Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft 1912
Motto: Die Weisheit ist nur in der Wahrheit.
Zu einer befriedigenden und gesunden Lebensgestaltung bedarf die Menschennatur der Erkenntnis und Pflege ihrer eigenen übersinnlichen Wesenheit und der übersinnlichen Wesenheit der außermenschlichen Welt. Zu einem solchen Ziele können die naturwissenschaftlichen Forschungen der neueren Zeit nicht führen, trotzdem sie innerhalb ihrer Aufgaben und ihrer Grenzen Unsägliches für die menschliche Kultur zu leisten berufen sind. Die anthroposophische Gesellschaft wird dieses Ziel verfolgen durch Förderung der auf das Übersinnliche gerichteten echten und gesunden Forschung und durch Pflege von deren Einfluss auf die menschliche Lebensführung. Wahre Geistesforschung und die aus ihr folgende Gesinnung soll der Gesellschaft ihren Charakter geben, der in folgenden Leitsätzen zum Ausdruck gelangen kann:
- Es können in der Gesellschaft alle diejenigen Menschen brüderlich zusammenwirken, welche als Grundlage eines liebevollen Zusammenwirkens ein gemeinsames Geistiges in allen Menschenseelen betrachten, wie auch diese verschieden sein mögen in Bezug auf Glauben, Nation, Stand, Geschlecht usw.
- Es soll die Erforschung des in allem Sinnlichen verborgenen Übersinnlichen gefördert und der Verbreitung echter Geisteswissenschaft gedient werden.
- Es soll die Erkenntnis des Wahrheitskernes in den verschiedenen Weltanschauungen der Völker und Zeiten gepflegt werden.
Der erste dieser drei Leitsätze ist der Anthroposophischen Gesellschaft notwendig, weil hohe geistige Erkenntnisziele gemeinsam von Menschen nur verfolgt werden können, wenn brüderliche Gesinnung die Gegensätze überbrückt, welche sich allzu leicht aus allem ergeben, was im Denken, im Glauben, in den besonderen Lebensinteressen die Menschen trennt. Dieses Trennende wird niemals das Zusammenwirken stören, wenn die Grundlage des Letzteren das gemeinsame Geistige in allen Menschenseelen ist und daher das Trennende unberührt und in seiner Eigenheit voll geachtet bleibt innerhalb der Gesellschaft. So geartet wird diese durch die Gesinnung, die ihr selbst notwendig ist, das Ideal des menschlichen Zusammenlebens erstreben, das unter vollkommener Schätzung des Denkens und Fühlens des Einzelnen doch den Boden findet, auf dem gegenseitige Liebe und Brüderlichkeit gedeihen kann. Ihr geistiges Ziel wird die Gesellschaft nur erreichen können, wenn so ihre Mitglieder sich einem Lebensideal widmen, das allgemein menschliches Ideal einer Lebensführung sein kann. Der Gesellschaft muss es ganz fern liegen, für oder gegen diese oder jene Glaubensrichtung zu wirken, da sie sich der Geistesforschung, nicht aber irgendeinem Bekenntnisse widmen will. Daher liegt ihr jede religiöse Propaganda ganz fern. Sie wird aber auch eine solche niemals bekämpfen. Ebenso sind streng ausgeschlossen von der Gesellschaftstätigkeit alle Arten politischer oder sozialpolitischer Wirksamkeit.
Ihre Arbeit ist gewidmet den Wegen und Mitteln, welche dem Menschen im Sinne der Entwickelung unserer Zeit dienen können, die großen Rätselfragen des menschlichen Daseins auf solche Art der Lösung entgegenzuführen, welche die Forschung über das Sinnliche ins Übersinnliche erweitert, ohne auf solche Abwege zu kommen, die dem echten Wahrheitssinne nicht genügen können. Sie wird zeigen, dass die Menschheit in der Gegenwart eine solche Geistesforschung besitzt, dass diese in die übersinnliche Welt führt und dass deren Pflege und Verbreitung ebenso Aufgabe einer Gesellschaft sein kann wie irgendeine andere Wissenschaft.
Die edelsten Früchte menschlicher Geistesentwicklung, die verschiedenen Weltanschauungen und Bekenntnisse der Völker und Zeiten betrachtet diese Geistesforschung nicht auf ihren Bekenntniswert hin, sondern insofern in ihnen das Ringen der Menschheit nach den großen geistigen Daseinsfragen zum Ausdruck kommt. Es wird daher der Grundcharakter der Gesellschaft nicht mit einer Bezeichnung belegt werden können, welche von einem speziellen Bekenntnis hergenommen ist. Wenn zum Beispiel die Erforschung des Christus-Impulses innerhalb der Menschheitsentwicklung durch die Geistesforschung ihre Pflege findet, so geschieht dies nicht im Sinne eines religiösen Bekenntnisses, sondern so, dass der Bekenner einer jeden religiösen Richtung sich zu dem entsprechenden geisteswissenschaftlichen Ergebnis verhalten kann, wie sich etwa der Bekenner der Hindureligion oder des Buddhismus zur kopernikanischen Astronomie verhält, trotzdem diese nicht in seinen religiösen Urkunden sich findet. Der Christus-Impuls wird als Forschungsergebnis zur Geltung gebracht auf eine Art, wie sie jeder Anhänger eines Religionsbekenntnisses annehmen kann, nicht etwa nur der christliche Bekenner. Die Begründung der Gesellschaft hat sich dadurch vollzogen, dass ein Gründungskomitee von drei Persönlichkeiten, nämlich Dr. Carl Unger, Fräulein Marie von Sivers und Michael Bauer, zunächst die Gesamtleitung der Anthroposophischen Gesellschaft übernommen haben. Ihnen steht ein Vorstand zur Seite, der zunächst als Gründungsvorstand gilt.
Die Mitglieder des Gründungskomitees werden Vertrauenspersönlichkeiten ernennen, welchen es obliegen wird, die Anmeldungen von Mitgliedern entgegenzunehmen, und welche für die von ihnen vorzuschlagenden Mitglieder die Garantie gegenüber dem Vorstande übernehmen.
Die Ernennung einer Vertrauenspersönlichkeit wird entweder auf Initiative des Gründungskomitees erfolgen oder dadurch geschehen, dass ein Mitglied von sieben anderen Mitgliedern oder Persönlichkeiten, welche die Aufnahme ansuchen, als ihre Vertreter bezeichnet und vom Zentralkomitee als solcher anerkannt wird.
Die Mitgliedschaft wird erworben durch Meldung entweder direkt beim Vorstande oder bei einer der Vertrauenspersönlichkeiten. Die Anerkennung der Mitgliedschaft erfolgt nur durch den Zentralvorstand zunächst der bezeichneten drei Gründer.
Die Ergänzung des Vorstandes beziehungsweise des Komitees wird durch Kooptation von diesem Komitee selbst vollzogen, und es können dafür Vorschläge auf der jährlich einzuberufenden Mitgliederversammlung gemacht werden.
Die Arbeit der Gesellschaft erfolgt in freien Gruppen, die sich unabhängig in allen Ländern der Erde an jedem Orte bilden können. Diese Gruppen werden sich einzeln bilden können oder sich zusammenschließen können, werden Vereine oder lose Verbände usw. bilden können, je nach den Verhältnissen der entsprechenden Gegenden, in welchen sie sich bilden. Die Anthroposophische Gesellschaft ist als solche kein Verein, ihr Zusammenhalt beruht nicht auf einer Vereinsorganisation oder dergleichen, sondern auf der Pflege der Geisteswissenschaft als solcher, und die Mitgliedschaft bedingt nichts Vereinsmäßiges, sondern zum Beispiel das Recht, gewisse geisteswissenschaftliche Schriften zu beziehen, die nur für Mitglieder bestimmt sind, und Ähnliches. Im äußeren Sinne wird also das Band der Anthroposophischen Gesellschaft kein anderes sein, als zum Beispiel dies bei einer anthropologischen oder ähnlichen Gesellschaft bestehen würde.
Jede Arbeitsgruppe bildet sich ihre besonderen Statuten usw. und wählt sich ihren Vorstand. Die allgemeine Mitgliedschaft, die von jedem Mitgliede einzeln erworben werden muss, bedeutet, dass der Zentralvorstand eine einzelne Persönlichkeit als zur Anthroposophischen Gesellschaft gehörig anerkennt.
Der ständige Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft wird vorläufig Berlin sein. Die geschäftliche Leitung wird den in Berlin ansässigen Mitgliedern des Zentralvorstandes obliegen. Diese geschäftliche Leitung besteht in nichts anderem als in Maßnahmen, welche den oben ausgesprochenen geistigen Zielen dienen können.
Zur Führung der Anthroposophischen Gesellschaft bezahlt jedes Mitglied einen einmaligen Eintrittsbeitrag von 5 Mark und einen fortlaufenden Jahresbeitrag von 6 Mark. In besonderen Fällen kann eine Ermäßigung des Jahresbeitrages eintreten.