Alois Magers Schrift «Theosophie und Christentum»

Mein Erlebnis beim Lesen dieser Schrift

Eine Auseinandersetzung1 mit der Anthroposophie von Alois Mager könnte für mich selbst von tiefgehendem Interesse sein. Das veranlaßt mich, die Gedanken, die in mir aufgestiegen sind, während ich mich mit Magers Schrift «Theosophie und Christentum» beschäftigte, wie in einer Art von Selbstgespräch hier aufzuschreiben. (Ich muß bekennen, daß ich erst jetzt Muße gefunden habe, die schon 1922 erschienene Schrift zu lesen.)

Es gibt wenige Menschen, die glauben, man könne gegen einen Gegner gerecht sein. Aber abgesehen von den Gründen, die solche Menschen für ihre Meinung haben, scheint mir, daß wenige Bedingungen für mich vorhanden sind, um gegen Alois Mager von vorneherein ungerecht zu sein, auch wenn er als mein Gegner auftritt.

Er gehört einem Orden an, den ich hochschätze und liebe.

Nicht nur, daß vieles vor meiner Seele steht, was an edlem, hohem, weitführendem Geistesgut als Leistung des Ordens im Allgemeinen anzuerkennen ist, ohne daß man auf die Arbeit der einzelnen Ordensangehörigen, denen doch diese Leistung zu verdanken ist, eingeht; sondern ich habe auch das Glück gehabt, einzelne Mitglieder des Ordens kennen und hochschätzen zu lernen. Ich habe immer einen Sinn gehabt für den Geist, der in den Schriften über Wissenschaftliches bei solchen Persönlichkeiten waltet. Während ich vieles in den anderen zeitgenössischen wissenschaftlichen Arbeiten wie ein Fremdes fühle, ist nicht weniges, das von dieser Seite stammt, wie etwas, das meine Seele ohne alle Fremdheit berührt, auch dann, wenn mir der Inhalt als unrichtig, einseitig, voreingenommen erscheint.

Und so konnte ich auch, was Alois Mager ohne Beziehung zur Anthroposophie geschrieben, mit vieler Sympathie aufnehmen. Besonders gilt mir das für seine gemüts- und geistestiefen Gedanken über das Leben der Seele in der Gottnähe.

Ich erwartete in Alois Mager einen Gegner. Denn ich weiß, daß von der Seite, der er angehört, entweder nur Schweigen über meine Anthroposophie, oder Gegnerschaft kommen kann. Wer sich darüber Illusionen hingibt, der kennt wenig von der Welt.

Aber bedeutsam für mich mußte mir erscheinen: was bringt Mager vor.

Und die Gedanken, die sich mir darüber eingestellt haben, möchte ich hier niederschreiben wie ein Selbstgespräch. —

Die Schrift «Theosophie und Christentum» bespricht in vier Kapiteln im wesentlichen die von mir dargestellte Anthroposophie. Mager gibt das zu. Man findet Seite 31f. die Worte: «Ich halte es für zwecklos, Ziele und Lehren der neuindischen Theosophie breit vorzuführen. Der Anthroposophie Steiners und ihrem Verhältnis zur Wissenschaft müssen wir eine eigene Abhandlung widmen. Dort wird das Wesentliche der Theosophie mit zur Sprache kommen.»

Das erste Kapitel «Theosophie in Vergangenheit und Gegenwart» enthält geistvolle Auseinandersetzungen darüber, daß das, was Mager Theosophie nennt, in der außerchristlichen Welt großgeistig bei Plotin und Buddha sich geoffenbart habe. Das Suchen der Menschenseele, mit dem eigenen inneren Erleben an das Erleben des Göttlichen in einer naturgemäß aus dem Wesen dieser Seele folgenden Art zu kommen, sieht Mager in den beiden genannten Geistern am eindringlichsten verwirklicht. Denn, was auf christlichem Boden in dieser Art auftritt, beurteilt natürlich Mager nicht so, daß es naturgemäß aus dem Wesen der Seele komme, sondern so, daß cs ein Ergebnis der waltenden göttlichen Gnade ist.

Es scheint mir nicht nötig, hier näher darauf zu deuten, daß insbesondere für ältere Zeiten die angedeutete Seelenverfassung, wenn auch nicht in der wissenschaftlichen Ausgestaltung wie bei Plotin, oder in der religiösen Tiefe wie bei Buddha, doch viel weiter im Geistesleben der Menschheit vorhanden war, als Mager annimmt, wenn er seine ganze Darstellung auf die beiden Persönlichkeiten hinorientiert.

Aber was mir vor allem vor die Seele tritt, ist dieses: Mager will die von mir dargestellte Anthroposophie beurteilen. Er will besprechen, was ein Teil der Menschheit eigentlich sucht, indem er unter mancherlei Seelenwegen auch den anthroposophischen geht. Er will was sollte sonst seiner Untersuchung Sinn geben — den Inhalt dessen entwickeln, was in der Anthroposophie lebt. - Nun wird sogleich das ganze Wesen dessen, was ich Anthroposophie genannt habe, verkehrt, wenn man, um ihren Inhalt darzulegen, auf frühere Darstellungen der geistigen Welten hinweist.

Ich habe gesagt, daß ich diese Gedanken wie ein Selbstgespräch aufzeichne. Ich tue dies deshalb, um rückhaltlos vorbringen zu können, was nur ich selbst aus dem subjektiven Erleben der Sache unmittelbar ganz gewiß wissen kann, was ich aber eben so wissen muß.

Und da kann ich nicht anders, als immer wieder betonen, daß alles Wesentliche meiner Anthroposophie aus der eigenen geistigen Forschung oder Anschauung stammt, daß ich in der Sache und in der Begründung der Sache nichts von historisch Vorhandenem entlehnt habe. Wenn Selbstgefundenes dadurch beleuchtet werden konnte, daß es in irgend einer Form da oder dort als schon vorhanden aufgewiesen wurde, so tat ich das. Ich tat es aber nie mit etwas anderem, als was vorher in eigener Anschauung gegeben war. Ich habe auch ein anderes Verfahren nicht gehabt, während ich in den eigenen Schriften auf diejenigen der theosophischen Gesellschaft Bezug nahm. Ich stellte das von mir Erforschte dar und zeigte dann, wie das Eine oder das Andere in jenen Schriften auftritt.

Entlehnt aus historisch Vorhandenem ist nur die Terminologie da, wo ein vorhandenes Wort, nach seinem Inhalte, eine solche Entlehnung wünschenswert machte. Aber das ist etwas, was mit dem wesentlichen Inhalt der Anthroposophie ebenso wenig zu tun hat, wie mit der Selbständigkeit eines Gesagten die Tatsache, daß man sich zur Mitteilung des Selbst-Erforschten der Sprache bedient. Man könnte ja, wenn man in einer Darstellung für etwas völlig Neues einen bekannten sprachlichen Ausdruck verwendet findet, auch auf Entlehnung verfallen.

Ich habe mich immer wieder in strengster Selbst-Erkenntnis gefragt, ob das so ist, ob ich vor meiner eigenen exakten Erkenntnis sprechen könne, wenn ich sage, was ich als geistige Anschauung vorbringe, entstammt meiner unmittelbar erlebten Anschauung, und das historisch Gegebene spielt dabei keine Rolle. Insbesondere war mir immer wichtig, mir klar darüber zu sein, daß nicht irgendwelche Einzelheiten aus dem geschichtlich Überlieferten aufgenommen und in die Welt meiner Anschauungen eingesetzt seien. Alles mußte innerhalb des unmittelbar anschauenden Lebens produziert sein; nichts durfte als Fremdwesen eingefügt sein.

Ich bin, indem ich dies in mir selber zur Klarheit bringen wollte, mit größter Bewußtseinsanstrengung allen Illusionen und Illusionsquellen aus dem Wege gegangen. Schließlich darf doch auf eine Klarheit des Selbstbewußtseins gebaut werden, die zu unterscheiden weiß zwischen dem, was im Bewußtsein in unmittelbarem Zusammenhang mit der objektiven Wesenheit erlebt wird und dem, was aus irgendwelchen unkontrollierbaren Seelen-Untergründen durch einmal Gelesenes oder sonst Aufgenommenes herauftaucht.

Ich meine nun, wer wirklich auf die Darstellung in meinen Schriften eingeht, der müsse mein Verhältnis zur geistigen Beobachtung auch dadurch durchschauen können. Alois Mager tut es nicht. Denn verführe er richtig, so würde er den Inhalt der Anthroposophie nicht zuerst mit Beziehung auf Plotin und Buddha darstellen, sondern zunächst zeigen, wie dieser Inhalt durch Fortsetzung der Entwickelung des modernen auf Grundlage des Wissenschaftsgeistes gewonnenen Bewußtseins entsteht.

Aber, was Mager dazu geführt hat, sein erstes Kapitel zu schreiben, das bringt ihn im Weiteren (Seite 47) dazu, zu sagen: «Was uns an Steiners Anthroposophie am allerersten und unwiderlegbar auffällt, daß sie aus Gedanken- und Wissensstükken aller Völker und aller Jahrhunderte zusammengesetzt ist. Die griechische Mythologie, die Steiner am Gymnasium kennen lernte, liefert ihm die Hyperboreer, Atlantier, Lemurier und so weiter. Bei den orientalischen Mysterienreligionen, bei den gnostischen und manichäischen Lehren machte er Anleihen. Der Kant-Laplace’sche Urnebel diente ihm als Vorbild für sein geistiges Urweltwesen ...»

Dieses Ergebnis Magers über meine Anthroposophie ist nun gegenüber dem wahren Tatbestande eine völlige objektive Unwahrheit. Man steht vor dem Bestürzenden, daß ein feiner Geist, der die Mittel seiner objektiven Wahrheitsforschung richtig anwenden will, um zu einem wirklichkeitsgemäßen Zusammenhang zu kommen, an der Wahrheit vorbeigeht und eine Illusion als Wirklichkeit hinstellt.

Dieses Bestürzende überleuchtet mir alle anderen Empfindungen, die ich bei der Magerschen Schrift habe, zum Beispiel daß sie gegnerisch zu mir ist, daß sie an vielen Stellen ganz merkwürdig ungerecht wird und so weitet.

Noch erhöht wird die Bestürzung, indem ich auf eine andere objektive Unwahrheit komme. Im zweiten Kapitel « Anthroposophie und Wissenschaft» gibt Mager, wenn man die Kürze der Darstellung, auf die er angewiesen ist, berücksichtigt, eine anerkennenswerte Wiedergabe anthroposophischer Gedanken. Ja, er erweist sich da als ein guter Beurteiler gewisser Impressionen, die der geistigen Anschauung als feinere Stofflichkeit zum Beispiel zwischen Materiellem und Seelischem gegeben sind. Man sieht, in ihm sind manche Qualitäten, die es ihm ermöglichten, auf Anthroposophie einzugehen, wenn nicht von andrer Seite Hemmungen kämen.

Aber nun auch in diesem Kapitel wieder eine objektive Unwahrheit. Mager bemüht sich zuerst, meine Art des geistigen Anschauens auf die gleiche Stufe zu bringen mit spiritistischen oder vulgär-okkultistischen Hantierungen. Er zieht zu diesem Zwecke sogar das Buch von Staudenmaier «Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft » heran, wovor ihn schon das Gefühl für geistige Niveauunterschiede hätte schützen sollen.

Aber nun kommt er zu der folgenden Behauptung: «Das auf den ersten Blick imposante und scheinbar lückenlose Weltbild, das Steiner vor uns entrollt, ist nicht das Ergebnis — wie es ein philosophisches Weltbild ist - von verstandesmäßigem, wissenschaftlichem Erkennen, sondern auf dem Weg geistigen Schauens, anthroposophischen Hellsehens gewonnen » (Seite 45). «Steiner hat alle Kenntnisse, die er je in seinem Leben bei seinem Schweben und Wandern durch alle Wissensgebiete ernippte und erhaschte, mit einem unvergleichlichen Geschick in hellseherischen Fäden zu einer bizarren Einheit verwoben.» Mager stellt alles so dar, als ob ich meine Ideen über die geistige Welt auf Grund eines ungeprüften, unwissenschaftlich angewendeten Hellsehens gegeben hätte.

Spricht denn gegen eine solche Behauptung nicht vieles, was man in meinen auf Goethe bezüglichen Schriften, in meiner «Erkenntnistheorie der Goethe’schen Weltanschauung», in «Wahrheit und Wissenschaft», in meiner «Philosophie der Freiheit» finden kann ? Ich habe doch als eine philosophische Ur-Erfahrung diese dargestellt, daß man das Begriffliche in seiner Realität erleben kann, und daß man mit einem solchen Erleben so in der Welt steht, daß das Menschen-Ich und der geistige Welt-Inhalt zusammenfließen. Ich habe zu zeigen versucht, wie dieses Erlebnis ebenso real ist wie eine Sinnes-Erfahrung. Und aus diesem Ur-Erlebnis geistiger Erkenntnis ist der geistige Inhalt der Anthroposophie herausgewachsen. Ich habe mich Schritt für Schritt darum bemüht, das « verstandesmäßige, wissenschaftliche Erkennen» mit der Exaktheit, die ich mir am Mathematikstudium erworben habe, dazu zu gebrauchen, die geistige Anschauung zu kontrollieren, zu rechtfertigen und so weiter. Ich habe nur so gearbeitet, daß die geistige Anschauung sich herauserhoben hat aus «verstandesmäßiger, wissenschaftlicher » Erkenntnis. Ich habe alles Spiritistische, allesVulgär-okkultistische streng von mir gewiesen. —

Wieder führt die Wissenschaftlichkeit Magers hier nicht zum Durchschauen des wahren Tatbestandes, sondern zur Behauptung von objektiven Unwahrheiten über Anthroposophie und mein Verhältnis zu ihr.

Wahrhaft, die Bestürzung muß groß werden, wenn man sieht, daß eine « Untersuchung» über Anthroposophie Stück für Stück den Boden abgräbt, auf dem Anthroposophie zu finden ist.

Der anthroposophische Geistesforscher durchschaut aus seinen Erkenntnissen heraus die Gründe für solche Seelenverfassungen, die nicht zu den objektiven Tatbeständen kommen können; allein Mager soll hier nicht vom Gesichtspunkte der Anthroposophie dargestellt werden, sondern lediglich vom Standpunkte des gewöhnlichen Bewußtseins, den er ja auch in seiner Schrift geltend machen will.

Ich frage nun: kann es noch fruchtbar sein, mit dem sich auseinanderzusetzen, was ein Gegner vorbringt, an dem man sieht, daß alles in Nichts zerfällt, das er über Anthroposophie vor die Welt hinstellt ? Kann man gegen Behauptungen diskutieren, die sich gar nicht auf Anthroposophie beziehen können, weil sie nicht etwa nur ein Zerrbild, sondern einen Widerpart von ihr malen ?

(So ist es auch kein Wunder, daß Mager selbst in Kleinigkeiten gegen mich ungerecht wird. Einen ganz offenbaren Druckfehler einer Auflage meiner «Theosophie», wo in der Numerierung «Verstandesseele» und «Empfindungsseele » verstellt sind — trotzdem, was vorher und nachher steht, ganz deutlich macht, daß man es mit einem Druckfehler zu tun hat —, benützt er, um die folgende Bemerkung zu machen: «Es ist bezeichnend für die wissenschaftliche Arbeitsweise Steiners, daß er hier die Verstandesseele vor die Empfindungsseele setzt, was seiner sonstigen Aufstellung widerspricht.»)

Es fehlt wohl, nach dem Dargestellten, gegenüber der Magerschen Schrift die Möglichkeit, in eine Diskussion darüber einzutreten, ob nicht in der- von Mager sogar recht anregend im dritten Kapitel «Seele und Seelenwanderung » geschilderten - aristotelischen Psychologie doch der Keim liege, die Ideen über die Seele von äußerlich zu Beobachtendem zu innerlich geistig Geschautem überzuführen; ob sich nicht also der Weg von dem aristotelischen Intellektualismus zur Anthroposophie als ein ungezwungen geradliniger ergibt.

Wie befriedigend wäre es, eine solche Diskussion zu führen, hätte nicht P. Mager zwischen dem, was er sagen will und dem, was Anthroposophie sagen müßte, einen Abgrund hingesetzt.

Ebenso befriedigend wäre eine Auseinandersetzung über die wiederholten Erdenleben und das Karma. Allein gerade da müßte Mager sehen, wie ich mich in neuen Auflagen meiner « Theosophie» immer wieder bemühte, dem, was in dieser Richtung die geistige Anschauung mit aller Klarheit ergibt, mit dem «verstandesmäßigen, wissenschaftlichen» Erkennen kontrollierend beizukommen. Das Kapitel «Reinkarnation und Karma » in meiner «Theosophie » ist dasjenige, das ich im Laufe der Zeit am öftesten umgearbeitet habe. Allein P. Mager benützt gerade eine Anzahl von Sätzen dieses Kapitels, um die Vorstellung hervorzurufen, als ob ich die «verstandesmäßig-wissenschaftliche» Klarlegung dieser Sache in einer recht trivialen Form gegeben hätte.

Mager möchte auch die Frage beantworten, warum gerade in dieser gegenwärtigen Zeit viele Menschen nach dem streben, was er «Theosophie» nennt, und wozu er auch die Anthroposophie zählt. Und er meint, daß ich viel zu wenig aus den tiefsten Zeitbedürfnissen heraus rede; daß Anthroposophie gar nicht sein kann, was die Menschen suchen. Aber auch, um darüber zu sprechen, müßte man sich ohne den Abgrund gegenüberstehen. Und besonders wenig fruchtbar müßte da eine Diskussion über das Verhältnis von Christentum und Anthroposophie sein.

So konnte ich P. Magers Schrift nur als etwas erleben, das sich von mit, indem ich es in den Seelenblick faßte, immer weiter entfernte, bis ich ersah: was da gesagt wird, hat im Grunde mit Anthroposophie und mir gar nichts zu tun.



  1. «Theosophie und Christentum» von Alois Mager, O,S.B, Berlin, Ferdinand Dümmlers Verlag. ↩

German original of Alois Mager's writing “Theosophy and Christianity” · ← Previous