Der Geist von gestern und der Geist von heute
In den Jahren1 1890 bis 1897 lebte ich in Weimar. Ich hatte am Goethe- und Schiller-Archiv zu arbeiten. Herman Grimm kam wiederholt zu kurzen Besuchen dahin. Für mich waren diese Tage besondere Festtage. Ich hatte das Gefühl: wenn Herman Grimm in Weimar ist, versteht man das «Weimar der Goethe-Zeit» besser als sonst. Er brachte einen Teil von Goethes Seele lebendig mit. Mir wurde das kleinste Detail dieser Besuche von Bedeutung. Heute steht noch lebendig vor mir, wie Herman Grimm einmal im Archiv über Goethes Iphigenie sprach. Und so vieles andere. Immer war, abgesehen von dem Inhalt seines Redens, die Art fesselnd, in der er sprach. Man konnte die Empfindung haben, dahinter liegen geistige Zusammenhänge, die er erlebt hat, und aus denen heraus seine Worte kamen.
1894 trat mir aber seine Gestalt in seiner Abwesenheit im Archiv ganz eigentümlich vor die Seele. Es war eben das Vorwort zu der fünften Auflage seines Goethebuches erschienen. Herman Grimm hatte darin auseinandergesetzt, wie er während der Arbeit an diesen Vorträgen und auch nachher in freundschaftlichem Verkehr stand mit Persönlichkeiten, deren Interesse ganz besonders Goethe zugewandt war. Es waren der Literarhistoriker Julian Schmidt, der das geistreiche Buch über die Geschichte des neueren deutschen Geistesleben geschrieben hat, Gustav von Loeper, der verdienstvolle Herausgeber von Goethes Werken, und Wilhelm Scherer, der Professor der deutschen Literaturgeschichte an der Berliner Universität. Mit den beiden ersten fühlte sich Herman Grimm ganz im Einklang, obwohl er und jeder der beiden andern in bezug auf Goethe voneinander abweichende Betrachtungswege gingen. Anders war es bei Scherer. Er hielt im Äußeren mit ihm Freundschaft. Nach Scherers früh erfolgtem Tode schrieb er in diesem Vorwort, nachdem er versichert hatte, wie gut er mit Julian Schmidt und Loeper ausgekommen war: «Viel später erst trat Wilhelm Scherer, aus Straßburg berufen, dauernd in Berlin ein. Um Jahrzehnte jünger als wir drei Norddeutschen. Aus Wien kommend. Durch seine Stellung als amtlich berufener Professor der Deutschen Literatur auch für das, was speziell Goethe anging, uns gleichsam vorgesetzt. Ein jugendlicher, aggressiver, rücksichtsloser Geist, der, was uns Dreien am meisten fehlte, mit den Lehren der Lachmann-Hauptischen Schule vertraut, die sogenannte ‹wissenschaftliche Methode› dieser Schule nicht nur mit Leichtigkeit anwandte, sondern auch sie energisch zu vertreten willens war. Wir drei Älteren gingen aus von Goethes Persönlichkeit, Scherer von den Manuskripten und Lesarten seiner Werke. Scherer verlangte vor allen Dingen einen ‹sauberen Text›. ‹Jeder Text›, lautete seine Lehre, ‹ist verderbt: es gilt, ihn so zu edieren, daß auf ihm sicher gefußt werden kann.› Diese Edierung zu bewirken, gab es Mittel, die er genau kannte. Uns drei Anderen waren sie gleichgültig.»
Diese Charakteristik Wilhelm Scherers stand eines Tages unmittelbar nach dem Erscheinen des Vorwortes in Diskussion bei mehreren damals zum Besuche im Archiv anwesenden Persönlichkeiten, die zumeist unbedingte Verehrer des gekennzeichneten Literarhistorikers waren. Auch Erich Schmidt, der gefeiertste Schüler Scherers und dessen Nachfolger im Berliner Lehramt war dabei. Es war eine recht aufregende Szene. Man war ungeheuer verärgert. « Jeder Text ist verderbt: es gilt, ihn so zu edieren, daß auf ihm sicher gefußt werden kann.» Das sollte Scherers Lehre sein. Man empfand das wie einen Unsinn und bezeichnete es als solchen. -— Nun, inhaltlich war ja auch wirklich kaum etwas einzuwenden gegen das, was Erich Schmidt und die andern sagten. Sie hatten — nicht nur von ihrem Standpunkte aus — recht.
Mir war die Stunde schmerzlich. Vor mir stand im Geiste die Gestalt Herman Grimms, des glänzenden, geistvollen Kunsthistorikers, des Prägers von lichtvollen Ideen, die ich so liebte. Er hatte hier etwas geschrieben, wovon mit Recht gesagt wurde, es sei ärgerlicher Unsinn.
Aber was lag denn eigentlich vor? Da war eine Richtung in der Literaturgeschichte ausgebildet, die die dichterischen Schöpfungen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange so betrachtete, daß dabei die damals so erfolgreich ausgebildete «positivistisch-naturwissenschaftliche» Methode zur Anwendung kam. Ein Höchstes in menschlicher Geistesentfaltung sollte so erforscht werden, wie man gewohnt geworden war, in der Naturwissenschaft vorzugehen. Wilhelm Scherer war der energischste Repräsentant dieser Forschung. Die Naturwissenschaft war auf dem Wege, in ihren Aussagen das Geistige ganz zu verlieren; nun sollte die Betrachtung des Menschengeistes ihrem Ideal folgen. Die literaturgeschichtlichen Forschungen konnten zum Inhalt nur noch Tatsachen haben, die in ganz äußerlichem Zusammenhange mit dem wahren Werden des Menschengeistes stehen. — Das war ein Weg, der Herman Grimm nur ganz unheimlich sein konnte. Er wollte das Werden des Geistes verfolgen, wenn auch nur in einer dem abstrakten Idealismus verwandten Art. Aber diese Art war, wie der ganze abstrakte Idealismus, nicht imstande, gegen den Ansturm der ungeistigen naturwissenschaftlichen Methoden aufzukommen. Das kam in Herman Grimms persönlichem Verhalten zum Ausdrucke. Er fand keine wirksamen Gedanken, um seine instinktive Abneigung gegen Scherers Methode auszusprechen. Er hatte nur das Gefühl von etwas Schlimmem. Und so kennzeichnete er Scherers «Lehre», indem er etwas Absurdes aussprach. Wie wenn er hätte sagen wollen: was da eigentlich zugrunde liegt, weiß ich nicht; aber es kommt mir so absurd vor, wie wenn man durch allerlei kritische Methoden die Dichtertexte erst machen müßte.
Damit aber ist die Stellung der Geistesforscher von der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gegenüber einer geistverleugnenden Wissenschaft gegeben. Diese Geistesforscher hatten nicht den lebendigen Geist, sondern nur dessen ideellen Gedankenschatten. Mit diesem fanden sie noch die Möglichkeit, über Kunst, Geschichte und so weiter zu sprechen, aber sie konnten sich kein durchgreifendes Urteil bilden über den Wert der geltenden Wissenschaft. Ein Vertreter dieser «geltenden Wissenschaft» sagte mir einmal: Herman Grimm ist kein ernster wissenschaftlicher Arbeiter, sondern ein geistiger Spaziergänger.
Nur eine Geisteswissenschaft, die nach dem lebendigen Geiste strebt, kann in der Naturerforschung wieder den Geist finden und ihn dann aber auch der Kunst-, der Geschichtsbetrachtung und so weiter zurückgeben.
Herman Grimm stand mit der bei ihm leuchtenden, schönen Schattenform der Gedanken wie ratlos gebannt zwischen einer geistgemäßen und einer geistverleugnenden Weltbetrachtung.
In dem Kapitel seines Goethe-Buches, in dem Herman Grimm Goethes Verhältnis zur Naturerkenntnis behandelt, findet sich die Offenbarung dieser Ratlosigkeit. Da sagt er: «Die mosaische Schöpfungsgeschichte gipfelt im Menschen, welcher als Inhaber der Nutznießung alles Vorhergeschaftenen eintritt ... und das Christentum erhebt den Menschen in solchem Sinne zum Zweck der Schöpfung, daß ohne ihn die Welt inhaltslos wäre. — Gegen diese Anschauung empörten sich die Naturwissenschaften. Die Astronomie eröffnete den Kampf, indem sie die Erde, die für den Mittelpunkt des Weltsystems galt, als ein nur untergeordnetes Gestirn erkannte, dessen herrschende Bewohner damit zugleich degradiert wurden ...» Herman Grimm bringt es nur zu einer Art ästhetischer Entrüstung gegenüber der naturwissenschaftlichen Denkart. Von der Kant-Laplaceschen Hypothese sagt er: « Aus dem in sich rotierenden Weltnebel - die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und macht, als erstarrende Kugel, in unfaßbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit inbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen: ein langer, aber dem heutigen Publikum völlig begreiflicher Prozeß, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens mehr bedürfe, als die Bemühung irgend einer außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten. — Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden, als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes appetitliches Stück im Vergleiche zu diesem letzten Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele ...»
Noch vor kurzem hatte man ein Recht auf die Meinung, die Betrachtung der Natur werde einen Anstoß nach dem Geistigen durch die Fortbildung einer solchen Denkart wie die Herman Grimmsche erhalten können. Heute zeigt sich, daß die Kraft dieser Denkart nirgends mehr lebendig ist. Und Herman Grimm würde, wenn er jetzt noch lebte, wohl selbst einsehen müssen, daß nicht nur Naturwissenschaft bis zur Anschauung des Geistigen fortgeführt, sondern daß auch alle historischen Betrachtungen von den gedanklichen Geistesschatten bis zu den lebendig-waltenden Geisteswesenheiten verfolgt werden müssen.
-
Dieser Aufsatz schließt sich mit den drei vorigen zu einem Ganzen zusammen. ↩