Vorwort zu vier Märchen

Die farbigen Heftchen der Waldorf-Astoria, Stuttgart o.J., Nr. 29 [1918]; zugleich in: Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenrätsel, Berlin o.]

Die folgenden Märchen-Bilder sind entstanden, als ich in meinen Dramen mich gedrängt fühlte, durch Personen Dinge sagen zu lassen, die als Seelenerlebnisse sogleich ihr Wesen verlieren, wenn man sie anders als in solchen Bildern ausdrücken will. Mir scheint, dass sie auch, aus den Dramen herausgenommen, für sich als solche Bilder hingenommen werden können. Denn in jeder Menschenseele kann sich als inneres Erlebnis einstellen, was in diese Bilder eingemalt ist. Ich habe Menschen gefunden, welche die Märchen «schwer verständlich» fanden. Ich glaube, dass sie nur derjenige so empfindet, dem die Kindlichkeit des Gemütes fehlt, die eine Seele sich durch alle Lebensalter hindurch bewahren sollte, um in gewissen Stunden dasjenige zu erleben, was «kein Verstand der Verständigen» in seiner wahren Gestalt erleben kann. Aber ich glaube auch, dass derjenige nicht versteht, was in den Bildern gemeint ist, der sie verstandesgemäß auslegen will. Ich selber habe, indem sie sich mir vor die Seele stellten, nichts als den Bild-Inhalt in der Seele empfunden. Einen «tieferen Sinn» zu verkörpern, der begriffen werden sollte als etwas anderes, als was die Bilder durch sie sagen, lag mir fern. Aber ich habe allerdings die Ansicht, dass gewisse Geheimnisse, welche das Leben der Natur und der Menschenwelt in sich birgt, sich der Seele nur offenbaren, wenn diese Sinn dafür hat, sie in solchen Bildern anzuschauen. Solche Geheimnisse entfliehen dem Menschengeiste, wenn er sie in Begriffe einfangen will. Aber der Empfindung, die an dem Bilde sich belebt, ergeben sie sich.

Rudolf Steiner.

German original of Foreword to Four Fairy Tales · ← Previous · Next →