Pädagogik und Kunst

Die pädagogische Kunst1 kann nur auf echter Menschenerkenntnis beruhen. Und diese wird nicht eine vollendete sein können, wenn sie sich in einer bloßen Betrachtung erschöpft. Man lernt das menschliche Wesen nicht in einem passiven Wissen kennen. Was man über den Menschen weiß, muß man wenigstens bis zu einem gewissen Grade als das Schöpferische des eigenen Wesens empfindend erleben; man muß es im eigenen Wollen als wissende Tätigkeit erfühlen.

Ein passives Wissen vom Menschen kann nur zu einer lahmen Erziehungs- und Unterrichtspraxis führen. Denn der Übergang von einem solchen Wissen zur Praxis muß in äußerlichen Anweisungen zur Betätigung bestehen. Auch wenn man sich diese Anweisungen selbst gibt, bleiben sie äußerlich.

Wissen vom Menschen als Grundlage der Pädagogik muß anfangen zu leben, indem man es aufnimmt. Man muß jeden Gedanken über den Menschen als das eigene Wesen sogleich erleben, wie man die richtige Atmung, den richtigen Blutumlauf als die eigene Gesundheit erlebt.

Steht man vor der Aufgabe, das Kind zu erziehen, zu unterrichten, so muß die Menschenerkenntnis in die Tat wie selbstverständlich überfließen. Und leben muß in dieser Selbstverständlichkeit die Liebe. Da gibt es nicht zuerst passive Menschenerkenntnis, und dann die äußerliche Überlegung: weil dies oder jenes am Kinde so oder so ist, deshalb mußt du dieses so oder so machen. Da gibt es nur unmittelbar erlebte Erkenntnis, die im eigenen Dasein das ist, als was sie sich erkennt. Und dann wird die erzieherische Menschenbehandlung die in Liebe erstehende Tätigkeit, die ihren notwendigen Charakter annimmt, weil sie das Kind erlebt. Ein im Leben webendes Wissen vom Menschen nimmt das Wesen des Kindes auf wie das Auge die Farbe aufnimmt.

Naturerkenntnis kann Theorie bleiben; Menschenwissen als Theorie ist für den gesund Fühlenden so, als wenn er sich als Skelett erleben müßte. Es hat keinen Sinn, bei der Menschen-Erkenntnis von einem Unterschiede von Theorie und Praxis zu sprechen. Denn eine Menschen-Erkenntnis, die nicht in der Lebenspraxis tätig wesenhaft werden kann, ist eine Summe von Vorstellungen, die im Verstande schattenhaft schweben, aber nicht an den Menschen herankommen. Eine Lebenspraxis, die nicht vom Menschenerkennen durchleuchtet ist, tappt unsicher im Dunkeln.

Wird, was hier gemeint ist, Gesinnung des Pädagogen, dann hat er die Vorbedingung, um lebensvoll und belebend Menschensein vor den Zöglingen zu entfalten, und werdendes Menschenwesen zur Selbstoffenbarung anzuregen.

Und rechte Erziehergesinnung ist das Wesentliche in allem pädagogischen Wirken.

Solche Gesinnung lenkt den Blick auf die Lebensäußerungen des Kindes, die als Keimzustände des sich entwickelnden Vollmenschen erscheinen. — Der Vollmensch muß in der Arbeit sich betätigen, ohne sich selbst in einem Mechanismus des Arbeitens zu verlieren. Die kindliche Natur fordert die Vorbereitung zum Arbeiten aus der Offenbarung des Menschenwesens heraus. Das Kind will sich betätigen, weil Tätigkeit in der menschlichen Natur liegt. Vom Erwachsenen fordert die harte Welt die fertige Arbeit. Beim Kinde fordert die werdende Menschenwesenheit die Tätigkeit, die, richtig geleitet, den Keim der Arbeit erbildet.

Wer in echter Menschen-Erkenntnis die kindliche Wesenheit auf dem Wege von dem Spielzur Lebensarbeit belauschen kann, der erlauscht auf der Zwischenstation die Natur des Lehrens und Lernens. Denn beim Kinde ist das Spiel die ernste Offenbarung des inneren Dranges zur Tätigkeit, in welcher der Mensch sein wahres Dasein hat. Es ist eine leichtsinnige Redensart, zu sagen: die Kinder sollen «spielend lernen». Ein Pädagoge, der seine Tätigkeit darnach einrichtete, würde doch nur Menschen erziehen, denen das Leben mehr oder weniger ein Spiel ist. — Es ist aber das Ideal der Erziehungs- und Unterrichtspraxis, in dem Kinde den Sinn dafür zu wecken, daß es mit demselben Ernste lernt, mit dem es spielt, so lange das Spielen der einzige seelische Inhalt des Lebens ist.

Eine Erziehungs- und Untertichtspraxis, welche dies durchschaut, wird der Kunst die rechte Stelle anweisen und ihrer Pflege die rechte Ausdehnung geben.

Das Leben ist ein oft strenger Lehrmeister auch für den Pädagogen. Es stellt für die Verstandesausbildung seine Forderungen. Deshalb wird man in bezug auf diese Ausbildung eher zu viel als zu wenig tun. Das Moralische macht den Menschen erst wirklich zum Menschen. Ein unmoralischer Mensch offenbart nicht den vollen Menschen in sich. Deshalb wäre es Sünde gegen die Menschennatur, die moralische Entwickelung des Kindes nicht im vollsten Ausmaße zu pflegen. Die Kunst ist die Frucht der freien Menschennatur. Man muß die Kunst lieben, wenn man ihre Notwendigkeit für das volle Menschenwesen einsehen will. Zur Liebe zwingt das Leben nicht. Es gedeiht aber nur in der Liebe. Es will sein Dasein in dem zwanglosen Element.

Das hat in einziger Art Schiller empfunden; und diese Empfindung hat ihm den Anlaß gegeben, seine «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen» zu schreiben. In der Durchdringung des Menschen mit der ästhetischen Seelenverfassung sieht Schiller das wichtigste Element aller Erziehungskunst. Der Mensch soll den Erkenntnistrieb so von Erkenntnisliebe durchdringen, daß er sich in seiner Betätigung wie der schaffende Künstler oder der ästhetisch Empfangende verhält. Und er soll die Pflicht so als die Äußerung seines innersten Menschenwesens erleben, wie er sich im ästhetischen Erleben empfindet. (Es darf bei dieser Gelegenheit auf die vorzügliche Darstellung von Schillers Wollen in der Schrift Heinrich Deinhardts «Beiträge zur Würdigung Schillers» hingewiesen werden, die vor kurzem im Kommenden Tag Verlag in Stuttgart erschienen ist.)

Es ist schade, daß von Schiller’s «Ästhetischen Briefen» eine so geringe Wirkung auf die Pädagogik ausgeübt worden ist. Für die Stellung der Kunst in der Erziehungs- und Unterrichtspraxis hätte sich durch eine stärkere Wirkung manches Wichtige ergeben.

Die Kunst, sowohl als bildende, wie als dichterisch-musikalische wird von der kindlichen Natur verlangt. Und es gibt eine Beschäftigung mit der Kunst, die auch schon dem Kinde angemessen ist, wenn es in das schulmäßige Alter eintritt. Man sollte als Pädagoge nicht zu viel davon reden, daß diese oder jene Kunst zur Ausbildung dieser oder jener menschlichen Fähigkeit «nützlich » ist. Die Kunst ist ja doch um der Kunst willen da. Aber man sollte als Pädagoge die Kunst so lieben, daß man ihr Erleben den werdenden Menschen nicht entbehren lassen will. Und man wird dann sehen, was dieser werdende Mensch - das Kind - an dem Erleben der Kunst wird. Der Verstand wird an der Kunst erst zum wahren Leben erweckt. Das Pflichtgefühl reift, wenn der Tätigkeitsdrang künstlerisch in Freiheit die Materie bezwingt. Künstlerischer Sinn des Erziehenden und Lehrenden trägt Seele in die Schule hinein. Er läßt im Ernste froh sein, und in der Freude charaktervoll. Durch den Verstand wird die Natur nur begriffen; durch die künstlerische Empfindung wird sie erst erlebt. Das Kind, das zum Begreifen angeleitet wird, reift zum «Können», wenn das Begreifen lebensvoll getrieben wird; aber das Kind, das an die Kunst herangeführt wird, reift zum «Schaffen». Im «Können » gibt der Mensch sich aus; im «Schaffen» wächst er an seinem Können. Das Kind, das noch so ungeschickt modelliert, oder malt, erweckt in sich durch seine Tätigkeit den Seelenmenschen. Das Kind, das in das Musikalische und Dichterische eingeführt wird, erfühlt das Ergriffensein der Menschennatur dutch ein idealisch Seelisches. Es empfängt zu seiner Menschlichkeit eine zweite.

Alles dies wird nicht erreicht, wenn das Künstlerische nur neben der andern Erziehung und dem andern Unterricht hergeht, wenn es diesem nicht organisch eingegliedert ist. Denn aller Unterricht und alle Erziehung sollten ein Ganzes sein. Erkenntnis, Lebensbildung, Übung in praktischer Geschicklichkeit sollten in das Bedürfnis nach Kunst einmünden; das künstlerische Erleben sollte nach dem Lernen, dem Beobachten, dem Aneignen von Geschicklichkeit Verlangen tragen.



  1. Skizze eines Vortrages für die «Künstlerisch-pädagogische Tagung der Waldorfschule», 25.-29. März 1923. ↩

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