Albert Steffens «Pilgerfahrt zum Lebensbaum»
I
Albert Steffens «Viergetier» hat mancher als eine «Pilgerfahrt » in die Ideenwelt der Anthroposophie empfunden. Solche Empfindung kann nicht entstehen, wenn die Seele mit ihrem Erleben wirklich in das Drama eindringt. Denn in diesem fließt das Geschehen aus der äußeren sinnenfälligen Wirklichkeit in die Geistsphäre durch die tiefere Erkenntnis des Menschen hinüber, die dem Dichter als innere Wesenheit seines Geistes eigen ist. DaB dieser Dichtergeist mit den Personen seines Dramas in den rechten Augenblicken in eine Geist-Welt aufsteigt, dazu braucht er der Anlehnung an eine Theorie nicht. Er braucht den Weg in die geistige Welt nicht von der Anthroposophie zu lernen. Aber Anthroposophie kann von ihm eine lebendige, im Seelenleben veranlagte «Pilgerfahrt» nach der Geist-Weit kennen lernen.
Ein solcher Dichtergeist muß, wenn er richtig empfunden wird, innerhalb der anthroposophischen Bewegung als der Träger einer Botschaft aus der Geist-Sphäre empfunden werden. Als gutes Schicksal muß es gefühlt werden, daß er innerhalb dieser Bewegung wirken will.
Er fügt zu den Beweisen, die Anthroposophie von ihrer Wahrheit geben kann, den hinzu, der in einer schaffenden Persönlichkeit als lebendiger Geistträger wie das Licht dieser Wahrheit selber wirkt.
Nun fällt mit der öffentlichen Urteilsbildung über das «Viergetier» das Erscheinen eines kleinen Büchelchens von Albert Steffen zusammen: « Pilgerfahrt zum Lebensbaum.» (Verlag Seldwyla, Zürich.)
Ein Büchelchen, das lebt. Denn vereinigt sich die lesende Seele mit dem, was aus den wunderbaren Sätzen spricht, so verwandelt sich alles, was man vor sich hat. Der Eindruck vergeistigt sich; ein Mensch steht vor der Seele, der intime Geheimnisse der Erden-Natur durchschaut, der beleuchtend auf die Natur zu weisen vermag, so daß sie in seinem Lichte ihre Mysterien zurückstrahlt.
So steht Albert Steffens Dichtergeist hinter dem Büchelchen und erscheint geistig, wenn man das Licht empfindet, das aus ihm strahlt.
«Ich empfange meine Besuche gern im Garten. Jedermann, der kommt, lehrt mich, die Gewächse auf neue Art betrachten. So wie der Mensch, mit dem ich durch die Anlagen promeniere, die Augen umherwirft, ergibt sich mir schr bald, ob er Naturforscher, Maler, Musiker, Landwirt und so weiter ist. Liebende zeigen sich im herrlichsten Flor. In sich selbst Verliebte bleiben dürr und kahl auch beim blütenübersäten Apfelbäumchen.»
So spricht, wessen Seele aus Welten-Sternenweiten ihre Lebenskräfte empfängt; denn was sie so empfangen, das offenbart sie, wenn sie auf die Geschöpfe blickt, die den Menschen umgeben, auf daß er durch sie in jedem Augenblick das Leben aus den Tiefen des Seins neu empfange.
Und so wird die «Pilgerfahrt zum Lebensbaum» für die dichterisch empfängliche Seele ein geistiger Erfrischungstrank, und der Vermittler einer Bekanntschaft mit einem Dichtergeist, der die Natur in ihrem Geist-Worte zu offenbaren vermag.
Was spricht doch alles aus Worten wie diesen: «Wüßte man, was im Inneren eines Buben sich abspielt, wenn er den ersten Heuapfel herunternimmt, mit dem Daumen prüft, krachend aufbeißt und, bevor er ihn verzehrt, die Kerne im Gehäuse betrachtet, die noch weiß sind, höchstens einen gelblichen Anflug haben! Er fühlt mit einer Art von Natur-Gewissen: Erst wenn die Kerne dunkelbraun sind, haben Sonne und Mond die Arbeit am Apfel vollendet, derart, daß er für mein Bäuchlein paßt. Vorher ist es unrecht, ihn zu brechen. Wenn nun gar das Ästlein, woran der Apfel hängt, diesen nicht loslassen will und geknickt werden muß, so spürt der Junge sein Vergehen. (Weniger dem Bauer gegenüber, den er beraubt.) ... Die Erwachsenen verlieren die Fähigkeit, die Götteralchemie zu goutieren. Warum ? Weil sie in ihrem Selbstbewußtsein verhärten.»
Aber wahre Dichtergeister stehen da im Leben, um die verhärteten Selbstbewußtseine an die Götteralchemie immer wieder heranzuführen.
Mein Blick wird von dieser «Pilgerfahrt zum Lebensbaum» zurückgelenkt zum Erstlingswerk Albert Steffens «Ott, Alois und Werelsche», mit dem er 1907 die Welt begrüßte. (S.Fischer Verlag, Berlin.)
Denn als Gruß an die Welt empfinde ich zu allererst das Buch. Es grüßt eine Menschenseele, die die Pilgerfahrt nach dem ganzen vollen Leben in ihrer Art angetreten hat und die, erfüllt von den Eindrücken, die sie empfangen, zu andern Menschen so sprechen muß, wie man spricht, wenn man einen recht herzhaften Gruß dem Andern entgegenbringt.
Intim mit Natur und Menschenleben hat der Dichter dieses Romanes gelebt. Seine Seele hatte die Gabe mitempfangen, nicht nur in sich, sondern vor allem in dem zu sein, was liebevollstes Beobachten zum Leben der Seele machen kann. Aber es ist ja das Geheimnis der Menschenseele, daß sie sich um so mehr in das eigene Innere versenkt, je mehr sie in hingebungsvollem Erleben der Außenwelt aufzugehen vermag.
Ob sein Werk ein «Roman» werde, das ging den jungen Weltbeobachter noch gar nichts an. Er «komponiert» noch nicht; er trägt das dichterische Licht in die Welt, das er selber empfangen hat.
Man muß alle Augenblicke mit dem Empfinden stille halten, wenn man «Ott, Alois und Werelsche » lest. Denn aus den Zeilen steigt dieses dichterische Licht auf als milde Funken. Sie sind Liebe, die am Dasein durch ein Menschenherz erlebt, leuchten. Und «leuchtende Liebe» ist ja der Offenbarer wahren Lebens.
Auch die Natur «komponiert» nicht; sie stellt ihre Gebilde vor die Welt hin. Und Geist-Natur ist, womit sich der junge Albert Steffen verbunden hat; sie führte ihn weiter auf der «Pilgerfahrt zum Lebensbaum ». Wer so ins Leben schaut, wie der Dichter von «Ott, Alois und Werelsche», der kommt auf dieser «Pilgerfahrt» dahin, wo der schaffende Weltengeist in die beobachtete Natur- und Menschenwelt einstrahlt.
Der Dichter von «Ott, Alois und Werelsche» sieht, was sich von den Geheimnissen des Daseins in den einfachen menschlichen Geberden, in den Alltagshandlungen als Symptom offenbart. Eine Symptomatologie schönster Art ist Steffens Erstlingswerk. Aber die Symptome, die noch gefühlesmäßig — wenn auch unbewußt — gedeutet werden müssen, wenn durch sie der Geist offenbar werden soll, sie werden durchsichtig — und auf der anderen Seite der Wirklichkeit erscheint, was im «Viergetier» sich vor den Geistblick hinstellt, ohne Deutung, für sich selbst sprechend. - - Es muß so der Seelenblick liebevoll wie des jungen Albert Steffens Blick auf den geist-deutenden Symptomen des Lebensbaumes ruhen können, er muß das Gemüt so lichtvoll durchdringen können, wenn er zu jenem empfindenden Schauen heranwachsen soll, das im «Viergetier» den «Lebensbaum » allseitig zur Offenbarung bringt.
Die Allseitigkeit des Lebensbaumes sucht Anthroposophie; und sie sucht Albert Steffens Dichtergeist. Deshalb haben sich wohl beide zusammengefunden.
II
Erst 1912 schickt Albert Steffen seinen zweiten Roman in die Welt: «Die Bestimmung der Roheit». (S. Fischer’s Verlag, Berlin.) Wer ihn liest und dabei zurückblickt auf den fünf Jahre vorher erschienenen, dem ist es, als ob er in der Zwischenzeit diese Dichterseele auf einer Reise in tiefliegende Geisteswelten suchen müßte.
Albert Steffens Wort spricht aus «Ott, Alois und Werelsche», wie das Wort einer Seele, der die Welt viel zu sagen hat, weil sie mit liebevoller Hingabe auf vieles hören will. Wie viel kleines Geschehen, das aber in seiner Kleinheit von der Größe der Welt spricht, offenbart sich doch aus dem leuchtenden, seelenwarmen Etrstlingswerk Albert Steffens. Aber man hat den Eindruck, da spricht die Welt durch eine Seele, die in der Fülle der Eindrücke sich den Wegen überläßt, auf denen sie von dem Dasein geführt wird.
Nun spricht dieselbe Seele ig9i2 in dem Roman «Die Bestimmung der Roheit». Aber in diese Seele ist etwas hereingebrochen. Eben die Eindrücke einer Wanderung in tiefliegende Geisteswelten. Einer Wanderung, auf der den geistig veranlagten Seelen das Menschenwesen zum Rätsel wird. Aber zu einem Rätsel, dem die Kräfte des schauenden Geistes Verständnis bringendes Licht entlocken können.
Intim sind die Eindrücke solcher Wanderungen des Dichtergeistes. Unzart wäre es, ihm auf solcher Wanderung nachgehen zu wollen. Denn er geht sich selber nur in einer ganz bestimmten Art nach. So, daß ihm die Eindrücke durch den Verstand nicht aus der Fülle ihres Offenbarens herausgerissen werden.
Albert Steffens Seele hat auf ihrer Wanderung an vielen Geistestoren angeklopft und Einlaß gefunden. Da hat sie an verborgenen Weltenorten das Fragen gelernt nach den Geheimnissen des Daseins.
Das Büchelchen «Pilgerfahrt zum Lebensbaum» hat zwei Teile. Der erste trägt die Überschrift «Die Vorbereitung», aufgezeichnet 1910. Mitten aus der Wanderung seiner Seele heraus spricht Albert Steffen.
Ich sehe diesen Dichtergeist vor mir im Beginne seiner zwanziger Jahre, da «Ott, Alois und Werelsche» entsteht. Augen, die schaubegierig alles Schöne der Welt einsaugen möchten. Geberden, die folgen möchten den Geberden, mit denen das Leben zu dem Menschen spricht.
Ich sehe ihn wieder vor mir, da er «die Bestimmung der Roheit» schreibt. Augen, aus denen die Geheimnisse der Welt sprechen. Geberden, in denen die Welt durch den ganzen Menschen ihre Offenbarungen erteilt. Aber dazwischen spricht nun der Dichtergeist in «Pilgerfahrt zum Lebensbaum»: «Es gibt wirklich keinen andern Ausweg: Wollen wir die Unendlichkeit des Raumes empfinden, so müssen wir schon unversieglichen Reichtum in uns fühlen. Soll die Unendlichkeit der Sphären uns nicht mit Schaudern und Kleinmut erfüllen, so müssen wir etwas ihr Ebenbürtiges oder gar sie Besiegendes in uns wissen, oder doch daran glauben, daß wir uns zu ähnlicher Macht und Größe erziehen können. Wir müssen Begriffe bekommen, die eine Ewigkeit in sich schließen und diesen müssen wir die vergänglichen unterordnen.»
Der Dichtergeist hat auf seiner Wanderung in sich den zweiten Menschen zum Sprechen gebracht. Den Menschen, der in sich selbst die Sprache des ewigen Werdens entfachen kann.
So in der Welt stehend muß Albert Steffens Seele auf das Rätsel «Mann und Weib» schauen. Der Dichtergeist empfindet, wie weit von einander entfernt liegt, was im Unterbewußten das Weibes- und das Manneswesen als Menschensinn erlebt. Nirgends in der Welt enthüllt sich zunächst ein anderer Gegensatz unter den vielen, die da sind, der größer wäre.
Und zugleich empfindet dieser Dichtergeist, daß ein Größtes im Weltengeschehen sich muß vollziehen können im physischen Erdendasein zwischen «Mann und Weib». Ein Größtes, weil etwas von der Art, durch die Weltenrätsel nicht durch Begriffe, sondern durch das Weltgeschehen selbst immer neu aufgeworfen, aber auch immer zur tragischen oder glücklichen Lösung gebracht werden.
Albert Steffen bemerkt, wie im Manneswesen etwas unbewußt Aufreizendes liegt, das sich im Verkehre mit dem Weibe als Rohheit in irgend einer Form sich entbindet. Er mag sonst von zarter Wesenheit sein; es treten Augenblicke auf, in denen der Mann handelt und spricht, so daß neben ihm die Würde des Weibes erdrückt erscheint.
Aber Albert Steffen bemerkt auch, wie im Weibe die Wirkung dieser Rohheitsanwandlung ist. Ein Sich-selber-Finden, ein Erstarken des Bewußtseins ersteht aus dem Erleben der Rohheit am Manne.
Wer mit dem Dichtergenius solche Lebensgebiete betreten will, der muß in seine Sprache etwas aufnehmen können, das die Worte dem Alltagsleben entrückt. Er muß so sprechen können, daß die Worte, die er sagt, da stehen, daß aber Wesentliches in der ahnenden Seele des Lesers leben kann. Das Sprechen in diesen Dingen, wie man im Alltag spricht, hat für einen richtig empfindenden Menschen etwas Verletzendes.
Bei Albert Steffen bekommt die Sprache an den Stellen des Romans, an denen dieses Haupträtsel aufleuchtet, dieses von der Ausdrucksart des Alltags Hinwegrückende. Der Stil wird an solchen Stellen so, wie wenn der Dichtergenius zum Leser in vertraulich-gedämpfter und andeutender Sprache sich offenbaren wollte.
Und diese Stilnuance hebt sich wieder stilvoll ab von dem Stil in der Gestaltung der Personen des Romans. Da schildert eine Seele, die auf ihrer Wanderung in das wahre Leben tief hineingeschaut hat in das Weben des Menschenwesens.
Nach der geistigen und leiblichen Wesenheit stehen die Persönlichkeiten da. Der fühlende Leser muß, wenn er gefragt wird, Antwort geben können, über Züge des Äußeren und des Seelischen. So plastisch treten die Personen aus dem Roman heraus. Man hat das Gefühl, man kann selbst das Mannigfaltigste, das weit abliegt von Steffens Darstellung, mit diesen Personen besprechen.
Diese Stilnuancierung zwischen plastischer Offenbarung, die alles nach außen strömt, was im Innern ist, und dem gedämpften Sprechen von Seelengeheimnissen, die den Menschen nicht voll zum Bewußtsein kommen können, ist das unvergleichlich Reizvolle, das den Leser durch den Roman «Die Bestimmung der Roheit» hindurchbegleitet.
Zu einer solchen Stellung im Dasein kommt der Dichtergenius, der in voller, ehrlichster innerer Empfindung den Augenblick erlebt, in dem er sagen darf: «Soll die Unendlichkeit der Sphären uns nicht mit Schaudern und Kleinmut erfüllen, so müssen wir etwas ihr Ebenbürtiges oder gar sie Besiegendes in uns wissen, oder doch daran glauben, daß wir uns zu ähnlicher Macht und Größe erziehen können.» —
In Albert Steffens «Bestimmung der Roheit» spricht ein Dichtergenius, dem an der Rohheit das wichtige Rätsel aufgeht, das auch sonst die Zeit so intensiv beschäftigt hat und das von vielen als «Kampf der Geschlechter» empfunden wird.
Bei Steffen wird bei Wahrnehmung des Gegensatzes zwischen Mann und Weib von der Seele sogleich der Weg in die Geistwelt gesucht. Aus dem Geiste soll auf dies Rätsel des Lebens Licht geworfen werden. — Bei andern wird das Problem heruntergezogen in die Sphäre, wo die Seele sich dem Materiellen zuwendet. Damit aber wird es in die Region der Trivialität versetzt.
Dadurch steht Albert Steffens Dichtergenius so glänzend in seiner Zeit darinnen, daß er diejenigen, die verständnisvoll an seine Kunst herantreten, mitnimmt in Regionen des Daseins, die er in eigenem tiefernstem menschlichen Seelenringen erst betreten.
Aber dieses erwartet man ja gegenwärtig kaum mehr von dem Dichter. Der soll herabsteigen in die Regionen, wo die Trivialbegriffe des Alltags walten, wo alles in das Gebiet der Phantastik verwiesen werden darf, was nicht von naturwissenschaftlicher Denkart gebilligt wird. — In dieser Region leuchtet allerdings das Verständnis für das «Viergetier» nicht auf.
An der «Bestimmung der Roheit» offenbart sich in bedeutsamer Art der originelle Weg Albert Steffens in die Geheimnisse der Menschenwelt. — Auch in diesem Roman geht die Darstellung nicht an dem Faden einer Romankomposition fort. In die Handlung, die vom Anfang an eingeleitet wird, weben sich episodisch kleine Novellen ein, die, rein äußerlich betrachtet, auch einen andern Inhalt haben könnten. Und am Schluß wird der Leser überrascht von einer angehängten Erzählung, die wie etwas ganz Neues im Roman auftritt. Steffen leitet diese Erzählung so ein: «Es soll jetzt noch die Geschichte eines Menschen erzählt werden, mit dem Aladar zusammenkam, damit aus ihr geahnt werden kann, wie durch den neuen Freund sein ganzes Sein auf eine hohe Stufe gehoben wurde.»
Aladar ist eine Persönlichkeit, die vom Anfange den Leser tief beschäftigt: eine Hauptfigur des Romans. Der neue Freund erscheint überhaupt erst am Schlusse.
Albert Steffens Vergeistigung der Kunst kann nun besonders an solcher Art der «Komposition» empfunden werden. Man fühlt sofort, wenn man die «angehängte» Erzählung liest, aus der besonderen Eigenart dieses Dichtergenius heraus deren künstlerische Notwendigkeit.
Für Albert Steffen sind in der «Bestimmung der Roheit» die dargestellten Vorgänge wie die künstlerischen Mittel, durch die auf eine hinter diesen Vorgängen schaubare Geist-Welt gedeutet wird. Das Deuten ist aber kein symbolisches, sondern ein solches, wie es die Farben der Pflanzen, wie es das Glänzen der Gesteine im Verhältnis zum Geiste entfalten.
Und aus der Welt, in die man schaut, wenn man die Schönheit des Dargestellten auf sich wirken läßt, treten die Menschen heraus, die in der Kunst Albert Steffens vor uns stehen,
Steffens Stil wird damit zu demjenigen, der eine Darstellung künstlerisch wie einen physischen Boden zu entfalten vermag, den die Persönlichkeiten, die auftreten, aus der geistigen Welt heraus betreten.
Das ist, was man als die leuchtende Originalität Albert Steffens schon in der «Bestimmung der Roheit» empfindet.
III
Ein Jahr nach der «Bestimmung der Roheit» 1913 erscheint Albert Steffens nächster Roman «Die Erneuerung des Bundes». (S. Fischer, Verlag, Berlin 1913.) Der Dichtergenius dringt nun in das Menschenleben, indem die Seele die schauende Kraft der Phantasie sowohl nach der Weite wie nach der Tiefe erkraftet. In die Weite, indem sie das Schicksal vieler Menschen, die durch das Leben in Zusammenhang stehen, in ihren Bereich zieht. In die Tiefe, indem sie die in diesem Schicksal waltenden Mächte da zu erforschen sucht, wo das Menschenleben aus den geistigen Quellen des Daseins quillt.
Von einer Sage nimmt die Phantasie ihren Ausgang. Ein Mann mit seinen Söhnen war einst aus dem hohen Norden in tiefer liegende Gegenden gezogen. Die Verhältnisse der Ansiedelung führten dazu, daß nach einiger Zeit ein Teil der Nachkommen des Mannes in lichter, freundlicher Gegend lebt; ein anderer in der Nähe, aber in einem elenden Erdgebiet, wo die Seelen veröden, die Geister erniedrigt werden und die Moral der Versumpfung anheimfällt.
Ein leuchtendes Bild stellt der Dichter da hin, wo diese Menschen der gemeinsamen Abstammung geführt werden, die Einen zu Verhältnissen, in denen das Leben gedeihen kann, die andern zu solchen, in denen es verkommen muß. Einer der Nachkommen stieg Tag für Tag die Höhe hinan, in der er das Sonnenlicht in seine Seele aufnehmen konnte. Er war damit fern dem Gebiete, in dem seine Verwandten dem Elend des Lebens verfielen. Aber der Höhenstieg war gefährlich. Die Dünste der moorigen Gegend, die das Leben verschlang, verbreiteten sich nach oben, und im Genusse der Sonne drang todbringend das Nebelmeer heran. Bei einem der Höhenstiege starb das Weib des Sonnensuchers. Aber sterbend hinterließ sie ihm eine Vision: sie selbst mit einem Kindlein auf ihrem Arm. Und sterbend sagte sie ihm noch: male uns und stelle das Bild «unter der Linde» auf. Da entstand denn um den Ort, der durch das Bild Kraft erhielt, eine freundliche menschliche Ansiedelung. Die Nebel des benachbarten Moores mieden die Gegend, in der die Kraft des Bildes wirkte. Sonne waltete da, wo diese Wirkung vorhanden war.
Wie Menschen-Innigkeit Naturwirkungen in tiefliegenden Kräften durchpulst, das stellt der Dichtergeist wunderbar Stimmung schaffend an den Anfang seiner Schöpfung.
Dieser Dichtergenius hat im geistdurchtränkten Suchen seiner Sinne die Natur; er hat im geistgetragenen Suchen der Seele durch die Natur hindurch das Göttlich-Geistige gefunden.
Ein Altertumsforscher hat in seiner Sammlung die dargestellte Sage. Er ist ein Angehöriger der Familie, auf die sich die Sage bezieht. Seine eigenen Vorfahren sind es, die heruntergezogen sind aus dem Norden, die sich dann im Weiterleben so entwickelt haben, daß der eine Teil in schönem Gebiete ein menschenwürdiges Dasein haben kann, der andere aber im Natursumpfe zu einem Leben im moralischen Sumpfe verurteilt ist.
So stehen sich, benachbart, verwandte Menschengruppen gegenüber. Die Lebensverhältnisse haben ihnen nach Leib, Seele und Geist ein völlig entgegengesetztes Gepräge gegeben. Aber das Leben bringt sie in Beziehung. Zusammenhänge zwischen der einen und der andern Menschengruppe entstehen. Was da erlebt wird, das beobachtet der Dichter, das stellt er mit der Weite des Gesichtskreises, mit der Tiefe der schauenden Phantasie so dar, daß man lesend überall einem Darsteller folgt, der da, wo die Natur sich in dem offenbart, was sie aus den Sterngebieten empfängt, das Geistige lebendig wirksam in den Bereich seiner Beobachtung aufnimmt.
Ein Bild von seltener Klarheit steht da. Die Ehe wird geschildert zwischen einem Manne, der der bösen Gegend und einem Weibe, das der guten Gegend entsprossen. In den rätselvollsten Wandlungen des Charakters bei Mann und Weib entfaltet sich diese Ehe. Mit eindringlichem Schauen dessen, was aus der Tiefe des Seins herauf in das Menschenleben wirkt, verfolgt der Dichtergeist diese rätselhaften Wandlungen, und was er aus der Sinnigkeit der Naturanschauung und aus der Eindringlichkeit der Geistbeobachtung in den Seelen der Menschen findet, das ist selbst rätsellösendes Leben.
Die Ehe führt zu dem Punkte, wo die Frau «Wissende» wird, wo ihr - gerade zur Österzeit - aufgeht, wie der Mensch ein «Sonnenkind» ist, wie er sein Wesen von der Sonne hat, und es nur ins Erdgebiet hereinträgt. — Die Kraft des Bildes, von dem die Sage erzählt, wird in der Frau lebendige Wesenheit; solche lebendige Wesenheit, die die Seele, die von ihr ergriffen wird, in die Geistwelt entrückt.
Eine wunderbare geistige Magie waltet über dieser Stelle des Romans. Novalis’ «magischer Idealismus» leuchtet so auf, wie er durch einen wahren Dichter ein Jahrhundert nach Novalis leuchten kann.
So spricht die Frau: «In diesen Matten ist schlafender Geist, der wartet, um in die Herzen der Menschen zu ziehen und dort zur heilenden Liebe zu werden. Wie herrlich muß es sein, mit den Wesen vereint zu werden, die einträchtiglich die grüne Pflanzendecke hervorzaubern. Solche Freunde werden einmal alle Menschen sein. Ja, du und ich und alle haben die Sehnsucht, zusammenzukommen, wie sehr wir auch meinen, uns feind zu sein ... Warum nur klagen wir uns immer an, daß wir niemand etwas geben können! Kann denn der Mensch, den wir lieben, auf die Matte mit den Blumensternen schauen, ohne daß er seliger wird? O könnt ich solch ein Jünger sein! Ist’s möglich, einen andern Wunsch auf Erden zu haben?»
Und der Dichtergenius spricht, indem er das Verwobensein seiner Seele mit dieser Geist-Natur-Sprache der «wissend Gewordenen» offenbart, in der «Pilgerfahrt zum Lebensbaum» tiefe Worte. Er ist durch lebendigstes Versenktsein in das Naturweben versetzt. Da spricht er: «Nun begriff ich plötzlich die Urpflanze. Ich sah, wie die Pflanze keimt, wächst, blüht und Frucht trägt, um aus dem Samen immer wieder neu zu erstehen, durch ein ganzes Weltenalter hindurch, nach Naturnotwendigkeit, und wie sie dabei die Erde mit dem Himmel verbindet. Ich entdeckte in der Anordnung der Blätter, in der Formung der Blüten, im Emporsteigen und Verdunsten der Wassermenge, im Erblühen und Erbleichen der Farben einen vielfältigen Rhythmus: Töne, Kontrapunkte und Akkorde, Reigen ungezählter Geister.» Wer diese Worte in der «Pilgerfahrt zum Lebensbaum » liest, und sich dann erinnert an die angeführten Stellen im Roman, der empfindet an diesem Dichtergeist, wie aus Geistertiefen auftauchen das Licht von Novalis’ «Magischem Idealismus» und Goethes « Anschauender Urteilskraft».
Die zweite Hälfte des Romans «Die Erneuerung des Bundes» kann man nur empfinden als echte Geistes-Pilgerschaft der künstlerischen Phantasie. Ein Knabe, der in der Verbindung zwischen den Angehörigen der lichten und der dunklen Abstammungsströmung seine Herkunft hat, wird auf seinem Erziehungswege dargestellt. Der Aufblick zum Geiste läßt Albert Steffen tiefe Einblicke in Herz und Seele dieses Knaben tun. Als begabten Knaben finden wir ihn, da er die SchulLaufbahn beginnt. Da tritt in das junge Leben verheerend ein Ereignis ein. Ein Lehrer bestraft den Knaben. Der sieht in der Seele vor sich die « vertrocknete Knochenhand» des alten Schulmeisters. Das ganze Wesen des Kindes ändert sich. Es nimmt zwar das zu Lernende voll auf, kann aber, wenn es gefragt wird, nichts aus sich herausbringen. Die Nuancen in der Wandlung dieser Kinderseele konnte Albert Steffen so, wie er es tut, nur schildern, weil er in der «Erneuerung des Bundes» ein Spiegelbild der Geistes-Pilgerschaft, die er damals vollbrachte, gibt.
Da ist Hartmann, der Bruder des Großvaters des Knaben. Hartmann ist ein Mensch, vor dem die Zerstörung einhergeht, die er ausstrahlt. Er bewirkt diese Zerstörung nicht in bewußter Absicht. Ein weibliches Wesen, das seinethalben in den Tod geht, der Bruder, der seinethalben zum unwahren Menschen wird, und vieles andere, knüpft sich an sein Dasein und Handeln. Er sieht sich als den Mittelpunkt einer Welt von Zerstörung. - Das alles kann nur eine dichterische Phantasie schildern, die im Gebiete des Geistigen hellschauend gestanden hat und die Menschenherzen von diesem Standpunkt aus betrachtet. Da dies die Phantasie Albert Steffens vermag, wirkt selbst eine so komplizierte, in unerhörten Extremen des Lebens sich bewegende Gestalt wie Hartmann innerlich wahr. Und er bleibt wahr, da er sich wie ein Einsiedler in seine Besitzung einschließt, um nur der Zerstörung von Welt und Leben sich zu widmen. Denn sein Leben hat ihn dazu gebracht, zu meinen, die Welt sei an dem Punkte ihrer Entwickelung angelangt, von dem aus sie der Zerstörung entgegengehen muß. Und da er die Summe aller menschlichen Zerstörungskräfte in sich trägt, möchte er sich zum Werkzeug des Zerstörungsvorganges machen.
Und doch wieder: dieser harte Mensch kann fromm werden, wenn er mit dem Knaben, dessen Erziehungsweg angedeutet, und dem Schwesterchen dieses Knaben zusammen ist. Die Geistigkeit der Kinderseele in ihrer Wirksamkeit steht leuchtend da im Verkehre zwischen Hartmann und den beiden Kindern seiner Verwandten.
Ein Blinder, der durch Hartmann zu Schaden gekommen ist, weil dieser seine Besitzung durch einen bissigen Hund abgeschlossen, und der Blinde in den Bereich dieses Hundes gekommen ist, soll durch eine Schar wild-leidenschaftlicher Menschen gerächt werden. Während diese Schar sich anschickt zur Vernichtung Hartmanns, hören wir aus des Blinden Munde die Worte: «Ich sehe, wie sich ein Heer von Seelen zum Fluge in die Höhe hebt. Ich schaue, wie ihm ein anderes entgegenströmt und es in wirren Massen zum Abgrund stürzt.» — So führt Albert Steffens Phantasie den Menschen an die Geistwelt heran, um mit den Strahlen dieser Welt dessen innerstes Wesen zu beleuchten. Plastischer erscheint das im «Viergetier»; geistig empfindet man es schon in voller Kraft in dieser zweiten Hälfte der «Erneuerung des Bundes».
In tief ergreifender Weise wirkt der Schluß des Romanes. Aus der Schar verkommener Menschen heraus, spricht zu einem andern der «Blinde»: Höre, was eben durch meine Seele ging: — Der Erlöser hing am Kreuze; ihm zur Rechten und zur Linken die beiden Missetäter. Vom Himmel sank die Finsternis herab in großen Kreisen auf die Völker, die sich stauten um den Fels von Golgatha. Sie schrien: «Wenn du der Auserwählte Gottes bist, so hilf dir selbst.» Dann läßt der Dichter das Gespräch der beiden Missetäter mit Jesus folgen. — Und dann folgt das weithin strahlende Bild: «Am Fuß des Felsens standen zwei bejahrte Männer, altbekannte Freunde. Denen war es jetzt, als ob ein lichtes Wesen niederschwebte auf das Kreuz des einen Mörders und dessen Geist auf sanfte Art entführte, zu gleicher Zeit jedoch ein teuflisch geringeltes Getier in einem pfeifenden Winde dahergefahren käme und die Seele des andern Mörders dem krampfigen Leibe entrisse.» Die Freunde gingen auseinander. Sie machten in den nächsten Tagen für ihre Seelen schwerwiegende Erlebnisse durch. Und was sie nun fühlen, drückt der eine mit den Worten aus: «Ich fühle gerade so wie du. Drum laßt uns einen Bund stiften. Wir wollen uns geloben, niemals den andern in die schönen Geistesländer nachzufolgen, sondern ewig bei dem Mörder in der Finsternis zu bleiben.»
Sie hatten erkannt, wie Menschen wie dieser Mörder nicht auf die Irrtumsbahnen kommen könnten, wenn sie selbst anders wären. Und während sie glaubten, zur Sühne bei dem Mörder bleiben zu müssen, stand «ein Dritter», den sie nicht kannten, neben ihnen und sprach: «Lasset mich mit in eurem Bunde sein.» Christus war der Dritte. In seinem Lichtreich finden sich die geprüften Seelen.
Mit tiefer Ehrfurcht vor den Daseinsmächten, die im Menschenwesen walten, legt man diesen Roman aus der Hand.
Albert Steffen hat ihn als das Bild geschaffen seiner GeistesPilgerfahrt. Und was die Phantasie auf dieser Pilgerfahrt erlebt, das wird von dem dichtenden Herzen in Freudigkeit erlebt. Geisteswelten in Freudigkeit erlebt, sind die Offenbarungen der Schönheit. Schöne Geistigkeit, sie spricht aus Albert Steffens Roman. Denn wer so den Geist erlebt, wie er, der kann schildern, was vor den Sinnen schön oder häßlich ist. Es wird schön in dem Lichte, das er darüber zaubert.
(Damit schließe ich diese Darstellung über Albert Steffens erste Dichterzeit. Ich habe vor, nach kurzer Zeit die Betrachtung fortzusetzen, die sich dann auf Albert Steffens spätere Schöpfungen erstrecken soll.)