Der Ring

Carlsburger Wochenschrift, VI. Jg,, Nr. 32 u. 33 vom 10. u. 17. August 1884

Ein Sommermärchen von Rudolf Steiner. Aus des Verfassers Leben mitgeteilt v. Marius.

S. betrat mit seinem Vertrauten Z. die belebte «Schottengasse» der Stadt W. Beide gingen eine Weile stumm nebeneinander; man sah an ihrem Gesichte, dass beide an etwas dachten, das sie sehr bewegen musste. Nur sah Z. heiter strahlend vor Freude aus, während S.s Züge immer düsterer und ernster wurden. Da begann Z. mit folgenden Worten: «Du kannst wohl kaum denken, wie froh Du mich heute durch Deine gute Laune und Heiterkeit, die Du den ganzen Tag über zeigtest, machtest, noch nie konnte ich solche Stimmung an Dir zugleich mit dem Bewusstsein verbunden denken, dass ich sie Dir bereitet. Noch nie hast Du auch so rückhaltslos zustimmend Dich über irgendeine meiner Handlungen geäußert.» S. schien von dem Gesprochenen gar nichts gehört zu haben, denn er erwiderte kein Wort. Um ihn zu einer Antwort zu zwingen, richtete Z. direkt eine Frage an ihn: «Denkst Du wohl, dass ich meiner vertrauten Freundin in meiner fernen Heimat von meinen jetzigen Erlebnissen etwas mitteilen soll?» Noch immer schien $. wie abwesend zu sein. «Wie kommst Du jetzt plötzlich zu dieser Schweigsamkeit, nachdem Du Dich heute den ganzen Tag über so herzlich freutest?» Nun erst war S. aus seinem Schweigen gebracht und sagte: «Wir haben heute einen glücklichen Abend verlebt. Du lieber Freund hast ein Mädchen gefunden, dessen anspruchloses Wesen Deinen Geist fesseln muss, dessen unbeschreibliche Liebenswürdigkeit Deine geistigen Kräfte in die schönste Harmonie zu versetzen geeignet ist und dessen herrliche Schönheit in Dir eine verehrenswürdige Hinneigung zur göttlichen Form erzeugen muss. Es war ein bezaubernder Anblick für mich, als ich Dich heute Abends ihr so ergeben sah, als ich, der dritte in Eurer schönen Gemeinschaft, Dich so selig in ihrer Gegenwart sah. Als wir uns nun von ihr empfohlen hatten, da fiel auf die Finger der Hand, die ich ihr zum Abschiede gereicht hatte, plötzlich ein Strahl der Straßenlaterne und meine Blicke fielen auf den Ring, der an meiner Hand steckt und dieser Ring, das versichere ich Dich, ist ein Zauberring. Er zaubert mir in gewissen Momenten des Lebens stets Dinge vor, von denen Du Dir keinen Begriff machst». «Nun Zauberringe gibt es ja in allen Märchen», meinte Z. «und Du wirst wohl solch alte Geschichten nicht neu machen wollen». Ja, Ringe sind alte Zauberdinger, sagte ich auch damals, als ich den Ring an so wunderbarem Orte erhielt». «Nun, so lass mich doch einmal die Geschichte von Deinem Zauberringe hören», meinte Z. - S. hub an: «Ich hatte soeben die Jahre hinter mir, in denen ich meinen Geist für Höheres vorzubereiten hatte, und lebte in banger Erwartung auf die Zeit, in welcher ich in die tieferen Geheimnisse der Wissenschaft eingeführt werden sollte. Da traf es sich denn einmal, dass ich so auf der Straße ging, ohne dass ich ein Ziel hatte und ohne dass ich auch an Bedeutendes gedacht hätte. In schnellem Laufe kam hinter mir ein wundersames Fahrzeug. Es waren Pferde angespannt, von deren Schönheit keiner, der nur irdische Pferde gesehen, eine Ahnung hat. Der Wagen war federleicht und auf das Lieblichste ausgestattet. Drinnen saß Göttin Fortuna mit blühendem Antlitze. Sie winkte mir und hieß mich neben sich Platz zu nehmen. Ich konnte nicht widerstehen. Es ging nun durch Gegenden, bald öde und leer, bald mit einer Fülle alles Herrlichen. In einer Ebene, auf der weit und breit nichts zu sehen war als ein kleines Häuschen, begann unser Fuhrwerk langsamer zu gehen. Wir kamen dem kleinen Häuschen immer näher, ich bemerkte bald, dass dieses das Ziel unserer Fahrt sei. Als wir hielten, sagte mir meine göttlich Führerin: dies ist eines meiner besten Besitztümer, läute an, ich habe für dich alles vorbereitet.

Als ich vollständig zur Besinnung kam, war meine Göttin mit ihrem Fahrzeuge bereits verschwunden und mir blieb dann nichts übrig, als ängstlich die Glocke zu ziehen, die geheimnisvolle Türe tat sich auf, ein rühriges Mädchen wurde sichtbar. Ehe ich auch ein Wort sprechen konnte, sagte sie: «Für Sie ist hier alles vorbereitet, ich werde Sie zu meiner Gebieterin führen. Ich mache Sie aber nur darauf aufmerksam, dass meiner Gebieterin Aussehen für Sie im ersten Augenblick erschrecklich sein könnte, überwinden sie aber jede Scheu. Nach dieser Vorbereitung führte sie mich durch eine Seitentüre in das Gemach ihrer Gebieterin, da saß in einem Lehnstuhle ein Frau mit einem Gesicht so bleich, als ich auf Erden noch keines gesehen habe. Ein Bild der tiefsten Rührung: eine Frau, deren ganzes Wesen Jugend verriet, deren jeder Gesichtszug aber nur ein Wort auszusprechen schien: tiefstes Leid. Die trüben Augen, die gefurchte Stirne, der unbeschreiblich verzerrte Mund, der jeden Moment sich zur seufzenden Klage aufzutun schien, boten mir ein Bild, das mit solcher Macht alle Kräfte meines Geistes gefangen nahmen, dass ich auch dann nicht hätte sprechen gekonnt, wenn diesem Anblicke so vieles Wunderbare nicht vorangegangen wäre. Die Frau legte, nachdem sie meiner gewahr wurde, ihre beiden Hände auf meine Schultern und sprach folgende Worte aus tiefster Brust: «Das Häuschen in dem Du Dich hier befindest, habe ich zu meiner Wohnung auserschen; ich muss weit, weit von aller Welt wohnen, denn ich habe so viel Leid auf derselben erfahren, dass ich sie nie mehr anblicken kann, ich weine hier und traure über vergangenes Glück. Wer außer meinem Dienstmädchen noch bei mir ist, das ist mein liebes, liebes Töchterlein.

Ich habe den Erdenfreuden und dem Erdenleben entsagt. Sie aber soll das nicht. Fort von mir kann ich sie freilich nicht lassen, denn es ist ihre Stunde noch nicht gekommen. So soll sie denn hier alles, was die Erde an geistigen Gütern bietet, das Schönste und Beste überliefert erhalten. Und dies ihr zu lehren, habe ich Dich ausersehen. Ich hoffe, Du wirst Deine Aufgabe erfüllen. Nach diesen Worten nahm sie mich bei der Hand und führte mich in das Gemach des Mädchens, stellte es mir vor und verließ uns mit einigen weiteren Weisungen. Nun sollte alsbald der Unterricht beginnen. Ich bemerkte aber als ich zur ersten Stunde ging, dass mir die wunderbaren Ereignisse, die um mich vorgegangen, mein ganzes Gedächtnis geraubt hatten, ich wusste gar nichts und so setzte ich mich denn in der peinlichsten Lage zum ersten Unterricht. Plötzlich aber ging es ganz vorzüglich. Ich setzte flüssig dem Mädchen eine Welt auseinander, von der ich selbst nie eine Ahnung hatte, deren Wesen ich nie gelernt hatte. Das erhebende meines Vortrages begeisterte das Mädchen, sie lauschte meinen Worten, mit einer Aufmerksamkeit, die ihresgleichen nicht hat. Woher kam mir so plötzlich dieses wundersame Wissen? O, den ganzen Text las ich in den lieben Augen, die so unverwandt auf mich gerichtet waren, alles gaben sie mir, was ich dem Mädchen nur wieder zurückzugeben brauchte. Die Mutter hatte unendliches Vertrauen zu mir. Ich verlebte die glücklichste Zeit. Ein Jahr nach meiner Ankunft an dem wunderbaren Orte suchte mich die Frau des Hauses auf und sprach mit dem ihr Antlitz niemals /verlassenden] Ernste die Worte: «Die Zeit ist gekommen, in welcher wir uns trennen müssen. Die Göttin, welche Dich hierher gebracht, wird Dich in wenigen Augenblicken wieder von hier abholen. In kurzer Zeit wird meine Tochter in das Leben der Welt zurückversetzt werden, um wieder mit Menschen zu wohnen. Ich kann Dir nichts mitgeben als diesen Zauberring. Ich kenne seine Wirkung nicht, muss ihn Dir aber aus mir selbst unbekanntem Grunde geben. Indes kann Dir die Göttin Fortuna seine Bedeutung jedenfalls erklären.» Schon tat sich die Türe auf, die Göttin erschien, um mich aus dem schönsten Glücke zu reißen. Ich bestieg den Wagen, der mich vor Jahresfrist hierher gebracht, und ich musste wieder durch dieselben Gegenden fahren, die ich damals gefahren. Ich sprach mit der Göttin weiter nichts, um die Bedeutung des Ringes musste ich aber fragen. Die Göttin wusste Bescheid. «Der Ring», sprach sie, «wird für Dich die wunderbare Wirkung haben, dass Du kein weibliches Wesen wirst denken können, ohne die Erinnerung an das Mädchen, welches Du hier kennenlerntest, und er wird Dir helfen, es wieder zu finden, wenn es im Getriebe der Welt des Freundes bedürfen sollte.» Der Bescheid hat sich erfüllt. Die letzten Worte der leidenden Frau: «Meine Tochter wird bald in das Leben der Welt zurückversetzt werden», haben in mir einen tiefen Nachklang zurückgelassen. Nachdem ich nun wieder aus jenem Zauberreiche in diese Welt versetzt bin, ist meine Sehnsucht dahin gerichtet, jenes Wesen, das auch hierher kommen muss und meiner bedürfen wird, irgendwo zu treffen, um es in treuer Liebe zu retten und zu schützen.

German original of The Ring · ← Previous · Next →