Anthroposophie, Erziehung, Schule

Anthroposophie strebt nach einer Anschauung von Welt und Mensch, die sie in fruchtbarer Art in der Erziehungs- und Unterrichtskunst zur Anwendung bringen kann. Ihre Menschenkenntnis ist nicht aus zufälligen Beobachtungen, die am Menschen gemacht werden, zusammengetragen. Sie geht bis zu den Grundlagen der menschlichen Wesenheit. Sie sieht in jeder einzelnen menschlichen Individualität den Menschen im allgemeinen. Aber sie wird doch nicht zur abstrakten Theorie, die den Menschen in allgemeine Kräfte auflöst, indem sie ihn erkennen will. Ihre Gedanken über den Menschen sind Erlebnisse am Menschen. Ihre Erkenntnisse beleben die Empfindungen für das Menschliche. Sie lassen die Geheimnisse nicht nur des Menschen im allgemeinen, sondern jeder besonderen Menschennatur vor dem Seelenblicke zur Offenbarung kommen.

Anthroposophie vereinigt die theoretische Weltbetrachtung mit der lebensvollen unmittelbaren Anschauung. Sie braucht nicht erst künstlich allgemeine Gesetze auf die einzelnen Erscheinungen des Lebens anzuwenden; sie bleibt vom Anfang an im vollen Leben stehen, indem sie in demselben das Allgemeine selbst als Leben schaut.

Dadurch ist sie auch praktische Menschenkunde. Sie weiß sich zu helfen, wenn sie diese oder jene Eigenschaft am heranwachsenden Menschen wahrnimmt. Sie kann sich eine Vorstellung davon machen, woraus eine solche Eigenschaft kommt und wohin sie weist. Und sie strebt nach einer solchen Erkenntnis des Menschen, daß die Erkenntnis zugleich die Geschicklichkeit gibt, eine solche Eigenschaft zu behandeln. Im Erkennen des Menschen wird dem Erkennenden das Eingehen auf die menschliche Eigenart vermittelt.

Man braucht die Anschauungen, zu denen Anthroposophie über den Menschen kommt, nur zu Ende zu führen, und sie werden wie von selbst zur Erziehungs- und Unterrichtskunst.

Eine abstrakte Erkenntnis des Menschen führt hinweg von derjenigen Menschenliebe, die eine Grundkraft alles Erziehens und Unterrichtens sein muß. Anthroposophische Anschauung vom Menschen muß mit jedem Vorrücken in der Menschen-Erkenntnis die Menschenliebe steigern.

Wer den lebendigen Organismus betrachten will, der muß sein Augenmerk darauf lenken, wie der einzelne Teil zum Leben des Ganzen steht und auch, wie das Ganze sich im einzelnen Teil wirksam offenbart. Man kann nicht das Hirn verstehen, wenn man nicht die Wirksamkeit des Herzens durchschaut. So ist es aber auch in dem zeitlich verlaufenden Leben des Menschen. Man kann die Erscheinungen des Kindesalters nicht verstehen, wenn man in ihnen nicht die Eigenheiten des erwachsenen Menschen schaut. Das Menschenleben ist ein Ganzes; es ist ein Organismus in der Zeit. Das Kind lernt in Ehrfurcht zu dem erwachsenen Menschen aufschauen. Es lernt die Menschenverehrung. Diese Ehrfurcht, diese Menschenverehrung prägen sich dem Lebenswesen ein; sie wandeln sich aber auch im Laufe des Lebens. Denn Leben ist Verwandlung. Ehrfurcht vor Menschen, Verehrung für Menschen, die sich in der Kindheit fest einwurzeln in das Menschengemüt - sie erscheinen im späteren Leben als die Kraft im Menschen, die einen andern Menschen wirksam trösten, die ihm kräftig raten kann. Keiner wird als Fünfundvierzigjähriger in seinen Worten die Wärme zum Trost- und Ratspenden haben, der nicht als Kind in die Lage gebracht worden ist, andre Menschen in scheuer Ehrfurcht anzusehen, in rechter Art zu verehren. Und so ist es mit allem im Menschenleben. — Auch mit dem Physisch-Leiblichen und Seelisch-Geistigen ist es so. Man versteht das Leibliche nur, wenn man es in jedem seiner Glieder als Offenbarung des Geistigen begreift. Und man erhält in das Geistige nur Einsicht, wenn man seine Offenbarungen im Physischen richtig zu beobachten vermag.

Das Kindesalter kann seine Wesenheit nicht durch dasjenige offenbaren, was es nur an sich selber beobachten läßt. Das Menschenleben ist ein Ganzes. Und nur eine umfassende Menschen-Erkenntnis führt zum Verständnisse des kindlichen Lebens. Im Abstrakten wird man dies leicht zugeben. Aber Anthroposophie möchte diese Anschauung bis zur konkreten Lebenskunde und Lebenskunst ausbilden. Sie muß sich zu einer Erziehungs- und Unterrichtskunst entwickeln, die sich verantwortlich fühlt für das ganze Menschenleben, indem man ihr den heranwachsenden Menschen anvertraut.

Es klingt ganz schön, wenn man sagt: entwickele die individuellen Anlagen des Kindes, hole alles, was du in deinem Erziehen und Unterrichten vornimmst, aus diesen Anlagen heraus. Man kann so lange mit solchen schönen Grundsätzen nichts anfangen, als man nicht in der eigenen Seele eine Anschauung von dem ganzen Lebenslauf des Menschen trägt. Und nach einer solchen Anschauung strebt anthroposophische Menschen-Erkenntnis.

Indem solches ausgesprochen wird, hört man oft erwidern: dazu braucht man nicht Anthroposophie. Das liegt doch alles schon in den Anschauungen der neuzeitlichen Pädagogik. Gewiß, in deren abstrakten Prinzipien liegt es. Aber eben darum handelt es sich, daß eine wirkliche Erkenntnis des Menschen nach Leib, Seele und Geist dazu führe, die abstrakten Forderungen in wirkliche, lebensvolle Kunst umzusetzen. Und für dieses praktische Umsetzen ist eine Menschen-Erkenntnis nötig, die zwar auf den guten Grundlagen des modernen naturwissenschaftlichen Erkennens fußt, die aber von diesen aus zu einem geistgemäßen Verständnis des Menschen vordringt. Wer mit den Vorstellungen, die ihm Naturanschauung gibt, an den Menschen herantritt, der kann wohl zu der Ansicht kommen: man entwickele diese oder jene Anlage des Menschen; aber diese Ansicht bleibt so lange eine abstrakte Forderung, als man nicht im ganzen Menschen nach Leib, Seele und Geist die Anlage als Teil-Offenbarung erschaut.

Man möchte sagen: die heute anerkannte Weltanschauung gibt Forderungen über Erziehung und Unterricht; ihr aber fehlt die Möglichkeit, diese Forderungen durch eine praktische Lebenskunde zu erfüllen: Anthroposophie will diese Lebenspraxis geben. Wer dies durchschaut, wird in Anthroposophie auf keinem Gebiete eine Gegnerin der neuzeitlichen Anschauungen und Entwickelungskräfte sehen, sondern er kann von ihr die Erfüllung dessen hoffen, was in diesen Anschauungen und Kräften abstrakt liegt.

Die Menschheit wird sich eben dazu bekennen müssen, vieles von dem, was sie heute für praktisch hält, in das Gebiet der Lebens-Illusionen zu verweisen; und vieles, was ihr idealistisch-unpraktisch dünkt, gerade als das Wirklichkeitgemäße anzusehen. Auf dem Gebiete der Erziehungs- und Unterrichtskunst wird ein solcher Anschauungswandel ganz besonders nötig sein. Die großen Fragen des MenschheitLebens führen nun einmal in die Kinder- und Schulstube.

German original of Anthroposophy, Education, School · ← Previous