Wie sich heute «Gegenwart» schnell in «Geschichte» wandelt

Im vorigen Aufsatz habe ich mit Hinweis auf Herman Grimms Gedanken darauf aufmerksam gemacht, wie heute die Menschen intensiver den Übergang von unmittelbar erlebter «Gegenwart» zur «Geschichte» durchmachen, als in manchem anderen Zeitalter. Besonders stark kann das auffallen, wenn man auf die Schilderung sieht, die Herman Grimm in seinen Goethevorlesungen von Goethes Eintritt in Rom gibt. Bei Betrachtung der Empfindungen, die in Goethes Seele aufleben, als dieser die «Hauptstadt der Welt» - nach dessen eigenem Ausdruck -— betritt, steht vor Herman Grimms Geist eine große weltgeschichtliche Perspektive. Er verfolgt den inneren Geistesgang der Menschheit zurück, von der Gegenwatt in die Vergangenheit. Er findet, daß der Mensch der Gegenwart mit vollem inneren Verständnis nur bis in die Zeit der römischen Entwickelung zurückreichen kann. Die römischen Tatmenschen, die römischen Denker und Künstler sind so noch zu verstehen. Denn ihre Lebensäußerungen gehen aus einer Seelenverfassung hervor, die trotz der Entwicklung, die durchgemacht worden ist, mit der gegenwärtigen eine innere Verwandtschaft hat. Geht man aber weiter zurück, so klafft ein Abgrund vor dem, was geschichtlich überliefert ist. Die griechischen Persönlichkeiten handeln aus Impulsen heraus, die den gegenwärtigen Seelen fremd sind. Erzählt man ihre Geschichte, so fühlt man sich eher in einer Märchen-Stimmung; nicht in derjenigen, die das derb-wirkliche Leben ausströmt, das mit dem Römertum beginnt, und in der die gegenwärtigen Menschen noch atmen. Alkibiades oder Solon sind in ihrem geschichtlichen Elemente die reinen Märchenpersonen gegenüber Cäsar oder Brutus, die ganz auf der Erde stehend empfunden werden.

Herman Grimm hat ein Buch über Homers Ilias geschrieben. Er wollte durch Stil und Haltung dieses ganzen Buches in ein Gebiet führen, in das man ohne Bedenken, den irdischen Boden verlassend, durch die Schwingen der Phantasie dringen darf. Denn im Erdenleben hat man, nach Herman Grimms Meinung, heute nicht mehr die Voraussetzungen, um in dies ferne, griechische Land zu kommen. Man würde ein größerer Phantast, wenn man mit heute «wirklich» genannten Vorstellungen Achill oder Agamemnon erreichen wollte, als auf den Wegen der die Welt nachschaffenden Phantasie.

Herman Grimm hat Bücher über Michelangelo und Raphael geschrieben. Da versucht er mit den Vorstellungen, die sich der Mensch im Gegenwartsleben erobert, bis in die geschichtlichen Kreise zu dringen, in denen die Renaissance-Künstler leben. Sogar bis zu Giotto und Dante nimmt Herman Grimm eine Orientierung, die an der Gegenwart gewonnen ist. Ja, er geht so bis zu Augustinus zurück; und es wäre ihm natürlich gewesen, dies auch zu tun, wenn er noch von den Vorkommnissen der römischen Republik gesprochen hätte. — Vor der griechischen Geschichte macht er Halt. Da muß der Geistesboden verlassen werden, auf den das Römertum bis in die Gegenwart herein geführt hat; da muß in Märchenstimmung hinein gesegelt werden.

Mit solchen Empfindungen sieht Herman Grimm auf Goethe hin, wie dieser in Rom eintritt. Er meint, Goethe habe Rom als die «Hauptstadt der Welt» empfunden, weil er an diesem Orte am intensivsten ausgeprägt fand, was das römische Zeitalter der Menschheit gebracht hat. Dieses Zeitalter, vor dem das griechische Märchenalter lag, und nach dem dasjenige liegen wird, in das die gegenwärtige Menschheit eben eintritt. - Herman Grimm deutet in seiner Art ganz kräftig darauf, wie er sich selbst im Antritte dieses neuen Zeitalters fühlt und wie er Goethes Vorempfindung desselben beurteilt. — Doch ist hier der Punkt, wo man ganz deutlich fühlt: so wie vor kurzer Zeit noch kann man jetzt nicht mehr Herman Grimms Gedanken in die Gegenwart hereintragen. Er meinte auf Goethes Empfindungen in Rom aufzutreffen, wenn er von seinen eigenen in den Goethe-Vorträgen so spricht: «Ich selbst habe noch einen allerletzten Schimmer der Abendröte erleben zu dürfen geglaubt, in welcher Goethe Rom erblickte.» «Den Römern ... fehlt das Märchenhafte völlig. Sie haben keine Spur mythischer Abstammung und sind verständlich vom ersten Augenblicke an als Politiker, Rechtsgelehrte, Soldaten, Beamte, Kaufleute. Ihre Tugenden und ihre Laster liegen offen da und ohne poetischen Überglanz.» Dagegen stellt Herman Grimm seine Empfindung gegenüber den Griechen so dar: «Wenn uns Homer und Plato, selbst Aristoteles und Thukydides, oder Phidias und Pindar noch so verwandt erscheinen: ein kleiner Mond im Nagel erinnert an etwas wie Ichor, das Blut der Götter, von dem ein letzter Tropfen in die Adern der Griechen mit hineingeflossen war.»

Aber stärker als all dieses, das Herman Grimm so sagt, als ob damit auch Maßgebendes über Goethe gesagt wäre, dringt dessen eigenes Wort heute in die Seele. Goethe betrachtet die künstlerischen Werke, die ihm in Italien zugänglich sind. Durch sie hindurch vermeint er das Wesen der griechischen Kunst zu empfinden. Und er spricht darüber aus, daß er glaubt, dem Geheimnis dieser Kunst dadurch auf die Spur gekommen zu sein, indem er sehe, wie die Griechen bei Schöpfung ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selbst verfährt, und denen er auf der Spur sein wollte. Da ist kein Drang in Goethe, sich von dem Niveau der römischen Erdenwirklichkeit in eine griechische Märchenwelt zu versetzen. Da ist vielmehr der ganz andere Trieb, durch die Anschauung der griechischen Kunstwerke sich zu einer höheren, wahren Wirklichkeit hindurchzuarbeiten, zu einer geistigen Wirklichkeit, von der auch die Märchen schaffende Phantasie erst eine Tochter ist.

Zu dieser Wirklichkeit wollte Herman Grimm doch nicht vordringen. Wo er fühlte, daß er nicht mehr Erdenwirklichkeit unter den Füßen habe, da wollte er ins Reich der schaffenden Phantasie entschweben.

Man fühlt: da darf man heute nicht mehr mitgehen. Man muß in die geistige Wirklichkeit mit Seelenkräften hineinkommen, die so exakt sich erleben lassen wie diejenige, die ins Reich des Naturdaseins dringen. Goethes Gedanken darf man dabei anführen, wie wenn sie gegenwärtig gesprochen wären. Herman Grimm sprach auch über Goethe so, wie die Zeit sprechen durfte, die noch glaubte ohne wirkliche Geistanschauung die Menschheit zur Anerkennung der bloßen Ideen vom Geiste zu bringen. Herman Grimm war einer von denen, welche diesen Traum am schönsten geträumt haben. Er wollte auskommen damit, zu sagen: «Alles Griechische, bis in die festesten historischen Zeiten hinein, behält für unsere Blicke etwas Märchenhaftes ... Alkibiades ist der reine Märchenfürst, mit Cäsar verglichen.» So zu sprechen, ist heute nicht mehr erlaubt. Die Erdenwirklichkeit ist gewissermaßen so rauh geworden, daß durch sie ein Geistiges, das wir nur im Märchenhaften anschauen, sogleich vor unseren Blikken aufgezehrt wird. Man muß heute das Wesen des Menschen in einer solchen Tiefe erkennen, daß Alkibiades nicht als « Märchenfürst» erscheint, sondern so wirklich wie Cäsar, wenn auch von einer andern Wirklichkeit.

Ich möchte in einem nächsten Aufsatz den Gedanken ausführen, daß Persönlichkeiten wie Herman Grimm der menschlichen Betrachtung gerade dadurch lebendig bleiben, daß man sie aus dem Lichte der «Gegenwart» im rechten Augenblicke in das der «Geschichte» rückt.

German original of How the “Present” Quickly Turns into “History” Today · ← Previous · Next →