Ein neues Buch über den Atheismus
Fritz Mauthner hat im Jahre 1910 ein «Wörterbuch der Philosophie » erscheinen lassen. Er hat in diesem Buche in alphabetischer Anordnung allerlei Betrachtungen über Begriffe niedergeschrieben, die gewöhnlich in der Philosophie behandelt werden. Das Licht, in welches diese Begriffe gerückt werden, ist dasjenige, das der Verfasser sich selbst und der Welt vor Jahren in seiner «Kritik der Sprache» glaubt angezündet zu haben. Nun liegen zwei Bände eines neuen Werkes Fritz Mauthners vor: «Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande» (1922, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin).
Wenn man nun nicht schon durch den Gebrauch der Sprache gegen Mauthner ungerecht werden will, so muß man beim Besprechen seiner Werke vor allem aus diesen selbst erst die Art ersehen, wie er gewisse Worte gebraucht. Man beginnt die «Geschichte des Atheismus» zu lesen. Im «Vorwort» stehen als erste Sätze: «Damit der Leser nicht bis zum letzten Abschnitt des vierten Bandes zu warten brauche, um das letzte Ziel dieses Werkes kennen zu lernen, will ich gleich an dieser Stelle ein Glaubensbekenntnis ablegen; ich möchte diejenigen, die mir vertrauen, auf die helle und kalte Höhe führen, von welcher aus betrachtet alle Dogmen als geschichtlich gewordene und geschichtlich vergängliche Menschensatzungen erscheinen, die Dogmen aller positiven Religionen ebenso wie die Dogmen der materialistischen Wissenschaft, auf die Höhe, von welcher aus übersehen Glaube und Aberglaube gleichwertige Begriffe sind. Was ich zwischen den Zeilen des niederreißenden Buches aufbauend zu bieten suche, mein Kredo also, ist eine gottlose Mystik, die vielleicht für die Länge des Zweifelsweges entschädigen wird.»
Der «Sprachkritiker» Mauthner könnte einem etwas unsanft auf die Finger klopfen, wenn man nun so ohne weiteres über dieses «Glaubensbekenntnis» Bemerkungen machte. Er könnte sagen: man sei eben in «Abhängigkeit von der Sprache». Und wenn er dazu, wie er bei einem Anlasse tut, auch noch den Satz fügte: «... Sprache, worunter aber auch die gemeinsame Sitte und Wissenschaft zu verstehen ist», so könnte er einem sogar noch auf den Mund klopfen.
Deshalb will ich bei einem Schriftsteller, der ein «Wörterbuch» geschrieben hat, zunächst einmal nachsehen, was er selbst über «Glauben » zu sagen hat, ehe ich über sein «Glaubensbekenntnis» eine Bemerkung machen will. Nun schlage ich Seite 438 des ersten Bandes des «Wörterbuches der Philosophie» auf. Da endet der Artikel «Geschlecht» und beginnt der über «Glück». Über das «Glauben » steht da nichts. Glaube steht in einem gewissen Gegensatz zum «Wissen». Also suche ich auf Seite 582 (des zweiten Bandes). Da aber folgt auf die «Wertgefühle» gleich das «Wunder». «Wissen» und «Wissenschaft» haben in diesem philosophischen Wörterbuch keine eigenen Artikel.
Wenn ich dazu einen Gedanken aussprechen wollte, so müßte er doch auf alle Fälle pedantisch werden. Ich habe ja dieses Wörterbuch zu oft da und dort immer wieder aufgeschlagen und gelesen, um nicht zu wissen, daß der Sprachktritiker Mauthner «unbedeutendere» Begriffe bei «bedeutenden» abhandelt. Und so suche ich bei «Wahrheit». Und da steht auf Seite 543 (2. Band): «Das Bewußtsein, daß der Glaube sich auch auf das Absurde beziehe, ist vielleicht am krassesten ausgesprochen in einer katholischen Schrift, die Paulus Sarpius zitiert ... Dieser Gegensatz zwischen Glauben und Wahrheitserkenntnis oder Wissen wird aber nicht allein von der Wortgeschichte des englischen truth überbrückt. Ich will gleich hier bemerken, daß unser glauben (althochdeutsch giloubon) so gut wie identisch ist mit geloben und daß dieses geloben in seiner ältesten nachweisbaren Bedeutung ein durch ge verstärktes loben, gut heißen ist. Vielleicht Übersetzung von probare. Ja, was einzig und allein zugrunde liegt, wenn man ein Urteil für wahr erklärt, wenn man zu einem Satze ja sagt und nicht nein, das ist in diesem alten geloben oder glauben schon enthalten. Loben, geloben heißt in den Nibelungen so viel wie unser verloben, das heißt feierlich ja sagen.»
Aber jetzt bin ich in derselben Lage, in der ich unzählige Male war, wenn ich das Mauthnersche Wörterbuch aufgeschlagen und den oder jenen Artikel gelesen habe. Da wollte ich etwas über die «Sache » lesen; ich wurde sogleich von der Sache auf die Wortbezeichnung der Sache verwiesen. Wortbesprechung schloß sich an Wortbesprechung. Über außerordentlich Geistreiches ging es zu abscheulich Philiströsem, über sicher Festzustellendes zu oft komisch Gewagtem. Und dann — Schluß. Die «Sache» war über lauter Worterklärungen verloren.
Immer wieder fiel mir beim Lesen von Mauthners Schriften das Buch von Nietzsche ein über David Friedrich Strauß, den Philister und Schriftsteller. Und ich verzieh mir stets diesen Einfall. Ich hatte etwas zu « verzeihen ». Denn ich schätze vieles bei Mauthner: ein großes Wissen, ein doch oft gesundes Urteil, ein mutvolles Aussprechen des von ihm Gemeinten, und noch vieles andere. Aber « verzeihen » konnte ich mir, weil ja doch Strauß, den Nietzsche als « Philister » entlarvt hat, auch ein schätzenswerter Mann war.
Wenn ich nun nicht denken soll, daß Mauthner, indem er sein «Glaubensbekenntnis» ablegt, eigentlich meint, er wolleim Sinne des Nibelungen-Sprachgebrauches — seine Ansicht «loben », zu ihr «feierlich ja sagen», so komme ich durch seine eigene «Erklärung » nicht gerade sehr weit, wenn ich Gedanken formen soll über das, was er «zwischen den Zeilen des niederreißenden Buches » über eine «gottlose Mystik » sagen will. Aber auch dann hat man es nicht leicht, wenn man das « Aufbauende», das in dem Buche nicht steht, vorläufig beiseite läßt, und sich an das «Niederreißen» hält, von dem so viel darinnen steht.
Mit diesem «Niederreißen » ist ja Mauthner doch nur ein Kind seiner Zeit. Diese hat alle Kraft verloren, um von dem abstrakten Denken zu einem wirklich erlebten Seeleninhalt zu kommen. Und nur ein solcher führt auch zu einem geistigen Weltinhalt. Man muß die geistige Realität erst in der Seele finden; dann bindet man sich mit dem eigenen Geiste an den Geist der äußeren Wirklichkeit. Kennt man das Denken nur als abstraktes, das eine Wirklichkeit bloß abbildet, dann muß man den Geist der Welt verlieren. Denn in der bloßen Abstraktion führt kein Weg vom Gedankenbild zur Wirklichkeit. Diese Krankheit der Zeit hat nun Mauthner auf seine besondere Art ausgebildet. Er gibt sich nicht damit ab, wie andre Skeptiker das Denken zu untersuchen und dann zu zeigen, daß dieses ohnmächtig ist gegenüber einem Erfassen der «wahren Welt»; er hält sich an die Worte, durch welche die Gedanken ausgedrückt werden. Er kann in den Worten erst recht nicht die «Sachen» finden, die andere in den abstrakten Gedanken nicht entdecken können. Er kann auf seine Art jeden Gedanken, durch den einmal Menschen unter dem Zwange des Erlebens an eine Wirklichkeit heranzukommen strebten, in den Worten suchen,durch die man ihn ausgedrückt hat. Er findet den Gedanken in den Worten nur schillern, und kann nun sagen: alles entfällt einem, wenn man eine «Wirklichkeit» aus einem Worte saugen will.
Aber damit geht man doch nur an allem Erleben der Wirklichkeit vorbei. Man untersucht die Bezeichnungen der Wirklichkeit und sagt: in diesen Bezeichnungen ist keine Wirklichkeit. — Ja, aber könnte Mauthner nun nicht erwidern: das wolle er doch gerade zeigen. Er wolle sagen: die Menschen denken in Worten und glauben damit «etwas» vom Wirklichen zu haben. Sie haben aber in den Worten nichts Wirkliches.
Ob doch Mauthner sich einmal völlig darüber auseinandergesetzt hat: wie armselig eine Menschheit wäre, die in Worten, oder auch nur in Gedanken in seinem Sinne etwas Wirkliches hätte. Da sähe man nicht das Pferd, sondern den Gedanken, das Wort des Pferdes. Und durch diesen Gedanken, dieses Wort, die man sich vor das Seelenauge stellte, käme man gegenüber dem Geistigen in die Lage, wie jemand, der vor seine physischen Augen eine undurchsichtige Scheibe hielte und dadurch nichts von den physischen Dingen sehen könnte. Wie gut ist es doch, daß man in den Worten nichts Wirkliches zu sehen braucht; man kann dadurch mit ihrer Hilfe das sehen, was sie bezeichnen.
Mauthner hat sich durch seine Zeit zum Skeptiker erziehen lassen. Nun wollte er die Skepsis noch tiefer begründen als andere. Er hat dieses getan, in dem er aus der tieferen Seelenregion der Gedanken in die oberflächlichere der Worte gegangen ist. Er hat sich gründlich in der Richtung geirrt. Er wollte durch einen Drang seiner Seele nach unten und ließ sich von dem Geiste der Zeit nach oben treiben.
Und er hat nun auch wirklich in diesem Sinne «gründlich», das heißt, wenn man es in dem von Mauthner herausgeforderten Sinne versteht, vom «Grunde hinweg » in seinem neuesten Buche wegdekretiert «Gott», «Seele» und vieles andere, indem er die Wortvorstellungen « von Gott», « von Seele» und so weiter kritisiert. Man erlebt auf 1250 großen Seiten die Worte, in denen im Mittelalter, in der Neuzeit, auch im Altertum über «Gott», «Seele» und so weiter gesprochen worden ist; und man wird im Gewebe der Worte überall über das hinweggeführt, was als «Gott», als «Seele» Menschen erlebt haben.
Aber wieder kann Mauthner sagen: ja, das ist es eben, daß man auf andere Art zur Wirklichkeit kommen müßte als durch die Worte, oder, wie er immer wieder zu betonen beliebt, durch den Wortaberglauben. Es soll ja zuletzt doch nicht darauf hinauskommen, bloß die Wirklichkeit zu entgöttlichen, sondern durch diese Entgöttlichung den Weg zu einer «gottlosen Mystik» zu bereiten.
Mauthner hat es dahin gebracht, dicke Bücher zu schreiben, bei denen es darauf ankommt, durch das, was in den Zeilen steht, auf das gewiesen zu werden, was zwischen den Zeilen steht. Da soll eine «gottlose Mystik» stehen. Es ist ja auch kein Wunder, daß da nichts steht. Denn was sollte dastehen, wenn nicht «Worte»? Diese aber hätten so wenig Beziehung zur Wirklichkeit wie diejenigen, die in den schwarz bedruckten Zeilen stehen.
Ich muß gestehen, daß ich diese «gottlose Mystik» schon immer zwischen den Zeilen der Wörterbuch-Artikel gesucht habe. Aber ich gestehe beschämt, daß ich da doch immer nur weißes Papier gesehen habe. Denn war ich mit einem Artikel über irgend etwas zu Ende, so war für dieses «Etwas» während des Tanzens in Worten der Boden fort; man ging nicht mehr, man «flog». Aber dieses «Fliegen» war recht windig; denn man bemerkte, daß man sich wie eine berühmte « Persönlichkeit» an seinem eigenen Haarschopf in die Höhe gehoben hatte.
So fliegt man durch die 1250 Seiten der Mauthnerschen Geschichte des Atheismus und auch über die meisten Flächen zwischen den Zeilen. Und zuletzt merkt man, daß die oben gekennzeichnete Prozedur doch nicht zum «Fliegen » geführt hat, sondern, daß man wie angenagelt im Ausgangspunkte geblieben ist. Aber man hat, wenn auch nur im « Abglanz der Worte», viel Interessantes, Geistreiches, Mutvolles gesehen. Und das kann man ja auch, wenn man trotzdem mit der Erkenntnis «nicht vom Flecke kommt».1
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Ich unterbreche mit diesem Aufsatze die Veröffentlichung der Betrachtungen, welche den Inhalt des französischen Kurses am Goetheanum gebildet haben. Aber ich sehe in dem oben Gesagten einen episodischen Übergang von den Betrachtungen des übersinnlichen Erkenntnislebens zu der Darstellung der übersinnlichen Weltgebiete selbst, mit der die Veröffentlichungen der letzten vier Nummern demnächst ihre Fortsetzung finden sollen. Vielleicht findet man doch, wenn man auch diese Episode liest, daß das später zu Sagende nicht so in der Luft schwebt, wie es scheinen könnte. ↩