Pädagogik und Moral
Die Aufgaben des Erziehenden und Unterrichtenden1 gipfeln in demjenigen, was er für die moralische Lebenshaltung der ihm anvertrauten Jugend erreichen kann. Er steht für diese Aufgabe innerhalb der Volksschulerziehung vor großen Schwierigkeiten. Die Eine ist darin gelegen, daß der Moralunterricht alles durchdringen muß, was er für seine Schüler tut; daß eine abgesonderte Moralunterweisung viel weniger erreichen kann als die Orientierung aller übrigen Erziehung und alles übrigen Unterrichtes auf das Moralische hin. Dies ist nun aber ganz eine Sache des pädagogischen Taktes. Denn grob gestaltete «moralische Nutzanwendungen» bei allem Möglichen bewirken, selbst wenn sie im Augenblicke, in dem sie angebracht werden, noch so eindringlich sind, im weiteren Verlauf doch nicht, was mit ihnen beabsichtigt ist. - Eine andere Schwierigkeit ist die, daß das Kind, welches die Volksschule betritt, bereits die moralischen Grundrichtungen des Lebens ausgebildet hat.
Das Kind lebt bis zu dem Zeitabschnitte, in dem es, um das siebente Jahr herum, den Zahnwechsel durchmacht, ganz an seine Umgebung hingegeben. Man möchte sagen, das Kind ist ganz Sinn. Wie das Auge in den Farben lebt, so das ganze Kind in den Lebensäußerungen seiner Umgebung. Jede Geste, jede Bewegung des Vaters, der Mutter wird in entsprechender Art im ganzen Innenorganismus des Kindes miterlebt. — Bis in diesen Zeitabschnitt wird von der menschlichen Wesenheit das Gehirn gestaltet. Und vom Gehirn geht in dieser Lebensepoche alles aus, was dem Organismus sein Innengepräge gibt. Und im Gehirn bildet sich in feinster Weise nach, was sich durch die Umgebung als Lebensoffenbarung abspielt. Das Sprechenlernen des Kindes beruht ja ganz darauf.
Es sind aber nicht bloß die Äußerlichkeiten im Verhalten der Umgebung, die im Kindeswesen weiterschwingen und die dessen Innerem den Charakter aufprägen, sondern mit den Äußerlichkeiten der seelische und moralische Inhalt. Ein Vater, der sich vor dem Kinde in Lebensäußerungen offenbart, die dem Jähzorn entspringen, wird die Veranlassung dazu, daß bis in die feinsten organischen Gewebestrukturen das Kind die Neigung zum gestenhaften Darleben des Jähzorns aufnimmt. Eine furchtsam, zaghaft sich verhaltende Mutter pflanzt dem Kinde organische Strukturen und Bewegungstendenzen ein, die bewirken, daß dasselbe an seinem Körper ein Werkzeug hat, das dann die Seele im furchtsamen, zaghaften Sinne gebrauchen will.
Im Lebensabschnitte des Zahnwechsels hat das Kind einen Organismus, der auf das Seelische in einer ganz bestimmten Art geistig und moralisch zurückwirkt.
In diesem Zustande, mit einem für das Moralische orientierten Organismus erhält der Erziehende und Unterrichtende der Volksschule das Kind. — Durchschaut er diesen Tatbestand nicht, so ist er der Gefahr ausgesetzt, an das Kind moralische Impulse heranzubringen, welche von diesem unbewußt abgelehnt werden, weil es an der Beschaffenheit des eigenen Leibes die Hemmungen hat, sie anzunehmen.
Das Wesentliche aber ist, daß das Kind, wenn es die Volksschule betritt, die in der Nachahmung der Umgebung angeeigneten Grundrichtungen hat, daß jedoch diese bei richtiger Behandlung verwandelbar sind. Ein Kind, das in jähzorniger Umgebung aufgewachsen ist, hat davon seine organische Formung erhalten. Man darf diese nicht unbemerkt lassen. Man muß mit ihr rechnen. Allein, sie läßt sich umwandeln. Man kann, wenn man mit ihr rechnet, in dem zweiten kindlichen Lebensabschnitt, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, sie so gestalten, daß sie der Seele die Unterlage liefert für ein schlagfertiges, geistesgegenwärtiges, mutvolles Zugreifen in den Fällen des Lebens, in denen solches notwendig ist. Eine kindliche Organisation, die die Folge einer ängstlichen, zaghaften Umgebung ist, kann ebenso die Unterlage bieten für die Ausbildung eines edlen Sinnes für Schamhaftigkeit und Keuschheit. — Echte Erkenntnis der Menschenwesenheit ist also die Grundforderung auch für die moralische Erziehung.
Der Erziehende und Unterrichtende muß aber im Auge haben, was die kindliche Natur zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife im allgemeinen für ihre Entwickelung erfordert. (Man findet diese Forderungen in dem von Albert Steffen in dieser Wochenschrift wiedergegebenen und jetzt auch in Buchform vorhandenen pädagogischen Kursus von mir geschildert.) - Man kann die Umwandlung der moralischen Grundrichtungen und auch die weitere Entfaltung derjenigen, die man als rechte ansehen muß, nur bewirken, wenn man auf das Gefühlsleben, auf die moralischen Sympathien und Antipathien zielt. Und auf das Gefühlsleben wirken nicht abstrakte Maximen und Ideen, sondern Bilder. Man hat im Unterrichten überall Gelegenheit, vor die Seele des Kindes Bilder des menschlichen Seins und Verhaltens, ja gleichnisweise sogar des außermenschlichen, hinzustellen, an denen sich die moralischen Sympathien und Antipathien erregen lassen. Das Gefühlsurteil über das Moralische soll in der Zeit zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife ausgebildet werden.
Wie das Kind bis zum Zahnwechsel an die unmittelbaren Lebensäußerungen der Umgebung nachahmend hingegeben ist, soin der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife an die Autorität dessen, was der Lehrende und Erziehende sag. Es kann der Mensch in seinem späteren Leben nicht zum rechten Gebrauche der sittlichen Freiheit erwachen, wenn er nicht in dem gekennzeichneten zweiten Lebensabschnitte hingebungsvoll an die selbstverständliche Autorität seiner Erzieher sich hat entfalten können. Wenn das schon für alles Erziehen und Unterrichten gilt, so für das Moralische ganz besonders. An dem verehrten Erzieher schaut fühlend das Kind, was gut und böse ist. Er ist der Repräsentant der Weltordnung. Der werdende Mensch muß zuerst die Welt durch den erwachsenen Menschen kennen lernen.
Welch bedeutsamer Erziehungsimpuls in solchem Kennenlernen enthalten ist, kann man bemerken, wenn man in wahrer Menschen-Erkenntnis das rechte Verhältnis zum Kinde nach dem ersten Drittel des zweiten Lebensabschnittes zu suchen hat, etwa zwischen dem neunten und zehnten Geburtstage. Ein allerwichtigster Lebenspunkt wird da erreicht. Man merkt, das Kind macht halb unbewußt, in mehr oder weniger dunkler Empfindung etwas ihm Wesentliches durch. Daß man da dem Kinde richtig gegenübertrete, davon hängt unermeßlich viel für dessen ganzes späteres Leben ab. Will man bewußt aussprechen, was das Kind im traumhaften Gefühl erlebt, so muß man sagen: es tritt vor seine Seele die Frage: woher hat der Erzieher die Kraft, die ich, an ihn verehrungsvoll glaubend, empfange ? Man muß vor den unbewußten Seelentiefen des Kindes als Erzieher erweisen, daß man die Autorität durch ein festes Gegründetsein in der Weltordnung mit Recht hat. Man wird, bei wahrer Menschen-Erkenntnis, finden, daß manches Kind in diesem Zeitpunkte wenige Worte, richtig gesprochen, manches viele braucht. Etwas Entscheidendes muß da aber geschehen. Und lehren kann, was zu geschehen hat, nur die Wesenheit des Kindes selbst. Und für moralische Kraft, moralische Sicherheit, moralische Haltung des Kindes wird gerade in diesem Lebenspunkte von dem Erzieher unsäglich Wichtiges geleistet werden können.
Ist das moralische Gefühlsurteil mit der Geschlechtsreife in rechter Art entfaltet, so wird es in dem nächsten Lebensabschnitt in den freien Willen aufgenommen werden können. Der junge Mensch, der die Volksschule verläßt, wird aus den seelischen Nachwirkungen seiner Schulzeit die Empfindung mit sich ins Leben tragen, daß sich in ihm die moralischen Impulse im sozialen Zusammenleben mit den Mitmenschen aus der inneren Kraft seines Menschenwesens entfalten. Und nach der Geschlechtsreife wird der Wille als ein moralisch starker sich ergeben, der vorher gekeimt hat in dem recht gepflegten moralischen Gefühlsurteil.
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Skizze eines Vortrages für die «Künstlerisch-pädagogische Tagung der Waldorfschule», 25.-29. März 1923. ↩