Anspruchslose aphoristische Bemerkungen über das Buch: Reformation oder Anthroposophie?
Eine Schrift,1 über die ich nicht eine Beurteilung schreiben will. Was ich sagen werde, sollen lediglich Worte sein, die meine subjektiven Empfindungen beim Lesen der Schrift ausdrücken und die aus tiefbefriedigter Seele wie ein Geistesgruß an den Verfasser gerichtet sein mögen.
Nur so kann ich sprechen über eine Schrift, die von der Gesichtspunkte aus mein geisteswissenschaftliches Streben charakterisiert, den Pfarrer Ernst einnimmt.
Ich fühle zunächst den tief religiösen, aber auch den einzig wirklich einleuchtenden Zug aus der Schrift sprechen, der da weiß, daß in der Menschheitsentwickelung nichts wahrhaft Religiöses entstehen, oder fortgebildet werden kann, ohne daß ein wirkliches Hereingreifen der göttlich-geistigen in die physische Welt stattfindet. - Ohne daß ein Mensch oder Menschen wirklichen Verkehr mit dem Übersinnlichen haben, kann nichts Religiöses in die Welt kommen: darüber ist sich Edmund Ernst ganz klar.
Deshalb geht er von den übersinnlichen Erlebnissen der Reformatoren aus. Er zeigt, wie Luthers ganzes Leben im Grunde auf den Verkehr mit dem Übersinnlichen orientiert war. Wie Luther die Gefahren dieses Verkehrs wohl kannte, wie er wußte, daß übersinnliche Wesen in einer guten Maske zuweilen auftreten können, während sie teuflischer Natur sind. Auch für Zwingli zeigt Ernst, wie dieser in einem entscheidenden Punkte sein Verhalten abhängig gemacht hat von einer Wahrheitserkenntnis, die sich ihm aus der geistigen Welt heraus geoffenbart hatte.
Schlicht, aber eindringlich ist in dem Buche von dem geistig-übersinnlichen Quell als Religiösem gesprochen.
Damit aber ist dem Buche der Sinn des Verfassers eingepflanzt, der den religiösen Menschen macht. Das Buch erweist sich damit als ein solches, das aus einem geist-erfüllten, im Geiste lebenden Herzen geschrieben ist. Aus einer solchen Herzens-Gesinnung fällt immer lichtvolle Wärme auf die Durchführung des Einzelnen. Und diese Wärme wird bei Ernst nie zum gesuchten Gefühlsüberschwange geleitet; sie bleibt überall sachlich und sucht aus dem Sachlichen das « Ja» und «Nein» für eine Behauptung zu holen.
Darf, da solche Voraussetzungen bestehen, nicht von tiefster Befriedigung gesprochen werden, wenn Pfarrer Ernst in mutiger Art drei Hauptfragen zum Inhalt seines Buches macht ? Es sind drei Fragen, über die ich niemals selbst hätte sprechen dürfen; über die zu hören, was von solcher Seite zu sagen gewagt wird, ein inneres Seelenfest des Lebens genannt werden darf. «1. Gibt es vom geistigen Erleben der Reformation aus eine Möglichkeit, das zu verstehen, was die darbietet ?2. Muß das geistig lebenswirkliche Element der Reformation kapitulieren vor dem, was die ‹anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft› allfällig Neues bringt? 3. Müssen die Forschungsergebnisse des Geistesforschers vom Gesichtspunkt des reformatorischen Erlebens aus abgelehnt werden?»
Es muß schon tief befriedigend sein, diese Fragen gründlich-religiös behandelt zu sehen, nachdem von einer Seite, die vieles Ansehen hat, von Ragaz zum Beispiel über die von mir dargestellte Geisteswissenschaft geschrieben worden ist: «In diesem höheren Wissen kommt Gott im Menschen zu sich. Das Versprechen der Schlange ist erfüllt: Eritis sicut Deus, Ihr werdet sein wie Gott. So wird Theosophie Anthroposophie » (Leonhard Ragaz: Theosophie oder Reich Gottes? Flugschriften der Quelle 3. Rotapfelverlag 1922, Seite 18). Oder: «Wehe der Welt, wenn sie von dem Gott der Bibel zu dem der Theosophie abfiele - sie versänken in Traum und Tod, verlören Gott und den Menschen.» Seite 34. - Wer durch Geistesforschung Menschen-Seelen-Erkenntnis erwirbt, dem ist eine Seele wie die Ragaz’sche in ihrem dunklen Stürmen gegen Anthroposophie nicht etwas Unverständliches. Man kann sie durchschauen in ihrer bewußten Ideenwelt, und auch in den unterbewußten und halbunterbewußten Untergründen. Und man erkennt, wie sie aus diesen Untergründen heraus gar nicht das Gefühl in sich aufkommen lassen kann: da ist in der Anthroposophie ein Weg in die geistige Welt. Kann der nicht zum erneuten Durchschauen des biblischen Offenbarungswortes führen, das ja auch aus der geistigen Welt stammt? Ragaz’ Seele kann zu diesem Gefühle nicht kommen, weil sie sich durch die Wege zur Bibel, die sie sich nun einmal vorgezeichnet hat, den Weg gerade versperrt hat, durch den die Bibel selbst - nach Maßgabe der entsprechenden Zeit - zustande gekommen ist, und der sich in einer den Erkenntnis-Verantwortungen unserer Zeit gemäßen Art in der anthroposophischen Geistesforschung erneut.
Nun steht einer Kundgebung wie der Ragaz’schen die Ernst’sche (auf Seite 24f. seines Buches) gegenüber. Ich fühle wahrhaftig ein seelisches Erröten, indem ich die Worte hier nachschreibe: «Sofern Steiner die Tatsache vertritt, es sei möglich, die übersinnliche Welt zu erkennen und es sei möglich, die Menschen zu dieser Erkenntnis zu erziehen, so stellt er sich dar als der Empfänger einer Botschaft aus der geistigen Welt. Nur daß er dazu — und das geht über Luther hinaus — noch zeigt, wie auch andere dazu gelangen können, auf dem Wege des Schauens solche Empfänger zu werden.»
Und Pfarrer Ernst versteht in klarer Art, wie ich mich mit der anthroposophischen Geistes-Erkenntnis in das MenschenLeben hineinstellen möchte. Es liegt mir ganz fern, in irgend einer Art religionsstiffend aufzutreten, oder in irgend ein religiöses Bekenntnis einzugreifen. Ich habe kein anderes Bestreben als dieses: Was mir möglich ist, in übersinnlichen Welten zu erforschen, in Erkenntnisform mit dem rechten Verantwortungs-Sinn vor der heutigen Wissenschaft, der gegenwärtigen Menschheit mitzuteilen. Ich bringe vor, wovon ich mir sagen darf, daß es entweder überhaupt der gegenwärtigen Menschheit bei ihrem geistigen Reifezustand angemessen ist; oder einiges andere, wofür sich einzelne Menschengruppen in einer (esoterischen) Vorschulung die Reife erst erwerben.
Wenn die Bewegung für christliche Erneuerung entstanden ist, so ist das nicht auf meine Initiative hin geschehen, sondern auf diejenige hin einer Anzahl christlicher Theologen, die einen neuen geistigen Impuls gerade aus ihrem echt christlichen Empfinden heraus suchten, Sie glaubten, denselben in den geistigen Erkenntnissen, namentlich denen, die auch über einen Kultus möglich sind, der Anthroposophie zu finden; und ich war verpflichtet, dieser Gruppe von Menschen aus meiner Erkenntnis heraus alles zu geben, was ich geben konnte. Ich blieb der die Erkenntnisse aus der übersinnlichen Welt Mitteilende; und die Empfangenden und in die Erkenntnis Eindringenden taten das Notwendige zur Begründung der Gemeinschaft für christliche Erneuerung.
Alles das steht nun durch das Ernst’sche Buch wieder, und, wie ich meine, aus einer wirksamen Quelle, vor der Öffentlichkeit.
Pfarrer Ernst hat außer dem Ragaz’schen, oben angeführten Buche noch das andere auf seinem Wege gefunden. D.L. Johannes Frohnmeyer: «Die theosophische Bewegung, ihre Geschichte, Darstellung und Beurteilung. Zweite vollständig neu bearbeitete Auflage von Alfred Blum-Ernst.» Das aus Befangenheit stammende Gegner-Gerölle, das in diesen Schriften sich findet, hat Pfarrer Ernst in tatkräftigster Art zu zerstören unternehmen müssen, da er seinen positiven Feststellungen den rechten Boden schaffen wollte.
Über Frohnmeyers Schrift spreche ich nicht gerne. Ich muß sagen, wenn in den Behauptungen eines Menschen so viele objektive Unwahrheiten oft der allerabsurdesten Art auftreten, so kann bei ihm der Drang, die «Wahrheit» auch im Geistigen festzustellen, nicht groß sein. Das Buch zeigt, daß sich sein Verfasser eben nicht verpflichtet fühlte, die Objektivität einer Behauptung zu prüfen, ehe er sie aufstellt. Mit einer solchen Gesinnung kann ein wirklicher Erkenntnis-Mensch überhaupt nichts anfangen. Welchen bösen Unsinn hat doch Frohnmeyer über meine Christus-Statue geschrieben, ohne sich irgendwie verpflichtet zu fühlen, die Unterlagen für seine Behauptung zu prüfen! Ein solches Buch sollte unter ernsten Leuten doch für ein solches gelten, das mit Wahrheits-Erforschung nichts zu tun hat.
Pfarrer Ernst erwuchsen diesem Buche gegenüber noch besondere Schwierigkeiten. Er charakterisiert sie auf Seite 8 seines Buches: «Wenn es sich bei der Bearbeitung der 2. Auflage um einen Verwandten des Verfassers dieser Schrift handelt, so mag das kulturgeschichtliche Verantwortlichkeitsbewußtsein des Wahrheitsforschers, wie es eben dargestellt wurde, ein Maßstab zum Verständnis der Sache bieten. Biblizisten werden gebeten, aus den Evangelien die entsprechenden Worte für die Lebenslage des Verfassers zu suchen. Der Verfasser der 2. Auflage Frohnmeyers wußte, als er seine literarische Arbeit begann, daß der Verfasser dieser Schrift sich seit 1919 mit der hier behandelten Frage beschäftigt. Der Verfasser dieser Schrift wurde gelegentlich einer Besprechung dieser Sache von ihm aufgefordert, diesen Stoff zu behandeln. Es ist uns dies erst möglich geworden, nachdem wir zur nötigen Klarheit herangereift waren, um sachlich bleiben zu können. So werden persönliche Beziehungen das sachliche Urteil dieser Schrift nicht zu trüben vermögen, wie wir hoffen.»
Ich aber muß Pfarrer Ernst besonders dankbar sein, daß er gerade aus dieser Lebenslage heraus seine Objektivität gegenüber dem Blum-Frohnmeyer’schen Buch zur Geltung gebracht hat.
Besonders befriedigend ist mir, daß Pfarrer Ernst die sämtlichen Prüfungsmittel, die sich aus Luthers Stellung zur geistigen Welt und aus der Reformation ergeben, um meine Geistesforschung auf ihre Berechtigung hin zu untersuchen, auf diese anwendet. Und auch wie er meine rein aus Geist-Erkenntnis geschöpfte Interpretation an die ernste philologische Forschung, zum Beispiel dem «Ich bin, der ‹Ich bin› » gegenüber heranführt, stehe ich befriedigt gegenüber. Ich fühle mich immer vollbefriedigt, wenn man mit allen Mitteln, mit denen es nur irgend möglich ist, prüft, was ich vorbringe. Denn ich weiß, diejenigen Persönlichkeiten, welche wirklich scharf prüfen, werden solche Gegner nie werden, wie sie sich heute zumeist zeigen. Solche Gegner werden nur die nicht prüfenden, und ohne Prüfung aus irgend welchen Untergründen heraus scheinbar Beweisenden, oder auch bloß Behauptenden.
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Reformation oder Anthroposophie? Von Edmund Ernst. Im Verlag Paul Haupt, Akademische Buchhandlung, vorm. Max Drechsel, Bern 1924. ↩