III. Die Arbeitsweise der Theosophischen Gesellschaft
Frag.: Welches sind die Ziele der Theosophischen Gesellschaft?
Theos.: Es gibt deren drei, und sie sind es auch vom Anfang an gewesen. 1.) Den Kern eines allgemeinen Bruderbundes der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied von Rasse, Kaste, Geschlecht, Stand, und Bekenntnis. 2.) Das Studium der arischen und anderer Schriften zu fördern, die sich auf die Religionen und Wissenschaften der Welt beziehen, und die Wichtigkeit der alten asiatischen Literatur zu betonen, besonders der brahmanischen, buddhistischen und zoroastrischen. 3.) Die verborgenen Geheimnisse der Natur in jeder möglichen Form zu erforschen, und die im Menschen schlummernden seelischen und geistigen Kräfte. Dies sind in Kürze die drei Hauptziele der Theosophischen Gesellschaft.
Frag.: Kann eine eingehendere Erklärung davon gegeben werden?
Theos.: Man kann jedes der drei Ziele in so viele erklärende Glieder zerlegen, als notwendig ist.
Frag.: Es möchte mit dem ersten begonnen werden. Welche Mittel kann es geben um das Gefühl der Brüderlichkeit unter den Rassen zu erwecken, von denen man weiß, dass sie in Religion, Gebräuchen, Bekenntnissen, und Vorstellungsarten in der denkbar größten Verschiedenheit leben?
Theos.: Es sei erlaubt das auszusprechen, was nicht gerne gesagt wird. Bekannt ist, dass mit Ausnahme zweier Reste von Rassen — der Parsen und der Juden — jede Nation geteilt ist, nicht nur also sich von andern unterscheidet, sondern auch in sich Spaltungen aufweist. Das findet sich am meisten bei den sogenannten zivilisierten christlichen Nationen. Daher rührt die Verwunderung über das erste Ziel und der Grund, warum es so leicht als Utopie angesehen werden kann. Ist das nicht so?
Frag.: Wohl ist es so; aber was kann in dieser Hinsicht vorgebracht werden?
Theos.: Nichts gegen die Tatsache selbst; aber vieles in Bezug auf die Notwendigkeit, welche gegenwärtig vorliegt, um die Ursachen zu beseitigen, die einen allgemeinen Bruderbund als Utopie erscheinen lassen.
Frag.: Was kommt nach dieser Richtung hin in Betracht?
Theos.: Zunächst und am allermeisten die natürliche Selbstsucht der menschlichen Natur. Diese Selbstsucht, statt ausgerottet zu werden, wird verstärkt und genährt durch die gegenwärtige religiöse Erziehung, sodass man sich einlebt in ein wildes und hartes Fühlen; man ermutigt dies nicht nur, sondern versucht es positiv zu rechtfertigen. Die Ansichten der Menschen über Recht und Unrecht sind ganz umgewendet worden durch eine buchstäbliche Annahme der jüdischen Bibel. Alle auf Selbstlosigkeit und Altruismus hinzielenden Lehren Jesu sind nur noch ein Gegenstand theoretischer Erörterungen in Erbauungsreden; aber die Lehren der praktischen Selbstsucht, die in der mosaischen Bibel gelehrt werden, und gegen welche Christus vergeblich predigte, sind zum innersten Leben der West-Völker geworden. «Auge für Auge, Zahn für Zahn» ist zum obersten Grundsatz unserer Gesetzesanschauung geworden. Es soll offen und furchtlos gesagt werden, dass die Verderbtheit dieser Lehre und vieler anderen zur durch die Theosophie überwunden werden kann.
Frag.: Wie kann dies geschehen?
Theos.: Einfach, indem man durch logische, philosophische, metaphysische und selbst wissenschaftliche Gründe darlegt: 1. Alle Menschen haben geistig und physisch den gleichen Ursprung, was die Grundlehre der Theosophie ist. 2. Wie die Menschheit tatsächlich ein und derselben Wesenheit ist, und dass diese Wesenheit Eine ist — unendlich, ungeschaffen und ewig, ob sie nun Gott oder Natur genannt wird — weshalb in Wahrheit eine Nation ohne alle anderen nichts vermag, ebenso wenig wie ein Mensch ohne alle anderen Menschen. Das ist so gewiss und so unabweislich wie dass ein Stein, der in Wasser geworfen wird, früher oder später jeden Tropfen Wassers in Bewegung setzt, der zum Ganzen gehört. Frag.: Dies ist aber nicht Christi Lehre, sondern eher eine pantheistische Idee.
Theos.: Das beruht auf einem Missverständnis. Es ist reines Christentum, wenn auch nicht judäisch, weshalb die biblischen Nationen vorziehen, es zu ignorieren.
Frag.: Das ist eine übertriebene und ungerechte Anklage. Wo sind die Beweise für solch eine Behauptung?
Theos.: Die sind leicht zur Hand. Christus wird das Wort beigelegt: «Liebet einander» und «liebet eure Feinde»; denn «wenn ihr nur diejenigen liebt, die euch auch lieben, was tuet ihr besonderes? Tun das nicht auch die Schriftkundigen?1 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt; was tut ihr dann besonderes? Tun nicht auch das die Schriftkundigen? Das sind Worte Christi. Aber die Genesis (IV, 25) sagt: «Verflucht sei Kanaan; ein Diener unter Dienern soll es sein innerhalb seiner Brüder.» Und daher zieht nicht ein christliches, sondern ein biblisches Volk das Gesetz des Moses demjenigen des Christus vor. Auf dem Alten Testament wird alles das aufgebaut was zu den Leidenschaften stimmt, was die Eroberungen, Überrumpelungen und Tyranneien stützen kann über sogenannte «untergeordnete» Völker. Welche Verbrechen begangen worden sind im Namen dieser — nach dem toten Buchstabensinn ausgelegten — Genesisstelle: davon kann die Geschichte nur eine sehr schwache Vorstellung liefern.2
Frag.: Ich habe gehört, es werde behauptet, die Einheit unseres physischen Ursprungs sei wissenschaftlich beweisbar, und diejenige unseres geistigen Ursprunges durch die Weisheits-Religion. Dennoch kann man nicht sehen, dass die Darwinisten große brüderliche Tugenden entwickeln.
Theos.: Zwar ist es so; aber dies zeigt eben die Fehlerhaftigkeit der materialistischen Weltansicht, und beweist, dass die Theosophen recht haben. Die Einheit unseres physischen Ursprungs spricht nicht zu unseren höheren und edleren Empfindungen. Der bloße Stoff, abgelöst von Seele und Geist oder von seiner göttlichen Wesenheit, kann zum menschlichen Herzen nicht sprechen. Aber die Einheit von Seele und Geist, von dem wirklichen, unsterblichen Menschen, wie er durch die Theosophen gelehrt wird, wird, wenn sie einmal bewiesen ist, sich tief in unsere Herzen einleben, und sie kann zuletzt die Wurzel wahren Zusammengehörigkeitsgefühles und brüderlicher Eintracht werden.
Frag.: Aber wie legen die Theosophen den gemeinsamen Ursprung der Menschen dar?
Theos.: Indem sie die Grundlage in aller Natur lehren, objektiv und subjektiv, und eines jeden Dinges im Weltall des sichtbaren und des unsichtbaren; diese wird stets eine absolute Wesenheit sein, von der alles ausgeht und zu der alles zurückkehrt. Das ist arische Philosophie, vollkommen dargestellt nur durch das Vedanta- und das buddhistische System. Mit diesem Ziele vor sich, machen es sich die Theosophen zur Pflicht, auf eine jegliche praktische Art in allen Gegenden eine sektenfreie Entwicklung zu fördern.
Frag.: Was aber ist überdies zu tun? In der physischen Welt nämlich.
Theos.: Die Einrichtung einer Gesellschaft, wie sie von Edward Bellamy in seinem bemerkenswerten Buch «Rückblick» beschrieben wird, stellt ausgezeichnet die theosophische Idee dar über die Art, wie die ersten Schritte zur Verwirklichung eines allgemeinen Bruderbundes gemacht werden sollten. Der Stand der Dinge, wie er ihn schildert, ist allerdings noch nicht die Vollkommenheit, denn noch herrscht die Selbstsucht in den Herzen der Menschen. Aber im Wesentlichen sind doch Selbstsucht und Individualismus durch das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Brüderlichkeit sehr in den Hintergrund gedrängt; und das Bild des Lebens, welches da gezeichnet wird, vermindert die Ursachen, welche die Selbstsucht fördern, auf ein Geringes.
Frag.: Dann wird ein Theosophist Anteil nehmen an den Bestrebungen zur Verwirklichung eines solchen Ideals?
Theos.: Sicherlich; und es ist durch die Tat bewiesen worden. Hat man nicht gehört von den Nationalparteien und Klubs, die in Amerika seit der Veröffentlichung von Bellamys Buch entstanden sind? Sie treten immer mehr und mehr in den Vordergrund und werden es künftig noch mehr tun. Nun, diese Parteien sind zumeist von Theosophen begründet worden. Einen der ersten dieser Klubs, der Nationale Klub von Boston hat Theosophisten zu Präsident und Sekretär, und die Mehrheit seiner Verwaltung ist aus Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft gebildet. In der Verfassung all ihrer Klubs und aller Parteien, die sie bilden, ist der Einfluss der Gesellschaft ersichtlich, denn sie nehmen zu ihrer Grundlage den ersten Grundsatz, die Brüderlichkeit der Menschheit, wie sie durch die Theosophie gelehrt wird. Sie setzten in der Grundlagen-Erklärung das folgende fest: «Der Grundsatz der Brüderlichkeit in der Menschheit ist eine der ewigen Wahrheiten, welche die Welt beherrschen in Bezug auf jenen Fortschritt, der sich in der Richtung des Menschlichen von dem Roh-Natürlichen hinweg bewegt.» Was könnte theosophischer sein als dieses? Aber es ist noch nicht alles. Es muss den Menschen klar werden, dass, weil die Grundlage der Menschheit eine einheitliche ist, es auch eine Wahrheit in allen verschiedenen Religionen gibt — ausgenommen in der jüdischen, da ihr Ausdruck selbst nicht in der Kabalah zu finden ist.
Frag.: Das bezieht sich auf den gemeinsamen Ursprung der Religionen, und es mag richtig sein. Aber wie verhält es sich mit einem praktischen Bruderbund in der physischen Welt?
Theos.: Erstlich muss dasjenige, was im Übersinnlichen wahr ist, es auch im Sinnlichen sein. Zweitens gibt es keinen fruchtbareren Quell von Hass und Streit als die religiösen Ungleichheiten. Wenn die eine oder die andere Partei sich für den ausschließlichen Besitzer der Wahrheit hält, dann ist es nur natürlich, dass man in dem Nachbar jemand sieht, der vom Teufel befallen ist. Wird es aber klar, dass keiner die ganze Wahrheit besitzt, sondern dass sich alle wechselweise ergänzen, dass die vollständige Wahrheit nur in den vereinigten Ansichten aller gefunden werden kann, nachdem dasjenige abgeworfen ist, was an der einzelnen unrichtig ist, dann wird der wahre Bruderbund in der Religion eingerichtet werden. Das gleiche findet auf die physische Welt Anwendung.
Frag.: Was kann dazu weiter gesagt werden? Theos.: Man nehme ein Beispiel. Eine Pflanze besteht aus Wurzel, Stamm und vielen Zweigen und Blättern. So ist auch die Menschheit als Ganzes ein Stamm, der aus einer geistigen Wurzel herauswächst, und in diesem Sinne ist auch der Stamm die Einheit in der Pflanze. Verletze den Stamm und unvermeidlich wird jeder Zweig und jedes Blatt leiden. So ist es auch mit der Menschheit.
Frag.: Aber wenn bloß ein Blatt oder ein Zweig verletzt wird, so wird nicht die ganze Pflanze verletzt.
Theos.: Und daraus folgert man, dass durch eine Verletzung eines Menschen die Menschheit nicht verletzt werde. Wie denkt man sich dies aber? Ist es nicht bekannt, dass selbst die materialistische Wissenschaft lehrt, dass jede Verletzung einer Pflanze, wie leicht sie auch immer sein mag, den Verlauf des ganzen künftigen Wachstums beeinflusst? Das oben gesagte beruht somit auf einem Missverständnis und die Analogie ist eine vollkommene. Und man überlege, dass ein Schnitt in einen Finger den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht und auf das ganze Nervensystem zurückwirkt; daraus ist doch ersichtlich, dass es Gesetze gibt innerhalb des Geistigen, die in Pflanzen und Tieren ebenso gültig sind wie in der Menschheit, obgleich man deren Wirklichkeit bestreiten mag, da man ihre Wirkung auf Pflanzen und Tiere nicht gewahr wird.
Frag.: Was für Gesetze sind da gemeint?
Theos.: Man nennt sie die Gesetze des Karma; aber man kann sich ein volles Verständnis davon nur durch den Okkultismus aneignen. Wie es sich damit aber auch verhalten möge, obige Behauptung beruht nicht auf diesen Gesetzen, sondern auf der Analogie mit der Pflanze. Man erweitere diese Vorstellung, führe sie in das Allgemeine ein, und man wird finden, dass für eine wahre Weltansicht jede physische Handlung ihre moralischen und fortdauernden Wirkungen hat. Man verletze einen Menschen durch Zufügung von körperlichem Übel; es ist möglich zu glauben, dass sein Leid und Schmerz seine Volksgenossen nicht beeinflussen kann, noch weniger die Angehörigen fremder Völker. Aber die theosophische Weltansicht sagt, dass es in entsprechender Zeit unbedingt geschehen werde. Daher behauptet sie, dass insolange es nicht verstanden und als eine allgemeine Wahrheit angenommen wird, dass, wenn wir einem Menschen Schaden tun, wir nicht nur uns selbst, sondern der ganzen Menschheit Unrecht zufügen — dass solange die brüderlichen Gefühle, wie sie von den großen Reformatoren gelehrt worden sind, besonders von Buddha und Jesus, keine Verwirklichung auf der Erde werden finden können.
Frag.: Könnten jetzt die Methoden dargelegt werden, durch welche das zweite Ziel verwirklicht werden kann? Theos.: Es geschieht durch Sammlung aller guten Werke über die Weltreligionen, die aufzutreiben sind, in dem Hauptquartier zu Adyar, Madras, sowie in den örtlichen Bibliotheken. Auch sollen genaue Auseinandersetzungen gegeben werden über die verschiedenen alten Weltanschauungen, Überlieferungen, Sagen, die dann in praktischer Art verbreitet werden. Auch durch Übersetzungen und Veröffentlichung der Originalschriften von Wert, und ebenso durch Auszüge und Erläuterungen, wie durch die Belehrungen solcher Persönlichkeiten, die unterrichtet sind, in den verschiedenen Gebieten der Gesellschaft.
Frag.: Und was soll in Bezug auf das dritte Ziel, die Entwicklung der im Menschen schlummernden geistigen und seelischen Kräfte getan werden?
Theos.: Auch da muss durch Veröffentlichungen gewirkt werden für diejenigen Orte, an denen Vorträge und persönliches Lehren unmöglich ist. Es ist Pflicht der Theosophisten, die geistigen Intuitionen im Menschen lebendig zu erhalten. Zu bekämpfen ist — durch Darlegung der unvernünftigen Natur — die Bigotterie in allen Formen, die religiöse, wissenschaftliche, gesellschaftliche, oder sonstwie geartete Heuchelei, ob sie nun in religiöser Sektiererei, oder in dem Glauben an Wunder und dergleichen zum Ausdruck gelangt. Es muss eine Erkenntnis der Naturgesetze erlangt werden, und dann dieser Verbreitung verschafft. Das Studium jener Gesetze muss gefördert werden, welche von den modernen Menschen am wenigsten verstanden werden, der sogenannten okkulten Wissenschaften, die auf die wahre Grundlage der Natur aufgebaut sind, statt, wie es gegenwärtig der Fall ist, einen übersinnlichen Glauben auf bloße Autorität hin anzunehmen. Volkstümliche Sagen und Überlieferungen, so phantastisch sie auch zuweilen erscheinen mögen, werden richtig gedeutet zur Entdeckung längst verlorener aber wichtiger Geheimnisse der Natur führen. Es wird deswegen die Gesellschaft bemüht sein, auch in dieser Richtung zu forschen, in der Hoffnung auf Erweiterung des Feldes wissenschaftlicher und philosophischer Einsichten.
Frag.: Bringt die Gesellschaft irgendeine sittliche Anschauung in Umlauf?
Theos.: Die Ethik ist da, klar genug für jedermann, der ihr folgen will. Sie umfasst das Wesentliche, die Grundlage aller sittlichen Anschauungen der Welt, wie sie von den größten Reformatoren gelehrt worden sind. Daher wird man dargestellt finden die Lehren des Confucius und Zoroaster, Laotse und der Bhagavad-Gita, die Vorschriften des Gautama Buddha und Jesus von Nazareth, des Hillel und seiner Schule, auch diejenigen des Pythagoras, Sokrates, Plato und der anderen Schulen.
Frag.: Befolgen die Mitglieder der Gesellschaft diese Vorschriften? Es wird von großen Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten unter ihnen gesprochen.
Theos.: Das ist nur natürlich; denn wenn auch die Reform in ihrer gegenwärtigen Gestalt neu genannt werden kann, die Männer und Frauen, unter denen reformiert werden soll, sind doch dieselben schwachen Menschen wie die andern. Es ist bereits gesagt worden, ernstlich arbeitende Mitglieder sind nur wenige vorhanden; aber umso mehr ernste und wohl veranlagte Personen, welche ihr Bestes versuchen, um zu den Idealen der Gesellschaft sich emporzuringen. Es ist die Pflicht der Theosophisten, jeden zu ermutigen und dem Einzelnen beizustehen in Bezug auf Selbstveredelung in intellektueller, moralischer und geistiger Hinsicht, nicht aber soll getadelt werden, wer noch nicht weit genug ist. Man hat, genau gesagt, kein Recht, irgendjemand die Zulassung zu verweigern — besonders nicht zur Esoterischen Sektion der Gesellschaft, worin «derjenige, welcher eintritt, neu geboren wird». Aber wenn irgend ein Mitglied, ungeachtet seines heiligen Gelöbnisses und seines Ehrenwortes vor dem höheren Selbst, nach seiner «Neugeburt» die Laster und Fehler des früheren Lebens fortsetzt, und auch in der Gesellschaft ihnen nachgeht, so muss es möglich sein, ihn aufzufordern, sich zurückzuziehen und auszutreten, oder, wenn er sich weigert, muss man ihn ausschließen können. Es gibt genaue Regeln für solche Fälle.
Frag.: Können einige davon angeführt werden?
Theos.: Sie können es. Kein Mitglied, weder der exoterischen noch der esoterischen Gesellschaft, hat ein Recht, seine persönliche Meinung einem andern Mitgliede aufzudrängen. Dies ist eine der Gesellschaftspflichten im Allgemeinen. In Bezug auf die innere Gesellschaft, die man die esoterische nennt, sind die folgenden Regeln festgelegt und angenommen, und zwar schon seit 1880: «Kein Mitglied darf für seine selbstischen Zwecke von einer Erkenntnis Gebrauch machen, die ihm von einem Mitglied des höheren Grades mitgeteilt worden ist; Verfehlungen in dieser Richtung werden mit Ausschließung bestraft.» Nun aber muss jeder, dem eine solche Erkenntnis anvertraut wird, sich erst durch ein feierliches Versprechen verpflichten, sie weder zu selbstischen Zwecken zu gebrauchen, noch sie, wenn es nicht ausdrücklich erlaubt wird, mitzuteilen.
Frag.: Wenn aber jemand ausgeschlossen worden ist, oder ausgetreten ist, kann er dann das, was er gelernt hat, mitteilen, oder irgendetwas, was er versprochen hat, brechen?
Theos.: Gewiss nicht. Der Ausschluss oder Austritt entledigt ihn nur der Unterwerfung unter den Lehrer, und davon, tätig an der Gesellschaft mitzuwirken, aber kann doch gewiss nicht von einem feierlichen Versprechen entbinden.
Frag.: Ist solches aber vernünftig und gerecht?
Theos.: Wie sollte es nicht sein! Wer immer einiges Zartgefühl hat, wird sich doch verpflichtet fühlen, ein feierlich gegebenes Versprechen auf sein Ehrenwort, und was mehr ist, bei seinem höheren Selbst — also dem Gott in ihm — bis zum Tode zu halten. Und, ob auch jemand nicht mehr in der Gesellschaft ist, niemand der Ehrgefühl hat, wird eine Gesellschaft verletzen, oder angreifen, in deren Mitte er war.
Frag.: Geht dies nicht aber doch zu weit?
Theos.: Es mag sein, wenn die Sache vom gegenwärtigen niederen moralischen Standpunkte betrachtet wird. Aber was hat ein Gelöbnis für einen Sinn, wenn die Sache nicht einmal so strenge genommen werden sollte? Wie kann jemand erwarten, dass ihm verborgene Erkenntnisse mitgeteilt werden, wenn er voraussetzt, dass er alle Verpflichtungen, die er übernommen hat, abzuwerfen vermag, sobald es ihm nur gefällt? Was bedeutet Festigkeit, Vertrauen, oder Treue unter den Menschen, wenn Gelöbnisse von solcher Art nicht eine wirklich bindende Kraft hätten? Man glaube es doch nur, dass das Gesetz der Weltgerechtigkeit (Karma) sehr bald denjenigen treffen müsste, der sein Gelöbnis bricht; vielleicht nicht weniger bald als die Verachtung jedes ehrlichen Menschen über ihn kommen würde auf dem physischen Plan. Das findet einen guten Ausdruck in der Zeitschrift «The Path, Juli 1889», in dem es heißt: «Ein einmal abgegebenes Gelöbnis ist für immer bindend, nicht nur in der moralischen, sondern auch in der okkulten Welt. Wenn wir es einmal brechen und dafür bestraft sind, so berechtigt uns das nicht etwa, es noch einmal zu brechen, und so lang wir es tun, so lang waltet das Gesetz (Karma) über uns seines Amtes.»
-
«Schriftkundige» — werden gegenwärtig wie Diebe und Taschendiebe angesehen. Unter den Juden war der Name und der Beruf eines «Schriftkundigen» das verhassteste auf der Welt. Es war ihm nicht erlaubt in den Tempel einzutreten, und Matthäus (XVII, 17) spricht von einem Heiden und einem Schriftkundigen als von demselben. Doch waren sie lediglich römische Steuereinheber in demselben Beruf wie die britischen Beamten in Indien und anderen eroberten Gegenden. ↩
-
«Am Ende des Mittelalters war unter der Macht sittlicher Kräfte die Sklaverei zum großen Teile aus Europa verschwunden.[Aber zwei Ereignisse, welche die Oberhand über die sittlichen Kräfte gewannen, bewirkten innerhalb der europäischen Gesellschaft, dass eine Summe von fluchwürdigen Dingen über die Erde kam, wie sie die Menschheit kaum vorher erlebt hatte. Eines von diesen Ereignissen waren die ersten Reisen zu bevölkerten und barbarischen Küsten, wo menschliche Wesen ein gebräuchlicher Handelsartikel wurden; und das andere war die Entdeckung der neuen Welt, wo vierhundert Jahre Männer und Frauen und Kinder von allem getrennt wurden, was ihnen wert und lieb war, um an der Küste von Afrika an fremde Kaufleute verkauft zu werden; sie wurden unter Deck gefesselt - oft Tote mit Lebendigen zusammen - während einer schrecklichen Überfahrt; und nach Bancroft, einem unparteiischen Geschichtsschreiber wurden 250000 von drei und einer Viertel Million in die See geworfen, während die Übrigbleibenden zu namenlosem Elend bestimmt wurden in den Bergwerken und auf den Zuckerrohr- und Reisfeldern. Die Schuld dieser großen Verbrechen ruht auf der christlichen Kirche. Im Namen der allerheiligsten Dreieinigkeit ging die spanische Regierung mehr als zehn Verträge ein, durch welche der Verkauf von fünfhunderttausend menschlichen Wesen gestattet wurde; im Jahre 1562 fuhr Sir John Hawkins zu seinen teuflischen Geschäften nach Afrika, wo er Sklaven kaufte um sie nach Westindien zu bringen auf einem Schiffe, das den geheiligten Namen Jesus trug, während Elisabeth, die protestantische Königin, ihn für seinen Erfolg in diesem ersten Abenteuer der Engländer damit belohnte, dass sie ihm erlaubte auf seinen Helm einen Neger an einen Strick gebunden zu tragen, mit andern Worten einen gefesselten Neger-Sklaven.» (Conquests oft the Cross, veröffentlicht vom Agnostic Journal.) ↩