II. Exoterische und Esoterische Theosophie
Frag.: Es sind also die theosophischen Lehren der Gegenwart weder eine Wiederbelebung des Buddhismus, noch sind sie eine bloße Wiedergabe der neuplatonischen Theosophie?
Theos.: Das sind sie nicht. Es kann auf diese Frage keine bessere Antwort gegeben werden als durch Anführung eines Vortrages über «Theosophie» von Dr. J. D. Buck. Derselbe wurde bei der letzten theosophischen Generalversammlung in Chicago (April 1889) gehalten. Kein lebender Theosophist hat es besser verstanden auszudrücken, was Theosophie dem Wesen nach ist, als unser verehrter Freund Dr. Buck:
«Die Theosophische Gesellschaft ist gegründet worden zum Zwecke der Ausbreitung theosophischer Lehren und zur Förderung des theosophischen Lebens. Die gegenwärtige Theosophische Gesellschaft ist nicht die erste in ihrer Art. Es liegt mir ein Buch vor mit dem Titel: «Theosophische Mitteilungen der Philadelphian Gesellschaft, veröffentlicht in London 1697; und ein anderes mit dem Titel: «Einleitung in die Theosophie oder «Wissenschaft vom Mysterium Christ»; das ist vom Göttlichen, von der Natur und Schöpfung, umfassend auch die schaffenden Kräfte des Lebens, sowohl die magischen wie die spirituellen und bildend einen praktischen Führer zur erhabensten Reinheit, Heiligkeit und evangelischen Vollkommenheit; auch zur Erreichung des übersinnlichen Schauens, der verborgenen Künste und Fähigkeiten und anderer Gaben der Wiedergeburt; veröffentlicht in London 1855. Das Werk trägt folgende Widmung: «Allen Studenten der Universitäten, den Collegien und Schulen des Christentums; den Professoren der Metaphysik, Mechanik und Naturwissenschaft in jeder Richtung; den Männern und Frauen mit allgemeiner Bildung sowohl des orthodoxen Glaubens wie auch den Deisten, Arianern, Unitariern, Swedenborgianern und anderer unbestimmter und unbegründeter Glaubensrichtungen, den Rationalisten und Skeptikern jeder Art, den rechtdenkenden und erleuchteten Mohammedanern, Juden und orientalischen Kirchenanhängern; besonders aber den Dienern des Evangeliums und Missionaren sowohl der barbarischen wie der gebildeten Völker, sei diese Einleitung in die Theosophie oder Wissenschaft vom Grunde aller Geheimnisse ergebenst und liebevoll gewidmet.» Im folgenden Jahre (1856) ist ein anderes Buch erschienen, in Groß-Oktav, 600 Seiten stark, glänzend ausgestattet: «Miscellen zur Theosophie. Von diesem Werke sind allerdings nur 500 Exemplare gedruckt worden, die aber unentgeltlich an Bibliotheken und Universitäten verteilt wurden. — Diese früheren Bewegungen, deren es viele gab, entstanden innerhalb der kirchlichen Kreise, durch Personen von großer Frömmigkeit und Sittenstrenge und von unanfechtbarem Charakter. All solche Schriften waren in einer orthodoxen Form gehalten; sie bedienten sich der christlichen Ausdrucksweise und waren gleich den Schriften des ausgezeichneten Kirchenschriftstellers William Law für den gewöhnlichen Leser durch nichts auffallend als durch großen Ernst und wahre Frömmigkeit. Sie hatten alle nur das eine Ziel, in die tieferen Lehren und ursprünglichen Absichten des christlichen Schrifttumes einzuführen und eine Vorstellung sowie ein Gefühl vom theosophischen Leben zu geben. Diese Werke sind bald vergessen worden und heute ganz unbekannt. Sie versuchten eine Reform innerhalb der Geistlichkeit und die Herbeiführung echter Frömmigkeit, und waren darum nicht besonders beliebt. Es genügte das eine Wort «ketzerisch», um sie in der Hölle all solcher Utopien zu verbrennen. Zur Zeit der Reformation machte Johannes Reuchlin einen ähnlichen Versuch mit demselben Erfolg, obgleich er der vertraute und gläubige Freund Luthers war. Die Orthodoxie wünscht niemals unterrichtet und erleuchtet zu werden. Diesen Reformatoren wurde — gleich Paulus von Festus — bedeutet, dass zu viele Gelehrsamkeit sie verrückt machen könnte und dass es gefährlich sei, weiter zu gehen. Indem wir an der Ausdrucksweise vorübergehen, welche durch die religiösen Grenzen der Zeitmächte bedingt war, und an den Kern der Sache herantreten, finden wir diese Schriften im strengsten Sinne theosophisch und einzig auf des Menschen Erkenntnis seiner höheren Natur und seines Seelenlebens bezüglich. Die gegenwärtige theosophische Bewegung hat man zuweilen als einen Versuch bezeichnet, das Christentum in Buddhismus überzuführen, was nur bezeugt, dass das Wort seinen Schrecken und seine Macht eingebüßt hat. Einzelne Personen haben in jedem Zeitalter mehr oder weniger die theosophischen Lehren verstanden und sie in die Führung ihres Lebens aufgenommen. Diese Lehren gehören nicht einer Religion ausschließlich an, noch sind sie auf eine Menschengruppe oder Zeit beschränkt. Sie sind das Heimatrecht jeder menschlichen Seele. Was man Orthodoxie nennt, muss von jedem Einzelnen überwunden werden, je nach seiner Natur und seinen Fähigkeiten und in Übereinstimmung mit seiner Erfahrung. Das mag erklärlich machen, warum diejenigen, welche in der Theosophie eine neue Religion suchen, vergeblich fragen nach ihrem Bekenntnis und Ritual. Ihr Bekenntnis ist die Hingabe an die Wahrheit und ihr Ritual: «eine jede Wahrheit dahin zu schätzen, dass man sie ins Leben umsetzt.» Wie wenig man in größeren Kreisen der Menschheit den Grundsatz der Brüderlichkeit verstanden hat, und wie selten man seine außerordentliche Wichtigkeit erfasst hat, das kann man aus der Verschiedenheit der Meinungen und den rein erfundenen Erklärungen über die Theosophische Gesellschaft entnehmen. Diese Gesellschaft ist auf dem einzigen Grundsatz aufgebaut worden, einen wahren Bruderbund der Menschheit zu schaffen, wie bereits kurz und unvollkommen angedeutet worden ist. Sie wurde als buddhistisch und antichristlich angeschwärzt, wie wenn sie beides auf einmal sein könnte, da doch sowohl der Buddhismus wie das Christentum im Sinne ihrer Stifter die Brüderlichkeit zum Wesentlichen ihrer Lehre und ihres Lebens gemacht haben. Auch hat man Theosophie als etwas völlig Neues unter der Sonne angesehen oder bestenfalls als alten Mystizismus in der Maske eines neuen Namens. Ebenso wie es wahr ist, dass mancherlei Gesellschaften gegründet worden sind mit der Aufgabe, die Selbstlosigkeit und wahre Brüderlichkeit zu pflegen und verschiedene Namen getragen haben, ebenso wahr ist es, dass viele theosophisch genannt worden sind, welche mit der gegenwärtigen gleiche Ziele und Grundsätze haben. Bei allen solchen Gesellschaften ist das Wesentliche gleich gewesen und alles andere ist unwesentlich gewesen, obgleich nicht geleugnet werden soll, dass viele Menschen gerade durch das Unwesentliche angezogen worden sind und das Wesentliche außer Acht gelassen haben.»
Es könnte keine bessere und eindringlichere Antwort auf obige Frage gegeben werden, die von einer Persönlichkeit herrührt, welche zu den geschätztesten und ernstesten Theosophisten zählt.
Frag.: Welcher Lebensansicht huldigt die Theosophie oder befolgt sie außer der buddhistischen Lehre?
Theos.: Keiner und allen. Sie huldigt keiner einzelnen Religion oder Philosophie im Besonderen; sie sucht in jeder das Gute zu finden. Aber auch hier wieder muss gesagt werden, dass wie alle andern alten Lebensansichten Theosophie in exoterische und esoterische Glieder zerfällt.
Frag.: Welches ist zwischen beiden der Unterschied?
Theos.: Die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft im Allgemeinen sind darinnen völlig frei, zu welcher Religion oder Philosophie sie sich bekennen oder ob zu gar keiner, falls sie solches vorziehen, vorausgesetzt, dass sie eines oder mehrere der drei Ziele der Gesellschaft zu befolgen geneigt sind. Die Gesellschaft ist eine philanthropische und wissenschaftliche, welche die Idee der Brüderlichkeit in praktischer statt in theoretischer Art zu verbreiten sucht. Die Anhänger mögen Christen oder Muselmänner, Juden oder Perser, Buddhisten oder Brahmanen, Spiritualisten oder Materialisten sein, das tut nichts zur Sache; aber jedes Mitglied muss entweder Philanthrop oder Schüler, Forscher in der arischen oder einer andern Literatur sein, oder ein solcher auf psychischem Gebiete. Kurz gesagt, er soll sich bestreben, so viel er kann, an der Verwirklichung wenigstens eines der Ziele der Gesellschaft zu arbeiten. Im andern Falle liegt kein Grund vor, Mitglied zu werden. In dieser Weise verhält es sich mit der Mehrzahl der Mitglieder der exoterischen Gesellschaft, die aus «angeschlossenen» und «nicht angeschlossenen» Mitgliedern besteht.1 Diese mögen nun wirkliche Theosophisten werden oder auch nicht; Mitglieder sind sie kraft ihres Eintrittes in die Gesellschaft. Aber die letztere kann aus jemand keinen Theosophisten machen, der keinen Sinn hat für die göttliche Grundlage der Dinge, oder der die Theosophie nur von seinem eigenen sektiererischen und egoistischen Standpunkte aus versteht. «Schön ist, wer Schönes treibt», könnte in diesem Falle umgewandelt werden in «Theosophist ist, wer die Theosophie treibt».
Frag.: Dies hat für die Laien-Mitglieder Bedeutung, wenn ich richtig verstehe. Was gilt nun von denen, welche das esoterische Studium der Theosophie verfolgen; sind dies wirkliche Theosophisten?
Theos.: Nicht notwendig, bis sie sich selbst als solche erwiesen haben. Sie sind in die innere Gruppe eingetreten und haben sich verpflichtet, die Regeln der okkulten Körperschaft so gut zu befolgen, als sie nur irgend können. Dies ist ein schwieriges Unterfangen, da die allererste Regel in der vollkommenen Entäußerung von der eigenen Persönlichkeit besteht, das heißt, ein verpflichtetes Mitglied muss ein vollkommener Altruist werden, nimmer an sich selbst denken, und seine eigenen Eitelkeiten und allen Stolz vergessen gegenüber dem Gedanken an die Wohlfahrt seiner Mitgeschöpfe, nicht nur seiner Mitbrüder im esoterischen Kreise. Sollen die esoterischen Anleitungen ihm nützen, so muss er ein Leben der Selbstentsagung nach jeder Richtung üben, ein solches der Selbstverleugnung und strengen Moralität, indem er seine Pflichten allen Menschen gegenüber tut. Die geringe Anzahl wirklicher Theosophisten in der Theosophischen Gesellschaft sind unter diesen Mitgliedern. Damit soll aber durchaus nicht behauptet werden, dass außerhalb der Theosophischen Gesellschaft und des inneren Kreises nicht auch Theosophisten wären; es gibt deren, und mehr als man gewöhnlich weiß; gewiss mehr als unter den Laien-Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft gefunden werden können.
Frag.: Was hat dann der Beitritt zur Theosophischen Gesellschaft für eine Bedeutung? Warum schließt man sich ihr an?
Theos.: Aus keinem anderen Grunde, als weil man esoterische Belehrungen empfangen kann und die ursprünglichen Wahrheiten der esoterischen Philosophie, und ferner, falls das wirkliche Programm ausgeführt wird, weil man gefördert wird durch wechselseitigen Beistand und gegenseitige Sympathie. In der Vereinigung liegt Kraft und Harmonie und gut geregelte gemeinsame Anstrengungen können Wunder wirken. Das ist das Geheimnis aller Vereinigungen und Gesellschaften gewesen, seit es eine Menschheit gibt.
Frag.: Aber warum sollte ein Mensch von wohlgebildetem Geist und strenger Zielsicherheit, einer, sagen wir, von tüchtiger Energie und Standhaftigkeit nicht Okkultist und selbst Adept werden, auch wenn er allein arbeitet?
Theos.: Er kann es; aber in tausend Fällen gegenüber einem wird er in Irrtum verfallen. Denn, um nur einen der vielen Gründe zu nennen: es gibt in unseren Tagen kein Buch, welches die Geheimnisse der Alchemie und mittelalterlichen Theosophie in vollkommener Sprache zur Darstellung bringt. Sie sprechen alle in Sinnbildern und Gleichnissen; und da der Schlüssel dazu vor unserm Zeitalter im Westen verloren gegangen ist, wie kann ein Mensch die richtige Bedeutung dessen erfahren, was er liest oder studiert? Darin liegt die größte Gefahr, und zwar eine solche, die entweder zur unbewussten schwarzen Magie oder zur mehr oder weniger hilflosen Mediumschaft führt. Wer nicht einen Eingeweihten zum Meister haben kann, der sollte sich an das gefährliche Studium nicht heranmachen. Man blicke nur einmal mit Aufmerksamkeit um sich. Während zwei Drittel der «zivilisierten» Gesellschaft sich lustig macht über eine jede Bemerkung, dass Theosophie, Okkultismus, Spiritualismus oder Kabbala etwas in Betracht Kommendes sei, ist das letzte Drittel aus den verschiedenartigsten und einander entgegengesetztesten Elementen zusammengesetzt. Einige glauben an das Mystische, selbst an das Übernatürliche (!), aber ein jeder glaubt in seiner Weise. Andere stürzen sich auf eigene Art in das Studium der Kabbala, des Psychismus, des Mesmerismus, Spiritualismus oder in andere Formen des Mystizismus. Daraus ergibt sich dann, dass nicht zwei Menschen in gleicher Art denken, dass nicht zwei über irgend einen Grundsatz des Okkultismus einig sind, und dass dennoch so viele den Gipfel der Weisheit erklommen zu haben glauben und der Welt die Meinung beibringen möchten, dass sie vollgültige Adepten seien. Nicht nur, dass man im Westen keine wissenschaftliche und richtige Kenntnis von Okkultismus hat — selbst nicht von wahrer Astrologie, dem einzigen Gebiet des Okkultismus, das in seinen exoterischen Lehren bestimmte Gesetze und ein ausgebildetes System hat — sondern es hat keiner auch nur eine Ahnung davon, was wirklicher Okkultismus bedeutet. Einige begrenzen die alte Weisheit durch die Kabbala und den jüdischen Zohar, aber ein jeder erklärt diese in seiner eigenen Art gemäß dem toten Buchstaben nach rabbinischer Methode. Andere sehen in Swedenborg oder Böhme die höchsten Ausdrucksformen für die Weisheit; während wieder andere in dem Mesmerismus das große Geheimnis der alten Magie zu erkennen vorgeben. Alle diejenigen, welche auf solche Voraussetzungen hin ihre Theorie in die Praxis umsetzen, treiben durch ihre Unwissenheit der schwarzen Magie zu. Glücklich sind diejenigen, welche diesem Geschick entgehen, trotzdem weder Mittel und Wege vorhanden sind, um das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden.
Frag.: Ist es richtig gedacht, dass der innere Kreis der Theosophischen Gesellschaft behauptet, seine Unterweisungen von wirklichen Eingeweihten oder Meistern der esoterischen Weisheit zu empfangen?
Theos.: Nicht unmittelbar. Die persönliche Gegenwart solcher Meister ist nicht erforderlich. Es genügt, wenn sie denjenigen Unterweisungen geben, die jahrelang unter ihrer Führung studiert haben, und die sich ganz ihrem Dienst geweiht haben. Solche können dann ihre so empfangene Erkenntnis auf die anderen übertragen, die eine solche Gelegenheit nicht haben. Ein Teil der wahren Wissenschaft ist besser als eine Fülle von unverarbeiteten und missverstandenen Lehren. Eine Unze Gold ist wertvoller als eine Tonne von Staub.
Frag.: Aber wie kann man erkennen, ob die Unze wirkliches Gold oder nur eine Nachahmung ist?
Theos.: Ein Baum ist an seinen Früchten, eine Lebensauffassung an ihren Resultaten zu erkennen. Wenn unsere Gegner im Stande sind zu beweisen, dass ein einsamer Student des Okkultismus zu irgend einer Zeit ein heiliger Adept gleich dem Ammonius Saccas oder Plotin geworden ist, oder ein Theurg gleich Jamblichus, oder dass er Dinge vollbracht habe, wie sie von St. Germain behauptet werden, ohne einen ihn führenden Meister, und all dies ohne ein Medium zu sein, ein in Selbsttäuschung befangener oder ein Scharlatan — dann werden wir zugeben, dass wir uns selbst missverstehen. Bis dahin aber werden die Theosophisten lieber den gut bewiesenen Gesetzen der überlieferten heiligen Wissenschaft folgen. Es gibt Mystiker, welche große Entdeckungen in der chemischen oder physikalischen Wissenschaft gemacht haben, die fast in Alchemie und Okkultismus hinübergreifen, und andere, die durch alleinige Hilfe ihres Genius Teile, wenn nicht das Ganze des verlorenen Alphabetes der «Mysteriensprache» wieder entdeckt haben, und die daher fähig sind, hebräische Pergamentrollen richtig zu lesen; und wieder andere, welche Seher sind und wundervolle Lichtblicke in die verborgenen Geheimnisse der Natur getan haben. Aber alles dieses sind Spezialisten. Der eine ist theoretischer Erfinder, ein anderer hebräischer Gelehrter, das ist ein Kenner der Kabbala, ein dritter ein Swedenborg in neuer Form, die alle Dinge verleugnen, welche außerhalb ihrer eigenen besonderen Wissenschaft oder Religion liegen. Nicht einer von diesen kann behaupten, einen allgemein menschlichen oder einen nationalen Nutzen gestiftet zu haben, ja kaum einen für sich selbst. Mit Ausnahme einiger «Heiler» — von der Klasse derjenigen, welche das königliche Kollegium der Ärzte und Chirurgen Quacksalber nennen würde — hat keiner mit seiner Wissenschaft der Menschheit geholfen, ja ist auch nur einer Anzahl von Menschen nützlich gewesen. Wo sind die Chaldäer der Alten, von denen uns wunderbare Heilungen berichtet werden, nicht «durch Zaubersondern durch Heilmittel»? Wo ist ein Apollonius von Tyana, welcher die Siechen heilt und die Toten unter einem jeglichen Klima und in allen Umständen erweckt? Man kennt einige Spezialisten der vorbesprochenen Art in Europa, aber von den letzteren gibt es welche nur in Asien, wo sich das Geheimnis des Yogi bewahrt hat, der «im Tode lebt».
Frag.: Ist die Hervorbringung solcher Heiler die Absicht der Theosophie?
Theos.: Ihre Absichten sind mehrere; aber die wichtigsten darunter sind diejenigen, welche zur Erleichterung des menschlichen Leidens in irgendeiner Form führen, in der moralischen oder physischen. Und wir halten die ersteren für weitaus wichtiger als die letztern. Theosophie soll der Menschheit ein neues Geistesleben bringen; sie soll die Seele reinigen und das wird zu einer Gesundung des physischen Körpers führen, dessen Krankheiten, mit Ausnahme der durch Unfälle bewirkten, alle durch Vererbung erworben sind. Der Okkultismus soll nicht um irgendwelcher selbstischer Zwecke studiert werden, denn durch die Förderung von persönlichem Ehrgeiz, Hochmut, Eitelkeit kann man niemals auf den Weg geführt werden, der leidenden Menschheit zu helfen. Auch kann man keineswegs durch das Studium eines einzelnen Zweiges der esoterischen Philosophie ein Okkultist werden, sondern dadurch, dass man sie alle bemeistert.
Frag.: Kommt nur denjenigen in der Erreichung dieses wichtigen Zieles Hilfe zu, welche die esoterischen Wissenschaften studieren?
Theos.: Ganz und gar nicht. Ein jedes Laien-Mitglied ist zum Empfange derjenigen Belehrungen berechtigt, welche es nötig hat; aber es sind nur wenige bereit, «arbeitende Mitglieder» zu werden; die meisten ziehen vor, die «Drohnen» der Theosophie zu bleiben. Es sollte richtig begriffen werden, dass auch Untersuchungen, welche der Einzelne macht, durch die Theosophische Gesellschaft gefördert werden, insoweit sie die Grenzen nicht verwischen, welche das esoterische von dem exoterischen, das «blinde» von dem «bewussten» trennen.
Frag.: Es ist von Theosophie und Okkultismus gesprochen worden. Sind diese ein und dasselbe?
Theos.: Nach keiner Richtung hin. Jemand kann ein sehr guter Theosoph sein, entweder in oder außerhalb der Theosophischen Gesellschaft, ohne in irgendeiner Art ein Okkultist zu sein. Aber niemand kann ein wahrer Okkultist sein, ohne Theosoph zu sein; denn er wäre sonst ein schwarzer Magier, ob bewusst oder unbewusst. Frag.: Wie ist das gemeint?
Theos.: Es ist bereits gesagt worden, dass der wahre Theosoph das höchste moralische Ideal ausüben muss, dass er danach streben muss, seine Einheit mit dem ganzen Menschengeschlecht zu verwirklichen, und dass er unaufhörlich für andere arbeiten muss. Wenn nun ein Okkultist dies alles nicht tun würde, so würde er selbstsüchtig zum Nutzen seiner eigenen Person handeln, und wenn er mehr wirksame Macht als andere Menschen erlangen würde, so würde er dadurch ein viel gefährlicherer Feind für die Welt als andere Sterbliche um ihn herum. Das ist klar.
Frag.: Dann ist ein Okkultist einfach ein Mensch, der im Besitze von mehr Kräften ist als andere Menschen?
Theos.: Weit mehr, falls er ein praktischer und wirklicher gelernter Okkultist ist, und nicht nur einer dem Namen nach. Die okkulte Wissenschaft ist nicht, wie in Enzyklopädien beschrieben wird, «jene eingebildete Wissenschaft des Mittelalters, welche Bezug hatte auf verborgene Eigenschaften oder übernatürliche Kräfte wie Alchemie, Magie, Nekromantie, und Astrologie», denn sie ist vielmehr eine wirkliche, tätige und sehr gefährliche Wissenschaft. Sie lehrt die geheime Macht der Naturdinge, entwickelt und kultiviert die verborgenen Kräfte, die im Menschen «latent» sind und gibt ihm auf diese Art einen bedeutsamen Vorsprung über andere unwissende Sterbliche. Der Hypnotismus, der nun ein allgemeiner Betrachtungsgegenstand und ein solcher geworden ist, der ernstlicher wissenschaftlicher Untersuchung unterworfen wird, ist etwas, was in dieser Hinsicht gut als Beispiel angeführt werden kann. Die Kraft des Hypnotismus ist beinahe durch Zufall entdeckt worden, nachdem der Weg dazu durch den Mesmerismus vorbereitet worden ist; und nunmehr ist ein befähigter Hypnotiseur im Stande alles mögliche damit zu tun; er kann einen Menschen zu sich hinzwingen, ohne dass diesem das bewusst ist; er kann ihn veranlassen, ein Verbrechen zu begehen, zum Nutzen des Hypnotiseurs, und an dessen Stelle. Ist dies nicht eine schreckliche Kraft, wenn sie in die Hände von gewissenlosen Menschen gegeben wird? Und es ist notwendig sich daran zu erinnern, dass dies nur ein kleines Gebiet des Okkultismus ist.
Frag.: Aber bezeichnen nicht die gebildetsten und gelehrtesten Menschen diese okkulten Wissenschaften, wie Magie und Ähnliches, als Reste einer alten Unwissenheit und eines alten Aberglaubens?
Theos.: Es sei daran erinnert, dass diese Bemerkung nach zwei Richtungen hin betrachtet werden muss. Die «gebildetsten und gelehrtesten» unter den gegenwärtigen Zeitgenossen betrachten auch das Christentum und jede andere Religion als einen Überrest der Unwissenheit und des Aberglaubens. Man beginnt nunmehr an den Hypnotismus zu glauben, und einige der fortgeschrittensten glauben sogar an übersinnliche Erscheinungen. Aber wer von all diesen, mit Ausnahme von Priestern oder blinden Fanatikern, will sich zum Glauben an Wunder bekennen? Und hier ist es, wo ein wichtiger Unterscheidungspunkt vorliegt. Es mag sehr gute und reine Theosophisten geben, die an das Übernatürliche, an göttliche Wunder sogar, glauben; aber kein Okkultist kann einen solchen Glauben haben. Denn ein Okkultist übt wissenschaftliche Theosophie, begründet auf eine intime Erkenntnis der verborgenen Naturwirkungen; aber ein Theosoph, der sogenannte abnorme Kräfte in Ausübung bringen wollte, könnte nur, wenn er dies ohne das Licht des Okkultismus tut, einer gefährlichen Form des Mediumnismus zusteuern; denn obgleich er sich zur Theosophie und ihren hohen geistigen Lehren bekennt, übt er diese Kräfte im Dunkel, wenn auch in gutem Glauben aus. Jeder, ob er nun Theosophist oder Spiritualist ist, der irgend ein Gebiet der okkulten Wissenschaft zu bearbeiten anstrebt, z.B. Hypnotismus, Mesmerismus oder selbst das Feld, die unoffenbaren physischen Erscheinungen hervorzubringen, ist ohne die Kenntnis der philosophischen Urgründe dieser Kräfte wie ein steuerloses Boot, das auf sturmbewegtem Ozean dahinirrt.
Frag.: Glauben die Theosophisten nicht an den Spiritualismus?
Theos.: Wenn man unter Spiritualismus die Erklärung versteht, die von den Spiritualisten den übersinnlichen Erscheinungen gegeben wird, dann ist mit Entschiedenheit zu erwidern: Nein. Denn diese behaupten, dass solche Erscheinungen alle durch die «Geister» der hingegangenen Toten hervorgebracht werden, die, nach ihrer Meinung, zur Erde zurückkehren um mit denen zu verkehren welche sie geliebt haben oder zu denen sie sich hingezogen fühlen. Dies ist vom theosophischen Standpunkt zu verneinen. Vielmehr ist zu sagen, dass die Geister der Toten nicht zur Erde zurückkehren können, — außer in seltenen und ausnahmsweisen Fällen, die später zu besprechen sein werden — noch dass sie mit Menschen verkehren können, ausgenommen durch ganz subjektive Mittel. Das, was objektiv erscheint, ist nur das Phantom des ehemals physischen Menschen. Aber an dem psychischen und dem sozusagen spirituellen Spiritualismus ist ganz entschieden festzuhalten.
Frag.: Sind auch die übersinnlichen Erscheinungen abzulehnen?
Theos.: Sicherlich nicht, ausgenommen in den Fällen des beabsichtigten Betruges.
Frag.: Wie können dieselben erklärt werden?
Theos.: In verschiedener Art. Die Ursachen solcher Offenbarungen sind in keiner Hinsicht so einfach wie die Spiritualisten annehmen. Bei den meisten ist der «deus ex machina» in den sogenannten «Materialisationen» einfach der «Astralkörper» oder die «Doublette» des Mediums oder eines anderen der Anwesenden. Dieser Astralkörper ist auch gewöhnlich der Erzeuger der Offenbarungen mit der Schreibtafel und aller ähnlichen Erscheinungen.
Frag.: Es wird da «gewöhnlich» gesagt; was ist der Erzeuger in den übrigen Fällen?
Theos.: Das ist verschieden, je nach der Art der Offenbarungen. Bisweilen hat man es mit den astralen Überbleibseln, den in «Kamaloca» befindlichen «Hüllen» der dahingeschiedenen Personen zu tun; in andern Fällen aber mit Elementarwesen. «Geist» ist ein Wort von mannigfaltiger und in sich unklarer Bedeutung. Es ist nicht leicht zu sagen, was die Spiritualisten darunter verstehen; aber man kann annehmen, dass sie der Meinung sind, es handle sich darum, dass die physischen Erscheinungen von dem sich immer wieder verkörpernden «Ich» herrühren, von der unsterblichen, spirituellen Individualität. Aber diese Hypothese ist völlig zu verwerfen. Die bewusste Individualität des Entkörperten kann nicht sich materialisieren, noch kann sie aus der devachanischen Welt in diejenige der irdischen Objektivität zurückkehren.
Frag.: Aber in manchen der Mitteilungen, welche von «Geistern» empfangen werden, findet man nicht nur Intelligenz, sondern auch ein Wissen von Tatsachen, welche dem Medium unbekannt sind, ja die oft nicht einmal dem Geist der Nachforschenden oder eines der Anwesenden bekannt sind?
Theos.: Dies ist nicht notwendig ein Beweis davon, dass die Intelligenz und die Kenntnis, die in Betracht kommen, den «Geistern» angehören oder von entkörperten Seelen herrühren. Es ist von Somnambulen bekannt, dass sie in ihrer Ekstase Musikalisches oder Poetisches komponieren oder mathematische Probleme lösen, ohne dass sie gelernte Musiker oder Mathematiker wären. Andere antworten verständig auf Fragen, die an sie gestellt werden in Sprachen selbst wie hebräisch oder lateinisch, von denen sie im wachen Zustande keine Kenntnis haben — dies alles vollbringen sie im Zustande tiefen Schlafes. Kann man da etwa noch behaupten, dass solches von «Geistern» herrührt?
Frag.: Aber wie ist das alles zu erklären?
Theos.: Es ist daran festzuhalten, dass der göttliche Funke im Menschen Eins ist und identisch in seinem Wesen mit dem Universal-Geist; unser «geistiges Selbst» ist praktisch allwissend; aber es kann seine Erkenntnis nicht offenbaren, infolge der Beschränkungen des Stoffes. Nun, je mehr diese Hindernisse entfernt werden oder mit andern Worten, je mehr der physische Körper außer Kraft gesetzt wird was seine eigene unabhängige Tätigkeit und sein Bewusstsein anbetrifft, wie im tiefen Schlaf oder im tiefen Trance oder wohl auch in der Krankheit, umso mehr kann das innere Selbst auf dieser Welt sich offenbaren. Dies ist unsere Erklärung jener wahrhaft wunderbaren Erscheinungen einer höheren Art, in denen unleugbar Intelligenz und Kenntnis zu Tage treten. Was nun die niedere Art von Offenbarungen, die physischen Erscheinungen und die Gemeinplätze des gewöhnlichen «Geistes» anbetrifft, so gehörte mehr Zeit und Raum dazu, als wir gegenwärtig anwenden können, um die wichtigsten Lehren über sie vorzubringen. Es fehlt uns der Wunsch, uns tiefer mit dem Glauben der Spiritisten als mit einem andern Glauben einzulassen. Die Beweislast obliegt denen, welche Anhänger dieses Glaubens sind. Gegenwärtig sind die Führer der Spiritisten, und zwar die erfahrensten und verständigsten unter ihnen, zwar überzeugt, dass die höhere Art von Offenbarungen von entkörperten Seelen bewirkt werden, dass aber doch nicht alle Erscheinungen von Geistern herrühren. Stufenweise werden sie die ganze Wahrheit erkennen lernen; aber bis dahin haben wir weder ein Recht noch auch den Wunsch, sie zu Bekennern unserer Gesichtspunkte zu machen. Dies umso weniger, als wir im Falle von reinen psychischen und spirituellen Offenbarungen an den Verkehr der Geister der Lebenden mit denen Entkörperter glauben.
Wir sagen, dass in solchen Fällen nicht die Geister der Toten zu den Lebenden herabsteigen, sondern dass die Geister der Lebenden zu den rein spirituellen Seelen hinaufsteigen. In Wahrheit hat man es weder mit einem Hinauf-, noch mit einem Herabsteigen zu tun, sondern nur mit einem Wechsel im Zustand des Mediums. Der Körper des letzteren wird außer Kraft gesetzt oder in eine Art Schlafzustand gebracht, das spirituelle Ich wird dadurch von seinen Fesseln frei und befindet sich dann selbst in derselben Bewusstseinswelt wie die entkörperten Geister. Daher können diese beiden in Verkehr treten, wenn eine geistige Anziehung zwischen ihnen besteht, wie es sich öfters in Träumen ereignet. Der Unterschied zwischen einer mediumistischen und einer nicht sensitiven Natur ist dieser: der befreite Geist des Mediums hat die Möglichkeit und Fähigkeit einer Beeinflussung der auffassungsfähigen Organe seines in Schlafzustand versetzten Körpers, so dass er sie zum Handeln, Sprechen, Schreiben seinem Willen gemäß bringen kann. Das Ich kann, echoartig, die Gedanken und Ideen entkörperter Wesen in menschlicher Sprache zum Vorschein bringen wie seine eigenen. Aber der nicht zu beeinflussende und nicht sensitive Organismus einer sehr positiven Persönlichkeit kann in dieser Art nicht beeinflusst werden. Daher kommt es, dass, obwohl es kaum ein menschliches Wesen gibt, dessen Ich nicht während des Schlafes frei verkehrte mit denen, die es liebt und verloren hat, doch nur wenige dies in die Erinnerung zurückrufen können, wenn sie erwachen, wegen ihres positiven und nicht auffassungsfähigen Wesens.
Frag.: Ist demnach die Anschauung des Spiritismus im Ganzen zu verwerfen?
Theos.: Wenn unter «Anschauung» die unvollkommenen Theorien verstanden werden, so ist dies der Fall. Aber in Wahrheit gibt es eine solche Anschauung gar nicht. Die besten, die verständigsten und ernstesten Verteidiger des Spiritismus geben das zu. Ihre Grundwahrheit, die nicht anzuzweifeln ist, nämlich, dass Erscheinungen sich ereignen durch Medien, die von unsichtbaren Kräften und Mächten geleitet werden, kann niemand leugnen, außer ein blinder Materialist der Huxley’schen Schule. Was aber ihre Anschauung anbetrifft, so wollen wir anführen, was der Herausgeber des «Light» darüber ausspricht. Denn die Spiritisten können keinen vernünftigeren und ergebeneren Verfechter anführen. Das folgende schreibt M. A. Oxon, einer der weniger spiritistischen Philosophen, mit Bezug auf Mangel an Umsicht und blinde Gläubigkeit der Spiritisten:
«Es ist wertvoll, ruhig diesen Punkt ins Auge zu fassen, denn er ist der Lebenspunkt. Wir haben eine Erfahrung und ein Wissen, dem gegenüber alles andere Wissen unbedeutend ist. Der gewöhnliche Spiritist gerät außer sich, wenn irgendjemand anzweifelt seine sichere Kenntnis von der Zukunft und seine unbedingte Gewissheit eines kommenden Lebens. Während andere Menschen mit tastenden Händen sich in die Zukunft bewegen, geht er kühnlich vor wie einer, der eine Landkarte hat und den Weg kennt. Während andere Menschen sich bei einem frommen Sehnen begnügen oder mit dem überlieferten Glauben zufrieden sind, behauptet er, dass er weiß, was sie nur glauben, und dass er aus seiner reichen Schatzkammer den schwankenden nur auf die Hoffnung begründeten Glauben stützen könne. Er fühlt sich mächtig durch seine Behandlungsart der Dinge, die dem Menschen am wertvollsten sind. «Ihr hoffv, scheint er zu sagen, «auf das, was ich beweisen kann. Ihr habt einen überlieferten Glauben an das, was ich erfahrungsgemäß beweisen kann in Übereinstimmung mit der genauesten wissenschaftlichen Methode. Die alten Glaubensbekenntnisse kommen ins Wanken: Kommet von ihnen ab. Sie enthalten ebenso viel Falsches wie Wahres. Nur wenn es auf einem sicheren Grund der Beweise aufgebaut wird, kann Euer Gebäude feststehen. Alle alten Bekenntnisse sind wankend. Vermeidet den Zusammensturz und entfernt euch von ihnen.
Wenn nun irgendjemand mit einer sich solcher Macht rühmenden Persönlichkeit sich auseinandersetzen will, was kommt zum Vorschein? Etwas sehr sonderbares und enttäuschendes. Sie ist so sicher in Bezug auf ihre Begründungen, dass sie sich um die Erklärungen der Tatsachen durch andere nicht bekümmert. Die Weisheit ganzer Zeitalter hat sich mit der Erklärung dessen befasst, was sie einfach für bewiesen hält; sie aber würdigt das alles keiner Aufmerksamkeit. Sie befindet sich nicht einmal mit ihrem Bruder Spiritist im Einklange. Es ist immer wieder die Geschichte von der alten zerspaltenen Gesellschaft, wo Einer mit seiner Gattin eine «Kirche» bildete. Sie hatten jedes ausschließlich den Schlüssel zum Himmelreich oder vielmehr, sie hatte, denn sie war bezüglich «Jimies nicht sicher». So sind die ins Unendliche geteilten und weiter geteilten und abermals geteilten Sekten der Spiritisten, welche die Köpfe übereinander schütteln und keine der andern sicher ist. Aber die gemeinsame Erfahrung der Menschheit ist feststehend und unerschütterlich in Bezug auf den Punkt, dass Einigkeit stark macht und Uneinigkeit die Quelle von Schwäche und Fehlern ist. Schulter an Schulter, geschult und diszipliniert wird eine ungeordnete Masse zu einer Armee, jeder Mensch wird so viel wert wie hundert von unerzogenen Menschen, die gegen ihn auftreten. Organisation verbürgt auf jedem Gebiet menschlicher Tätigkeit den Erfolg, indem sie Arbeit, Nutzen und Entfaltung möglich macht. Der Mangel an Methode, an Plan, das Treiben aufs Geratewohl, die Zerstreuung von Kraft, undisziplinierte Anstrengungen — das alles bewirkt Fehlschlagen des Erstrebten. Die Stimme der Menschheit bestätigt diese Wahrheit. Berücksichtigt der Spiritist diese Erfahrung und handelt er danach? Wahrhaftig, er tut es nicht. Er lehnt es ab, sich zu organisieren. Er will sich selbst Gesetz sein und wird dadurch ein Dorn an der Seite seines Nächsten.» (Light. Juni 1889.)
Frag.: Es wird gesagt, dass die Theosophische Gesellschaft ursprünglich gegründet worden ist um den Glauben an den Spiritualismus und das Überleben einer Individualität des Menschen zu zerstören?
Theos.: Das ist ein Missverständnis. Unser Glaube ist auf die unsterbliche Individualität begründet. Aber man verwechselt Persönlichkeit und Individualität. Die westlichen Psychologen stellen keinen genauen Unterschied der beiden fest. Aber gerade dieser Unterschied liefert den Schlüssel um die Philosophie des Ostens zu verstehen; und hier liegt eben auch die Scheidung zwischen Theosophie und Spiritismus. Und wenn dadurch auch der Ärger einiger Spiritisten noch mehr erregt wird, so muss doch gesagt werden, dass die Theosophie der wahre unverfälschte Spiritualismus ist, während die Art wie der Name augenblicklich gebraucht wird nichts weiter ist als transzendentaler Materialismus.
Frag.: Kann das nicht deutlicher erklärt werden?
Theos.: Die Meinung der Theosophen ist, dass, obgleich ihre Lehren auf der Einheit von Geist und Stoff beruhen, und obgleich sie sagen, dass der Geist die höhere Form des Stoffes ist und der Stoff einfach krystallisierter Geist, gerade wie Eis verdichteter Dampf ist, so ist für sie doch die ursprüngliche und ewige Bedeutung des «All» nicht Geist, sondern «Übergeist»; es ist so zu sagen der sichtbare und feste Stoff einfach eine periodische Offenbarung des Geistes. Die Theosophie hält daran fest, dass der Ausdruck «Geist» nur auf die «wahre Individualität» angewendet werden kann.
Frag.: Aber welches ist der Unterschied zwischen der «wahren Individualität» und dem «Ich» oder «Ego», dessen wir uns bewusst sind? Theos.: Bevor ich darauf antworten kann, müssen wir darüber uns einigen, was unter «Ich» oder «Ego» zu verstehen ist. Man hat zu unterscheiden zwischen dem einfachen Selbstbewusstsein, dem einfachen Gefühl, das sich ausdrückt in dem «Ich bin Ich» und dem zusammengesetzten Gedanken «Ich bin Herr Schmidt oder Frau Braun». Da wir an eine Folge von Geburten desselben «Ego» oder an eine Wiederverkörperung glauben, so muss die ganze Idee auf diesem Grundunterschied aufgebaut werden. Es muss doch einleuchten, dass «Herr Schmidt» in Wirklichkeit eine lange Reihe von täglichen Erfahrungen bedeutet, die am Faden des Gedächtnisses aufgereiht werden und die dasjenige bedeuten, was «Herr Schmidt» «sich selbst» nennt. Aber keine von diesen «Erfahrungen» ist in Wirklichkeit das «Ich» oder «Ego», noch gibt sie dem «Herrn Schmidt» das Gefühl, dass er «er selbst» sei, denn er vergisst den größten Teil dieser Erfahrungen, und sie erzeugen das Gefühl der Selbstheit nur so lange in ihm als er sie hat. Die Theosophen unterscheiden daher zwischen diesem «Bündel» von «Erfahrungen», die wir die «falsche (weil sie endlich und unwesentlich ist) Persönlichkeit» nennen und jenem Element im Menschen, das in ihm das Gefühl «Ich bin Ich» hervorbringt. Dieses «Ich bin Ich» nennt man die «wahre Individualität». Und man sagt, dass dieses «Ego» oder diese Individualität gleich einem Schauspieler verschiedene Rollen auf der Lebensbühne spielt. (Vergl. später Abschrift VII: «Über Individualität und Persönlichkeit».) Man kann ein jedes neue Leben auf Erden, welches das «Ego» durchmacht, einen Abend auf der Lebensbühne nennen. Einen Abend erscheint der Schauspieler oder das «Ego» als Macbeth, am nächsten als König Lear und so weiter, bis er durch den ganzen Cyklus von «Wiederverkörperungen» hindurchgeschritten ist. Das «Ego» beginnt seine Lebenspilgerschaft als ein Geist, als Ariel oder Puck; er spielt dann die Rolle als Soldat, Diener im Chor, es geht dann zu «sprechenden Partien» über, spielt Hauptrollen, die von unbedeutenden unterbrochen werden, bis es sich endlich als «Prospero» der Magier von der Bühne zurückzieht.
Frag.: Das kann man verstehen. Es wird also behauptet, dass das wahre Ego nicht nach dem Tode zur Erde zurückkehren kann. Aber es steht sicherlich dem Schauspieler frei, wenn er sich das Gefühl für seine Individualität bewahrt hat, auf dem Schauplatz seiner früheren Wirksamkeit zurückzukehren, wenn er solches wünscht?
Theos.: Das muss verneint werden; einfach weil eine solche Rückkehr auf die Erde unvereinbar wäre mit dem Glückseligkeitszustande nach dem Tode, was bewiesen werden kann. Es muss gesagt werden, dass der Mensch so vielem unverdienten Elend während seines Lebens unterliegt, durch die Fehler anderer, mit denen er verbunden ist, oder durch seine Umgebung, dass er auf vollkommene Ruhe Anspruch hat, bevor er die Last des Lebens wieder einmal auf sich nimmt. Darüber soll später gesprochen werden.
Frag.: Das alles ist in gewisser Weise zu verstehen; aber ich sehe, dass die theosophischen Lehren komplizierter und metaphysischer sind als der Spiritismus oder die im Umlauf befindlichen religiösen Vorstellungen. Kann man mir sagen, warum diese theosophische Anschauung, die hier verteidigt wird, ebenso viel Interesse wie Feindschaft gleichzeitig hervorbringt?
Theos.: Dafür gibt es mehrere Gründe. Unter anderem mögen die folgenden erwähnt werden: 1) Der Widerstand der groben materialistischen Theorien, die nun in allen wissenschaftlichen Vorstellungen zu Grunde liegen. 2) Die allgemeine Unzufriedenheit mit der künstlichen Theologie der verschiedenen christlichen Kirchen, und die täglich wachsende Zahl mit einander in Widerspruch stehenden Sekten. 3) Die immer deutlicher hervortretende Erkenntnis, dass Bekenntnisse, die auf die Selbstsucht und den Widerspruch gebaut sind, doch nicht wahr sein können, und dass Behauptungen, die nicht zu beweisen sind, ebenso wenig auf Wahrheit Anspruch erheben können. Dieses naturgemäße Misstrauen gegenüber den konventionellen Religionen muss noch gesteigert werden durch ihre Misserfolge im Bewahren der Moral und der gesellschaftlichen Reinheit bei den Volksmassen. 4) Eine Überzeugung Vieler, und ein Wissen Weniger, dass es eine Weltansicht irgendwo geben muss, welche wissenschaftlich und nicht bloß erdacht ist. 5) Zuletzt, dass eine solche Weltanschauung in Ideen gesucht werden müsse, die unserem modernen Glauben vorangegangen sind. Frag.: Wie kommt es, dass diese Weltanschauung gerade jetzt auftritt?
Theos.: Weil man die Zeit dafür reif befunden hat, — eine Tatsache, welche dadurch sich erweist, dass so viele ernste Forscher bestrebt sind, die Wahrheit zu suchen, was es auch koste und wo immer sie auch verborgen sein mag. Da die Hüter der Wahrheit dieses sahen, haben sie erlaubt, dass einige Teile derselben veröffentlicht werden dürfen. Wäre die Theosophische Gesellschaft noch einige Jahre später begründet worden, so wäre die eine Hälfte der gebildeten Nationen in die Reihe der Materialisten, die andere in jene der Anthropomorphisten und Phänomenalisten eingetreten.
Frag.: Ist die Theosophie in irgendeiner Art als Offenbarung zu betrachten?
Theos.: Das ist sie in keiner Art — nicht einmal in dem Sinne, dass sie eine Enthüllung einiger höherer, übernatürlicher Wesen wäre, oder wenigstens «übermenschlicher» Wesen: sondern allein in dem Sinne, dass durch sie alte, sehr alte Wahrheiten entschleiert werden denen, die bisher damit unbekannt waren, die nicht einmal von der Existenz einer solchen alten Weisheit etwas wussten.
Es ist heute zum guten Ton gehörig, zu sagen, dass in den Mysterien der großen und gebildeten Völker, wie in denen der Ägypter, der Griechen und Römer nichts enthalten sei als Priesterbetrug. Ebenso behandelt man die Rosenkreuzer halb als Irrsinnige, halb als Schelme. Viele Bücher sind über sie geschrieben worden; und Anfänger, die kaum den Namen davon vor wenigen Jahren kennen gelernt haben, gebärden sich als gründliche Kenner der Alchemie, der Philosophie, des Lebensfeuers und der Mystik im Allgemeinen. Und doch hat eine lange Reihe von Eingeweihten der Ägypter, der Inder, der Chaldäer, der Araber im Verein mit den Weisen des Westens diese Dinge als Weisheit und göttliche Wissenschaft bezeichnet; denn sie betrachten Ursprung und Grundlage einer jeden Wissenschaft als wirklich «göttlich». Plato betrachtete die Mysterien als durchaus heilig und Clemens von Alexandrien, der selbst in die eleusinischen Mysterien eingeweiht war, hat erklärt, dass die in ihnen enthaltenen Lehren das Endziel alles menschlichen Erkennens umfassen. Waren Plato und Clemens zwei Schelme oder zwei Narren, oder waren sie etwa beides?
Frag.: Es wurde von Feindseligkeit gesprochen. Wenn es Wahrheit ist, was von der Theosophie dargestellt wird, warum begegnete sie so vielem Widerspruch und fand nicht vielmehr Zustimmung?
Theos.: Dafür sind viele und mannigfaltige Gründe vorhanden. Einer davon ist, dass die Menschen dem abgeneigt sind, was sie «Neuerungen» nennen. Selbstsucht ist konservativ in ihrem Wesen und missbilligt jede Störung. Sie zieht eine behagliche, unexakte Lüge der größten Wahrheit vor, wenn die letztere fordert, dass auch nur eine geringfügige Bequemlichkeit geopfert werde. Die Kraft geistiger Trägheit ist groß in allem was nicht unmittelbar Vorteil und Lohn verspricht. Unser Zeitalter ist vor allen Dingen ungeistig und dem Stofffanatismus ergeben. Darüber hinaus kommt noch in Betracht, dass die theosophischen Lehren den gewohnten Vorstellungen zuwiderlaufen, dass sie phantastisch erscheinen und dass einige von ihnen den Unklarheiten widersprechen, welche von einigen Sekten gepflegt werden und die doch vielfach in die menschlichen Seelen sich eingelebt haben. Wird noch hinzugefügt, dass von denen, welche dem innern Kreis angehören wollen, persönliche Anstrengungen und Reinheit des Lebens verlangt wird, dass außerdem der Kreis derer nur klein ist, denen ein selbstloses Ideal zusagt: dann wird es genügend begreiflich erscheinen, dass Theosophie zu einem nur langsamen Hinanklimmen auf den Berg verurteilt ist. Sie ist im Wesentlichen die Weltansicht derjenigen welche leiden und welche die Hoffnung verloren haben, dass ihnen durch andere Mittel aus dem Elend des Lebens herausgeholfen werde. Außerdem zeigt doch die Geschichte irgendeines Bekenntnisses oder einer Ansicht, die in fremdem Bereich neu eingepflanzt worden ist, dass sie im Beginne auf die Hindernisse des Dunkelmännertums und der Selbstsucht stieß. Es ist durchaus richtig, dass «die Krone aller Neuerer eine Dornenkrone» ist. Kein Umreißen alter, wurmstichiger Gebäude kann ohne Gefahr ausgeführt werden.
Frag.: Alles dieses ist mehr auf die Lebensansicht und Philosophie der Theosophie bezüglich. Kann nicht aber eine allgemeine Idee von den Zielen und Einrichtungen der Theosophischen Gesellschaft gegeben werden? Theos.: Diese hat man nie geheim gehalten. Man erkundige sich nach denselben und man wird genugsame Auskünfte erhalten. Frag.: Aber es wird gesagt, dass man an ein Gelöbnis gebunden wird.
Theos.: Nur in der geheimen oder esoterischen Abteilung.
Frag.: Auch ist gesagt worden, dass einige Mitglieder nach dem Austritte sich nicht mehr zum Schweigen verbunden hielten. Ist das richtig?
Theos.: Das zeigt nur, dass sie unvollkommene Ansichten von Ehre hatten. Wie kann so etwas richtig sein? Ganz richtig wird über einen solchen Fall im «Path», unserem theosophischen Organ in New-York, gesagt: «Man nehme an, ein Soldat werde wegen Eidbruch und Disziplinverachtung verurteilt und vom Dienste entfernt. In seiner Rache über das Urteil, das er selbst heraufbeschworen hat, und dessen Wirkungen ihm vorher bekannt gegeben worden sind, wendet sich der Soldat an den Feind mit falschen Mitteilungen, als Spion und Verräter, als Rächer an seinen früheren Vorgesetzten und behauptet dabei, er sei wegen seiner Verurteilung von dem Gelöbnis entbunden und aller Loyalität ledig. Kann man von einem solchen sagen, dass er berechtigt handelt? Muss man ihn nicht vielmehr einen unehrenhaften Menschen nennen?
Frag.: That must be admitted. And yet some think differently.
Theos.: All the worse for them. But, as the occasion demands, this matter will be spoken of later.
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Unter einem «angeschlossenen» Mitglied versteht man ein solches, welches einem besonderen Zweig der Theosophischen Gesellschaft angehört. Unter einem «nicht angeschlossenen» aber ein solches, das zur Gesellschaft im Allgemeinen gehört, das sein Diplom unmittelbar vom Hauptquartier (Adyar, Madras) hat, aber mit keinem Zweige oder keiner Loge in Verbindung steht. ↩
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An “affiliated member” is one who belongs to a particular branch of the Theosophical Society. A “non-affiliated” member, on the other hand, is one who belongs to the Society in general, who has received his diploma directly from the headquarters (Adyar, Madras), but is not affiliated with any branch or lodge. ↩