Eine vielleicht zeitgemässe persönliche Erinnerung

Innerhalb meiner Vorträge habe ich oft die Gedanken des feingeistigen Kunstschriftstellers Herman Grimm angeführt. Ich tat es, weil in ihnen mir eine der Strömungen im letzten Drittel des neunzehnten und noch bis in das zwanzigste Jahrhundert fortzuleben schien, die von Goethe ausgegangen sind. Es fiel wie ein bedeutsames Ereignis in mein Leben, als ich 1881 das Buch in die Hände bekam, das die von Herman Grimm im Wintersemester 1874/75 in Berlin über Goethe gehaltenen Vorlesungen wiedergab. Das Buch wirkte so auf mich, wie wenn etwas von Goethe selbst Ausgehendes durch dasselbe noch in die Zeit herüberwehte, in der man Goethes fünfzigsten Todestag erlebte. Für dasjenige, was ich damals empfand, sah ich später die Erklärung in den Worten, die Herman Grimm erst 1894 der fünften Auflage seines Goethebuches voranschickte: «Ich lebte in meiner Jugend in einer Umgebung, von denen fast Alle persönlich mit Goethe verkehrt hatten, und rechnete mich selbst dazu, als sei mir dies Vorrecht durch eine Art von Erbschaft zuteil geworden.»

In diesen Goethevorlesungen sind im Grunde nur Gedanken, die entweder den Abschluß von seelischen Erlebnissen bilden, oder solche, die perspektivisch in eine Weltanschauung weisen. Den Abschluß von Erlebnissen, die unter Menschen spielten, welche empfanden, wie wenn der Schatten Goethes in ihren Kreisen dann herumging, wenn Entscheidendes sich zutrug. Herman Grimm brachte gewissermaßen in Worte, was die geistigen Kinder Goethes durch mehrere Jahrzehnte als gemeinsames Seelengut sich erworben hatten. In den Vorlesungen sprach eine Persönlichkeit, die alles so sagte, wie nur sie es konnte und die doch die Anschauungen Vieler vermittelte. Alles war individuell-eigenartig und doch etwas wie die gemeinsame Empfindung einer großen Anzahl von Menschen, die es als eine geistige Errungenschaft ihrer Zeit ansahen, in der seelischen Atmosphäre Goethes zu leben.

Aber ich hatte noch eine andere Empfindung beim Lesen dieses Buches. Ich vermeinte, Herman Grimm schildere von Goethe nur, was dieser in seinem Verhältnis mit den Menschen erlebte. Mir kam vor, auch dasjenige, was in den Vorlesungen über Goethes Werke gesagt wurde, sei nur ein Spiegelbild von Goethes Umgange mit der Welt. Ich sagte mir: aber Goethe hatte doch die Stunden, in denen er den großen Rätselfragen des Daseins künstlerisch und erkenntnismäßig nachging, die in der seelischen Einsamkeit erfahren werden. Das alles schien mir in Herman Grimms Gedanken erwähnt, aber nicht vorhanden. Meine eigenen Goethe-Studien gingen aber durchaus auf diese Seite des Goetheschen Lebens. Deswegen stand ich zu dem Buche so, daß ich von ihm aufs intensivste angezogen, und daß es mir von einer andern Seite sogar unsympathisch war. Und oftmals sagte ich mir: da fehlt doch der Kern des Goetheschen Wesens; da ziehen Erlebnisse und Werke Goethes wie Schattenbilder vor dem Blicke vorüber.

Aber in diesen Schattenbildern lebte eben doch die besondere Form des Idealismus, die aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in dessen zweite herüberleuchtete. Ein Idealismus, der den Willen hatte, nicht bloß in Gedanken zu träumen, sondern in das ganze menschliche Leben sich auszubreiten. Ein Idealismus, der sich durch die Art, wie er erlebt wurde, auch für bewiesen, ja für unwiderleglich hielt.

Herman Grimm dachte und empfand in dieser Art von Idealismus. Für mich bedeutete dies, daß ich nicht anders konnte, als mich während meiner Jugendzeit mit allem bekannt zu machen, was Herman Grimm geschrieben hatte. Da stand denn bald vor mir, wie die Perspektive einer Weltanschauung den Hintergrund aller seiner Bücher und Essays bildete. Ich empfand diese Weltanschauung als überwältigend großartig auf der einen Seite, als zu leicht wiegend auf der andern. Herman Grimm hat über Goethe, Michelangelo, Raphael, Homer Bücher, über vieles andere Essays geschrieben. All das aber umfaßt nur Einzelheiten einer Weltanschauung, die im geschichtlichen Werden der Menschheit, in den Taten der großen Persönlichkeiten die Offenbarungen einer Art schaffender Weltphantasie sieht. Diese Weltphantasie steht hinter allem: in Homer, Dante, Shakespeare, Michelangelo, Raphael, Goethe lebte sie; und was diese Persönlichkeiten der Welt gaben, waren die Erlebnisse, die sie mit der schaffenden Weltphantasie hatten.

Mir war klar: die universelle Phantasie, von der Herman Grimm sprach, ist Eine der Offenbarungen der Geisteswelt, die wie in der Natur, so auch in der Geschichte als die eigentliche Realität angeschaut werden muß. In Herman Grimm lebte eine intensive Ablehnung aller geschichtlichen Anschauungen, die nicht auf den Geist gingen. Aber er wollte den Geist nur in der schaffenden Phantasie anerkennen. Vor mir stand, nach meiner Ansicht, eines der seelenvollsten Bekenntnisse zum Geist, die man in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts noch finden konnte, die aber - im Sinne meines Aufsatzes « Anthroposophie und Idealismus» in dieser Wochenschrift - doch vor dem Tore der eigentlichen Geisteswelt stehen blieben.

Da ich so fühlte, war es mir ein zweites für mein Leben bedeutsames Ereignis, als ich dann während meiner Weimarer Jahre Herman Grimm persönlich kennen lernen durfte. Ich hatte das Glück, bald nachdem dies geschehen war, von ihm einmal zu Mittag im «Russischen Hof» in Weimar eingeladen zu werden. Ich war sein einziger Gast. Er hatte für uns zwei ein Zimmer im Gasthofe ausgesucht, wo sonst niemand war. Ungestört verlief das Gespräch. Er sprach wie jemand, der sich bewußt ist, einen in sich gefestigten, den eigenen Wert in sich bergenden geistigen Inhalt in sich zu tragen, der auf jüngere Leute wirken soll. Eine bis in die geringsten Kleinigkeiten gehende vornehme Haltung der Seele war ihm eigen. Nichts von Pathos kam aus seinem Munde. Die Wirkung des Bedeutenden, die alles machte, was er sagte, rührte von der Eigenart seiner Satzprägung her, die stärker im Gespräche sich geltend machte, als sie in seinen Schriften erscheint. Er hatte nichts Lehrhaftes; aber er wollte überzeugt sein können, daß seine ausgesprochenen Gedanken entsprechenden Widerhall bei dem Zuhörenden fanden. So erschien er mir, besonders wenn ich über das mit ihm genommene Mittagessen und einen Spaziergang nachdachte, den ich auch einmal mit ihm allein machen durfte. Bei dem Mittagessen kam das Gespräch auf Homer, auf Gervinus, auf die literarhistorische Methode, auf Grillparzer und auf vieles andere. Immer aber wieder wurde berührt, wie im Hintergrunde seines Denkens und Empfindens die «Geschichte der nationalen Phantasie» stehe. Im höchsten Grade seelenvoll war es, wie er auseinandersetzte, daß all sein Forschen darauf hinausliefe, eine solche zustande zu bringen. Es war schön, ihn so sprechen zu hören, und für mich war es viel zu früh, als er mit seiner Art des Humors, der zugleich den Ernst ausdrückte, mit dem er sich doch als Träger einer bedeutsamen Geistesströmung fühlte, sagte: «Jetzt, mein lieber Steiner, werde ich Sie in Gnaden entlassen.»

In dieser Charakteristik wollte ich andeuten, wie Werk und Persönlichkeit Herman Grimms in mir lebten, wenn ich seine Gedanken als solche anführte, die ein Streben nach der Geisteswelt innerhalb der neueren Geistesentwickelung darstellen. Es ist mit ihnen so wie mit denen des «Idealismus», den ich in dieser Wochenschrift zu kennzeichnen versuchte. — Nun war mir Herman Grimm bis vor kurzem eine Persönlichkeit, die mir wie noch lebend vorkam, wenn ich von seinen Gedanken sprach. Ich zitierte ihn so, wie ich es tat, in dem Bewußtsein: man dürfe das tun, weil er ein «Zeitgenosse» ist. Jetzt aber fühle ich: man kann ihn sonicht mehr zitieren. Seine Gedanken sind «Geschichte» geworden. Die letzten Jahre haben die Menschen viel erleben lassen. Man hat den Übergang von «Gegenwart» zu «Geschichte» gründlicher erlebt, als dies manchem andern Zeitalter zugeteilt war.

Ich möchte über diesen Übergang in einem weiteren Artikel sprechen.

German original of A Perhaps Contemporary Personal Memory · ← Previous · Next →