Das Verstehen der Menschen (Brentano und Nietzsche)
Persönlichkeiten wie Franz Brentano, über dessen Lebensarbeit im letzten Aufsatz einige Andeutungen gemacht worden sind, geben Veranlassung, den Blick auf die Kulturkräfte des ganzen Zeitalters zu richten. Denn dasjenige, was sich in dem Leben solcher Menschen entwickelt, geht aus den Kulturströmungen dieses Zeitalters hervor. In gewissem Sinne ist es so, daß diese Menschen nur intensiver bewußt fühlen, was inihren Mitmenschen mehr oder weniger unbewußt auch vorgeht. Das gesamte soziale Leben setzt sich aber zuletzt aus diesen unbewußten Vorgängen zusammen.
Nun ist im Leben Brentanos eine der auffälligsten Erscheinungen sein Gegensatz zu Friedrich Nietzsche. Das tritt ganz deutlich auch in Brentanos «Lehre Jesu » zutage. Es findet sich in diesem Buche ein ganz kurzes Kapitel, in dem gefragt wird, wie Nietzsche sich neben der Persönlichkeit Jesu ausnimmt. Schon daß Brentano eine solche Frage aufwirft ist charakteristisch. Wer zu Jesus dem Christus so steht, wie— nach den Ausführungen im letzten Aufsatz — Brentano nicht stehen konnte, wie es sich aber einer anthroposophischen Erkenntnis ergibt, der wird diese Frage gewiß so nicht aufwerfen, wie es Brentano tut. Daß ein so ernster Wahrheitsucher überhaupt zu dieser Frage kommt, zeigt bei ihm eine tief verhaltene Antipathie gegen die ganze Geistesart Nietzsches. Diese verrät sich auch dadurch, daß Brentano Nietzsche eine belletristisch schillernde Eintagsfliege nennt.
Hier soll weiter nicht eingegangen werden auf das Verhältnis, das Brentano in seiner Art zwischen Jesus und Nietzsche feststellt, sondern nur auf die absolute Ablehnung der ganzen Geistesart Nietzsches von seiten Brentanos.
So begreiflich diese Ablehnung für jemand ist, der beide Persönlichkeiten ihrem Wesen nach kennt, so bezeichnend ist sie als Ausdruck für eine bedeutsame Zeiterscheinung: für die Verständnislosigkeit überhaupt, mit der sich heute Menschen gegenüberstehen können, die aus der Zeitkultur heraus ihre Bildung schöpfen.
Manche werden sagen, solch eine Erscheinung sei selbstverständlich, und es sei zu allen Zeiten so gewesen. Denn der Mensch entwickele sich eben nach seiner Individualität; und da müsse, was Zeitbildung ist, bei dem einen so, bei dem andern anders erscheinen. Das ist richtig; und es soll hier gewiß nicht der philisterhafte Standpunkt vertreten werden, daß es am besten wäre, wenn die Menschen die persönlichkeitslosen Abdrücke einer allgemeinen Kulturschablone wären. — Aber, wer unbefangen gewisse soziale Tatsachen des heutigen Lebens betrachtet, der kann wissen, daß von einem verständnisvollen Einander-Entgegenkommen der verschiedensten individuellen Anschauungen für den Fortschritt der zivilisierten Menschheit gerade in der nächsten Zukunft unermeßlich viel abhängen wird. Und einem solchen tauchen dann die schwersten Bedenken gegenüber diesem Fortschritt auf, wenn er wahrnehmen muß, wie eine scharf ausgeprägte Individualität nicht nur das Eigene energisch vertritt, sondern auch sich erfüllt mit bloßer Ablehnung einer andern scharf ausgeprägten Individualität, statt mit jener verständnisvollen Auffassung, die heute so notwendig auch den entgegengesetztesten Gedankenrichtungen wäre.
Man kann nämlich sehen, wie Nietzsches innere Lebensrichtung aus ganz ähnlichen Untergründen hervorgeht wie die Brentanos. Dieser geht vom Katholizismus aus und wendet sein Denken so, daß er in eine naturwissenschaftliche Gesinnung einmündet. Aus dieser findet er keinen Ausweg in eine Erfassung der geistigen Weltwesenheit. Nietzsche geht von dem Griechentum aus, dessen künstlerischer Impuls ihm bei Richard Wagner wieder erneut erscheint. Philosophisch legt er sich, was sich ihm da als Weltauffassung gestaltet, durch die Anlehnung an Schopenhauer zurecht. Man kann sagen: Nietzsche, der nur um wenige Jahre jünger ist als Brentano, steht im Beginne der siebenziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vor der aufkommenden naturwissenschaftlichen Denkungsart so wie Brentano einige Jahre vorher. Dieser als gläubig-zweifelnder Katholik, jener als gläubig-zweifelnder Bekenner einer antikisierenden Kunstweisheit. Und Nietzsche verfällt derjenigen naturwissenschaftlichen Anschauung, die nicht durch Umartung der Erkenntnis zum Geist aufsteigen will, geradeso wie Brentano.
In «Menschliches-Allzumenschliches», in der «Morgentöte» steigt Nietzsche für die Erkenntnis des Menschenwesens aus dem Seelischen in das Physiologische hinunter, das die naturwissenschaftliche Zeitrichtung gelten läßt. Nur die persönliche Orientierung ist bei beiden verschieden. Brentano will alle Wahrheit nach dem Muster der zeitgenössischen Naturerkenntnis wissenschaftlich begründen. Er kann dabei nicht in die Region der geistigen Weltwesenheit gelangen, nach der er doch aufstrebt. Diese Region zieht sich gewissermaßen zurück vor dem, was er naturwissenschaftlich erfassen kann. — Nietzsche hat vor seiner Seele die sittlichen Ideale des Menschen stehen. Er lernt naturwissenschaftlich denken. Da wird, was als rein geistig-seelisches Ideal vorher erschienen war, zum Ergebnis dessen, was aus den Kräften der Leiblichkeit aufsteigt. Physiologisch im umfassenden Sinne wirkt der menschliche Leib. Er bildet als Ergebnis auch die Ideen und Ideale aus. Es wird für Nietzsche eine Lebenslüge, wenn man die Sache so ansieht, daß die Ideale in einer selbständigen Geisteswelt wurzeln. Diese Geisteswelt ist der Nebel, der für den verblendeten Menschen als selbständig erscheint, für den Wissenden als physiologisches Machtstreben, das sich als selbständige Geisteswelt maskiert.
Brentano schmiedet sich sein Erkenntniswerkzeug mit der naturwissenschaftlichen Methodik seines Zeitalters. Es wird fein in der Zergliederung auch des Seelischen; aber es wird stumpf gegenüber den großen Welttatsachen des Geisteslebens. Nietzsche bildet sich mit der naturwissenschaftlichen Denkungsart sein Werkzeug; es wird robust, um das Seelische überall in seiner leiblich-physiologischen Umkleidung zu beklopfen; aber es wird zum Hammer, der die selbständige Geisteswelt zermürbt.
So persönlich verschieden gestaltete sich die Wirkung des wissenschaftlichen Zeitalters auf Brentano und auf Nietzsche. Aber die Ursache war bei beiden das Untertauchen in die zeitgenössische naturwissenschaftliche Denkungsart.
An zwei Persönlichkeiten, von denen eine jede auf andere Menschen einen bedeutenden Eindruck gemacht hat, zeigt sich, was eine allgemeine Zeiterscheinung von heute ist: die Menschen leben sich nicht zusammen, sondern auseinander. — Da kann nur heilend wirken ein erkennendes Aufsteigen in die geistigen Welten. Denn diese sind einheitlich für alle Menschen. Sie unterdrücken nicht die Individualitäten. Diese können, nach ihren persönlichen Eindrücken, allerdings in der mannigfaltigsten Weise von ihnen reden. Und befangene Gemüter sagen dann, weil die verschiedenen Menschen so Verschiedenes über Geisteswelten sagen, ist alles unsicher. Aber die Verschiedenheit rührt nur von den Gesichtspunkten her, von denen gesehen wird. Die geistige Wirklichkeit, die erkannt wird, ist eine Einheit. Und deshalb findet der Mensch, der zum Geiste aufsteigt, den andern Menschen in seiner Seele. Brentano hat für Nietzsche nur Ablehnung, zrofzdem er ihm durch das Schicksal, das über beide durch das Untertauchen in die naturwissenschaftliche Denkungsart verhängt ist, so nahe steht.
Die Anerkennung der Geisteswelt wird Menschen-Verstehen bringen; der Zweifel an den Erkenntniswegen in das Geistige bricht die Brücken von Seele zu Seele ab.