Das Goetheanum in Dornach und seine Arbeit

Das «Goetheanum»1 in dem schweizerischen Dornach bei Basel will eine Hochschule für die Pflege einer Wissenschaft vom Geiste und einer Kunst aus dem Geiste sein. Jedes sektiererische Streben soll hier ausgeschlossen sein. Es wird nicht eine neue Religion beabsichtigt; aber die religiöse Vertiefung, die keinem Bekenntnis feindlich entgegenttitt, kann gefördert werden durch eine Erkenntnis der geistigen Welt und durch die Ausübung einer geisterfüllten Kunst.

Dieser Absicht dient schon der Bau des Goetheanums. Es ist nicht ein Gebäude in einer geschichtlich überlieferten Kunstform errichtet worden. Man sieht hier eine neue Stilform, die man in ihrer Art noch unvollkommen, vielleicht auch noch mit künstlerischen Irrtümern behaftet finden mag; sie ist aber hervorgegangen aus demjenigen Streben der Gegenwart, das ebenso nach einer neuen Stilform gerichtet ist, wie einst der Menschengeist nach den griechischen oder gotischen, oder Barockformen verlangte. Es gibt heute schon viele Menschen in allen Gegenden der zivilisierten Welt, die von der Notwendigkeit einer solchen Stilerneuerung überzeugt sind. Im Goetheanum sollen diese Überzeugungen einen Mittelpunkt finden.

Architektur, Malerei, Plastik dieses Baues sind in einheitlicher Art von dieser Idee getragen. Die Dynamik und Symmetrie der alten Architektur sollten aus dem mathematisch-mechanischen in die Sphäre eines organisch-lebendigen Baugedankens gebracht werden. Die plastische Form sollte aus der Welt eines exakten Schauens befruchtet, die Farbenharmonik durch das Erleben in einem solchen Schauen in eine Offenbarung des Geistigen gewandelt werden. Was man so erstrebte, gibt dem Bau des Goetheanums seinen vielleicht heute noch unvollkommenen Charakter; kann aber Ausgangspunkt für ein umfassendes Wollen nach dieser Richtung in der Zukunft werden.

Dieses Gebäude bildet die Umrahmung für wissenschaftliches, künstlerisches, pädagogisches und soziales Wirken. Die Wissenschaft, die hier gepflegt wird, will eine wahre Geistes-Erkenntnis sein. Sie steht nicht in einem Gegensatz zu den anerkannten Wissenschaften der Gegenwart; sie läßt diese ihre Erkenntnisse aussprechen, wo ihre berechtigten Methoden sprechen müssen. Aber sie kommt zu der Einsicht, daß es neben den naturwissenschaftlichen wahre geisteswissenschaftliche Methoden gibt. Diese bestehen nicht in äußeren Experimental-Arbeiten, sondern in einer Entwickelung der für das gewöhnliche Bewußtsein verborgenen Kräfte der Menschenseele. Aber bei dieser Methode kommt nicht eine nebulose Mystik zum Vorschein, sondern solche Fähigkeiten, die ebenso exakt wirken wie die mathematisch-geometrischen. Deshalb kann man von einem exakten übersinnlichen Schauen sprechen. Die mathematische Fähigkeit wirkt exakt, sie entwickelt sich auf elementare Art in der Menschenseele; dieses Schauen wirkt ebenso exakt; es muß von dem Menschen durch Selbsterziehung erlangt werden.

Für die Anthropologie schreitet dieses Schauen von der Erkenntnis der vergänglichen Menschennatur zu der unsterblichen Wesenheit des Menschen wissenschaftlich fort; für die Kosmologie geschieht dasselbe für die geistigen Gesetze der Weltentwickelung. Über die Einzelheiten der Entwickelung des exakten übersinnlichen Schauens gibt eine umfassende Literatur der anthroposophischen Bewegung Auskunft. Dort findet man die Wege von der Anthropologie zur Anthroposophie, von der Kosmologie zur Kosmosophie.

Vom Künstlerischen kann man bis jetzt nur pflegen die Eurythmie und einiges Deklamatorische und Dramatische neben Musikalischem. Die Eurythmie, die im Goetheanum, und, von da ausgehend, an vielen Orten schon gepflegt wird, ist nicht zu verwechseln mit den mimischen oder tanzartigen Künsten. Sie beruht auf dem Herausholen von Bewegungen des menschlichen Körpers aus den Tiefen der menschlichen Wesenheit. Man holt diese Bewegungen aus der Menschennatur so hervor, wie die Natur die Sprache hervorholt. Eurythmie ist eine sichtbare Sprache und kann künstlerisch so gestaltet werden wie die hörbare Sprache durch den Dichter. Sie begleitet dann Deklamation, Rezitation und Musik. Dichtung und Musik erhalten dadurch eine Offenbarung, die sie durch Laut und Ton allein noch nicht haben.

Man strebt darnach, auch andere Künste innerhalb des Goetheanums zu pflegen. Vor allem sollen demnächst Mysterien-Aufführungen zustande kommen.

Vom Goetheanum geht auch eine pädagogische Wirksamkeit für die Jugend aus. In Dornach selbst können nur Kindern, die über das schulpflichtige Alter hinaus sind, einzelne Fortbildungsstunden gegeben werden. Doch steht in Aussicht, daß eine vollständige Volksschule in Basel demnächst errichtet werden kann. Eine solche haben wir in Stuttgart durch die Waldorfschule. Diese ist im Jahre 1919 mit etwa i5o Kindern durch Emil Molt begründet worden. Heute zählt sie gegen 700 Schüler und Schülerinnen. Es wirken etwa 35 Lehrkräfte. Dort werden die Kinder mit sechs Jahren aufgenommen und der Unterricht und die Erziehung sollen bis zur Aufnahme in die Hochschule fortgeführt werden. Bis jetzt sind elf Klassen errichtet. Es ist beabsichtigt, jedes Jahr eine weitere Klasse nach oben anzufügen. Wenn die Verhältnisse es gestatten werden, soll nach unten später eine Art Kindergarten hinzugefügt werden.

Die Erziehung und der Unterricht beruhen da auf derjenigen vollständigen Menschen-Erkenntnis, die von einer wahren Geistes-Wissenschaft geliefert werden kann. Diese Pädagogik kommt in keinen Widerspruch mit den Grundsätzen bewährter Pädagogen der neuesten Zeit. Sie steht mit diesen im vollen Einklange. Aber sie arbeitet mit den Erkenntnissen, die eine wahre Wissenschaft vom Geiste geben kann. Es soll nicht eine bestimmte dogmatische Richtung, auch nicht die anthroposophische einseitig gepflegt werden; sondern es soll die Geist-Erkenntnis in die pädagogische Methodik einfließen; es soll, was der Lehrer durch Geist-Erkenntnis wissen kann, bei ihm zur Erziehungs- und Unterrichtskunst werden. In jedem Schuljahre wird genau dasjenige gepflegt, was die menschliche Natur des Kindes verlangt. Geist, Seele und Körper finden dadurch in völliger Harmonie ihre Entwickelung. Da ergibt sich, zum Beispiel, für die ersten Schuljahre die Notwendigkeit, die pädagogische Methode ganz vom Abstrakt-Intellektuellen abzulenken und zu einem künstlerischen Behandeln des Schreib- und Lese-Unterrichtes hinzuführen. Für die Ermüdungsverhältnisse der Kinder treten da, zum Beispiel, in Beziehung zur Menschennatur weit günstigere Erfahrungen hervor, als man sie mit der bisherigen Pädagogik gemacht hat.

In der Waldorfschule sind Kinder aus allen Klassen der Bevölkerung; sie erlangen allgemein-menschliche Erziehung und Unterricht.

Wie die Geisteswissenschaft des Goetheanums auf das soziale Leben wirken möchte, ersieht man aus meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft». Die pädagogische Arbeit ist ein Anfang dieser Wirksamkeit. Es wird von dem Verständnis, das der Dornacher Gedanke in weiteren Kreisen findet, abhängen, wie er sich für die verschiedensten Gebiete des Lebens wirksam erweisen wird.

Es hat der Opferwilligkeit vieler Persönlichkeiten bedurft, um in Dornach das zustande zu bringen, was bis jetzt da zu finden ist. Aber die Opfer, welche diese Persönlichkeiten in reichem Maße gebracht haben, scheinen in der allernächsten Zeit erschöpft zu sein; und die Arbeit in Dornach müßte weitergehen können. Dazu wird dringend nötig sein, daß das schöne Interesse, das der Dornacher Gedanke bis jetzt bei einem immerhin schon nicht ganz kleinen Kreise gefunden hat, sich ausdehne über ganz weite Kreise, und daß er von diesen als eine Notwendigkeit der Zeit anerkannt werde. Es wird das nur geschehen können, wenn das Dornacher Goetheanum ein Zentrum wird, in dem die hier charakterisierten geistigen, künstlerischen und pädagogischen Arbeiten fortlaufend so getan werden können, daß sich in demselben von Zeit zu Zeit Menschen einfinden, die da den Goetheanum-Gedanken theoretisch und praktisch kennen lernen. Dann wird er von diesen an anderen Orten selbständig gepflegt und von seinem unvollkommenen Anfange aus zu weiteren immer vollkommeneren Stadien in der zivilisierten Welt gemacht werden können. Eine solche Zentralisierung und Ausstrahlung wird notwendig sein, wenn die Tätigkeit der in Dornach und Stuttgart wirkenden Persönlichkeiten, die jetzt an die verschiedensten Orte gerufen werden, um über den Goetheanum-Gedanken zu sprechen, nicht zu sehr zersplittert werden soll.



  1. Dieser Aufsatz ist seinem wesentlichen Inhalt nach zuerst in der englischen Zeitschrift «Anthroposophy» erschienen. ↩

German original of The Goetheanum in Dornach and its Work · ← Previous · Next →