Das Unzulängliche eines Geist-Suchers

Die Ausführungen, die ich durch eine Reihe von Aufsätzen in Anknüpfung an Herman Grimms und Anderer Werke gemacht habe, verfolgten das Ziel, zu zeigen, wie das von Vielen im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts aufgenommene und bis in die Gegenwart fortgesetzte Suchen nach einem geistigen Inhalt der Weltanschauung zu einem toten Punkt geführt hat.

Noch mehr als Andere ist für dieses Suchen kennzeichnend Wilhelm Jordan, der Dichter des «Demiurgos» und der «Nibelungen ». — Die ganze Haltung seiner Dichtung ist davon bestimmt, daß seine seelische Entwickelung in die Zeit fiel, in der die Naturwissenschaft sich anschickte, maßgebende Autorität für die Bildung einer Weltauffassung zu werden.

Mit herzhafter Gemütskraft ergriff Wilhelm Jordan, was Astronomie über die Entstehung des Sonnensystems, was Geologie über den Werdegang der Erde, was Chemie über das Wesen der stofflichen Welt sagen wollten. In den fünfziger und sechziger Jahren gab er der Welt seine groß angelegten Dichtungen. In ihnen wirkte wie der die Seele tragende Strom das naturwissenschaftliche Denken seiner Zeit. Dichterkraft wollte Wilhelm Jordan als Blüte in der Seele entwickeln, die auf ihrem Grunde das Bekenntnis zur Naturwissenschaft hatte.

Aber er wollte noch mehr. Er wollte religiöse Frömmigkeit als Frucht aus dieser Blüte heraus entfalten. Er war so stark in den Geist der Naturwissenschaft eingedrungen, daß er wußte, diese kann nicht von sich aus zum Religiösen führen. Der Mensch muß das Religiöse trotz der voll anerkannten Naturwissenschaft finden. In der Menschenseele muß mehr leben als die Kraft, eine Naturwissenschaft zu entfalten. Diese bildet die Blätter der Pflanze. In den Blättern sind die Blüte und die Frucht noch nicht sichtbar. Aber die Kraft zu ihrer Entstehung steckt schon in den Blättern.

Mit einem solchen Bewußtsein schrieb Wilhelm Jordan seine «Andachten». Es sind die « Andachten » eines Gottsuchers, der auf dem Boden der Naturwissenschaft steht; aber eines solchen, der das geistige Weltenwesen nicht aus der Natur-Erkenntnis herausdestillieren wollte, sondern der es durch eine besondere Seelenkraft unabhängig von der Natur-Erkenntnis suchte. Aber der es so suchte, daß er im Erkenntnisbesitze doch noch Bekenner der Naturwissenschaft bleiben konnte.

Kein Wunder, daß es Wilhelm Jordan weder den Stürmern von der Art der Straußanhänger Recht machte, die aus der Naturwissenschaft selbst eine Religion machen wollten; noch auch den Bekennern der alten Traditionen, die nicht zugeben wollten, daß die Naturwissenschaft einen neuen Weg zum Geistigen fordere.

So erhoben sich gegen die « Andachten » die Bedenken von links und rechts.

Ihnen stellte nun Wilhelm Jordan sein Buch «Die Erfüllung des Christentums» entgegen. Es erschien 1879, in der Zeit, als die Wogen desjenigen Glaubens anfingen besonders hoch zu gehen, der annahm, eine giltige Weltanschauung dürfe nur aus der Naturwissenschaft gewonnen werden.

Im «Präludium » zu dieser Schrift spricht Wilhelm Jordan fast wie Einer, der trunken ist von den Enthüllungen der Natur-Erkenntnis:

Dein Isisschleier ist gefallen,
Natur! Wir sehn dich Sterne ballen
Aus milchig blassem Weltendunst.
Noch fragen wir: wie keimt das Leben?
Doch ist erlauscht dein Weiterweben,
Das Rätsel deiner Meisterkunst. Nun grinst den stolzen Welterrater
Ein Baumtier an als Ältervater,
Als dessen Ahn ein armer Wurm,
Als Urahn endlich eine Zelle,
Geknospt, als unter warmer Welle
Sich barg der Chaosglutensturm. Ist wahr der Priesterspruch geworden:
«Der wird sein Lebensglück ermorden
Wer dieser Göttin Bild entschürzt?»
Ist nach hinweggezognem Schleier
Der ungestüme Wahrheitsfreier
Gelähmt, verzweifelt hingestürzt ?

Wilhelm Jordan antwortet mit einem kräftigen: Nein. Aber er will auch nicht einstimmen in das Denken derer, die mit den alten Philosophenmitteln in das Natur-Erkennen den Weltenschmerz hineininterpretieren. Er wendet sich gegen Schopenhauer, der in der Zeit, als Jordan wirkte, gerade das Ohr der Menschen gefunden hatte, und gegen dessen «Nachfolger» Eduard v. Hartmann. Ihnen war, wohl nach Jordans Empfindung, die «Natur», die so lange als vom Geiste abgefallen gedacht worden ist, zu einem Wesen geworden, in dem man, nachdem der «JIsisschleier gefallen war», nur eine den Menschen quälende Isis schauen konnte.

Det afterweise Hohn und Jammer
Der sinnverbohrten Weltverdammer
Beherrscht den Markt als Lieblingskost.
Die Jugend saugt aus Schopenhauer
Ins welkgeschulte Hirn die Trauer,
Ins laue Herz den Freudenfrost. Der Schüler greift zum Pulvertode,
Der heut beliebten Kurmethode
Zu schnell verbrauchten Rückenmarks.
In bitterm Ernste gar zu meinen
Scheint Herr von Hartmann das Verneinen
Des Lebens- und des Weltenquarks.

Wie will nun Wilhelm Jordan zu einem geistigen Weltanschauungs-Inhalt kommen? Er wendet sich an die selbstschöpferische Kraft der Menschenseele. Als Dichter lebte er in dieser selbstschöpferischen Kraft. Und er fühlte in seiner Dichterkraft etwas von derjenigen Scherfähigkeit, die in alten Zeiten die Mythen über Weltenwerden und geistige Menschheitsführung geschaffen hat. In die Erkenntnisse der Natur darf diese Kraft nicht hineinreden. Aber über das Reich der Natur hinaus darf sie in Bildern das in der Menschenentwickelung wirkende geistige Wesen zum Ausdruck bringen. Sie darf die Fortsetzerin dessen werden, was in der vornaturwissenschaftlichen Zeit an Bildern in dieser Richtung erzeugt worden ist. Jordan sagt darüber (in «Erfüllung des Christentums » Seite 213): «So bin ich in die Lage gekommen, mit der gegenwärtigen Summe der wissenschaftlichen Welterkenntnis die poetische, mythische, religiöse, theologische Weltanschauung in ihrem ganzen geschichtlichen Verlauf zu vergleichen. Das Ergebnis war, daß beide einander keineswegs so feindlich und unversöhnbar gegenüberstehen, als es von Zeloten auf beiden Seiten behauptet und desto unduldsamer verfochten wird, je größer ihre Unwissenheit in Betreff des Gegenreichs und je beschränkter selbst der Gesichtskreis ist, welchen sie in ihrem eignen Reich überblicken. Vielmehr verhalten sie sich zu einander wie Suchen zum Finden, wie Vermuten und Ahnen zum Erkennen und Wissen, wie Wünschen und Hoffen zum Erlangen, Besitzen und Können, und sind und bleiben einander deshalb immerdar unentbehrlich.»

Wilhelm Jordan sieht nicht, daß die einstmals Mythen schaffende Kraft der Menschenseele für die Zeit, in welcher der Mythen-Inhalt überzeugend wirkte, auch Bilder über das Natur-Geschehen formte, die den Mythen über das Geistige gleichgeartet waren. Indem aber die Natur-Anschauung ihre neuzeitliche Form angenommen hat, bedarf sie zur Ergänzung nicht nur einer Fortsetzung der alten Seelenktaft, sondern einer solchen, die den Geist in der Menschenseele ebenso an den Geist in der Welt heranbringt, wie das naturwissenschaftliche Denken in Messen, Wägen und Zählen an die Naturdinge und das Naturgeschehen herankommt.

Jordan findet (Erfüllung des Christentums Seite 168): «Unsere Kosmologie, sowohl die himmlische, das heißt astronomische, als die irdische, also geologische, so lange sie sich streng beschränkt auf ihr eignes Gebiet und auf ihre eigenen Wissensmittel, so lange sie mithin nicht Kunde vorwegnimmt aus einem anderen Wissensreich, welches erst mit der Geschichte des Menschen anhebt, und diese Kunde wie taschenspielernd in das ihrige erst hineinlegt, um dann zu tun, als ob sie da zu finden sei — diese unsere Kosmologie muß ehrlich bekennen, von sich aus von Gott nichts zu wissen, noch, aller Wahrscheinlichkeit nach, jemals wissen zu können.» —

Der Naturwissenschafter weiß, daß er im physischen Bereiche an die Wirklichkeit herantritt. Der Mensch, der in dieser Beziehung mit dem Naturwissenschafter mitgeht, kann gar nichts anderes als den Durchbruch nach der geistigen Welt von der Seele aus anzustreben. Wilhelm Jordan will die selbstschöpferischen Kräfte der Seele entfalten, aber nicht so weit, daß er mit ihnen bis zum wirklichen objektiven Geiste vordringt. So verfällt er demselben Schicksal wie die in diesen Aufsätzen charakterisierten Persönlichkeiten: Carriere, Herman Grimm. Er läßt in sich die geistige Kraft der Seele walten, so daß sie über die Sinnesanschauung hinaus Ideen produziert; aber er kann in diese Ideen nicht den objektiven Geist hereinbringen, wie man in der Sinnesanschauung das objektiv Physische zum Inhalte der Ideen macht.

Also auch ein so stürmisch vorgehender Geist wie Wilhelm Jordan kommt auf dem Gebiete der geistigen Welterkenntnis nicht bis zum Erschaffen des wirklichen Geistigen. So ist auch er bei dem toten Punkte angelangt, nach dem sich in der neueren Zeit so Viele bewegt haben, die über das Materielle hinaus nach dem Geiste strebten, die zuletzt aber nichts hatten als die in der Seele selbst produzierten Ideen, die ohnmächtig waren, objektiv Geistiges aufzunehmen.

Auch Wilhelm Jordans Streben nach dem Geistigen ist zu schwach gewesen, um nicht von der Naturwissenschaft überwältigt zu werden. Die Gegenwart und nächste Zukunft braucht eine Geisteswissenschaft, die den Schritt über das alte Erkennen hinaus ebenso macht, wie ihn die Naturwissenschaft gemacht hat.

German original of The Inadequacy of a Spirit-Seeker · ← Previous · Next →