Wie die Geschichte der Dichtung den Geist verloren hat

Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ließ der Literaturhistoriker und Geschichtschreiber Gervians eine Geschichte der deutschen Dichtung erscheinen. Sie bot etwas Überraschendes. Das Werden der deutschen Dichtung ist mit eindringlicher Beherrschung des Geistesganges geschildert. Die Fülle des Stoffes ist einleuchtend gegliedert; die einzelnen dichterischen Erscheinungen mit einem gewissen Verständnis individualisiert.

Doch es ist alles so dargestellt, als ob die Kräfte, die in dieser Dichtung wirkten, mit Goethes Tode mitgestorben wären. Als ob mit Goethe alles ausgeschöpft wäre, was in dem Quell, in dem die deutsche Dichtung ihren Ursprung hatte, enthalten war.

Gervinus ließ seine Überzeugung durchleuchten, daß die nach Goethe auftretenden Dichter nicht mehr die volle Berechtigung hätten wie die vorangehenden, den Sinn aus der praktischen Wirklichkeit hinweg in die Regionen zu wenden, aus denen die dichterische Inspiration kommt. Die Folgezeit sollte nicht den Schöpfungen der Phantasie, sondern dem praktischen Leben gehören. Die Dichtung muß, wie durch ein Naturgesetz, an ein bloßes Epigonentum übergehen.

Was Gervinus ausgesprochen hatte, wirkte stark. Mein lieber Lehrer und Freund Kar/ Julius Schröer, der ein begeisterter Anhänger von Gervinus war, ließ 1875 eine Geschichte der «Deutschen Dichtung im 19. Jahrhundert» erscheinen. Er fühlte sich förmlich gedrängt, das Buch mit einer Entschuldigung vor Gervinus zu beginnen. Wie wenn es sündhaft gewesen wäre, über die auf Goethe folgenden Dichter zu schreiben, leitet er seine Betrachtungen in der folgenden Art ein:

«Gervinus schloß bedeutsam seine Geschichte der deutschen Dichtung mit Goethe ab.

Was damals vielleicht überraschte, ja selbst Widerspruch fand, wird heute niemand mehr bestreiten wollen. Mit Goethe ist für lange Zeit ein Blütenalter der Dichtung abgeschlossen.

Wenn ich nun in Vorliegendem einen Überblick der Entwickelung der deutschen Dichtung vom Anfang unseres Jahrhunderts bis 1870, also weit über jenen Abschluß hinaus geben möchte, so fällt mir doch nicht bei, mich damit von jenen Anschauungen zu trennen oder ihnen gar entgegenzustreben.»

Was brachte Gervinus dazu, an ein solches Absterben der dichterischen Kräfte zu glauben?

Will man auf diese Frage eine Antwort finden, dann darf man den gewaltigen Umschwung im Geistesleben um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nicht aus dem Auge verlieren. Das war die Zeit, in der die Naturwissenschaft sich für allein fähig erklärte, zu entscheiden, was als «wahre» Weltansicht zu gelten habe. Das Eigenstreben der menschlichen Seele, die in innerer Kraft zum Erleben einer geistigen Welt hinauf wollte, ward mit Mißtrauen betrachtet. Auf Grund dieses Eigenstrebens waren von Fichte, Schelling und Hegel die großen idealistischen Weltanschauungen geschaffen worden. Solches Schaffen wurde nun als Irrereden empfunden.

Aber dieser Idealismus war nur der philosophische Schatten jenes Lichtes, aus dem heraus Goethe mit der Kunst nicht eine Willkürschöpfung der menschlichen Seele, sondern eine andere Offenbarung dessen erreichen wollte, was auch die Ideenerkenntnis darbietet. - Aus diesem Lichte heraus hatte er Gedanken wie diesen gesprochen: die Kunst ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie niemals offenbar würden.

Aus diesem Lichte heraus hat Goethe gegenüber der griechischen Kunst empfunden, als er von ihr sagte: da ist Notwendigkeit, da ist Gott. Er hatte erst, mit Herder zusammen, diese «Notwendigkeit» bei Spinoza in der Ideenentwicklung gesucht; ex fand sie, die er als Wahrheit erstrebte, in der Kunst. Dieses Licht hatte sich verfinstert für diejenigen, welche sich sicher als auf einem Wahrheitsboden nur mehr fühlten, wenn sie den Weg gingen, der von der Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gewandelt wurde. — Da ward eine Meinung von der Wahrheit entwickelt, nach der hinzustreben die Dichtung kein Verlangen tragen konnte. Man braucht wahrlich nicht eine geringere Meinung von der äußerlich realen Bedeutung der Naturwissenschaft zu haben als diejenigen, die aus ihr eine Gesamtweltanschauung machen, wenn man das Charakterisierte zugibt.

Solche Persönlichkeiten wie Gervinus wurden zu ihren Anschauungen gedrängt dutch die mannigfaltigen Impulse, die von der Souveränerklärung der Naturwissenschaften in das Unterbewußtsein der Menschen hineindrangen. Gervinus sah die Begeisterungsströme versiegen, aus denen ein Dichter wie Goethe schöpfte, der seine Naturwissenschaft aus denselben Geistquellen strömen ließ, aus denen ihm die Dichtung kam.

Wie mächtig die Impulse der sich unabhängig erklärenden Naturerkenntnis wirkten, offenbart sich an solchen Erscheinungen. Gegenüber diesen Impulsen kam der Idealismus, der sich nicht zum wirklichen Geiste, sondern nur zu dessen Schattenbildern, den «Ideen» vorwagte, nicht auf. In Wilhelm Jordan, Herman Grimm, Moriz Carriere und andern suchte er sich durchzukämpfen. Es gelang ihm nicht. (Die vorigen Aufsätze zeigen das im Einzelnen.)

Gervinus sah eine Geistesströmung heraufkommen, welche die Dichtung von der begehrten Wahrheit abdrängte. Er fügte sich mit seinen Meinungen dieser Strömung. Die Einen sagten: es ist phantastischer Gedankenflug, wenn man von der Seele aus die Wahrheit erringen will. Der Idealismus jagt unwirklichen Schatten nach. Diese verloren wegen der Verkennung der Schattenbilder auch den rechten Eindruck des Lichtes. Und es war doch dasselbe Geisteslicht, das die Ideenschatten geworfen hatte, in dem auch die Dichtung erwachsen ist, die mit Goethe auf ihrer Höhe stand. Es sagten die

I Anbeter der «unabhängigen» Naturerkenntnis: mit diesem Lichte ist es nichts. Und es sagte Gervinus: das Recht, sich von diesem Lichte erleuchten zu lassen, hat aufgehört. Goethe durfte als der Letzte in ihm dichten; die Epigonen sollen sich zu einem andern Lichte wenden; die Dichtung, die in grauen Vorzeiten ihren Quell hatte und die in Goethe zum breiten Strome geworden ist, muß gegenüber andern Aufgaben eine bescheidene Rolle spielen.

Für diejenigen Menschen, die anzuerkennen vermögen, daß die Seelenverfassung den Geist wieder finden müsse, sind all die Tatsachen bedeutsam, die mit der Abwendung von der geistigen Wirklichkeit zusammenhängen. Die Art, wie Gervinus mit seiner Literaturgeschichte auftrat, ist eine solche Tatsache. — Und nicht minder der Empfang, der diesem Auftreten gegenüberstand. Der geistreiche Verfasser der Geschichte des Geisteslebens der neueren Zeit, Julian Schmidt, schrieb über die Leistung Gervinus’: «Wenn ein groß angelegtes Unternehmen wirken soll, so muß ihm die Zeit Empfänglichkeit und eine gewisse Reife entgegen bringen. Das war der Fall in den Jahren 1838 bis 1840. Es war ein Wendepunkt in der deutschen Literatur. Mehr und mehr verbreitete sich das Gefühl, daß man sich zu lange und zu eifrig im Äther bewegt habe, daß es Zeit sei, sich auf der Erde umzusehn ... Man ahnte, daß in der bisherigen Poesie, dem größten Stolz der Nation, irgend ein Fehler stecke, - - —».

In allen, die so sprachen, steckte jener Furor, der die Meinung begleitete: man müsse vom phantastischen Schauen in «Geistesfernen» zum sichern Schreiten in der «naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung» kommen. Heute aber ist der Zeitpunkt da, wo man eingedenk sein sollte, daß die Beine des sicheren Schauens bedürfen, um in der Wirklichkeit die Richtung zu finden, nach der sie sich wenden sollen. —

German original of How the History of Poetry Lost its Mind · ← Previous