«Die Lehre Jesu» von Franz Brentano

Am 17. März 1917 starb bei Zürich Franz Brentano im hohen Alter, nach einem äußerlich durch wechselnde Schicksale hindurchgegangenem Philosophen-Leben. Viel bewegter aber war der innerliche Erdenwandel dieser Persönlichkeit. DemSuchen nach der Wahrheit im ernstesten Sinne war dieses Leben gewidmet. Franz Brentanos Oheim war Clemens Brentano, der deutsche Dichter der Romantik. Die Familie war eifrig katholisch. Clemens Brentano war der Sohn von Maximiliane Brentano, der Freundin Goethes. Dieser hat die hochsinnige Gestalt der Maximiliane in seinem Werther als «Fräulein von B.» verewigt.

In Franz Brentano wirkte weiter der geistige Hochsinn der Familie Brentano wie auch ihr Katholizismus. Aber die Wirkung war eine sehr eigenartige. Er trug im Blute den Flug in Geisteswelten; aber nicht die romantische Leichtigkeit, um überalle Logik-Fesseln hinweg auf Phantasie-Flügeln in diesen Welten zu leben wie sein Oheim Clemens. Und er liebte innig die Hingabe an eine Erkenntnis, die frommem Fühlen entspringt; aber die scholastisch-aristotelische Schulung hinderte ihn, die Wahrheit in Offenbarungsform zu empfangen; das Herz drängte nach Religion; der Verstand nach Durchschauen des Wahrheitsinhaltes.

Er wurde zunächst katholischer Priester. Nicht nur aus den äußeren Verhältnissen einer katholischen Familie heraus, sondern aus echtem inneren Beruf. Und er war Priester in seiner Jugend, auch in dem Sinne, daß er den Eigengebrauch des Intellektes gegenüber dem Oflenbarungsglauben für sündhaft hielt. Aber er war auch eifriger Theologe. Sein Scharfsinn entfaltete sich in glänzendster Art an der Scholastik und am Aristotelismus. Das romantische Erbe seiner Familie scheint in ihm ganz in logische Begriffsgestaltung gewandelt und verbunden mit höchster Gewissenhaftigkeit für die Wahrheit. Unbewußte, halbbewußte Zweifel wühlen in den Untergründen der Seele. Sich ihnen hinzugeben, gestattet sich der fromme Katholik nicht.

So trifft ihn die Erklärung des Unfehlbarkeitsdogmas. Er hatte für den berühmten Bischof Ketteler jene Denkschrift über dieses Dogma auszuarbeiten, welche dieser dann auf der Bischofversammlung zu Fulda vorbrachte. Brentano war innerlich durch die Abfassung dieser Denkschriftan der katholischen Kirche irre geworden. Gegen ein Dogma, das schon bestand, auch nur zu denken, hätte ihm sein frommer katholischer Sinn verboten. Aber das Unfehlbarkeitsdogma bestand noch nicht, als er sich zu dessen Prüfung aufgefordert fand. Er durfte prüfen. — Und er fand, nach der Prüfung, in seinem Herzen den Weg zur katholischen Kirche nicht mehr zurück. Die Kirche hatte das Dogma angenommen, das er aus seiner Katholizität heraus ablehnen mußte.

Franz Brentano verließ die Kirche und ward freier Philosoph. Er brachte in die Philosophie hinein die Kunst der streng logischen Begriffsgestaltung. Der Aristotelismus mit seinem Aufstieg von der Beobachtung der Sinne bis zur Erfassung des Geistigen in scharfsinnig geformten Begriffen war Brentano zur zweiten Natur geworden. — So wollte er sich als Philosoph in das Zeitalter hineinfinden, in dem die Naturerkenntnis Führetin in aller wissenschaftlichen Methodik geworden war. Eine seiner ersten philosophischen Schriften war diejenige, in welcher er den Satz vertrat: die wahre Philosophie dürfe sich keiner anderen Methoden bedienen als die echte Naturwissenschaft. Aus dieser Gesinnung heraus wollte er in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts eine Psychologie schreiben. Sie war auf mehrere Bände berechnet. Aber es ist nur der erste Band erschienen. — In meinem Buche «Von Seelenrätseln» (Dornach 1960, Seite 95) habe ich die Gründe versucht darzustellen, aus denen heraus Brentano nie zum Abschlusse, nicht einmal zur Weiterführung seiner Psychologie hat kommen können. Dort findet man die Ansicht entwickelt, daß die Seelenerscheinungen gerade derjenige durch eine zum geistigen Schauen entwickelte Erkenntnisart wird beobachten wollen, der das Wesen der naturwissenschaftlichen Methodik recht durchschaut. Ein solcher wird sich für die Grenzen des Naturgebietes an diese Methodik zunächst halten, aber gerade durch ihre Handhabung sich überzeugen, daß die Seele in ihrer Wirksamkeit und ihrem Wesen nur erkannt werden kann, wenn das gewöhnliche Bewußtsein über sich hinausgehend die Fähigkeit eines exakten Schauens entwickelt. Diesem Schauen erschließen sich die Seelen- und Geistesvorgänge. Brentano wollte zu solchem Schauen nicht übergehen. Er wollte mit der naturwissenschaftlichen Methodik auch in das Reich der Seelenerscheinungen eindringen. Damit brachte er es nur bis zu den elementaren Seelenvorgängen. Aber nach seiner eigenen Meinung ist eine Seelenkunde wertlos, die es nur bis zur Bildung und Verkettung der Vorstellungen, zur Formung der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses und so weiter bringt. Wahre Psychologie muß zur Erkenntnis dessen gelangen, was als des Menschen besserer Teil bestehen bleibt, wenn der Leib zerfällt. — Aber zu solcher Psychologie kann nur exaktes Schauen kommen. Brentano wollte dieses nicht; und so ergab sich ihm für die höheren Teile der Psychologie kein Inhalt. Aus der naturwissenschaftlichen Methode heraus konnte er ihn nicht finden. Eine bloße Formalistik zu liefern, verbot dem ernsten Wahrheitssucher seine im höchsten Sinne ausgebildete denkerisch-wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit.

Brentano rang nun sein ganzes Philosophen-Leben hindurch mit den Weltenrätseln, die sich nur dem exakten Schauen erkenntnismäßig ergeben. Es war dieses sein Ringen ein großartiges. Wer seine bei Lebzeiten erschienenen Schriften verfolgt hat, der wurde, wenn er dafür ein Organ hatte, tief angezogen von der gewaltigen Erkenntnisarbeit dieses Philosophen.

Es ist nun nach den Mitteilungen seiner ihm treu ergebenen Schüler ein reicher Nachlaß Franz Brentanos vorhanden. Er soll im Laufe der Zeit veröffentlicht werden. Man wird seinen Schülern zu größtem Dank verpflichtet sein.

Was von diesem Nachlaß zu erwarten ist, davon bekommt man eine Vorstellung durch die erste Veröffentlichung aus demselben. Sie bringt - von Alfred Kastil vorzüglich eingeleitet - Brentanos «Die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung, mit einem Anhange: Kurze Darstellung der christlichen Glaubenslehre » (Leipzig, Verlag von Felix Meiner, 1922).

Anfang und Ende der Brentanoschen Erkenntnisarbeit stehen durch diese Schrift vor der Seele des Lesers. Aus zwei Grundlagen geht hervor, was der Philosoph über die Lehre Jesu zu sagen hat. Aus einem innigen Verständnis für die Evangelien und aus einem gewissenhaft wirkenden, auf scharfe Ideenformung gerichteten Erkenntnisstreben. Durch Zusammenwirken dessen, was er auf diesen beiden Grundlagen errichtet, entsteht in Brentanos Seele: i. Die Sittenlehre Jesu; 2. Die Lehre Jesu von Gott und Welt und seiner eigenen Person und Sendung; und 3. eine «Kurze Darstellung der christlichen Glaubenslehre». In derselben Art ergibt sich ihm, was er als ausführliche Kritik der Pascalschen Darstellung des Katholizismus bringt.

Man kann nun den Bruch in Brentanos Weltanschauung, der für seine Bearbeitung der Psychologie festgestellt werden mußte, auch in seiner Stellung zum Christentum finden. Die Überzeugung gegenüber wissenschaftlichem Denken, die ihm aus dem nach naturwissenschaftlicher Methode arbeitenden Forschen erwachsen ist, wurde ihm Charakteristikon seiner ganzen Weltanschauung. Und so ringt er denn auch gegenüber der Person Jesu, in der er die Gottwesenheit des Christus nicht finden kann. Wie stark an eine Auffassung, die an das Christusgeheimnis mit exaktem Schauen herantritt, und in Jesus den Christus als übersinnlich-überirdisches Gottwesen entdeckt, klingen Brentanos Worte an (Seite 37): «Die Weltanschauung Jesu war also nicht bloß geozentrisch, sondern auch christozentrisch und zwar in solcher Weise, daß um die Person des einen Menschen Jesus sich nicht bloß die ganze Erdgeschichte, sondern auch die der reinen Geister, der guten wie der bösen, ordnet und in jeder Hinsicht nur durch die Zweckbeziehung zu ihm ihr Verständnis findet. Die Welt ist nicht bloß in Rücksicht auf den einen allwaltenden Gott, sondern auch in Rücksicht auf diejenige Kreatur, die vor allen anderen sein Ebenbild ist, eine Monarchie zu nennen.» — Und doch: die Ideen, die Brentano von dem Christus Jesus entwickelt, laufen nicht ein in eine solche Geistesgestalt, die als die Wirklichkeit empfunden werden kann. Das kann nur bei einer Weltanschauung der Fall sein, welche von der Naturwissenschaft zu einer Geisteswissenschaft aufsteigt, von einer Geschichtserkenntnis über die äußeren Geschehnisse zu einer exakten Anschauung der übersinnlichen Wirksamkeit des Geistesreiches im geschichtlichen Leben. Jesus findet man durch eine der Naturwissenschaft nachgebildete Geschichtserkenntnis; den Christus findet nur eine echte Geisteserkenntnis. (Damit ist natürlich nicht gemeint, daß der fromme Sinn des Christen den Christus nicht findet. Er findet ihn im Gefühls-Erleben. Erkenntnis des Christus aber kann nur auf die angegebene Art errungen werden. Und nach einer solchen strebte Brentano.) Der Philosoph Brentano hat sich den Weg ins Geistgebiet, auf den er doch gewiesen war, durch seine Stellung zum naturwissenschaftlichen Denken verbaut.1 Er hat deshalb auch den Weg zu Christus, den er durch seine Auseinandersetzung mit dem katholischen Dogma verloren hat, nicht völlig wiedergefunden. Gerade durch das, was ein so ehrwürdiger Wahrheitssucher nicht finden konnte, ist Brentano eine der bedeutendsten PhilosophenErscheinungen der Gegenwart.



  1. Man hat im Kreise der Brentanoschen Schülerschaft meine Auffassung von den Schwierigkeiten Brentanos gegenüber der Psychologie angefochten. Ich würde gerne zugeben, daß die dem Philosophen Nahestehenden darüber mehr wissen können als ich; aber ich werde nun in meinem Urteile gerade durch die «Lehre Jesu» Brentanos wesentlich bestärkt. ↩

German original of “The Teaching of Jesus” by Franz Brentano · ← Previous · Next →