I. Theosophie und die Theosophische Gesellschaft

Der Fragende: Die Theosophie und ihre Lehren bezeichnet man oft als eine neue Religion. Ist sie eine Religion?

Der Theosophist: Das ist sie nicht. Theosophie ist göttliche Erkenntnis oder Wissenschaft.

Frage: Was bedeutet der Ausdruck wirklich?

Theos.: Göttliche Weisheit (Θεοσοφία) ist Weisheit der Götter, wie Theogonia (Θεογονία) Genealogie der Götter ist. Das Wort Θεός bezeichnet im Griechischen einen «Gott», eines der göttlichen Wesen, aber sicherlich nicht in dem Sinne, den man heute mit diesem Ausdruck verbindet. Daher kann man Theosophie nicht, wie einige tun, mit «Wissen von Gott» übersetzen, sondern mit «Göttlicher Weisheit», das ist eine Weisheit, wie sie Götter besitzen. Der Ausdruck ist viele tausend Jahre alt.

Frage: Welchen Ursprung hat der Name?

Theos.: Er ist auf uns von den griechischen Philosophen gekommen, die man Philaletheier, die «Wahrheit-Liebenden» genannt hat, von «phil» (φιλ) «einer der liebt» und «aletheia» (άλήθεία) «Wahrheit». Der Name Theosophie stammt aus dem dritten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung; zuerst wurde er von Ammonius Saccas und seinen Schülern angewendet, welche das eklektische Theosophische System begründeten, und die auch Analogieisten genannt wurden. Dies wird dargelegt durch Prof. Alex Wilder, in seinem Buche «Neu-Platonismus und Alchemie».1 Sie werden so genannt, weil sie die religiösen Legenden, Mythen und Mysterien durch eine Regel der Analogie oder «Entsprechung» so auslegten, dass die als äußere Ereignisse erzählten Vorgänge als Tatsachen des Seelenlebens und seiner Erfahrungen angesehen wurden. Sie wurden auch Neuplatonisten genannt. Obgleich die Theosophie oder das eklektische theosophische System gewöhnlich bis in das dritte Jahrhundert zurückgeleitet wird, so ist doch, wenn man Diogenes Laörtius glaubt, der Ursprung viel älter, denn er schiebt diese Lehre einem ägyptischen Priester, Pot-Amun, zu, welcher in den ältesten Zeiten der ptolemäischen Dynastie gelebt hat. Derselbe Schriftsteller sagt uns, dass der Name koptisch ist und einen solchen bezeichnet, der dem Amun geweiht ist, dem Gotte der Weisheit. Theosophie ist gleichbedeutend mit dem Sanskritwort BrahmaVidyä, göttliche Erkenntnis.

Frage: Was war die Aufgabe dieser Lehren?

Theos.: Zunächst den Schülern und allen «Wahrheit-Liebenden» gewisse große Wahrheiten zu geben. Daher hat auch die Theosophische Gesellschaft als ihr Motto angenommen: «Keine Religion ist höher als die Wahrheit».

Die eklektische Theosophie war in drei Hauptteile geteilt: 1) den Glauben an eine absolute, unbegreifliche und erhabene Gottheit oder unendliche Wesenheit, welche der Urquell der Natur ist und alles Bestehenden, des Sichtbaren und Unsichtbaren; 2) den Glauben an die ewige, unsterbliche Natur des Menschen, welche als Ausstrahlung der universellen Seele mit dieser von einerlei Wesenheit ist; 3) die Theurgie oder das «göttliche Werk», die Hervorbringung eines Werkes der Götter, von «theoi» «Götter» und «ergein» «arbeiten». Der Ausdruck ist sehr alt; aber er war nicht im Volksgebrauch, weil er nur dem Wortschatze der Mysterien angehörte. Es war ein mystischer Glaube — der besonders Adepten und Priestern eigen war — dass man die Götter bewegen könne, sich in den göttlichen Mysterien mitzuteilen, wenn man sich selbst so rein macht, wie die unkörperlichen Wesen sind — das heißt durch Rückkehr zur ursprünglichen Reinheit der Natur — und dass man diese Götter dadurch veranlassen könne, gelegentlich sichtbar zu werden, entweder subjektiv oder objektiv. Das war, vom übersinnlichen Gesichtspunkt angesehen, das, was jetzt «Spiritualismus» genannt wird; aber indem es missbraucht und nicht verstanden worden ist durch die Verallgemeinerung, ist es gekommen, dass man es als eine Art Zauberei betrachtete und verbot. Eine entstellte Art der Theurgie des Jamblichus lebt noch fort in der zeremoniellen Magie einiger moderner Kabbalisten. Die moderne Theosophie vermeidet und verwirft diese Art von Magie und Zauberei als sehr gefährlich. Wirkliche «göttliche» Theurgie erfordert eine fast übermenschliche Reinheit und Heiligkeit des Lebens; sonst verkommt sie zur Mediumschaft und schwarzen Magie. Die unmittelbaren Schüler des Ammonius Saccas, welcher Theodidaktos «Gottes-Gelehrter» genannt wurde — wie Plotin und sein Nachfolger Porphyrius —, verwarfen zuerst die Theurgie, wurden dann aber mit ihr versöhnt durch Jamblichus, der ein Werk schrieb «De Mysteriis» unter dem Namen seines eigenen Meisters, eines berühmten ägyptischen Priesters, genannt Abammon. Ammonius Saccas war der Sohn christlicher Eltern. Da er aber von seiner Kindheit an durch das dogmatische spiritualistische Christentum zurückgestoßen wurde, wurde er Neuplatoniker, und es wird von ihm wie von Jakob Böhme und andern großen Sehern und Mystikern gesagt, dass ihm in Träumen und Visionen die göttliche Weisheit geoffenbart worden ist. Daher sein Name Theodidaktos. Er beschloss, alle religiösen Systeme zu versöhnen, und, indem er ihren gleichen Ursprung darlegte, stellte er einen allgemeinen auf Sittenlehre begründeten Glauben fest. Sein Leben war so fleckenlos und rein, seine Lehren so tief und großartig, dass mehrere Kirchenväter seine vertrauten Schüler waren. Clemens der Alexandriner spricht sehr anerkennend von ihm. Plotin, der «heilige Johannes» des Ammonius, war nicht minder eine allgemein geachtete und geschätzte Persönlichkeit, von tiefster Gelehrsamkeit und Gediegenheit des Charakters. Als er neununddreißig Jahre alt den römischen Kaiser Gordian und seine Armee nach dem Osten begleitete, wurde er durch die Weisen von Baktrien und Indien eingeweiht. Er hatte eine philosophische Schule in Rom. Porphyrius, sein Schüler, ein hellenisierter Jude, dessen wahrer Name Malek war, sammelte alle Schriften seines Meisters. Porphyrius war selbst ein großer Schriftsteller und gab eine allegorische Auslegung einiger Teile von Homers Schriften. Die Art der Meditation war bei den Philaletheiern eine Art Ekstase, den indischen Yoga-Übungen verwandt. Was man von der eklektischen Schule weiß, verdankt man Origenes, Longinus und Plotin, den unmittelbaren Schülern des Ammonius.

Das hauptsächlichste Bestreben der Begründer der eklektischen Theosophischen Schule war eines von den drei Zielen ihrer modernen Nachfolgerin, der Theosophischen Gesellschaft, nämlich, alle Religionen, Sekten und Nationen unter einem gemeinsamen Bekenntnis zu versöhnen, das auf die ewigen Wahrheiten aufgebaut ist.

Frage: Womit können Sie beweisen, dass dies nicht ein unmöglicher Traum ist, und dass alle Weltreligionen auf die gleiche Wahrheit gegründet sind?

Theos.: Durch das vergleichende Studium und das Eindringen in deren Wesenheit. Die «Weisheitsreligion» war eine Einige im Altertum; und die Gleichheit der ursprünglichen religiösen Lehren kann bewiesen werden durch die übereinstimmenden Lehren, die allen Eingeweihten in den Mysterien, einer allgemein verbreiteten Einrichtung, anvertraut wurden. Prof. Wilder sagt: «Alle alten Gottesdienste zeugen für das Bestehen einer einigen ihnen vorausgehenden Theosophie. Der Schlüssel, der eine öffnen kann, muss alle öffnen, im andern Falle ist es nicht der rechte Schlüssel.»

Frage: In der Zeit des Ammonius bestanden mehrere große Religionen, und die Anzahl der Sekten war schon allein in Ägypten und Palästina eine große. Wie konnte er diese versöhnen?

Theos.: Indem er tat, was wir heute wieder versuchen. Die Neuplatonisten waren eine weitverbreitete Körperschaft, und sie gehörten verschiedenen religiösen Anschauungen an; genau wie unsere Theosophisten.

Unter Philadelphus setzte sich der Judaismus in Alexandrien fest, und die hellenischen Lehrer wurden die gefährlichsten Nebenbuhler der Collegien der Rabbis von Babylon. Der Autor des «Neu-Platonismus» bemerkt dazu sehr einleuchtend: «Die buddhistischen, vedantischen und magischen Lehren wurden den griechischen Anschauungen verglichen. Es war kein Wunder, dass gedankenvolle Menschen der Ansicht waren, dass der Streit in Worten aufhören solle, und es als eine Möglichkeit ansahen, dass sich ein harmonischer Kern aus den verschiedenen Lehren bilden lasse ... Pantaenus, Athenagoras und Clemens waren wohl bewandert in der platonischen Philosophie, und sie begriffen deren wirkliche Übereinstimmung mit den orientalischen Anschauungen.»

Damals erklärte der Jude Aristobulus, dass die Anschauungen des Aristoteles mit den esoterischen Lehren übereinstimmen, welche den Gesetzen des Moses zu Grunde liegen; und der Jude Philo war bestrebt den Pentateuch mit der pythagoräischen und platonischen Philosophie in Einklang zu bringen. Josephus bewies, dass die Essäer von Karmel einfach die Nachahmer und Nachfolger der ägyptischen Therapeuten oder Heiler seien. So soll es jetzt sein. Wir können die Herkunft jedes christlichen Bekenntnisses und jeder — auch der kleinsten — Sekte zeigen. Die letzteren sind die kleinen Zweige oder Sprossen, die an den größeren Ästen wachsen; aber Sprossen und Äste entspringen demselben Stamm — der Weisheitsreligion. Dies nachzuweisen war das Ziel des Ammonius, der bestrebt war, Heiden und Christen, Juden und Götzendiener zu vereinigen, damit sie ihren Zwist und Streit beiseitelassen und sich nur dem hingeben, was ihr gemeinsamer Besitz ist in verschiedenen Umbhüllungen, und sich betrachteten als die Kinder einer Mutter. Dies ist auch das Ziel der Theosophie.

Mosheim sagt von Ammonius: «Indem er begriff, dass nicht nur alle griechischen Philosophen, sondern auch diejenigen der verschiedenen barbarischen Nationen vollkommen übereinstimmten in allem Wesentlichen, macht er es sich zur Aufgabe, das Verbindende ins Licht zu setzen bei allen verschiedenen Sekten, so dass sich zeigen konnte, dass sie alle aus einer Quelle stammen und zu einem gleichen Ziele führen.»

Indem derjenige, welcher über Ammonius in der «Edinburgh Encyclopaedia» geschrieben hat, über diesen spricht, beschreibt er auch genau die Meinung, die Arbeit der modernen Theosophisten, denn er sagt von Theodidaktos, was ganz auch von jenen gilt: «Er nahm die Lehren an, die von Ägypten stammten — das Esoterische davon war indischen Ursprungs — und welche die Welt und das Göttliche behandelten; er behandelte sie als ein großes Ganzes, das die Ewigkeit der Welt umfasste... Auch stellte er eine christliche Lehre auf, welche dem Volke erlaubte, im allgemeinen nach den Gesetzen des Landes und den Forderungen der Natur zu leben innerhalb deren sie sich befanden, aber er forderte zugleich die Weisen auf, sich zur Kontemplation zu erheben.»

Frage: Auf welche Autoritäten hin kann das alles von den alten Theosophisten von Alexandrien behauptet werden? Theos.: Eine große Anzahl wohlbekannter Schriftsteller. Mosheim, einer von ihnen, sagt, Ammonius habe das Folgende gelehrt: «Die Religion der Menge ging Hand in Hand mit der Philosophie, und sie habe mit ihr das gleiche Schicksal erfahren, allmählich durch untergeordnete menschliche Vorstellungen, durch Aberglauben und Lügen verdorben zu werden; deshalb müsse sie wieder auf ihre ursprüngliche Reinheit zurückgeführt werden durch Reinigung von ihren Schlacken und Herausarbeitung ihrer philosophischen Grundlagen, und Christus habe nichts anderes im Auge gehabt, als die Menschen wieder zur Weisheit der Alten in ihrer Reinheit und Wahrheit zurückzuführen, den überall herrschenden Aberglauben zu beseitigen und die mannigfaltigen Irrtümer der verschiedenen Volksreligionen auszurotten.» Das ist genau das, was auch die modernen Theosophisten wollen. Während aber der große «Wahrheitsliebende» in seinem Ziele von zwei Kirchenvätern, Clemens und Athenagoras, unterstützt wurde, während ihm die Philosophen der Akademien und Schulen beistanden, bleiben wir, die wir eine gemeinsame Lehre für Alle verkündigen, ohne Beihilfe, ja werden im Gegenteil verfolgt und missachtet. Die Menschen waren vor 1500 Jahren toleranter als in diesem «erleuchteten» Jahrhundert. Frag.: Wurde Ammonius ermutigt und unterstützt von der Kirche, weil er trotz aller Ketzerei das Christentum lehrte und ein Christ war?

Theos.: Keineswegs. Er wurde als Christ geboren, aber er nahm niemals das Kirchenchristentum an. Dr. Wilder sagt darüber: «Er hat Lehren vorgetragen, die in Übereinstimmung waren mit den alten Anschauungen des Hermes, und welche Plato und Pythagoras vorher gekannt hatten und aus denen sie ihre Philosophie weiter ausbauten. Da er nun dieselben Vorstellungen im Prolog zum Johannesevangelium fand, setzte er voraus, dass es das Ziel von Jesus war, die großen Wahrheiten in ihrer ursprünglichen Reinheit wieder herzustellen. Er betrachtete die biblischen Erzählungen und die Göttersagen entweder als allegorische Darstellungen der Wahrheit oder als Fabeln, die man verwerfen müsse.»

Außerdem wird in der «Edingburgh Encyclopaedia» gesagt: Er erkannte, dass Jesus Christus ein außerordentlicher Mensch und Freund Gottes war, und zugleich behauptete er, dass es diesem nicht darum zu tun war, allen Glauben an untergeordnete Götter abzuschaffen, sondern dass er einzig und allein die alte Religion reinigen wollte.

Die Weisheitsreligion war zu allen Zeiten eine Geheimlehre.

Frage: Da Ammonius selbst niemals etwas schrieb, wie kann man eine Sicherheit darüber haben, dass seine Lehre die angedeutete war? Theos.: Weder Buddha, Pythagoras, Konfuzius, Orpheus, Sokrates noch Jesus haben Schriften hinterlassen. Und doch sind das historische Persönlichkeiten, und ihre Lehren haben alle überlebt. Die Schüler des Ammonius, unter ihnen Origenes und Herennius, schrieben Abhandlungen und setzten seine Lehren auseinander. Auch haben Origenes, Plotinus und Longinus, der Ratgeber der berühmten Königin Zenobia, Berichte über die philalethischen Anschauungen geliefert, wenigstens insoweit als sie zum öffentlichen Bekenntnis geworden waren, denn die Schule war in eine exoterische und esoterische geteilt.

Frage: Wie konnten die Lehren der letzteren auf uns gelangen, wenn doch gesagt wird, dass die Weisheitsreligion eine Geheimlehre war?

Theos.: Die Weisheitsreligion war immer eine und dieselbe, und da sie das letzte Wort alles menschlichen Erkennens dargestellt, wurde sie immer sorgfältig bewahrt. Sie bestand lange Zeitalter hindurch, bevor sie zu den Alexandrinischen Theosophisten kam, dann erreichte sie unsere Gegenwart, und sie wird jede andere Religion und Philosophie überleben.

Frage: Wo wurde sie bewahrt und durch wen?

Theos.: Von den Eingeweihten eines jeden Gebietes; von den gründlichen Erforschern der Wahrheit und ihren Schülern und in jenen Teilen der Welt, in denen solches Suchen immer am meisten bewertet und gepflegt worden ist, in Indien, Zentralasien und Persien.

Frage: Können Beweise für die Geheimhaltung gegeben werden?

Theos.: Der beste Beweis der gegeben werden kann ist, dass eine jede alte Religion und jeder philosophische Kultus aus einem esoterischen, geheimen Lehrgebäude und aus einem exoterischen für die breite Öffentlichkeit bestand. Es ist eine wohlbekannte Tatsache, dass die Mysterien der Alten bei jedem Volke aus den «größeren» (geheimen) und «kleineren» (öffentlichen) bestanden, so z.B. die berühmten Feste von Eleusis in Griechenland. Von den Hierophanten von Samothrake, Ägypten, und den eingeweihten Brahmanen des alten Indien bis zu den späteren hebräischen Rabinen, hielten sie alle die Lehren ihres wirklichen «aus Glaubenstiefen» stammenden Erkennen geheim. Die jüdischen Rabbiner nannten ihre der Welt zugänglichen Religionsübungen «Mercavah» oder den äußeren Körper, die Hülle, welche die verborgene Seele, ihre höchste Erkenntnis, verbirgt. Die Priester der alten Religionen teilten niemals den Massen ihre wirklichen philosophischen Geheimnisse mit. Sie verabreichten den letzteren nur die Schalen. Der nördliche Buddhismus hat sein größeres und kleineres Werkzeug, die bekannt sind als Mahâyâna, die esoterische und Hinâyâna, die exoterische Schule. Diese Geheimhaltung ist nicht tadelnswert. Denn sicherlich kann sich niemand einfallen lassen, seine Schafherde mit botanischen Abhandlungen statt mit Gras zu füttern. Pythagoras nannte seine Gnosis «die Wissenschaft von den Dingen, welche sind», oder ή γνώσις τών όντων und bewahrte diese Erkenntnis nur für seine vereideten Schüler, denn solche konnten die Geistesnahrung verdauen und in ihrem Werte erkennen. Er verpflichtete sie zur Geheimhaltung. Ein geheimes Alphabet und geheime Zeichen waren in den alten ägyptischen Schriften verwendet, deren Geheimnis nur den Hierogrammatikern oder eingeweihten Priestern bekannt war. Ammonius Saccas verpflichtete, wie seine Biographen erzählen, seine Schüler durch Eidschwur, seine höheren Lehren nicht mitzuteilen, ausgenommen jenen, die genügend vorbereitet waren und selbst durch einen Eid gebunden wurden. Und finden wir nicht ein Gleiches im ersten Christentum, bei den Gnostikern, ja auch bei den Lehren Christi selbst? Sprach er zu der Menge nicht in Parabeln, die eine zweifache Bedeutung hatten, und sprach er über seine tieferen Absichten nicht ausschließlich zu seinen Schülern? «Euch kommt es zu, die Geheimnisse des Gottesreiches zu wissen; aber den Außenstehenden sollen sie nur in Gleichnissen zukommen.» Der Autor des «Neu-Platonismus» sagt: «Die Essäer von Judäa und Karmel teilten in einer ähnlichen Art ihre Anhänger in Neulinge, Brüder und in Vollkommene (die eingeweiht waren).» Aus allen Ländern können für diese Tatsache Belege gebracht werden.

Frage: Ist es möglich die «Geheimwissenschaft» durch bloßes Studium zu erlernen? Enzyklopädien sagen von der Theosophie ein ähnliches, wie Websters Diktionär, nämlich dass sie «einen Verkehr mit Gott und höheren Geistern vermitteln und als Folge davon übermenschliche Kenntnisse durch physische ... oder ... chemische Prozesse.» Ist dies so?

Theos.: Ich glaube nicht. Auch ist es nicht erfindlich, wie ein solcher Wörterbuchverfasser im Stande sein sollte, für sich selbst oder andere klar zu machen, auf welche Art durch physikalische oder chemische Prozesse übermenschliche Kenntnisse zu erlangen seien. Hätte Webster gesagt durch metaphysische und alchemistische Prozesse, so wäre die Definition annähernd korrekt gewesen. Wie er sie gibt, ist sie unmöglich. Die älteren und ebenso die neueren Theosophisten sagen, dass das Unendliche nicht von dem Endlichen erkannt werden könne, nämlich nicht von dem endlichen Selbst, dass aber die göttliche Wesenheit sich dem höheren spirituellen Selbst im Zustande der geistigen Erhebung mitteile. Diese Bedingung kann aber kaum, ebensowenig wie der hypnotische Zustand, durch «physikalische oder chemische» Prozesse erfüllt werden.

Frage: Wie ist das also zu erklären?

Theos.: Die wirklich geistige Erhebung (Ekstase) ist nach Plotin zu erklären als die «Befreiung des Geistes von seinem endlichen Bewusstsein, sodass er mit dem Unendlichen Eins wird». Dies ist ein höchster Zustand, sagt Dr. A. Wilder, der nicht von immerwährender Dauer ist, und nur von sehr wenigen erreicht wird. Er ist gleichbedeutend mit dem, was man in Indien als Samadhj kennt. Derselbe wird durch die Yogis geübt, die sich ihn physisch erleichtern durch die größte Enthaltsamkeit im Essen und Trinken, und geistig durch das Streben, die Seele zu reinigen und zu läutern. Meditation ist stilles, unausgesprochenes Gebet oder, wie Plato es ausdrückt: «Die inbrünstige Hinwendung der Seele zu Gott; nicht nur um eine besondere Gabe zu erbitten, wie beim gewöhnlichen Beter angenommen wird, sondern um das allgemeine Gute, von dem wir auf der Erde nur ein Teil sind, und aus dessen Wesenheit wir alle abstammen... Darum beobachte in der Gegenwart des Göttlich-Einen Stillschweigen, bis es die Wolken von deinen Augen hinweghebt, und dich fähig macht, durch das Licht, das von ihnen ausströmt, das wirklich Gute zu schauen, nicht was nur für ein solches gehalten wird.

Das ist dasselbe, was der gelehrte Autor des «Neu-Platonismus» Dr. A. Wilder als «geistige Photographie» beschreibt. «Die Seele ist die Kamera, in welcher Tatsachen und Ereignisse, zukünftige, vergangene und gegenwärtige in gleicher Art enthalten sind, und der Geist wird ihrer bewusst. In unserer alltäglichen begrenzten Welt ist dann alles ein Tag oder Zustand, das Vergangene und das Zukünftige sind in dem Gegenwärtigen zusammengedrängt. ... (Der Tod ist auf Erden die letzte Ekstase). Dann ist die Seele frei von den Grenzen der Körperlichkeit, ihr edlerer Teil vereinigt sich mit der höheren Natur und wird Teilhaber der Weisheit und Erkenntnis der höheren Wesenheiten.» Die wirkliche Theosophie ist, was Apollonius von Tyana so beschreibt: «Ich kann das Vergangene und Zukünftige in einem klaren Spiegel sehen. Der Weise hat nicht nötig, den Dünsten der Erde und den Verderbnissen der Luft aufzulauern, um Ereignisse vorauszusehen... Die Götter sehen das Künftige, gewöhnliche Menschen das Gegenwärtige, Weise dasjenige, was an seine Stelle treten wird.» Was Theosophie für den Weisen ist, drückt man ganz gut mit den Worten aus «das Gottesreich ist in uns.»

Frag.: Demnach ist Theosophie nicht, wie einige annehmen, etwas Neu-Ausgeklügeltes? Theos.: Nur Unwissende können so sprechen. Sie ist so alt wie die Welt, und ihre Lehren sind, wenn auch nicht ihr Name, die verbreitetste und allgemeinste Ansicht von allen.

Frag.: Woher kommt es denn aber, dass die Theosophie den Völkern des Westens so unbekannt geblieben ist? Warum sollte sie den fortgeschrittensten und gebildetsten Völkern ein so verborgenes Buch geblieben sein? Theos.: Es ist anzunehmen, dass es in alten Zeiten Völker gab, die nicht weniger gebildet und geistig fortgeschritten waren als die unsrigen. Aber es gibt verschiedene Ursachen für unsere Unwissenheit. Eine davon wurde durch St. Paulus den gebildeten Athenern angegeben: der Verlust wirklicher spiritueller Einsicht und des dahingehenden Interesses durch zu großes Hängen an Sinnendingen und die Unterwerfung unter Dogma und Ritualismus. Aber der Hauptgrund liegt in der Geheimhaltung der Theosophie.

Frag.: Es ist also bewiesen, dass ein Geheimwissen existiert; aber was war die wirkliche Ursache davon?

Theos.: Diese Ursachen waren: Erstens die Verkehrtheit und Selbstsucht der menschlichen Natur, die stets nur die Befriedigung der persönlichen Wünsche erstrebt zum Schaden der andern. Solchen Menschen konnten niemals göttliche Geheimnisse anvertraut werden. Zweitens die Unzuverlässigkeit der Menschen, die sie hindert, das geheiligte göttliche Erkennen vor Entweihung zu bewahren. Das Letztere führte zu einer fortwährenden Verdrehung der erhabensten Wahrheiten und Symbole, und zu einer Umkehrung derselben in grobsinnliche, vermenschlichte Dinge, mit andern Worten, zur Herunterziehung der Gottesidee und zu Götzendienst.

Frag.: Die Theosophen nennt man oft «Esoterische Buddhisten». Bekennen sie sich denn alle zu Gautama Buddha?

Theos.: Ebensowenig wie alle Musiker sich zu Wagner bekennen. Einige von ihnen sind der Religion nach Buddhisten, aber es sind weit mehr Hindus und Brahmanisten darunter als Buddhisten und mehr christlich geborene Europäer und Amerikaner als bekehrte Buddhisten. Das Missverständnis ist entstanden durch eine falsche Auffassung des Titels von A. P. Sinnetts vortrefflichem Buche: «Esoterischer Buddhismus». Das letztere Wort sollte mit einem statt mit zwei d geschrieben sein; dann wäre klar, dass Budhismus nichts anderes bedeutet als «Weisheits-Religion» (von bodha, bodhi «Intelligenz», « Weisheit»), während Buddhismus das Religionsbekenntnis des Gautama Buddha ist. Theosophie ist eben nichts anderes als Weisheits-Religion.

Frag.: Was ist für ein Unterschied zwischen dem Buddhismus, der von dem Prinzen von Kapilavastu begründeten Religion, und dem Buddhismus, der «Weisheits-Religion», die gleichbedeutend mit Theosophie ist?

Theos.: Genau der gleiche Unterschied wie zwischen der späteren rituellen und dogmatischen Theologie der Kirchen und Sekten und den «Geheimlehren» Christi, die genannt werden «die Geheimnisse vom Reiche des Geistes». Buddha war erleuchtet durch «Bodha», Einsicht, Weisheit. Diese ist in die Wurzeln und Zweige der «Geheimlehren» eingedrungen, welche der Gautama nur seinen auserwählten Arhats mitteilte.

Frag.: Es leugnen aber einige Orientalisten, dass Buddha irgendwelche geheime Lehren gegeben habe?

Theos.: Genau mit demselben Recht könnten sie leugnen, dass es für die Männer der Wissenschaft noch etwas von verborgenem Wissen in der Natur gebe. Später soll die Sache bewiesen werden durch eine Unterredung Buddhas mit seinem Schüler Ananda. Seine esoterischen Lehren waren einfach «Gupta-Vicdyâ» oder das Geheimwesen der alten Brahmanen, zu welchen deren neuere Bekenner den Schlüssel ganz und gar verloren haben. Und diese Vicdyâ ist eingeflossen in das, was als innere Lehre der «Mahâyâna»-Schule des nördlichen Buddhismus bekannt ist. Diejenigen, welche das leugnen, sind einfach unwissend und maßen sich ein orientalisches Wissen nur an. Es soll hier verwiesen werden auf Edkins «Chinesischen Buddhismus», besonders auf die Kapitel über exoterische und esoterische Lehren; und damit kann das Zeugnis der ganzen alten Welt über diesen Gegenstand verglichen werden.

Frag.: Sind nicht die theosophischen Lehren mit denen Buddhas gleichlautend?

Theos.: Gewiss, insofern diese Lehren die Seele der Weisheitsreligion sind, und sie einmal das gemeinsame Besitztum der Eingeweihten aller Völker waren. Aber Buddha war der erste, der diese Lehren in seine öffentliche Wirksamkeit verwob, und sie zur Grundlage eines öffentlichen Bekenntnisses machte. Darin liegt der große Unterschied zwischen dem exoterischen Buddhismus und jeder andern Religion. In andern Religionen sind der Ritualismus und das Dogma an die wichtigste Stelle gesetzt; im Buddhismus aber die sittliche Grundanschauung. Deshalb ist eine so große Ähnlichkeit, ja fast Gleichheit zwischen der theosophischen und buddhistischen Sittenlehre.

Frag.: Gibt es zwischen beiden wesentliche Unterschiede?

Theos.: Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Theosophie und dem exoterischen Buddhismus, wie sich dieser in der südlichen Kirche findet, ist, dass 1) letztere die Existenz eines Göttlichen verneint; 2) ebenso ein Bewusstsein nach dem Tode oder irgend ein Überleben der Individualität des Menschen. Wenigstens ist dies die Anschauung der Siamesischen Sekte, die gegenwärtig als die reinste Form des exoterischen Buddhismus gilt. Und damit hat es seine Richtigkeit, wenn man nur Buddhas öffentliche Lehren in Betracht zieht. Der Grund für diese Tatsache soll später angegeben werden. Aber die Schulen der nördlichen buddhistischen Kirche, in jenen Gegenden in die sich die eingeweihten Arhats nach des Meisters Tode zurückgezogen haben, lehren alles was jetzt theosophische Lehre genannt wird, weil diese zum Teil aus der Erkenntnis dieser Eingeweihten besteht; dies beweist, wie die Wahrheit dem toten Buchstaben und dem Zelotismus bei den südlichen Buddhisten zum Opfer gefallen ist. Aber wie viel größer und edler, philosophischer und wissenschaftlicher ist selbst die Lehre des toten Buchstabens bei jener Kirche im Vergleich zu andern Kirchen und Religionen. Doch Theosophie ist nicht Buddhismus.



  1. Ein Abriss der Ideen und der hauptsächlichsten Lehren der Eklektischen oder Alexandrinischen Schule, zugleich ein Überblick über die inneren Lehren der Alchemie des Mittelalters. Albany N.Y. U.S.A. 1869. ↩

  2. An outline of the ideas and main teachings of the eclectic or Alexandrian school, and at the same time an overview of the inner teachings of medieval alchemy. Albany N.Y. U.S.A. 1869. ↩

German original of I. Theosophy and the Theosophical Society · ← Previous · Next →