Der notwendige Wandel im Geistesleben der Gegenwart
Für die Art, wie charakteristische Kräfte im Geistesleben der letzten Zeit, die so schnell «Gegenwart» in «Geschichte » wandelt, auf eine idealistisch gestimmte Seele wirkten, ist manches bei Herman Grimm — ich möchte fast sagen - erschrecklich bezeichnend. Ich habe bei meiner Herman Grimm-Lektüre viele solche «erschreckliche» Augenblicke erfahren. Ich möchte weniges davon kennzeichnen.
In dem Essay-Band: «Aus den letzten fünf Jahren» (Gütersloh 1890) hat Herman Grimm den Vortrag abdrucken lassen, den er am z. Mai 1886 bei der ersten ordentlichen Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar gehalten hat. Der Titel ist «Goethe im Dienste unserer Zeit». Man verfolgt zunächst jeden Satz mit tiefem Anteil. Geistvoll tritt hervor, wie Goethes Zeitgenossen wenig von dem gewußt haben, was die an Goethe gebildeten Menschen 1886 über ihn wissen. Aber die Empfindungswandlung wird ebenso vor die Seele gestellt, die damit gegeben ist, daß für die Zeitgenossen eben Goethe ein Lebender war, für die Späteren ist er es nicht. Da finden sich die Sätze: «Man brauchte Goethe nie begegnet zu sein, oder mehr von ihm gelesen zu haben, als in seinen vornehmsten Werken enthalten war: das bloße Wissen, daß er lebe, erfüllte mit der Kenntnis seines Wertes und mit dem Gefühle persönlichen Zusammenhanges. ... Ich habe mich gefragt, ob das, was heute an Stelle dieses Gefühls bei uns getreten sei, dem entspreche, was es sein könne. Mir scheint, als sei trotz der Massen von Material, die uns über Goethes äußere und innere Erlebnisse zu Gebote stehen, unser Gefühl geistiger Verbindung mit ihm weniger wirksam, als es sein müßte.»
Und von solchen Gedanken geht Herman Grimm zu einer Besprechung von Goethes Verhältnis zu Winckelmann über. Dieser hat sich in der Zeit, welche die vorgoethesche genannt werden kann, aus engen geistigen Verhältnissen zu einer groBen, reinen Kunstbegeisterung durchgerungen, die ihn nach Italien getrieben hat. Er hat zuletzt einen tragischen Tod gefunden, indem er ermordet worden ist. Nun hat Winckelmann in seinen Schriften die alte Kunst vor dem Verständnisse der Menschen geradezu wieder auferweckt. Goethe hat nun für sich diese Auferweckung in Italien in der eigenen Seele erlebt. Was ihm Winckelmann vorempfunden hat, das erlebte er auf seine Art nach. Dadurch ist er dazu gekommen, in seinem Buche «Winckelmann und sein Jahrhundert» diesem nicht bloß ein literarisches Denkmal zu setzen, sondern seine Gestalt, seine ganze geistige Tätigkeit lebendig, aus der eigenen Seele herausgebildet, zu schaffen. Herman Grimm hat die Vorstellung: der von Goethe geschaffene Winckelmann ist es, der nun in der Geistesentwickelung weiterlebt. Ohne Goethe hätte die Welt die Erinnerung an den sterblichen Winckelmann gehabt; durch Goethe ist Winckelmann neu erstanden, und zwar so, daß der von Goethe erweckte die irdische Unsterblichkeit hat. Nun meint Herman Grimm: so müßten es die machen, welche die rechte Verbindung mit Goethe suchen diesem gegenüber. «Goethe stellt ihn (Winckelmann) als Lebenden, als aktives Element in den Dienst der Gegenwart von 1805, und es ist Goethes Werk, wenn Winckelmann auch heute noch lebendig und Leben verleihend unter uns steht. — Dies ist es, was mit Goethe selbst in umfangreicherem Maße jetzt geschehen muß, wenn wir aus ihm ziehen sollen, was er für uns enthält.»
Das alles und das weitere des Herman Grimmschen Vortrages liest man mit zunehmender Spannung. Man gibt sich den Gedanken einer Persönlichkeit hin, die in ihrer Seele geistdurchtränkt die Frage erlebt: was soll geschehen, damit die Menschen der Gegenwart in der Fortentwickelung der Menschheit den rechten Weg gehen. Man liest, indem man den seelischen Herzschlag des Schreibenden miterlebt. Man fühlt sich in der Atmosphäre eines freudig dem Geiste zustrebenden Seelenlebens.
Da kommt man auf Seite 7; und man ist aus der ganzen Stimmung plötzlich wie herausgerissen. Da schreibt Herman Grimm: «Niemand, soviel ich weiß, glaubt heute an Goethes Farbenlchte: für uns heute liegt der Inhalt dieses Buches in Goethes Darlegungen, wie die Meinungen über das Verhältnis des menschlichen Auges zu den farbigen Erscheinungen mit der ganzen Lebensauffassung und Gesinnung derer in Zusammenhang stehen, die sie aufstellten. Nehmen wir Goethes Kampf gegen Newton. Wie Goethe hier mit der Geschichte der Naturforschung in England beginnt. Wie er die Stellung, die Newton innerhalb ihrer einnahm, zu bestimmen sucht. Wie er das, was er Newtons Irrtum nennt, als eine notwendige Folge dieser äußeren Verhältnisse in Verbindung mit seinem persönlichen Charakter erfaßt! Die Leistung als historische Arbeit ist so genial, daß sie die Frage, ob Goethe hier nicht irrte, zur Nebensache werden läßt.» —
Auf festem Boden steht man, bevor man im Verfolgen des Vortrages an diese Stelle herankommt. Aber da beginnt der Boden zu schwanken. Man fragt sich: darf für jemand zur Nebensache werden, was er zur Grundlage des Urteiles machen muß, daß Goethe eine geniale historische Arbeit geleistet hat. Man kann feststellen, daß es in der Farbenlehre zwei Standpunkte gibt: den Goetheschen und den Newtonschen, und kann unentschieden lassen, welchen man für berechtigt hält. Wenn man dann behauptet: Goethe habe auf dem seinigen eine geniale Leistung vollbracht, dann ist die Sache ganz begreiflich. Aber ist es auch irgendwie begreiflich, wenn jemand sagt: es ist mir gleichgültig, ob Goethes Standpunkt ein irrtümlicher ist, ich muß sogar sagen: alle maßgebenden Menschen halten ihn für einen solchen; aber Goethe hat den Irrtum genial vertreten? Man kann das nur dann sagen, wenn man damit nicht, wie Herman Grimm es macht, aufhört, über die Sache zu sprechen, sondern nun erst beginnt, zu kennzeichnen, wie ein genialischer Irrtum bei Goethe möglich war. — Und wie findet man mit einer solchen «Gleichgültigkeit» gegenüber einer Genieleistung Goethes mit diesem die Verbindung, « wie sie sein müßte», da doch Goethe in allem Ernste gesagt hat: er habe im Poetischen manches geleistet, doch das schätze er nicht so stark wie die Tatsache, daß er auf gewissen Gebieten der Naturerkenntnis unter seinen Zeitgenossen allein das Rechte wisse?
Für jemand, der Herman Grimm so verehrt wie ich, ersteht da die Frage: Ist es dieser hervorragenden Persönlichkeit hier nicht so ergangen, daß sie sich innerhalb des Geisteslebens ihrer Zeit die Geistigkeit, zu der sie hinstrebte, nur unter einer bestimmten Voraussetzung - wie eine Illusion - vor das Seelenauge stellen konnte? Diese Voraussetzung war die, daß sich Herman Grimm nicht kümmerte um diejenigen Elemente im Geistesleben seiner Zeit, die, wenn er sie im vollen Ernste genommen hätte, von ihm hätten zurückgewiesen werden müssen, sofern er seinen eigenen Standpunkt hätte aufrecht erhalten wollen. Er hat sie nicht zurückgewiesen. Er wollte in Ruhe mit ihnen leben. Dadurch aber war er genötigt, mit seinen eigenen Meinungen wie auf einer Insel zu leben, auf der er idealische Bauten aufführte, während rings herum die verheerenden Wogen der mechanistisch-«positivistischen» Weltanschauungen brausten. — Und fällt heute der Blick auf die «Insel der Idealität» Herman Grimms, in ihrer oft bezaubernden Schönheit, so verschwindet sie sogleich für diesen Blick. Das «mechanistisch-positivistische» Meer verschlingt sie. So ist es mit den Geisteswegen, die einzelne auserlesene Persönlichkeiten in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gingen. Ihre Geistigkeit war selbst dann abstrakt, wenn sie so seelenvoll und gemütinnig auftrat wie bei Herman Grimm. Die darauf folgende Zeit fordert das Verhältnis des Menschen zum «Geistigen in seiner Wirklichkeit».
Ein weiteres Verfolgen dessen, was den Bewunderer Herman Grimms «erschrecken» kann, wenn er an einzelne Stellen seiner Schriften kommt, und was den Wandel der Geistesforderungen in der heutigen Zeit offenbart, soll in einem nächsten Artikel sich finden.