«Der Spiegelmensch» von Franz Werfel
I
Eine wirkliche Dichtung, die in der Welt der menschlichen Geisteserlebnisse sich bewegt, muß heute das tiefste Interesse erregen. Für Franz Werfels Trilogie «Spiegelmensch» (Kurt Wolff Verlag, München) darf dies gesagt werden.
Die Entwickelung einer Menschenseele dutch drei Stufen der Welteinsicht steht vor dem, was Goethe das sinnlichübersinnliche Schauen genannt hat. Vielleicht treffe ich, was sich diesem Schauen durch Werfels Dichtung darstellt, am besten, wenn ich frei schildere. Ein Mensch will die Welt, in die ihn das Leben hineingestellt hat, verlassen, weil er in ihr nicht wirklich Mensch sein kann. So wie diese Welt ist, so verkümmert sie für seine Empfindung den Wesenskern des Menschen. Sie läßt ihn nicht Dasein gewinnen. Er will in ein Kloster eintreten, Die schon innerhalb dieses Klosters ihr Leben verbringen, um im Abgestorbensein gegenüber der täuschenden Welt die wahre durch sich zu erbilden, bedeuten ihm, daß er eine schwere Bürde auf sich lädt. Man rät ihm ab, den Sprung ins Ungewisse zu tun, weil er nicht gewachsen der Gefahr erscheint. Er läßt sich nicht abhalten. Man spricht ihm von drei Schauungen, durch die der Mensch sich zum Erleben in der geistigen Welt hinaufarbeitet. Er tritt den Weg an, der nach den zwei ersten Stufen zur dritten führt, auf der der «Geist im Menschen» das «geistige Wesen der Welt» schauend erreicht.
Im ersten Teil der Trilogie wandelt sich durch die Anregung äußerer Mittel (Einsamkeit, Beschauen der eigenen Gestalt im Spiegel, wo sie physisch ähnlich, geistig durch das verwandelte Anschauen unähnlich ist) die Seelenschau so, daß der Wegsuchende wissen lernt, wie die Welt, die er bisher erlebt hat, nur die Rückspiegelung seines eigenen Wesens ist. Er lernt wissen, was andere nicht wissen, daß der Mensch, der keine innere Entwickelung durchmacht, glaubt eine Welt vor sich zu haben, in der Tat aber nur vor einem «Spiegel» steht. Hinter dem Spiegel ist die Welt. Was der Mensch sieht, ist nur sein eigener Inhalt, der ihm vom Spiegel zurückgeworfen wird. Der Mensch lebt über diese Spiegelwelt so lange in Täuschung, als er nicht wenigstens innerhalb der Spiegelbilderwelt sein eigenes enges Menschenselbst als Wirklichkeit ahnen lernt. Dazu wird 'Thamal, der Wegsucher, gebracht. Aus dem in seiner Zelle aufgestellten Spiegel springt dem Träumend-Wachenden sein ihm ähnlich-unähnliches Spiegelbild als wirkliches Wesen entgegen. — Er ist nun «in sich»; aber dieses «Ich-sich » ist außer ihm. Um Et selbst zu sein, hat er erst zu sich kommen müssen; aber nun führt ihn dieses errungene Selbst wie ein Anderer.
Im zweiten Teil der Trilogie «Eins ums Andere» führt nun der Spiegelmensch, welcher der Andere und doch erst wahrhaft Er selbst ist, den Wegsucher durch die Welt, in der er früher glaubte wirklich gewesen zu sein, in der er aber doch nur mit seinen Illusionen war. Er trifft wieder zusammen mit den Menschen, mit denen ihn das Schicksal zusammengeführt hat; er macht mit ihnen Erlebnisse durch; doch er erlebt jetzt anders als früher. Er erlebt wie ein Menschenwesen, das in steigender Art seinen tieferen Seelen-Inhalt bewußt aus sich heraus setzt; seine Welt wird reicher; der Abgrund zwischen ihm und den Ändern immer breiter. Sein Bewußtsein verdichtet sich im Erleben. Er wird reif, sein eigener Richter zu werden. Er sieht, was «gerichtet» werden muß in seiner Seele. Der neue Mensch, der den alten schauen kann, spricht das Todesurteil über diesen alten aus, der nicht schauen konnte, aber der doch bisher gehandelt hat.
Im dritten Teil ist der Wegsucher wieder mit dem verdichteten Bewußtsein, als einer, der seinen vorigen Menschen in Selbstgerechtigkeit ausgelöscht hat, in der Einsamkeit vor dem Spiegel. In seiner Umgebung sind die, in deren Mitte er aufgenommen werden wollte. Aber der Spiegel ist jetzt kein Spiegel mehr. Er ist zum «Fenster » geworden.
« Thamal (berührt den Spiegel). Mächtige Zaubeterschütterung. Mit einem Schlag hat sich der Spiegel in ein gigantisches Fenster verwandelt. Von allen Seiten strömt rasendes Tageslicht in die Halle. Hinter dem Fenster eine stark bewegte, trunkene Farben- und Formenwelt, die für den Zuschauer jene höhere Realität bedeuten soll, die nur den Personen auf der Bühne zugänglich ist. Mönch: «Steh auf und sieh!» Thamal (kehrt sich geblendet um): «Das Licht! Das Licht! Die Wonne trag ich nie!» Mönch (sehr feierlich):
Nun bist du aus des zweiten Lebens Nacht
Zar Schau der Morgen-Wirklichkeit erwacht.
Denn hinter dir versank die Spiegelwelt,
Die uns die Fratze gegenüberstellt
Der eigenen Person in jedem Wesen,
Die Welt, in der die Wenigsten genesen.—
Wir alle gingen durch, doch was wir sahn
War nicht, was wir zu sahn, zu lieben meinten.
Denn jedes Wesen ward zu unserm Wahn,
Wir blieben heil, doch jene Opfer weinten. (Pause) Wir waren einst, wir alle, solche Toren,
Und haben hier in einer alten Nacht
Das falsche Ich befreit, das wahre umgebracht,
Und schließlich unser Spiegelbild verloren.
Nun bist auch du zum zweitenmal geboren!
Neu spannt dein Lebensnerv sich und befreit
Von dumpfer Ehrsucht, wüstem Widerstreit.
Du tauchst aus Tod, aus ungewissen Leiden,
Aus allem auf, was feig und halb und vag,
Und lernst mit freien Blicken unterscheiden
Die kranke Dämmerung vom reinen Tag!
Thamal
(in die kaleidoskopisch immer neu durcheinander wandelnde Landschaft) Ich sehe - Ich sehe - Ich sehe! —
Abt
(tritt zu ihm) Der jüngste bist du der Wiedergeburt.
Drum nimm hier des Amtes goldenen Gurt!
Trüb raucht dir das Haupt von menschlichen Stunden,
So bist du zumeist noch der Maja verbunden.
Erst mußt du in Sorgen, Umsichten und Pflichten
Die Seele auf selbstlose Ziele richten,
Dann magst du versuchen die felsigen Stufen
Der Liebe zu steigen, die her dich berufen,
Um endlich die letzte Vollendung zu finden
Im süßen Erlöschen und Ausdirverschwinden. (stark) Nimm denn!
Thamal
(legt den Goldgürtel an)
Abt und Mönch
(neigen sich vor ihm)
Indem die sechsundzwanzig Mönche ungerührt und mild grinsend hockenbleiben schließt die magische Trilogie.»
II
Eine Dichtung muß als Kunstwerk genommen werden. In Werfel ist dichterische Kraft. Deswegen kann man beim Spiegelmenschen damit beginnen, ihn als Kunstwerk zu nehmen. Aber man wird, wenn man dies mit dem allerbesten Willen vom Anfang an getan hat, im weiteren Verlaufe, aus der künstlerischen Stimmung immer wieder herausgeworfen. Am Ende möchte man mit der Stimmung, die man von den sechsundzwanzig «ungerührten, mild grinsenden, hockenbleibenden» Mönchen gewonnen hat, wieder in die Dichtung zurückkehren, und das Ganze humoristisch nehmen. Doch das geht nun auch wieder nicht. Da entsteht die unerlaubte Komik von Karikaturen, die in ihrem Handeln vergessen, daß sie Karikaturen sind, und Wirklichkeiten spielen.
Man will aber nun doch - ja, was will man denn?! Man ermahnt sich: Sei kein Philister, denn Franz Werfel ist ein Dichter. Man bemüht sich, die «anschaulichen Bilder» der Dichtung zu fassen. Denn solche gibt doch der Dichter. Aber man sieht sich zuletzt immer wieder erfüllt mit blutleeren Abstraktionen, denen die Kleider von Menschen angedichtet sind. Man möchte in die dichterische Intuition hinein — und man wird auf Schritt und Tritt zum Gebrauche seines Intellektes gedrängt, der symbolisierend eine Welt gestalten soll, die nicht da ist. Konstruktion zu einem Haus, zu dem das Baumaterial fehlt. Skizzen, denen der Keim zu Bildern fehlt. Ich bin ganz unzufrieden mit mir. Denn eigentlich interessiert mich dieser «Spiegelmensch» doch. Nur wird mir das Interesse immer wieder durch das ausgetrieben, was ich geschildert habe.
Aber vielleicht habe ich die ganze Sache doch noch gar nicht begriffen. Drum noch einmal frisch ans Werk mit einer andern — wie nennt man’s doch heute — «Einstellung». Zwar muß man da noch einmal durch alle Geschmacklosigkeiten, Trivialitäten und Schlimmeres, durch den unmagischen zweiten Teil der «magischen » Trilogie durch. Aber wer sich heute an dergleichen stößt, ist eben ein unverbesserlicher Philister. Drum sag? ich lieber, wenn der Wegsucher Thamal eben ein Kerl ist, der in seiner Art auch schon in der Maja geschmacklos und ein wenig unsauber erlebt: warum sollte es dem Dramatiker verwehrt sein, ihn durch Geschmacklosigkeiten zu schleppen, wenn er aus dem «Eins» der Maja ums « Andere » der Geist-Wirklichkeit herumkollert?
So sei denn nochmals angesetzt. Es laufen doch heute in der Welt so viele «Magier» und «Mysten» und gar «Okkultisten» herum, die zwar mit den allzumenschlichen Seelengeweben die Maja ganz derb lieben, dafür aber augendrehend und kinnverzerrend für männliche und weibliche Schwärmer Koketterien von erhabenen «Erkenntnispfaden» plaudern, auf denen man hinanklettert, daß die Gedanken schwindelig werden. — Könnte denn Werfel nicht einen solchen Okkultisten haben karikaturenhaft zeichnen wollen? Dann hätte er als Künstler wohl recht, wenn er ein dergleichen Abstraktum, das doch nur unbeobachtet konkret wird, als Karikatur zeichnet, die, wohl oder übel, zuweilen aus ihrer Rolle fallen muß. Nur bleibt da wieder unverständlich, warum dann auch die andern Personen, die doch - vom Majastandpunkt aus - ganz gute Bürger und Bürgerinnen sind, sich in diesem labilen Gleichgewicht zwischen Abstraktum und Mensch halten müssen. Wenn schon der Thamal alle Augenblicke künstlerisch umfällt: warum purzeln denn auch die andern, die doch keine Miene machen, von ihrem Fall durch einen Zuruf «Steh’ auf und sieh!» sich zu erheben? Es scheint beim besten Willen nicht zu gehen. Auch wenn man sich satirisch-humoristisch «einstellt», stört die Umgebung des Thamal.
Und erst der Thamal selbst! Wenn er satirisch genommen werden soll? Dann könnte er doch nur das Zerrbild des « Magiers» sein. Aber Zerrbild hin - Zerrbild her — dieser Thamal «geht» durch drei Teile einer Trilogie und — steht dabei auf dem Kopfe. Das wird selbst der magischen Koketterie zu bunt.
Thamal steht auf dem Kopfe der intellektuellen Allegorie. Und diese ist ernsthaft dem nachgebildet, was in mystischen Leitfäden als der «Entwickelungspfad des Menschen» geschildert wird; Thamal kann also doch nicht als satirisch-humoristische Figur genommen werden. Als solche müßte er auf den beiden Maja-Beinen seinen Weltenweg durchwandern, und als Pseudo-Magier das Ende erreichen. Er müßte dann die Allegorie als Scheingebilde kopfwärts tragen; in der Dichtung aber ist er auf die Allegorie gestellt, die seinen Kopf zum Stützpunkt macht.
Es scheint durchaus berechtigt, daß man über den «Spiegelmenschen » so hin- und herprobiert, wie man ihn eigentlich zu nehmen hat. Sollten sich unbedingte Verehrer von ihm finden, so werden sie sagen: der weiß eben nicht, worauf es ankommt, der so herumprobiert. Er hat die Dichtung eben nicht verstanden.
Dem aber sei erwidert: Wie diese Dichtung auch zu nehmen ist; ein ernsthaftes Erfassen der Geisteswelt ist in die künstlerische Gestaltung der Personen und Handlungen nicht ausgeflossen. Und das eben wollte ich dadurch veranschaulichen, daß ich zeigte, man könne sich über den «Spiegelmenschen » aus den verschiedenen Ecken heraus verschiedene Gedanken machen. Man wird dazu angeregt, weil allerlei Ausgedachtes sich als Kunstwerk geben will. Wäre die dichterische Gestaltungskraft — die ich in Ansätzen überall zugebe - nicht ganz und gar verkümmert dutch die intellektuelle Konstruktion, so fühlte man sich auch nicht hingelenkt zu den «Wenn» und «Vielleicht» des klügelnden Verstandes.
Man könnte sogar versucht sein, die ganze Dichtung unter Verwandlung der Vorgänge von hinten nach vorne umzudichten. Thamal könnte zuerst durch das «Fenster» schauen. Der Mensch ohne alle mystische Entwickelung tut dies. Er hat noch sein Ich nicht gefunden. Er nimmt die Welt, die er sieht, als Wirklichkeit. Er findet dann, wie zum «Fenster» hereinkommt ein Wesen, ihm ähnlich-unähnlich, das ihm zunächst unverständlich ist. Es führt ihn durch den zweiten Teil der Trilogie «Eins ums Andere». Er fühlt sich immer mehr in dieses Wesen hinübergezogen; zuletzt tritt er ganz in dasselbe ein. Er hat damit sein wahres «Ich» gefunden. Das aber trägt die Geistwelt in sich, und es wandelt das «Fenster» in den «Spiegel», der jetzt Wahrheit offenbart, weil er, was Bild ist auch als Bild zeigt, während der wahre Mensch sein Wesen und mit ihm das Weltwesen nicht durchs Fenster ansieht, sondern es vor dem Spiegel erlebt. Wer in dieser Richtung sich entwickelt, dem ist das Gesehene Maja, ob er es in Reflexion aus dem Spiegel, oder direkt durchs Fenster sieht.
Die wirkliche geistige Entwickelung des Menschen geht auf ganz anderen Wegen vor sich als auf dem, der in dieser Trilogie dargestellt ist. Sie hat Anfang und - zwar nicht Ende aber Fortgang, der von innerer Notwendigkeit getragen ist. Und es ist dies die Notwendigkeit eines Erlebens, das gestaltet, zum Kunstwerk werden kann. - Wer aber bloß zum Gedanken dieses Erlebens kommt, der unterliegt dem Schicksal des Gedankens. Kein Gedankenzusammenhang deckt sich so mit dem Erlebnis, daß man das Gedanken-Symbol des Endes nicht auch zu dem des Anfangs, und umgekehrt, machen könnte.
Und schließlich ist ja im « Spiegelmenschen » der «Spiegel» im Anfang noch mehr «Fenster», als das «Fenster» am Ende, das eigentlich wirklich nur ein «Spiegel » ist. Da steht die szenische Bemerkung: «Hinter dem Fenster eine stark bewegte, trunkene Farben- und Formenwelt, die für den Zuschauer jene höhere Realität bedeuten soll, die nur den Personen auf der Bühne zugänglich ist.» Mag sein, daß Thamal die Bedeutung dieser trunkenen Farben- und Formenwelt durchschaut. Wenn sie ihm eine höhere Welt enthüllt, dann kann es auch der «Spiegel», der ihm das eigene Antlitz entgegenhält.
Ich hoffe, daß diese Darstellung nicht als eine «abfällige Kritik» gedeutet wird. Was ich hier geschrieben habe, ist von Interesse für die Dichtung Werfels eingegeben. Dieses Dichters künstlerische Kraft ist bedeutend. Schätzbar ist es, daß er mit dieser dichterischen Kraft in das Element der geistigen Entwickelung der Seele untergetaucht ist. - Doch wenn der Gegenwartsmensch an das Geistige und sein Leben herankommt, dann wird er zum Begriffsgestalter, Symboliker, Allegoristen. Auf diesem Wege erstirbt aber der Geist. Der Gedanke ist der Leichnam des erscheinenden Geistes. Die Menschheit brauchte den Intellektualismus, um das intuitive Leben in der Freiheit zu erringen, das nur wesen kann im unlebendigen Geist, im Begriffsgeist. Die Kunst aber bedarf des lebendigen Geistes. Bei Homer ist es nicht nur Redensart, wenn er die «Muse» sprechen läßt. Klopstock ließ so noch die «unsterbliche Seele» sprechen. Goethe sprach es nicht aus; aber, wer sein Erleben kennt, der weiß, wie er es empfand. Eine Dichtung, die in das Geistige eindringt, bedarf wieder des Erlebens im Geiste. Das muß doch kommen, wenn die Kultur von dem gegenwärtigen toten Punkte aus aufwärts kommen will. -Was ich gesagt habe, widerspricht nicht der Tatsache, daß Werfel doch zu diesem Aufwärtskommen viel getan hat. - Ich konnte meine Zustimmung zum «Spiegelmenschen » nur durch meine Einwände ganz zum Ausdrucke bringen.