Vorwort zu Der Seelen Erwachen [7. und 8. Bild]
Die farbigen Heftchen der Waldorf-Astoria, Stuttgart o.J. [1918], Nr. 31; zugleich in: Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenrätsel, Berlin [1918]
Die hier folgenden zwei Szenen gehören dem letzten von vier zusammenhängenden Dramen an, in denen die Erlebnisse von Menschen zur Darstellung kommen, die eine innere Seelenentwicklung durchmachen. Diese vier Dramen sind: 1. Die Pforte der Einweihung; 2. Die Prüfung der Seele; 3. Der Hüter der Schwelle; 4. Der Seelen Erwachen (sämtlich im Philosophisch-anthroposophischen Verlag, Berlin W., Motzstr. 17). Diese Entwicklung soll sie zur lebendigen Anschauung der geistigen Welt und zur Durchdringung ihres Willens mit den Idealen dieser Welt führen. Die Erlebnisse, durch die sie auf dem Wege zu diesem Ziele hindurchzugehen haben, sind mannigfaltige. Auch solche sind unter diesen Erlebnissen, in denen sie Menschen früherer Kulturzeitalter unter anderen Verhältnissen zu demselben Ziele strebend bildhaft schauen. Es sind dies Menschen, in denen sie ihre eigene Wesenheit, ihre Seelenanlagen, ihre Willensrichtung wiedererkennen. Menschen, an deren Schicksalen sie erkennen können, welche Schwierigkeiten und Hindernisse ein solches Streben findet. Indem sie sich in diesen Menschen selbst erkennen, finden sie die Kräfte, um auf ihrem Wege weiterzuschreiten. Sie fühlen sich mit dem eigenen Wesen der ganzen Geistesentwicklung der Menschheit eingegliedert. Sie können betrachten, wie das, was gegenwärtig in ihrer Seele wirkt, in anderer Zeit gewirkt hat. Sie lernen dadurch verstehen, wie es jetzt sich offenbaren muss, indem es ihnen zu einer Wiederholung und Folge dessen wird, was vor Zeiten sich geoffenbart hat. Eine solche Rückschau der Seelen in ein früheres Kulturzeitalter stellen die hier abgedruckten zwei dramatischen Bilder dar. Das schon im Untergange begriffene ägyptische Kulturzeitalter soll verbildlicht werden. Der auftretende «Opferweise» erkennt, dass eine neue Zeit anbrechen muss. Die anderen Lenker der Weisheitsstätte beharren in den hergebrachten Formen. Sie wollen einen Schüler im Sinne dieser Formen in das Erleben der geistigen Welt einführen. Es kommt ihnen nicht darauf an, ob dieser Schüler wirklich reif ist, sondern darauf, dass ihre Formen fortleben sollen. Der «Opferweise» durchkreuzt ihre Bestrebungen, indem er durch sein von höheren Zielen gelenktes Verhalten die Unreife des Schülers zur Offenbarung bringt. Dadurch führt er ein bildhaftes Ereignis herbei, an dem sich zeigt, wie die untergangreife Kultur durch eine neue abgelöst werden muss.
Rudolf Steiner.