Was gemeint ist: Vorwort zu einem illustrierten Kalender für das Jahr 1912/13
Die Zeit wird an der Veränderung der Welterscheinungen erlebt. Diese Veränderung verbindet im Weltenlaufe das Neue mit dem Alten. Dem Tag folgt die Nacht; dieser wieder der Tag. Der neue Tag lässt noch nicht Gewesenes aus dem Mutterschoße des Daseins erstehen; er wiederholt aber auch den vorigen Tag in seiner eigenen Wesenheit.
In das Dunkel der Nacht dringt aufhellend das Licht des Mondes. In vierzehn Tag- und Nachtfolgen wächst es an, dann nimmt es in demselben Maße wieder ab. Auch dieses wiederholt sich immer wieder, im Neuen das Alte bewahrend.
Aus dem Erdengrunde lockt die Sonnenkraft das Pflanzenleben. Dies entfaltet sich, welkt hin, zieht sich in verborgene Untergründe zurück wie das Tageslicht zur Nachtzeit, oder des Mondes Glanz in Neumondnächten, und ersteht neu; wieder im Neuen das Wesen des Alten offenbarend.
Diesem sich wandelnden und im Wandel sich bewahrenden Weltenwerden steht der Mensch gegenüber. Er muss sein eigenes Erleben mit diesem Weltenleben in Einklang bringen. Die Zeitenberechnung, die dem Kalender durch die verschiedenen Völker zugrunde gelegt worden ist, ergibt sich als der Ausdruck für diese Tatsache.
In der Stellung der Gestirne zueinander drückt sich die Wiederholung des Alten in dem Neuen am charakteristischsten aus. Diese Stellungen treten immer wieder so auf, dass die neuen den alten ähnlich sind. Der Mensch kann sein Erleben zu einer bestimmten Zeit zum Ausdrucke bringen, indem er von der Stellung der Gestirne in diesem Zeitpunkte spricht. Am einfachsten geschieht dies, wenn z.B. das Erleben des Morgens in die Worte gefasst wird: Die Sonne geht auf. Es beruht alle Zeitberechnung im Grunde auf demselben Vorgange. Das Erleben des Frühlings kann zum Ausdrucke kommen in den Worten: Die Sonne zeigt sich dem Menschenblicke in einer solchen Richtung, dass der Blick, wenn er sich nach dieser Richtung wendet, zugleich dieses oder jenes Sternbild findet.
Wie nun ein bestimmtes Schriftzeichen der Ausdruck ist für einen menschlichen Laut, so kann die Sternenstellung das Schriftzeichen werden für das Erlebnis eines Zeitpunktes. Man werfe einen Blick auf eine der Seiten des folgenden Kalenders. Man nehme einen bestimmten Tag, z.B. des Mai, und dann einen andern des August. Die Gesamterlebnisse, welche der Mensch an diesen zwei Tagen in seinem Zusammensein mit dem Weltenwerden hat, sind durchaus verschieden. Er kann die Verschiedenheit zum Ausdrucke bringen, indem er dazu z.B. die Stellung der Sonne zu einem Sternbilde des Tierkreises auf das Erlebnis bezieht, wie ein Schriftzeichen auf seinen Laut. In den Kalendern der verschiedenen Zeitalter und Völker findet man die Stellung der Sonne im Verhältnis zu einem Sternbilde des Tierkreises in einem bestimmten Zeitpunkte durch ein symbolisches Zeichen zum Ausdrucke gebracht. So bezieht sich das Zeichen, das man für das Sternbild der Fische an einem Tage findet, darauf, dass an diesem Tage zur bestimmten Stunde der Blick, der sich nach der Sonne richtet, zugleich auf das Sternbild der Fische fällt. Werden bei einer solchen Bezeichnung charakteristische Stellungen gewählt, so hat man in der Wiederholung dieser Stellungen Grundlagen der Zeitgliederung.
In den folgenden Kalenderangaben ist in den fortlaufenden Monarfiguren die Tatsache, dass der Blick, der sich bei aufgehender Sonne nach dieser richtet, zugleich auf ein Sternbild fällt, jeweilig durch eine symbolische Figur aus[ge]drückt. Im Jahreslaufe ändert sich dieses Verhältnis so, dass alle zwölf Tierkreiszeichen in Betracht kommen.
Während eines Monats ungefähr kann die Stellung der Sonne zu einem Tierkreisbilde in Betracht kommen. Nach Ablauf des Jahres wiederholen sich annähernd dieselben Stellungen. Die Bezeichnung «annähernd» ist berechtigt, weil im Laufe der fortschreitenden Zeit eine Verschiebung der Stellungen stattfindet. Während z.B. vor Jahrhunderten der Blick zur aufgehenden Sonne im März zugleich auf das Sternbild des Widders fiel, fällt er gegenwärtig in derselben Zeit auf das der Fische.
In diesem Kalender sind statt der gebräuchlichen Zeichen für die Stellungen der Sonne zu den Tierkreisbildern solche gefügt, welche das Erlebnis an den Welterscheinungen, das der Mensch bei aufgehender Sonne in den entsprechenden Monaten haben kann, in ein charakteristisches intuitives Bild bringt. So findet man in den fortlaufenden Monatsbildern Ausdrücke für die Seelen-Erlebnisse, welche ein Mensch haben kann, der die Veränderungen im Weltenwerden mitfühlend verfolgt, und sie wie in einer Schrift durch die Sonnenstellung zum Ausdruck bringt. Wie man das einfache Erlebnis: «ich empfinde die nächtliche Finsternis dem Lichte weichen» zum Ausdrucke bringen kann in den Worten: «die Sonne geht auf», so würde das kompliziertere Seelenerlebnis: «ich fühle frühlingmäßig die Erde sich zum neuen Wachstum bereiten und Sonnenkraft zunehmen» seinen Ausdruck finden in den Worten: «die aufgehende Sonne wird in der Richtung nach den Fischen gesehen». Und diese Beziehung des Seelenerlebnisses zu einem Weltvorgang ist sinnbildlich in den Monatsbildern der folgenden Kalenderangaben zum Ausdrucke gebracht. Wenn man das Mit-Erleben mit dem Weltenwerden in diesen fortlaufenden Bildern empfindet, wie bei einem Schriftzeichen der entsprechende Laut ins Bewusstsein tritt, so wird man die Bedeutung dieser Bilder richtig fühlen. Auf abstrakte astronomische Verhältnisse ist dabei weniger Wert gelegt.
In den Bildern, welche zu den Tagen gefügt sind, sind für den Mond ähnliche Verhältnisse charakterisiert wie mit den Monatsbildern für die Sonne.
Die Zahl eines Jahres wird von je einem Teile der Menschheit jeweilig so festgesetzt, dass die Zählung begonnen wird von einem Ereignisse, das für diesen Teil der Menschheit als besonders wichtig empfunden wird. Die Juden rechnen von dem Zeitpunkte an, den sie als «Erschaffung der Welt» bezeichnen, die Christen von der «Geburt Jesu». In diesen Kalenderangaben ist von dem Jahre 33-34 der christlichen Zeitrechnung an gezählt. Es wird dabei jenes Datum der Erdenentwicklung zugrunde gelegt, das für die gesamte Menschheit ohne Unterschied von Rasse, Nation usw. von Bedeutung ist. Dabei ist die Annahme der «Geisteswissenschaft» zugrunde gelegt, welche in dem angegebenen Jahre den Zeitpunkt sieht, in welchem in die Menschheitentwicklung die Kräfte eingetreten sind, durch welche das Menschen-Ich sich ohne Sinnbild durch die Kräfte des eigenen Vorstellungslebens in sich selbst erfassen und in ein Verhältnis zur Welt bringen kann. Vor diesem Zeitpunkte brauchte der Mensch, um sich zu erfassen und in die Welt hineinzudenken, Vorstellungen, die von der äußeren Wahrnehmung entnommen sind. Die Vorbereitung zu diesem Zeitpunkte liegt einerseits in der althebräischen Kultur, welche zuerst den «Gott im Innern» bildlos zur Erkenntnis brachte; andrerseits im griechischen Geistesleben, das sowohl in seinen Künstlern wie in seinen Weltweisen den Zeitpunkt dadurch vorbereitete, dass es den Menschen durch Vorstellung seiner selbst als Erdenwesen erfasste und in seiner Philosophie das Weltwerden nicht durch äußere Bilder, sondern durch Vorstellungen charakterisierte, die allein dem Menschen-Innern als denkendem Bewusstsein entstammen (Thales bis Aristoteles). Das christliche Bekenntnis brachte die Empfindung gegenüber dieser Menschheitstatsache dadurch zum Ausdruck, dass es in den entsprechenden Zeitpunkt «Tod und Auferstehung Christi», das «Mysterium von Golgatha» versetzte. Von diesem an sind in den folgenden Angaben die Jahre gezählt. Und in Anlehnung daran ist der Erinnerungstag an dieses Jahr als der erste in der Jahres-Zählung angenommen. Ob dazu ein Recht vorhanden ist gegenüber der Zählung vom ersten Januar an, darüber kann man selbstverständlich streiten. Hier soll dies nicht geschehen.
Die Jahres-Erinnerungstage streben naturgemäß nirgends eine Vollständigkeit an. Sie sind so mit den Namen versehen, dass das Angeführte demjenigen nützlich sein kann, der den geistigen Entwicklungsgang der Menschheit verfolgen will.