenbarung der ewigen Persönlichkeit Gottes, der Sohn von Ewigkeit her, die wahre Urgestalt, die innere Fülle alles Gesetzes, vom Uranfange, war der Herr und Heiland, Jesus Christus. Seine verhüllte Persönlichkeit war von Anfang an und blickt als Andeutung zukünftiger Seligkeit aus der Natur her.»
Und sie blickt für Steffens «aus der Natur her», weil er die Naturwissenschaft in dem Sinne gestaltet, daß ihm Erkenntnis die Enthüllung des in der Natur verborgenen Geistes ist. Er legt nicht den Geist anthropomorphisch in die Natur hinein; er läßt die Natur selbst ihren Geist aussprechen. Dieser Geist aber offenbart sich zuletzt so, wie das Steffens andeutet.
Es ist gewiß, daß man diese «Anthropologie» nicht so lesen darf wie ein Buch, das heute geschrieben ist. Auch Steffens würde nach den naturwissenschaftlichen Entdeckungen, die seither gemacht worden sind, anders schreiben.
Aber lesen sollte man, in welchem Verhältnisse die Menschenseele zur Natur und ihrem Schaffen vor einem Jahrhundert in einem ihrer glänzenden Repräsentanten gestanden hat. Man mag das Veraltete in Steffens Darstellung empfinden; aber man sollte auch ein Gefühl dafür haben, daß die Redensart doch auch veralten sollte: diese Naturphilosophen haben ohne Erfahrungsgrundlage aus Ideen nur so in die Luft hinein konstruiert. Und es sei ein Glück, daß sie «überwunden» und «vergessen » sind. — Man sollte vielmehr sehen, wie diese «Überwundenen » und «Vergessenen » doch noch manches an Lebenskraft in sich haben, das auch der Gegenwart und nächsten Zukunft noch zu Gute kommen könnte.
Über der Fülle des in der Sinneswelt Aufgefundenen ist von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an den Denkern der Mut entschwunden, den Geist in der Natur zu suchen. Aber dafür hat man auch eine Verfassung der Wissenschaften heraufbeschworen, durch welche diese das Wesen des Menschen aus ihrer Betrachtung ganz verloren haben. Denn eine Wissenschaft, die vor dem Geiste Halt macht, muß den Menschen selbst verlieren, weil die Natur im Menschen so lebt, wie der Geist sie gestaltet.
Steffens hat eben darnach gestrebt, eine wirkliche « Anthropologie» zu gewinnen, in der das Wesen des Menschen lebt. Er konnte eine solche ausbilden, weil er in seiner Erkenntnis eine Naturgrundlage schuf, in die der Menschengeist eingreifen und ihre Gesetze fortsetzen kann. Die Neueren haben aber eine solche «Natur» aus ihrer Erkenntnis gewonnen, die den Menschen selbst formen müßte, wenn sie ihn haben wollte. Das kann sie nicht, weil der Mensch nicht «Natur» ist.
So darf es wohl als etwas, das sich rechtfertigt, angesehen werden, daß eines der glänzendsten Werke über den Menschen, welches vor einem Jahrhundert entstanden ist, heute wieder in Erinnerung gebracht wird. Es wird Vielen beim Lesen klar werden, daß man denen gegenüber, die sagen, solch eine Persönlichkeit wie Steffens ist «vergessen», weil die Wissenschaft über ihn hinweggeschritten ist, das Andere geltend machen muß: Nein, Steffens muß wieder in die Erinnerung gebracht werden, weil er manches hat, was die Wissenschaft beim Hinwegschreiten über ihn verloren hat.