Nachwort Voon Rudolf Steiner
zu Max Seilings Theosophie und Christentum
Die Art, in welcher der Verfasser dieser Schrift zustimmend über meine eigenen Versuche sowohl auf dem Gebiete der theosophischen Weltanschauung spricht, wie auch über meine andern wissenschaftlichen Arbeiten, macht es mir schwierig, meine Zustimmung zu seinen Ausführungen in entsprechende Worte zu kleiden. Und da mich gerade diese Ausführungen mit Notwendigkeit dazu drängen, einiges im Anschlusse an sie zu sagen, so befinde ich mich in einer etwas schwierigen Lage. Die Versicherung, dass ich gegnerischen Ansichten nicht mit geringerem Verständnisse gegenüberstehen möchte als solchen, die wie diejenigen Max Seilings in so starkem Maße zustimmend sind, wird mir ja gewiss nicht so ohne Weiters hingenommen. Dies ist es zugleich, was es mir nahe legt, in einem Nachwort einiges zu sagen. Ich möchte anknüpfen an die Stelle dieser Schrift auf S. 23, wo gesagt ist, dass Einwände gegen die Theosophie, die immer wieder gemacht werden, von dieser selbst «vorweggenommen sind». — Es ist nämlich außerordentlich einfach und leicht, die Theosophie zu «widerlegen». Man nehme die Anschauung über Wiederverkörperung und Karma. Die Bekenner dieser Anschauung sprechen von einem individuellen menschlichen Wesenskern. Dieser bleibt als übersinnliches Wesen bestehen, wenn mit dem Tode die Leibesorganisation von ihm abfällt, die ihm zwischen Geburt und Tod als Werkzeug in der physischen Welt dient. Nach einer Epoche rein geistigen Daseins vereinigt sich dieser Wesenskern wieder mit einer Leibesorganisation, um neuerdings für ein physisches Leben geboren zu werden. An dem Aufbau der Leibesorganisation sind nun nicht bloß die Kräfte wirksam zu denken, welche den Menschen als artgemäßes Wesen ins Dasein rufen, sondern es fügen sich diesen Kräften diejenigen ein, welche in den vorangegangenen Leben von dem menschlichen Wesenskern angeeignet worden sind. - Nun wird mancher Bekenner der Theosophie zur Bekräftigung der Wiederverkörperungsidee darauf hinweisen, wie die Kinder einer und derselben Familie voneinander individuell verschieden sind. Er wird sagen, diese individuellen Verschiedenheiten können nicht einfach durch Vererbung übertragen sein, denn die Kinder haben doch alle dieselben Vorfahren. Das Individuelle müsste demnach von dem Eintritte verschiedener individueller Wesenskerne in die gleichen Vererbungsverhältnisse stammen. - Nun drängt sich doch aber leicht der Gedanke auf, der eine solche Erklärung der erwähnten Tatsachen widerlegt. Das Kind trägt in sich Eigenschaften, welche von Vater und Mutter zunächst vererbt werden. Was von Vater und Mutter übertragen wird, ergibt ein Resultat im Kinde. Und je nachdem das eine oder das andere Element überwiegend ist, je nachdem es so oder so auf das andere wirkt, können die Anlagen eines jeden Kindes derselben Eltern ganz individuell verschieden sein. Man kann dann noch hinzufügen: Die Verschiedenheit der menschlichen Charaktere beruhe auf den Verhältnissen in der chemischen Struktur des Keimes. Und wie sollte diese nicht verschieden sein für verschiedene Kinder, welche von denselben Eltern in verschiedenen Lebensaltern usw. abstammen. Selbst die Verschiedenheit bei Zwillingen beweist ja gar nichts, wenn man in Betracht zieht, dass trotz der gleichzeitigen Entwicklung derselben die Bedingungen der Entwicklung schon vor der Geburt unmöglich die völlig gleichen sein können. Wer in den seelisch-geistigen Eigenschaften, im Charakter usw. des Menschen das Ergebnis der verschieden nuancierten Vererbungsverhältnisse sieht, und damit glaubt, auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, der wird die hier nur angedeuteten Einwände - die beliebig vermehrt werden können - ganz zwingend finden.
Gewichtigeres scheinen diejenigen Bekenner der Theosophie vorzubringen, welche sich auf solche Tatsachen des menschlichen Lebens berufen, wie sie z.B. im Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit, im Gewissen usw. liegen. Sie werden sagen: Wenn der Mensch sich verantwortlich fühlt, so kann er dieses Gefühl nicht einer Anlage zuschreiben, welche ihn von außen organisiert, sondern nur dem eigenen Wesenskern, der durch die Geburt ins Dasein tritt. Denn wie könnte man sich für etwas verantwortlich halten, zu dem man nicht selber die Ursache gelegt hat? Doch auch alles das, was in dieser Beziehung vorgebracht werden kann, beweist im Grunde für die Wiederverkörperungsidee gar nichts. Es gibt viele Möglichkeiten, den Sinn für Verantwortung, Gewissen usw. zu erklären, auch wenn man im Menschen nichts weiter sieht als das Ergebnis der von den Vorfahren vererbten Anlagen und dessen, was im Laufe der physischen Entwicklung durch den einzelnen Menschen oder die menschliche Gemeinschaft angeeignet ist. Unter den vielen möglichen Erklärungen soll hier nur eine angeführt werden. Man nehme einmal an, die menschliche seelische Entwicklung sei einfach eine vollkommenere Stufe der tierischen; seine moralischen Empfindungen z.B. seien nur eine Steigerung dessen, was man in der Tierwelt als moralische Impulse findet. Dann wird diese höhere Stufe bewirken können, dass die menschliche Gesellschaft von dem einzelnen Menschen gewisse Dinge verlangt. Tut er diese nicht, dann setzt er sich in Widerspruch mit der Außenwelt. Es muss für ihn die Forderung entstehen, sich zum Ausgangspunkt solcher Gedanken, Gefühle und Handlungen zu machen, welche ihn in Harmonie bringen mit dem Leben seiner Umgebung. Durch Erleben einer solchen Forderung muss sich dann das Bedürfnis entwickeln, sich nur zum Ausgangspunkte bestimmt gearteter Handlungen usw. zu machen. Aus solchen Gedanken ergibt sich dann das Entstehen des Verantwortlichkeitsgefühls, des Gewissens, des Sinnes für Vervollkommnung usw. Es sind doch in der Tat scharfsinnige Versuche gemacht worden, auf solchen Wegen die angeführten Tatsachen des Seelenlebens zu erklären. (Unter vielen sei auf das interessante Buch von Paul Ree «Die Entstehung des Gewissens» hingewiesen.)
Wie einleuchtend muss es ferner erscheinen, wenn gezeigt wird, dass mit dem Ausfall gewisser Partien des Gehirnes die entsprechenden Seelenäußerungen auch wegfallen. Zwar sind in dieser Beziehung auch von Denkern, welche sich nicht zur Theosophie bekennen, die mannigfaltigsten Widerlegungen vorgebracht worden. Doch scheinen diese keineswegs geeignet, zu überzeugen. Man kann z.B. sagen, wenn einem Klavierspieler nach und nach die Saiten des Klavieres durchschnitten werden, dann kann er doch keinen Ton mehr hervorbringen. Das beweise doch nicht, dass mit dem Aufhören der Töne auch der Klavierspieler verschwunden sei. So könne ein geistig-seelischer Wesenskern des Menschen sich auch nicht offenbaren, wenn ihm die Werkzeuge, die Gehirnpartien usw. zerstört werden. Aber es beweise diese Unmöglichkeit des Sich-Offenbarens doch nicht, dass der geistig-seelische Wesenskern verschwunden sei. So ausgesprochen hat dieser Gedanke nichts Überzeugendes. Denn der Klavierspieler kann doch verfolgen, wie ihm das Werkzeug zerstört wird; er wird nicht mitzerstört. Gerade das Letztere kann aber auf den seelisch-geistigen Wesenskern des Menschen nicht übertragen werden. Es erscheint ganz unmöglich, jemand die Selbstständigkeit des geistig-seelischen Wesenskernes des Menschen durch solche Vergleiche zu belegen, der sie von seinem Standpunkte aus nicht zugeben zu können vermeint. Auch hat der angeführte Gedanke, welcher ja unzählige Male vorgebracht worden ist, noch keinen Gegner der Selbstständigkeit der menschlichen Seelenindividualität überzeugen können. Solche Gedanken werden immer einen Erklärungswert haben für diejenigen, welche Bekenner des Übersinnlichen aus tieferen Gründen sind; Beweiskraft für Nicht-Bekenner haben sie nicht. Das gilt von allen hier bereits angeführten «Beweisgründen» für das Übersinnliche im Menschen. Man kann sie anführen im Zusammenhange mit den maßgebenden Darlegungen für das Übersinnliche; «beweisen» wird man durch sie nichts.
Noch viel leichter haben es die Gegner der Theosophie mit dem, was über die Entwicklung höherer Erkenntnisfähigkeiten für das Übersinnliche vorgebracht wird. Es liegt so nahe wie nur möglich, darauf hinzuweisen, dass derjenige, welcher Visionen, Halluzinationen usw. hat, diese doch für nicht weniger wirklich hält wie derjenige, der Tatsachen der übersinnlichen Welt behauptet, aufgrund seiner angeblich ganz methodisch entwickelten Erkenntnisfähigkeiten. Man kann ja auch geltend machen: Selbst wenn sich durch das aufgrund solcher Fähigkeiten Behauptete dieses oder jenes in der Welt der Tatsachen erklären lasse, so beweise das gar nichts. Denn auch eine solche Erklärung könne eine eingebildete sein. Man habe doch Beispiele, wie manches, was für eine bestimmte Zeit nur durch übersinnliche Kräfte erklärt werden konnte, später seine Erklärung durch die sinnlich beobachtbaren Bedingungen gefunden habe. Das sind sicherlich alles nur Andeutungen; doch ist leicht einzusehen, wie durch ihre entsprechende Ausgestaltung in der allereinfachsten Weise die Behauptungen der Bekenner der Theosophie zu «widerlegen» sind.
Man kann sagen: Es gibt gar nichts in der Theosophie, welches nicht in der gekennzeichneten Art ganz leicht als unbewiesene Behauptung, Träumerei etc. in Grund und Boden zu bohren wäre. Deshalb wird auch mit allem, was durch Bekenner der Theosophie in der landläufigen Beweisart vorgebracht wird, nicht viel anzufangen sein. Es war deshalb ein richtiger Gedanke von Max Seiling, seine Ausführungen auf einen ganz andern Ton zu stimmen. Man wird das, was hier gemeint ist, nur bemerken, wenn man Willens ist, auf diesen Ton einzugehen. Der Verfasser der Schrift lässt überall durchblicken, dass es nicht auf die Stellung des Menschen zu dieser oder jener theosophischen Behauptung ankomme, sondern auf das Ergreifen jener Grundlage dieser Weltanschauung, welche in Bezug auf ihre überzeugende Kraft über die Grenzen hinausweist, innerhalb welcher das gewöhnliche Beweisen liegt. — Ich selbst habe daher nötig gehabt, die Fundamente dieser Weltanschauung rein wissenschaftlich zu legen, und dann durch entsprechendes Aufbauen der Theosophie die einzelnen Wahrheiten in ihrem Hervorgange aus den grundlegenden Voraussetzungen zu zeigen. So z.B. kann ich für meine kleine Schrift «Reinkarnation und Karma» nicht zugeben, dass jemand dasselbe sagt wie ich, der das dort Dargestellte in einen andern Zusammenhang bringt. In dieser Schrift zeige ich, wie naturwissenschaftliche Gedankengänge unserer Zeit in ihrer konsequenten Fortführung zu der Idee der Reinkarnation und des Karma führen müssen. Sobald man nun nicht in dieser Fortführung und in dem ganzen «Wie» der Darstellung das Wesentliche sieht, trifft man nicht die Meinung der kleinen Schrift. - Auf dem Gebiete der erkenntnistheoretischen Grundlegung der theosophischen Weltanschauung hat Dr. Unger weitergearbeitet. Und auch aus seinen Ausführungen wird man ersehen, wie vergeblich jedes Beginnen sein muss, eine Beweismethode für die Theosophie fordern zu wollen, oder auch gegen sie anzuwenden, von welcher der Bekenner der Theosophie keinen Augenblick zweifeln sollte, dass sie ebenso wenig für ihn spricht, wenn er sich ihrer bedient, wie es gegen ihn spricht, wenn seine Gegner sie als Methode der Widerlegung gebrauchen.1 - Das hier angedeutete wird in Bälde von mir weiter ausgeführt werden; ich musste es hier nur mit ein paar Worten den Ausführungen Max Seilings hinzufügen, weil der ganze Ton seiner Schrift mir die Notwendigkeit aufzuerlegen schien.
-
Es widerspricht z.B. keine naturwissenschaftlich beobachtete Tatsache der Theosophie. Doch kann man unzählige dazu verwenden, Theosophie zu «widerlegen». Das oben vorgebrachte wird für den genauer Zusehenden auch nicht der Tatsache widersprechend erscheinen, dass die Ausführungen der Theosophie in sich selbst absolut logisch beweisbar sind. Logische Beweise sind etwas anderes im erkenntnistheoretischen Sinne als die charakterisierten «Beweise»! ↩