An die Zweige der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft!

Liebe Freunde!

Um Missverständnissen vorzubeugen, erlaube ich mir von vornherein zu bemerken, dass ich diesen Brief nicht als einen offiziellen des Generalsekretärs aufzufassen bitte, sondern als eine private Ausführung, zu der ich mich verpflichtet fühle, weil eine Reihe von Mitgliedern unserer Sektion meine Meinung in der folgenden Angelegenheit erfahren möchte.

Unser Zweig Stuttgart I hat in einem Rundschreiben an die deutschen Zweige der TG zum Ausdruck gebracht, dass er mit den Auseinandersetzungen des «Vâhan», dessen Herausgeber Herr Richard Bresch ist, nicht einverstanden ist, insofern sich diese auf einzelne Vorkommnisse der Gesellschaft beziehen. Auch sind in diesem Rundschreiben Vorschläge zu einer Regelung der Verhältnisse zwischen Vâhan und deutscher Sektion gemacht. Bisher haben die beiden Zweige Leipzig und Besant-Zweig in Berlin in Rundschreiben zu der Kundgebung unserer Loge Stuttgart I Stellung genommen.

Ich möchte selbst dazu nun das Folgende sagen:

Ich achte jede fremde Meinung als berechtigt, sofern diese auf der Grundlage aufgebaut ist, der Wahrheit zu dienen; und ich suche auch eine Meinung, die ich persönlich für falsch halten muss, zu verstehen, wenn sie selbst nicht der obigen Grundlage entspringt. Dies fordert die theosophische Toleranz, und solches wird uns auch durch das wahre Gesetz von Karma ganz selbstverständlich. Nicht im Allerentferntesten soll nun daran gezweifelt werden, dass Herr Bresch mit seinen Ausführungen der Wahrheit zu dienen bestrebt ist. Und ich will mich durchaus nicht meinerseits in eine Kritik seiner Ansicht einlassen. Ich möchte nur meine Meinung neben die seinige hinstellen.

Bezüglich des Fuente-Vermächtnisses bin ich der Ansicht, dass von Colonel Olcott und Annie Besant sachlich so gut verfahren worden ist, dass es besser hätte nicht geschehen können. Die Summe ist zu theosophischen Zwecken im eminentesten Sinne angewendet worden. Und die theosophische Gesellschaft hat nicht allein die Aufgabe, theosophische Dogmen und Lehren zu verbreiten, sondern der Kultur des Erdkreises durch theosophisches Leben zu dienen. Die beiden Dinge aber, zu denen das Vermächtnis angewendet wird, sind Stiftungen der schönsten theosophischen Art. Bei einer allgemeinen Abstimmung über die Sache in der TG hätte ich jedenfalls nicht im Sinne einer anderen Verwendung gestimmt. - Da bleibt also nur etwa der Einwand, dass eine solche Abstimmung hätte stattfinden sollen. Ich aber bin der Ansicht - ein Anderer hat das Recht zu anderer Meinung -, dass sich in der TG vieles nicht auf Formalitäten stützen kann, sondern auf das Vertrauen, das wir zu den erprobten Persönlichkeiten haben. Und Colonel Olcott und Annie Besant haben für die TG so unsäglich viel geleistet, dass ich meine, man kann ihnen Vertrauen schenken in einer solchen Angelegenheit.

Aber selbst wenn man die Sache nicht so hält, so bin ich der Meinung, dass man einen andern Weg einschlagen soll zur Änderung gewisser Verhältnisse als den durch eine Zeitschrift, die - wenn sie auch theosophisch ist - doch öffentlich erscheint. Wir kommen sonst dazu, die wenig erfreulichen Zeitungsmanieren auch in unsere Gesellschaft einzuführen. Und das wäre ein fataler Irrweg. Ich bin mit vielen darin einer Meinung, dass manches in der TG vor allem auch derlei Einrichtung der Kongresse - einer Verbesserung bedürftig ist. Derlei aber soll man, meine ich - als interne Angelegenheit behandeln, durch persönliches Wirken an der Verbesserung mitarbeiten. Ich kann unsere verehrten Freunde nur versichern, dass ich beim letzten Londoner Kongress mit manchen Persönlichkeiten gesprochen habe und in dieser Beziehung viel Verständnis gefunden habe. So scheint es mir, sollte es auch mit der Angabe der Logenanzahl gehalten werden. Ein brieflicher Gedankenaustausch mit Colonel Olcott hätte dafür vollkommen genügt. Auf Dinge, wie das Erscheinen von Büchern in Prachtausgabe, glaube ich nicht eingehen zu brauchen. Dabei kommen neben den von Herrn Bresch geltend gemachten Motiven doch auch künstlerische Motive in Betracht. Und wie weit man da geht, das ist Geschmackssache. Niemand sollte sich aber aus eigener Machtvollkommenheit gar zum Geschmacksrichter für alle Welt aufwerfen. Wir können doch nur hoffen, dass man auf unser Urteil etwas gibt, wenn man auch das Urteil der andern gelten lässt und nicht das eigene für unfehlbar hält.

Bei der Art der Kritik, wie sie Herr Bresch übt, kommt man zu leicht in die Gefahr, gegen den Erfahrungssatz zu verstoßen, dass von Anschuldigungen fremder Personen doch «immer etwas hängen bleibt». Und welche Meinung auch Herr Bresch haben mag - ihre relative Berechtigung kann ich zwar keinesfalls zugeben, doch soll von mir nicht weiter daran gedeutelt werden -, das Eine wird er doch - ich hoffe es - nicht behaupten, dass Colonel Olcott und Annie Besant bösen Willen bei einer ihrer Maßnahmen haben. Wenn ich das aber nicht voraussetzen kann, so wäre es mir z.B. unmöglich, den Ton der Kritik anzuschlagen, den er anschlägt.

Über den Vorschlag der Stuttgarter Loge I, das Verhältnis des Vâhan zur Sektion zu regeln, möchte ich nur sagen, dass auch ich - ganz wie Herr Bresch - es für unmöglich halte, dass ein Redakteur abhängig gemacht wird von der Gesellschaft. Ganz abgesehen davon, dass man ja nicht nach Abstimmungen redigieren kann, ist eine solche Sache technisch undurchführbar. Anders steht es mit einem Nachrichtenblatt, über das auf der General-Versammlung im Oktober verhandelt werden kann.

Über den Verlauf des Kongresses in London und einige andere Gesellschaftsangelegenheiten werde ich demnächst ein Rundschreiben an die Zweige senden.

Mit brüderlichem theosophischen Gruß gezeichnet
Dr. Rudolf Steiner.

German original of To the Branches of the German Section of the Theosophical Society! · ← Previous · Next →