Etwas von Geistes-Wandelungen in der Menschheitsgeschichte
In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war Johann Christoph Gottsched die unbestrittene Autorität über literarische Dinge innerhalb des deutschen Sprachgebietes. Die Dichter, die er in seinen Schriften als bedeutend nennt, galten als bedeutend in den Kreisen, die als gebildete in Betracht kamen.
1737 zählt Gottsched in einer Schrift die englischen Schauspieldichter auf, die er der Erwähnung wert findet. Shakespeare ist nicht darunter.
Johann Jacob Bodmer ist unter den ersten, die sich gegen die unbedingte literarische Herrschaft Gottscheds auflehnen. Er will eine Art Umwertung in das literarisch-künstlerische Urteil bringen. Die strenge, dem Antiken nachgebildete dichterische Form, die Gottsched gepflegt wissen wollte, sollte weniger gelten. Dagegen die frei-schaffende, sich nicht der feststehenden Form fügende Phantasie um so mehr.
Bodmer spricht 1740 nun auch von bedeutenden Dichtern; und er nennt einmal den englischen Sasper, ein anderes Mal Saspor. Der Leser der Gegenwart wird ersucht, zu verstehen, daß der gegen Gottsched auftretende Reformator der deutschen Dichtung, Bodmer, mit Sasper und Saspor den nun bekannten Shakespeare meint.
1741 erschien Shakespeares « Julius Caesar» in deutscher Sprache, durch von Bork übersetzt. Gottsched lernte den ihm vorher unbekannten Dichter kennen. Er äußert sich über den « Julius Caesar» so: das Stück «habe so viel Niederträchtiges an sich, daß es kein Mensch ohne Ekel lesen könne». Nun war Shakespeare in Deutschland nicht immer so unbekannt und ungeschätzt. Am Ende des siebzehnten und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war er sogar beliebt. Aber er war dies nicht durch die schriftstellernden Literaten, sondern durch die Theaterleute geworden. Man führte auf den primitiven Bühnen, aber weit verbreitet, Stücke auf, die, wenn man sich eine freie Auffassung des Begriffes zurechtlegt: Übersetzungen oder freie Bearbeitungen Shakespearescher Stücke genannt werden können. Man ging dann über zu Stücken, die man selbst bearbeitete. In diesen lebte, was man an Komposition, Menschendarstellung, Bühnenwirksamkeit an Shakespeare gelernt hatte. Shakespeares eigene Dichtungen, ja sein Name wurde darüber vergessen. Wie ein künstlerisches Gespenst wirkte auf den Komödiantenbühnen Shakespeares Geist, ohne daß man Shakespeare nannte.
Mit dem, was auf diesen Bühnen zur Unterhaltung des Publikums lebte, hatten die Menschen, die im Schrifttum das geistige Leben vertraten, nichts zu tun. Erst solche Persönlichkeiten wie Gottsched dehnten das Reich dessen, worüber man als geistig sich betätigender Mensch schreibt, über die dramatische Kunst aus.
Aber zunächst mußte es sich diese Kunst gefallen lassen, wenn ihr in einem recht vornehmen Ton vorgeworfen wurde, dal sie eine Art geistiger Straßenjunge ist, dessen Bühnensprünge sich plebejisch ausnehmen gegenüber den ernsten logischen Gliederungen in einem ordentlichen philosophischen Lehrbuch.
Bork hatte mit seiner Shakespeare-Übersetzung eigentlich etwas begangen, was dem «Professor der Philosophie und Dichtkunst» in Leipzig, Johann Christoph Gottsched absonderlich vorkommen mußte. Wenn er sich diesen « Julius Caesar» ansah, so fühlte er doch, wie dessen Dichter nicht aus dem Künstlerisch-Logischen herausgewachsen ist, das er vom Katheder herab als das «Philosophisch-Geforderte» vortrug, sondern aus dem geistigen Straßenjungentum. Nur daß aus diesem durch Shakespeare immerhin etwas entstanden ist, das ohne «philosophische Forderung» sich zur Kunst erhob, das fühlte Gottsched noch nicht. Die «philosophisch-künstlerische Forderung » empfand Ekel.
Da trat etwas Merkwürdiges ein. Am 16. Februar 1759 veröffentlichte ein gewisser Lessing einen Literaturbrief, durch den Gottscheds vornehme Kunstforderung als alte Zopfigkeit, reif zum Abschneiden, und das Shakespeare-ähnliche als das hingestellt wurde, das die Keime der Zukunftsdichtung in sich trägt. Die Welt eines gewissen Gebietes ward auf den Kopf gestellt.
Durch Lessing ist die literarische Luft geschaffen worden, in der Goethe und Schiller geatmet haben.
Bork mußte es sich noch gefallen lassen, daß ihm Gottsched mit einem Pädagogen-Staberl gehörig eins auf die Finger klopfte. Wieland aber durfte 1762-1768 fast den ganzen Shakespeare übersetzen, ohne daß er eine solche «Strafe » erfuhr. Und Shakespeare erlebte dadurch im deutschen Sprachgebiet eine Auferstehung, wie er sie sonst nirgends, auch nicht in seiner Heimat, erfahren hat.
Er konnte sie erleben, weil mit Lessing innerhalb des deutschen Geisteslebens eine Wendung zu den ursprünglichen Quellen des schöpferischen Menschentums gemacht worden ist. Man verkennt die Sachlage, wenn man die Wendung dem «Einflusse» Shakespeares zuschreibt. Man denke doch nur, wie der «Wallenstein » Schillers und der «Faust» Goethes aus so urgewaltigen menschlichen Quellen hervorgegangen sind, daß es da vollends absurd erscheint, dies Urgewaltige auf einen äußeren Einfluß zurückzuführen.
Was da mit Shakespeare geschah, ist etwas völlig anderes. Seine Dichtungen wurden in die Beleuchtung eines Lichtes gerückt, in der sie vorher nicht gestanden hatten. Das Licht kam nicht von ihnen. Aber, indem sie in dieses Licht gerückt wurden, zeigten sie etwas, das man vorher an ihnen nicht gesehen hatte. Der Umschwung in der Stellung der führenden deutschen Persönlichkeiten zu Shakespeare ist ein Symptom für die gewaltige Wandlung, die sich im Anschlusse an Lessing in einem Gebiete der menschlichen Geistesentwickelung vollzogen hat.
Man sollte meinen, dergleichen Tatsachen könnten doch Einiges für diejenigen bedeuten, die durchaus sich nicht leicht vorstellen wollen, daß in dem Denken und Empfinden der Menschheit an Wendepunkten der Geschichte neue Gesichtspunkte gefunden werden müssen.
Für solche sei doch wieder einmal an die ja weithin bekannte Tatsache erinnert, daß Lessing, dem doch so Machtvolles gelungen ist, am Abend seines Lebens in seiner Schrift «Die Erziehung des Menschengeschlechts » auf die wiederholten Erdenleben der menschlichen Individualitäten zu sprechen kommt. Er hat offenbar vieles von den Rätseln des menschlichen Lebens in seiner Seele erlebt; und er konnte auf der Höhe seines Denkens nicht zurecht kommen mit dem Einen Erdenleben des Menschen, an das sich dann eine Ewigkeit der Seele anschließt, die zur die Folgen dieses Einen Lebens darstellt. Er kam dazu, dem Menschen wiederholte Erdenleben zuzuschreiben und ihn so selbst aus alten Epochen des geschichtlichen Werdens in neue, spätere die Impulse hineintragen zu lassen. Die Zwischenzeiten zwischen den Erdenleben, in denen die Seelen ein rein geistiges Dasein haben, geben dann die Anregungen dazu, daß die Seelen das früher Erfahrene in andrer Gestalt in späteren Zeiten wieder aufleben lassen; dadurch formt sich der Fortschritt des Menschengeschlechtes. Ein durch den Menschen vermitteltes Zusammenwirken einer geistigen Welt mit der Erdenwirklichkeit rückt sich dadurch vot das Seelenauge.
Lessing meint, daß man diese Anschauung nicht deshalb für töricht halten solle, weil sie in den ältesten Zeiten der Menschheit aufgetreten ist, als diese noch nicht durch allerlei Philosophieren von dem elementaren Denken und Empfinden abgebracht war.
Man könnte wohl auch meinen, daß diejenigen, die Lessing für einen «Bahnbrecher » halten, doch auch nicht glauben sollten, daß er töricht geworden sei, als er sein wirksames Denken auf der Lebenshöhe in die angedeutete Bahn brachte. Sonst könnte man ja der Ansicht sein: die Schätzer Lessings nennen an ihm groß, was ihnen bequem ist, und gehen über den «groBen Mann» lächelnd hinweg, wenn er etwas ihnen Unbequemes sagt.