V. Die grundlegenden Lehren der Theosophie
Frag.: Glaubt der Theosophist an Gott?
Theos.: Das hängt davon ab, was man sich bei dem Ausdrucke «Gott» denkt.
Frag.: Es soll die Frage so gestellt werden, dass der Gott der Christen, der Vater von Jesus, und der Schöpfer gemeint sei, kurz, der biblische Gott des Moses.
Theos.: An solch einen Gott glaubt der Theosophist nicht. Er verwirft die Idee eines persönlichen, außerweltlichen und menschenähnlichen Gottes, der nur das riesenhafte Schattenbild des Menschen ist, und nicht einmal immer des vortrefflichsten Menschen. Der Gott der Theologie ist ein Bündel von Widersprüchen und eine logische Unmöglichkeit. Dies wird von den Theosophisten behauptet und auch bewiesen. Darum wollen wir mit diesem nichts zu tun haben.
Frag.: Welches sind die Gründe für eine solche Behauptung?
Theos.: Deren gibt es so viele, und es kann die Aufmerksamkeit nicht auf alle gelenkt werden. Aber einige sollen angeführt werden. Der angeführte Gott wird von seinen Bekennern unendlich und absolut genannt; nicht wahr?
Frag.: Das mag zugegeben werden.
Theos.: Nun, wenn er unendlich, das ist grenzenlos, ist und besonders wenn er absolut ist, wie kann er eine Form haben und der Schöpfer von irgend Etwas sein? Form schließt Begrenzung ein, ebensowohl einen Anfang wie ein Ende; und was schaffen will, muss nachdenken und sich einen Plan zurechtlegen. Wie kann von dem Absoluten gesagt werden, dass es denke, das ist, dass es irgend eine Beziehung habe zu dem, was begrenzt, endlich und Bedingungen unterworfen ist? Das ist eine philosophische und eine logische Absurdität. Auch die hebräische Kabbala verwirft solch eine Idee, und macht zum Einen und absoluten Prinzip die unendliche Einheit, die man Ain-Suph nennt. (Ain-Suph heißt das Endlose, auch das Grenzenlose, das innerhalb und mit der Natur Seiende, das Nicht-Existierende, welches wohl ist, doch nicht ein «Wesen» ist.) Wollte er schaffen, so müsste der Gott tätig werden; und da dieses für das Absolute unmöglich ist, so wurde die Sache so dargestellt, als ob das unendliche Prinzip auf einem mittelbaren Wege die Ursache der Entwicklung (nicht der Schöpfung) geworden wäre, das ist, als ob es diese gebildet hätte durch Ausströmung seiner selbst (was eine andere Absurdität ist, welche diesmal den Übersetzern der Kabbala auf die Rechnung zu schreiben ist), der Sephirot. (Wie kann das nicht tätige ewige Prinzip ausströmen, oder aus sich herausgehen? Das Parabrahman der Vedantisten tut nichts Derartiges; noch ist das der Fall bei dem Ain-Suph der chaldäischen Kabbala. Es ist dies vielmehr ein ewiges und periodisches Gesetz, welches eine tätige und schöpferische Kraft (den Logos) veranlasst, aus dem verborgenen und unbegreiflichen Einen Prinzip am Beginn eines jeden Maha-manvantara, oder neuen Weltenzyklus auszuströmen.)
Frag.: Wie steht es mit jenen Kabbalisten, welche trotz ihrer Kabbalistik noch an Jehova oder das Tetragramm glauben?
Theos.: Sie haben die Freiheit, zu glauben, was ihnen gefällt, denn ihr Glaube kann auf Tatsachen keinen Einfluss haben, welche durch sich selbst klar sind. Die Jesuiten sagen doch auch, dass «zweimal zwei ist vier» nicht unbedingt immer wahr sei, da es nur von Gottes Willen abhänge 2 x 2 = 5 zu machen. Soll man ihre Sophisterei annehmen?
Frag.: Dann sind die Theosophisten Atheisten?
Theos.: Keineswegs, vorausgesetzt, dass man die Bezeichnung «Atheist» nicht auf alle diejenigen anwenden wolle, die den Glauben an einen menschenähnlichen Gott ablehnen. Der Theosophist glaubt an ein allgemeines göttliches Prinzip, die Wurzel von Allem, aus dem alles entspringt, und in das alles zurückkehrt am Ende des großen Daseinskreises.
Frag.: Dies ist nur die alte Behauptung des Pantheismus. Wer Pantheist ist, kann nicht Deist sein; und wenn man nicht Deist ist, dann kommt einem der Name Atheist zu. Theos.: Nicht notwendig. Der Ausdruck «Pantheismus» ist wieder eines von den viel missbrauchten Worten, deren wirkliche und ursprüngliche Bedeutung durch blindes Vorurteil und einseitige Gesichtspunkte zerstört worden ist. Wenn man die christliche Etymologie dieses zusammengesetzten Wortes zu der seinigen macht und es bildet aus «pan» (r&v) «alles» und «theos» (Ozög): «gott», und wenn man sich dann einbildet und lehrt, dass die Bedeutung sei: jeder Stein und jeder Baum in der Natur sei ein Gott, oder die göttliche Einheit, dann mag man Recht haben und aus Pantheisten Fetischanbeter machen. Aber ganz anders stellt sich die Sache dar, wenn man — wie es in der Theosophie der Fall ist — sich auf die esoterische Etymologie des Wortes stützt.
Frag.: Was ergibt sich alsdann für eine Definition? Theos.: Es soll die Frage einmal im entgegengesetzten Sinne gestellt werden. Was verstehen die Bekämpfer des Pantheismus unter «Pan», oder Natur?
Frag.: Natur ist die Gesamtsumme aller um uns herum existierenden Dinge; der Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen in der stofflichen Welt, die Schöpfung oder das Universum. Theos.: Somit die personifizierte Summe und Anordnung von bekannten Ursachen und Wirkungen; das Ganze aller begrenzten Ursachen und Kräfte, durchaus losgelöst von einem intelligenten Schöpfer, oder Schöpfern, und vielleicht «aufgefasst als eine einzige für sich bestehende Kraft» — wie das in den landläufigen Handbüchern beschrieben wird?
Frag.: So ist es wohl.
Theos.: Nun wohl, wir wollen weder diese objektive und materielle Natur in Betracht ziehen, die wir eine vergängliche Täuschung nennen, noch wollen wir unter dem Worte «Pan» die Natur verstehen in dem Sinne, der hergeleitet ist vom lateinischen «natura» «werdend» von «nasci» «geboren werden». Wenn im theosophischen Sinne von der Gottheit gesprochen wird, und diese mit «Natur» gleichgesetzt wird, so ist die ewige und ungeschaffene Natur gemeint, und keineswegs deren Abglanz von vorüberfliehenden Schattenbildern und endlichen Unwirklichkeiten. Es muss den Hymnenmachern überlassen bleiben, das sichtbare Firmament oder den Himmel Gottes Thron zu nennen und unsere niedere Erde als seinen Fußschemel zu bezeichnen. Die wahre Gottheit ist weder in einem Paradiese, noch in einem einzelnen Baum, Gebäude oder Berg; sie ist überall, in jedem Atom des sichtbaren sowohl wie des unsichtbaren Weltalls; in, über und rund um jedes unsichtbare Atom und teilbare Molekül, denn «Sie» ist die geheimnisvolle Kraft der Evolution und Involution, die allgegenwärtige, allmächtige und ebenso unbedingt schöpferische Kraftfülle. Frag.: Hier muss Halt gemacht werden! Allwissenheit ist das Vorrecht eines Denkenden, und es soll doch dem Absoluten die Denkkraft eben nicht beigelegt werden. Theos.: Sie wird dem Absoluten abgesprochen, insofern der Gedanke etwas Begrenztes und Bedingtes ist. Aber es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass in der Philosophie absolute Unbewusstheit zugleich absolutes Bewusstsein ist, denn andernfalls würde jene nicht absolut sein.
Frag.: Dann würde doch das Absolute denken.
Theos.: «Es» denkt nicht; der Grund davon ist kein anderer, als dass es das absolute Denken selbst ist. Auch existiert es, aus demselben Grunde, nicht, denn es ist selbst die absolute Existenz; es ist «Sein», nicht «ein Seiendes». Man lese das prächtige kabbalistische Gedicht von Salomon Ben Yehudah Ibn Gebirol, im «Kether Malchuth» und man wird dies verstehen: «Du bist der Einige, die Wurzel all des Zahlreichen, aber selbst kein Glied in diesem Zahlreichen, denn Einheit lässt nicht zu Vervielfältigung, Veränderung, Form. Du bist der Einige, und in dem Geheimnis Deiner Einheit verlieren sich die weisesten der Menschen, denn sie erkennen sie nicht. Du bist der Einige und Deine Einheit kann nicht verkleinert, noch vergrößert werden, und sie kann nicht Verwandlungen haben. Du bist der Einige, und kein Gedanke in mir kann eine Grenze setzen Deiner Wesenheit, oder Dich umfassen mit einer Erklärung. Du bist, aber nicht wie Eines, das ist, denn das Verständnis und die Anschauung der Sterblichen kann an Dein Sein nicht heranreichen, noch können diese ergründen Dein «Wo» und «Wie und «Warum»». — In Kürze, die Gottheit im theosophischen Sinne ist das Ewige, unaufhörlich in Entwicklung begriffene, die nicht schaffende Bildnerin des Weltalls; dieses Weltall ist aus seiner eigenen Wesenheit hervorgegangen, nicht gemacht. Bildlich kann diese Gottheit vorgestellt werden als Kugel ohne Umgrenzung, welche nur eine immer wirksame Eigenschaft hat, alle andern bestehenden und denkbaren Eigenschaften — als «Sichselbst» zu umfassen. Sie ist das Eine Gesetz, von dem die Impulse ausgehen zu allen geoffenbarten, ewigen und unveränderlichen Gesetzen; diese letztern sind alle in dem nicht geoffenbarten, weil absoluten Gesetze, das in seinen geoffenbarten Zeiträumen das «Ewig-Werdende» ist.
Frag.: Ein Mitglied der theosophischen Gesellschaft hat einmal gesagt, dass die Gottheit überall sei, in den Verkörperungen der Unehre, wie in denen der Ehre; sie sei daher gegenwärtig in jedem Atom einer Zigarrenasche! Muss dies nicht als Gotteslästerung aufgefasst werden? Theos.: Das ist doch wohl nicht der Fall, denn die einfache Logik kann doch nicht als Gotteslästerung angesehen werden. Würden wir das allgegenwärtige Prinzip von einem einzigen mathematischen Punkt des Weltalls ausschließen, oder von dem geringsten Teile des Stoffes, der einen wahrnehmbaren Raum einnimmt, wie könnten wir es noch als unendlich bezeichnen?
Frag.: Glaubt der Theosophist an das Gebet, und betet er jemals? Theos.: Das tut er nicht. Er handelt, statt zu reden.
Frag.: Er richtet also auch an das absolute Prinzip keine Gebete?
Theos.: Warum sollte er das tun? Wer zu den wohlbeschäftigten Menschen gehört, kann wahrlich nicht seine Zeit damit verlieren, dass er Wortgebete an eine bloße Abstraktion richtet. Das Unerkennbare ist nur solcher Beziehungen fähig, die sich auf das richten, was in ihm selbst als Teil ist; aber endliche Beziehungen haben für dasselbe keine Bedeutung. Das sichtbare Weltall wird in seiner Existenz und in seinen Erscheinungen von den in ihm tätigen Formen und deren Gesetzen bestimmt, nicht aber von Bitten und Gebeten.
Frag.: Es sollte somit gar nicht an die Kraft des Gebetes geglaubt werden?
Theos.: Nicht an ein Gebet, das in so vielen oft äußerlich wiederholten Worten besteht, wenn mit Gebet die äußerliche Bitte bezeichnet wird an einen unbekannten Gott, als einen Ort, der von den Juden eingeführt und von den Pharisäern zur öffentlichen Anerkennung gebracht worden ist.
Frag.: Kann man von einer andern Art des Gebetes sprechen?
Theos.: Gewiss kann man das; man kann von «Willens-Gebet» sprechen, und ein solches ist eher ein innerliches Gebot als eine Bitte. Frag.: Zu wem betet man, wenn man sich so verhält? Theos.: Zu «unserm Vater im Himmel» — in seiner esoterischen Bedeutung.
Frag.: Ist diese Bedeutung eine andere als die von der Theologie gegebene?
Theos.: Durchaus verschieden. Ein Okkultist oder ein Theosophist richtet seine Bitten an seinen «Vater» «der im Verborgenen ist» (man lese und suche zu verstehen Matth. VI, 6.) nicht an einen außerweltlichen und daher endlichen Gott; und jener «Vater» ist in dem Menschen selbst.
Frag.: Dann aber wird aus dem Menschen ein Gott gemacht?
Theos.: Man soll sagen «Gott» und nicht «ein Gott». Im theosophischen Sinne ist der innere Mensch der einzige Gott, welcher der Erkenntnis zugänglich ist. Und wie sollte das anders sein? Sobald zugegeben wird, dass Gott ein im Weltall ausgebreitetes, unendliches Prinzip ist, wie könnte man den Menschen von der Gottheit ausschließen und ihn nicht völlig von ihr durchdrungen sein lassen? Man nennt «unseren Vater im Himmel» diejenige göttliche Wesenheit, [die] einem im Herzen, im geistigen Bewusstsein zur Erkenntnis kommt, und die nichts zu tun hat mit der menschenähnlichen Vorstellung, die unser physisches Gehirn in seiner Einbildung sich macht: «Wisset ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid, und dass der Geist des (absoluten) Gottes in euch wohnt?» (Man findet in theosophischen Schriften oft widersprechende Angaben über das Christusprinzip im Menschen. Einige bezeichnen es als das sechste Prinzip (Budhi), andere als das siebente (Atman). Wenn christliche Theosophen solcher Ausdrücke sich bedienen, so mögen sie es philosophisch korrekt machen, indem sie den Sinnbildern der alten Weisheitsreligion folgen. Man sagt in diesem Sinne, dass Christus nicht nur eines der drei höheren Prinzipien ist, sondern alle drei [werden] als Dreieinigkeit angesehen. Diese Dreieinigkeit stellt den heiligen Geist, den Vater und den Sohn dar, wie sie entsprechen dem reinen Geist, dem differenzierten Geist, und dem verkörperten Geist. Krischna und Christus sind philosophisch dasselbe Prinzip in seinen drei Aspekten der Offenbarung. In der Bhagavad-Gîtâ findet man Krischna sich selbst bezeichnend als undifferenziertes Atman, als den reinen Geist, Kshetrajna, das höhere oder sich wiederverkörpernde «Ich», das allgemeine Selbst, alles Namen, welche, wenn sie von dem Weltall auf den Menschen übertragen werden entsprechen: Atma, Budhi, Manas. Das Anugita enthält ganz die gleiche Lehre.) — Doch möge kein Mensch diese «Wesenheit in sich» vermenschlichen. Kein Theosophist möge, wenn er sich an die göttliche, nicht an die menschliche Wahrheit hält, sagen, dass «Gott im Verborgenen» zugehöre oder sich unterscheide — sei es von einem endlichen Menschen oder einer unendlichen Wesenheit — denn alles ist nur das Eine. Demnach ist, wie schon ausgeführt, ein Gebet nicht eine Bitte. Es ist eher ein Mysterium; ein geheimnisvoller Vorgang, durch den endliche und bedingte Gedanken und Wünsche, die unfähig sind von dem absoluten Geist, der unbedingt ist, aufgenommen zu werden, übergeführt werden in geistigen Willen; und solch ein Vorgang könnte «spirituelle Umwandlung» genannt werden. Die Stärke unserer Sehnsucht verwandelt die Bitten in den «Stein der Weisen» oder setzt Blei in Gold um. Die Einige, in sich gleiche Wesenheit, unser «Willens-Gebet» wird dann die tätige und schöpferische Kraft, die nach unseren Wünschen Wirkungen hervorbringt.
Frag.: Soll damit gemeint sein, dass ein Gebet ein okkulter Vorgang sei, durch den physische Wirkungen hervorgebracht werden?
Theos.: So ist es. Die Willens-Kraft wird eine lebendige Kraft. Aber wehe denen unter den Okkultisten und Theosophen, die nicht auslöschen die Wünsche der niederen Persönlichkeit, oder des physischen Menschen, und sagen — indem sie sich an ihr höheres geistiges Ich richten, welches in das Atma-Budhi-Licht eingetaucht ist — «Dein Wille geschehe, nicht der meinige». Wehe denen, die stattdessen Wellen der Willenskraft aussenden für selbstische oder unheilige Zwecke! Denn dies wäre schwarze Magie, Gräuel und geistige Zauberei. Unglückseligerweise ist dies alles die vorzüglichste Betätigung unserer christlichen Staatsmänner und Generäle, besonders wenn die letztern zwei Heere gegeneinanderstellen, um sich zu töten. Beide gestatten sich ein wenig von solcher Zauberei, wenn sie beide zu dem gleichen Gotte Gebete senden, damit er einem jeden helfe, dem Feind die Kehle zu durchschneiden.
Frag.: David bat den Herrn der Heerscharen ihm zu helfen, die Philister niederzuwerfen, und die Syrier und Moabiter zu schlagen, und «der Herr schützte David, wohin er auch ging.» Man kann also doch sagen, dass man mit obigem nur der Bibel folge.
Theos.: Allerdings ist das so. Aber wem es beliebt, sich Christ zu nennen, nicht Hebräer oder Jude, warum sollte der nicht lieber dem folgen, was Christus sagt? Und dieser lehrt doch ganz unzweideutig, nicht dem zu folgen: «was in alten Zeiten üblich war», oder dem mosaischen Gesetz, sondern dem, was er sagt, was er selbst lehrt, und er warnt diejenigen, welche zum Schwerte greifen, denn sie würden durch das Schwert umkommen. Christus hat den Seinen ein Gebet gegeben, aus dem ein Lippengebet und eine Eitelkeit gemacht worden ist, und das von niemand außer von den wahren Okkultisten verstanden wird. Er sagt darinnen: «Vergib uns unsere Schulden, wie wir unseren Schuldnern vergeben» — das aber wird nimmermehr ausgeführt. Ein andres Mal sagt er, man solle die Feinde lieben und denen Gutes tun, von denen man gehasst wird. Gewiss hat der «sanfte Prophet von Nazareth» niemals gelehrt, man solle zu dem «Vater» beten die Feinde zu schlagen und den Sieg zu verleihen über sie! Das ist der Grund, warum der Theosoph ein solches Gebet verwerfen muss.
Frag.: Aber wie soll man dann die allgemeine Tatsache erklären, dass alle Nationen und Völker das Gebet haben, und einen Gott oder Götter verehrt haben? Einige haben ja auch Teufel und schlimme Geister angebetet; aber das kann doch nur die Allgemeinheit des Glaubens an die Wirksamkeit des Gebetes beweisen.
Theos.: Durch diese allgemeine Tatsache wird gezeigt, dass mit dem Gebete noch andere Anschauungen verknüpft worden sind als diejenigen der Christenheit. Es war nicht immer ein Hilferuf oder eine Bitte darunter verstanden, sondern in der Vorzeit auch eine Anrufung oder Beschwörung. Das «Mantra» oder rhythmisch gesungene Gebet der Hindus ist so angesehen worden, denn die Brahmanen hielten sich selbst für höher als die gewöhnlichen «Devas» oder «Götter». Ein Gebet kann eine Anrufung oder eine Beschwörung sein, ebenso für eine Verwünschung und einen Fluch, wie für einen Segen. (Ersteres ist der Fall, wenn zwei Heere gleichzeitig um den gegenseitigen Untergang beten.) Die große Mehrheit der Menschen ist intensiv selbstisch, und ein jeder bittet nur für sich etwas. Er bittet um das «tägliche Brot» statt dass er darum arbeitet; er bittet Gott «ihn nicht in Versuchung zu führen» sondern ihn (den Bittenden allein) von dem Übel zu befreien. Dadurch kommt das Ergebnis zustande, dass das Gebet, wie es jetzt verstanden wird, doppelt gefährlich ist: 1. Es ertötet in dem Menschen das Selbstvertrauen, 2.) es entwickelt in ihm eine noch heftigere Selbstsucht und Selbstheit, als ihm von der Natur mitgegeben ist. Wiederholt soll werden, dass der Theosophist an die «Vereinigung» mit dem «Vater im Verborgenen» und die tätige Hingabe an diesen glaubt, und dass in seltenen Fällen von ekstatischer Erhebung, in der Vereinigung der «höheren Seele» mit der universellen Wesenheit, diese hingezogen wird zu ihrem Ursprunge und Mittelpunkt; dadurch tritt ein Zustand ein, der während des Lebens Samâdhi, nach dem Tode Nirvâna genannt wird. Der Theosophist lehnt es ab, zu endlichen Wesenheiten zu beten — seien es Götter, Heilige, Engel usw. weil er darinnen Götzendienst sehen würde. Er kann auch nicht zu dem Absoluten beten, aus den bereits angegebenen Gründen; daher versucht er das frucht- und nutzlose Gebet durch verdienstvolle und gute Handlungen zu ersetzen.
Frag.: Die Christen würden dies Stolz und Gotteslästerung nennen. Haben sie damit Unrecht?
Theos.: Sicherlich. Denn, im Gegenteile, welch satanischer Hochmut liegt gerade in ihrem Glauben, dass das Absolute und Unendliche auf jedes einfältige und selbstsüchtige Gebet hören sollte, selbst wenn es so etwas geben könnte wie eine Beziehung zwischen dem Unbedingten und dem Bedingten. Und gerade diejenigen begehen wirklich eine Gotteslästerung, welche lehren, dass ein allwissender und allmächtiger Gott das Gebet nötig habe, um zu wissen, was er tun solle. So haben sich — wenn man sie esoterisch versteht — Buddha und Jesus ausgesprochen. Der eine sagt: «Erflehe nichts von den hilflosen Göttern — bete nicht! sondern arbeite; denn Finsternis kann nicht aufklären. Verlange nichts von der Stummheit, denn weder kann sie sprechen, noch hören.» Und der andere — Jesus — spricht aus: «Was immer ihr erbitten werdet in meinem — das ist Christi — Namen, das werde ich tun.» Würde allerdings dieser Ausspruch im wörtlichen Sinne genommen, so könnte er gegen die obige Auseinandersetzung angeführt werden. Aber sobald man ihn esoterisch versteht, mit einem vollen Verständnis für den Ausdruck Christus, der da bedeutet Atma-Budhi-Manas, das «höhere Selbst», so bedeutet er das folgende: der einzige Gott, der uns bekannt ist und zu dem wir zu beten haben, oder mit dem wir uns zu vereinigen haben, ist jener Gottesgeist, dessen Tempel unser Körper ist, und der in uns wohnt.
Frag.: Aber hat Christus nicht selbst gebetet und das Gebet empfohlen?
Theos.: Dies wird berichtet; doch sind diese Gebete alle von der oben charakterisierten Art: eine Vereinigung mit dem einen «Vater im Verborgenen.» Wenn man die Sache in anderer Art auffasst und dann Jesus mit der absoluten Gottheit gleichstellt, dann wäre man doch zu der absurden Folgerung gezwungen, dass der wahrhaftige Gott sich selbst anbetete und den Willen Gottes von seinem eigenen abgesondert habe.
Frag.: Es soll noch ein Grund angeführt werden, und zwar ein solcher, den viele Christen anführen. Sie sagen: «Ich fühle, dass ich nicht imstande bin, durch meine eigene Kraft meine Leidenschaften und meine Schwächen zu besiegen. Aber wenn ich zu Jesus Christus bete, dann fühle ich, dass er mir Stärke gibt und dass ich durch seine Stärke siegen kann.»
Theos.: Das ist nicht wundersam. Wenn «Jesus Christus» Gott ist, und jemand, der von dem Betenden unabhängig und abgesondert ist, so muss ihm, dem «allmächtigen Gotte», doch alles möglich sein. Aber wo bleibt bei einer solchen Überwindung das Verdienst oder die Gerechtigkeit? Warum sollte dem falschen Sieger etwas vergolten werden, was ihn nur ein Gebet kostet? Würde man als gewöhnlicher Sterblicher einem Arbeiter den vollen Taglohn zahlen, wenn man selbst alle Arbeit tun müsste, er aber unter einem Apfelbaum säße und die ganze Zeit nur betete, dass dies so geschehen solle? Diese Idee, ein ganzes Leben in moralischer Trägheit hinzubringen und seine Arbeit und Pflicht von einem andern tun zu lassen, ist für den Theosophisten empörend und der menschlichen Würde gegenüber erniedrigend.
Frag.: Das mag vielleicht so sein; doch ist die Idee, auf einen persönlichen Erlöser zu bauen, der helfend und stärkend in den Lebenskampf einwirkt, nun einmal eine Grundlage des modernen Christentums. Und es besteht kein Zweifel, dass ein solcher Glaube subjektiv wirksam ist, das heißt, dass diejenigen, welche glauben, tatsächlich fühlen es werde ihnen geholfen, und sie werden gestärkt. Theos.: Aber es ist doch auch daran kein Zweifel, dass einige Patienten der «Christian» oder «Mental Scientisten» — der großen «Ableugner»1 — bisweilen geheilt werden; noch kann ein Zweifel sein, dass Hypnotismus, Suggestion, Psychologie und auch die Mediumschaft solche Ergebnisse hervorbringen. Es wird bei solcher Schlussfolgerung lediglich auf die Erfolge gesehen, und diese als Beleg betrachtet. Aber wie steht es mit den Misserfolgen, deren Zahl eine zehnmal größere ist? Es wird doch niemand behaupten wollen, dass Misserfolge unbekannt sind, selbst wenn der Glaube unter fanatischen Christen noch so blind sein sollte?
Frag.: Aber wie kann man jene Fälle erklären, die von vollem Erfolge sind? Wohin blickt der Theosophist, wenn er Stärkung braucht, um über seine Leidenschaften und seine Selbstsucht hinauszukommen?
Theos.: Zu seinem höheren Selbst, dem göttlichen Geist, oder dem Gotte in ihm, und zu seinem Karma. Wie oft wird immer und immer wieder gesagt werden müssen, dass man den Baum an seinen Früchten erkennt, das Wesen der Ursachen aus deren Wirkungen? Man spricht von Überwindung der Leidenschaften und davon, dass Gutes entstehen könne durch und mit Hilfe von Gott oder Christus. Dagegen ist zu fragen, wo findet man mehr tugendhafte, schuldlose Menschen, die ohne Sünde und Verbrechen sind, im Christentum, oder im Buddhismus — in christlichen oder heidnischen Gebieten? Es gibt statistische Angaben, welche die hier gemachten Behauptungen beweisen. Wenn man die Angaben der letzten Volkszählung in Ceylon und Indien betrachtet und die vergleichenden Tafeln über die Verbrechen ansieht, welche durch Christen, Muselmänner, Hindus, Mischlinge, Buddhisten etc. begangen werden, so ergibt sich auf zwei Millionen der Bevölkerung, aufs Geratewohl von jeder Art genommen und deren Verbrechen während mehrerer Jahre ins Auge gefasst, das Verhältnis der durch Christen begangenen Verbrechen zu denen der Buddhisten wie fünfzehn zu vier. (Vergl. Lucifer vom April 1888 p. 147, Artikel: Christliche Vortragende über Buddhismus.) Die Orientalisten, alle irgendwie bedeutenden Historiker, und alle Reisenden in buddhistischen Gebieten, vom Bischof Bigandet und Abbe Huc bis zu Sir William Hunter und jedem wahrhaft denkenden Beamten, sie alle werden die Palme der Tugend den Buddhisten vor den Christen spenden. Und doch haben die ersteren keinen Glauben an irgendeinen Gott, noch an eine jenseits der Erde ihnen zuteilwerdende Belohnung. Wenigstens nicht die wahre buddhistisch-siamesische Sekte. Sie beten nicht, weder die Priester noch die Laien. «Beten», so würden sie verwundert sprechen, «zu wem oder zu was?»
Frag.: Dann sind sie doch wirkliche Atheisten?
Theos.: Ohne Zweifel; aber zugleich sind sie diejenigen Menschen, die von allen in der ganzen Welt am tugendhaftesten und tugendliebendsten sind. Der Buddhismus sagt: «Achte die Religion eines andern Menschen und bleibe deiner eigenen treu;» doch die christliche Kirche erklärt alle Götter anderer Völker für Teufel und möchte jeden Nicht-Christen der ewigen Verdammnis überliefern.
Frag.: Macht nicht die buddhistische Priesterschaft das gleiche?
Theos.: Keineswegs. Denn sie hält sich zu sehr an die weise Vorschrift in dem Dhammapada, um solches zu tun; sie weiß, dass: «Wenn ein Mensch, ob er nun gelehrt ist oder nicht, sich selbst so überhebt, dass er andere verachtet, so ist er gleich einem Blinden, der eine Kerze hält: — indem er selbst blind ist, leuchtet er andern.»
Frag.: Wie kann man im theosophischen Sinne erklären, dass der Mensch mit einer Seele begabt ist? Woher stammt diese?
Theos.: Von der allgemeinen Weltseele. Sicherlich besteht sie nicht durch einen persönlichen Gott. Woher stammt das feuchte Wesen im Gallerttier? Von dem Ozean, der es umgibt, in dem es lebt und atmet, woher es sein Wesen hat, und zu dem es zurückkehrt nach der Auflösung.
Frag.: So also wird die Lehre verworfen, dass die Seele von Gott dem Menschen eingehaucht worden ist? Theos.: Das kann gar nicht anders sein. Die Seele, von welcher in der Genesis (II, 7) gesprochen wird, oder wie sie genannt wird, die «lebendige Seele» oder Nephesch, das ist die tierische Seele, mit der Gott den Menschen begabt hat wie die andern Tiere; aber keineswegs ist dies die denkende Seele oder der Geist; am wenigsten des Menschen unsterblicher Wesenskern.
Frag.: Nun wohl; dann möge die Frage anders gestellt werden. Ist es Gott, der dem Menschen einen menschlich denkenden und unsterblichen Geist gibt?
Theos.: Auch wenn die Frage so gestellt wird, muss sie verneint werden. Wenn man im Sinne der Theosophen nicht an einen persönlichen Gott glaubt, wie könnte man glauben, dass ein solcher Gott irgendetwas gibt? Aber es soll einmal probeweise angenommen werden, ein Gott gebe sich wirklich dazu her, für jedes neugeborene Kind eine besondere Seele zu schaffen: Könnte dann behauptet werden, dass solch ein Gott mit Weisheit und Vorsehung schaffe? Gewisse andere Schwierigkeiten und die Unmöglichkeit einer Vereinigung dieses Dogmas mit der Güte, Gerechtigkeit, Allwissenheit und Allmacht eines solchen Gottes sind die Klippen, an denen dieses theologische Dogma täglich und stündlich seine Unmöglichkeit beweist.
Frag.: Was für Schwierigkeiten sind da gemeint?
Theos.: Es soll auf die Ausführung, die einmal in unwiderleglicher Art ein singhalesischer, buddhistischer Priester, ein berühmter Prediger einem christlichen Missionar gegeben hat, hingewiesen werden. Dieser war keineswegs unwissend, oder für eine öffentliche Diskussion, die in Frage kam, unvorbereitet. Es war in der Nähe von Colombo, und der Missionar hatte den Priester Megittawatti aufgefordert, ihm die Gründe anzugeben, warum die Heiden den christlichen Gott nicht annehmen. Nun wohl, der Missionar blieb bei dieser denkwürdigen Diskussion wie gewöhnlich der Überwundene.
Frag.: Wie geschah das?
Theos.: Einfach so: Der buddhistische Priester legte dem Pater die Frage, ob sein Gott dem Moses die Gesetze nur gegeben habe, damit die Menschen sie halten, Gott selbst sie aber übertrete. Der Missionar leugnete das entrüstet. Nun gut, sagte der Unterredner, Sie sagen, Gott mache von dieser Regel keine Ausnahme, und es könne ohne seinen Willen keine Seele geboren werden. Nun verbietet Gott, unter andern Dingen, den Ehebruch, und doch sagen Sie in demselben Atemzug, dass er es ist, der jedes Kind erschafft und mit einer Seele beschenkt. Wie ist es dann zu verstehen, dass Millionen von Kindern, die durch Verbrechen und Ehebruch geboren werden, Gottes Werk sind? Wie kann Euer Gott die Verletzung der Gesetze bestrafen, und doch täglich und stündlich Seelen für derartige Kinder erschaffen? Im Sinne der einfachsten Logik macht sich Euer Gott zum Mitschuldigen bei solchen Verbrechen; denn ohne seine Hilfe und seinen Beistand könnten diese Kinder unerlaubter Lust nicht geboren werden. Wo ist da die Gerechtigkeit, wenn nicht nur die schuldigen Eltern, sondern auch die unschuldigen Kinder bestraft werden für das, was durch diesen wahren Gott getan wird, den Ihr allerdings von jeglicher Schuld los sprecht? Der Missionar blickte seine Uhr an und fand die Zeit zu einer Fortsetzung der Diskussion zu weit vorgerückt.
Frag.: Dabei vergisst man, dass alle solche unerklärlichen Fälle Mysterien sind, und dass die christliche Religion ihren Bekennern verbietet, in die Geheimnisse Gottes einzudringen.
Theos.: Das soll durchaus nicht vergessen werden; aber dennoch müssen solche Unmöglichkeiten verworfen werden. Auch verlangt der Theosophist nicht, dass ein jeder das glaubt, was er glaubt. Es soll ja nur auf die gestellten Fragen geantwortet werden. Übrigens hat die Theosophie für solche «Mysterien» einen andern Namen.
Frag.: Was lehrt der Buddhismus mit Bezug auf die Seele? Theos.: Die Antwort darauf muss davon abhängen, ob man den exoterischen, volkstümlichen Buddhismus meint oder dessen esoterische Lehren. Als die Lehren des ersteren findet man die folgenden im buddhistischen Katechismus: «Seele wird von den Unwissenden als ein Wort gebraucht, um eine falsche Idee auszudrücken. Wenn alle Dinge der Veränderung unterworfen sind, so ist es auch der Mensch, und jeder stoffliche Teil von ihm muss sich verändern. Das aber, was der Veränderung unterliegt, kann nicht bleibend sein; und so kann von einem veränderlichen Ding nichts unsterblich sein.» Das scheint klar und bestimmt zu sein. Doch sobald man an die Frage herantritt, dass doch die neue Persönlichkeit in jeder der sich folgenden Wiedergeburten die Summe der Skandhas, oder der Eigenschaften der alten Persönlichkeit ist, und daraus dann die Frage folgert, ob die neue Summe von Skandhas ein ganz neues Wesen sei, in dem gar nichts enthalten ist von der vorhergehenden, so lesen wir die Antwort: «In einem Sinne ist sie ein neues Wesen, in einem andern nicht. Während eines gegenwärtigen Lebens sind die Skandhas in einer fortwährenden Veränderung; und während der Mensch A. B. mit vierzig Jahren, was die Persönlichkeit anberrifft, identisch ist mit dem Jüngling A. B. von achtzehn Jahren, so ist er doch durch die fortlaufende Zerstörung und Wiederherstellung seines Körpers, und durch die Veränderung seines Geistes und Charakters ein ganz anderes Wesen. Nichtsdestoweniger treffen den Menschen in seinem Alter rechtmäßig die guten und schlimmen Folgen seiner Gedanken und Handlungen in einer früheren Lebensperiode. So muss auch das neue Wesen nach der Wiedergeburt als dieselbe Individualität wie in der früheren Verkörperung (doch nicht als dieselbe Persönlichkeit), nur in einer veränderten Form und in einer neuen Zusammenfügung der Skandhas, die guten und schlimmen Folgen seiner Gedanken und Handlungen in der früheren Verkörperung tragen.» Dies ist hohe Metaphysik und keineswegs der Ausdruck irgendeines Unglaubens an die Seele.
Frag.: Ist nicht etwas hiervon im «Esoterischen Buddhismus» ausgesprochen?
Theos.: Es ist so, denn diese Lehren gehören sowohl zum esoterischen Buddhismus oder der «verborgenen Weisheit», wie zum exoterischen Buddhismus oder dem Religionssystem des Gautama Buddha.
Frag.: Aber es wird doch klar erzählt, dass die meisten Buddhisten nicht an eine Unsterblichkeit der Seele glauben.
Theos.: Ebenso wenig glaubt der Theosophist daran, wenn man unter der Seele das «persönliche Ich» oder die tierische Seele — Nephesch — meint. Dagegen glaubt jeder kundige Buddhist an das individuelle oder göttliche Ich. Diejenigen, welche das nicht tun, irren in ihrem Urteile. Sie sind in diesem Punkte in einem Irrtum befangen ebenso wie jene Christen, welche die theologischen Zusätze der späteren Evangelienherausgeber über Verdammnis und Höllenstrafen missverstehen als wörtliche Aussprüche Jesu. Weder Buddha noch Jesus hat etwas selbst geschrieben, aber beide sprachen in Allegorien und gebrauchten «dunkle Ausdrücke», wie alle Initiierten es getan haben, und wie sie es noch für eine lange Zeit tun werden. Die Schriften der beiden behandeln solche metaphysische Fragen nur sehr vorsichtig, und sowohl buddhistische wie christliche Überlieferungen sündigen durch voreiliges Veröffentlichen; der tote Buchstabenglaube entfernt sich in beiden Fällen weit von der notwendigen Grenze.
Frag.: Soll damit ausgesprochen werden, dass weder die Lehren Buddhas noch Christi richtig verstanden worden sind?
Theos.: Das eben soll gesagt sein. Beide Evangelien, das buddhistische wie das christliche, wurden gepredigt mit dem gleichen Ziel. Beide Reformatoren waren eifrige Menschenfreunde und praktische Altruisten, die unmissverständlich einen Sozialismus der höchsten und edelsten Art verkündigten, die Selbstaufopferung bis zum Leidensziele. «Lasst alle Sünden der Welt auf mich laden, auf dass ich erleichtern kann menschliches Elend und Schmerz», sagte Buddha. «Ich möchte nicht einen einzigen schreien hören, ohne mich seiner anzunehmen», sagt der fürstliche Bettler, gekleidet in die weggeworfenen Lumpen der Leichenstätten. «Kommt zu mir alle, die ihr mühselig seid und schwerbeladen, und ich will euch den Frieden geben.» So spricht zu den Armen und Enterbten der Heiland, der nicht hatte, wohin er sein Haupt hinlegen konnte. Die Lehren der beiden sind voll der unbegrenzten Menschenliebe, Hingabe, des Vergebens von Unrecht, der Selbstlosigkeit und des Mitgefühls mit den betrogenen Massen. Beide zeigen dieselbe Missachtung dem Reichtum gegenüber und machen keinen Unterschied zwischen Mein und Dein. Ihre Absicht war, ohne allen die geheiligten Mysterien der Initiation zukommen zu lassen, den Unwissenden und Irregeleiteten, denen, welchen die Lebensbürde schwer zu tragen ist, genügende Hoffnung zu geben und einen Strahl der Wahrheit, der sie in den schwersten Stunden aufrichten konnte. Aber die Absicht der beiden Reformatoren wurde vereitelt durch den fanatischen Eifer ihrer späteren Nachfolger. Die Worte der Meister sind missverstanden und falsch gedeutet worden, wie aus den Folgen zu ersehen ist.
Frag.: Sicherlich muss aber Buddha die Unsterblichkeit der Seele geleugnet haben, wenn alle Orientalisten dies behaupten.
Theos.: Die Arhats begannen die Lebensarbeit des Meisters fortzusetzen, und die Mehrheit der nachfolgenden Priester war nicht initiiert, ganz wie im Christentum; und so gingen stückweise die großen esoterischen Lehren verloren. Ein Beweis davon ist, dass von den zwei in Ceylon existierenden Sekten die eine glaubt, der Tod sei die absolute Vernichtung der Individualität und Persönlichkeit, und die andere Nirvana ebenso erklärt, wie es die Theosophen tun.
Frag.: Aber warum stellen in diesem Falle Buddhismus und Christentum die beiden entgegengesetzten Pole eines solchen Glaubens dar?
Theos.: Weil die Bedingungen, unter welchen sie gelehrt worden sind, nicht dieselben sind. In Indien hatten die Brahmanen — eifersüchtig ihre höhere Erkenntnis hütend und jede Kaste außer der eigenen von ihr ausschließend — Millionen von Menschen in Götzenanbetung und allmählich in Fetischismus getrieben. Buddha hatte einer maßlosen und unheilvollen Phantastik den Todesstreich zu versetzen und einen fanatischen Aberglauben zu überwinden, der aus der Unwissenheit stammte, wie ein solcher kaum jemals wieder vorhanden war. Besser ist ein philosophischer Atheismus als solche Unwissenheit für jene «Welche zu ihren Göttern rufen, ohne gehört, ohne beachtet zu werden», und welche leben und sterben in geistiger Verzweiflung. Er musste zuerst Halt diesem schwarzen Strom des Aberglaubens gebieten und Irrtümer zerstreuen, bevor er die Wahrheit verteidigen konnte. Er konnte nicht alles offenbaren, ebenso wenig wie Jesus, der seine Jünger daran erinnerte, dass die Geheimnisse des Himmelreichs nicht für die unwissende Masse seien, sondern allein für die Auserwählten, und der deshalb zum Volke in Gleichnissen sprach (Matth. XIII, 10, 11). Dadurch wurde Buddha zu der übergroßen Vorsicht geführt, zu viel zu verbergen. Er verweigerte sogar dem Mönch Vacchagotta zu sagen, ob im Menschen ein «Ich» vorhanden sei oder nicht. Als er gedrängt wurde zur Antwort, «beobachtete der Erhabene Stillschweigen».
Buddha gibt seinem initiierten Schüler Ananda, der ihn um den Grund dieses Stillschweigens frägt, eine volle und unzweideutige Antwort in dem Dialog, der durch Oldenburg aus Samyuttaka Nikaya übersetzt ist: «Hätte ich, mein Ananda, als der wandernde Mönch Vacchagotta mich fragte: ‹Gibt es ein Ich›, geantwortet ‹Es gibt eine›, dann hätte ich die Lehre der Simanas und Brahmanas bejaht, welche an die Unveränderlichkeit glaubt. Hätte ich aber, mein Ananda, als der wandernde Mönch Vacchagotta mich fragte: ‹Gibt es kein Ich›, geantwortet: ‹Es gibt keines›, dann hätte ich die Lehre derjenigen bejaht, welche an die Vernichtung glauben. Wenn ich, mein Ananda, dem wandernden Mönch Vacchagotta auf die Frage: ‹Gibt es ein Ich?› geantwortet hätte: ‹Es gibt eines›, würde das meinem Zweck gedient haben, bei ihm die Vorstellung zu erwecken: ‹Alles Sein (dhamma) ist Nicht-Ich.› Aber wenn ich geantwortet hätte: ‹Das Ich ist nicht›, so würde das den wandernden Mönch nur von einem Irrtum in den andern gestürzt haben: ‹Mein Ich, existierte es vorher nicht? Existiert es aber nun nicht länger?› »
Dies zeigt, besser als irgendetwas anderes, dass Gautama Buddha solche schwierige metaphysische Lehren von den Massen fern hielt, um sie nicht in Verwirrung zu bringen. Worauf es ihm ankam, war der Unterschied des vergänglichen persönlichen Ich von dem höheren Selbst, welches sein Licht ausgießt über das unvergängliche Ich, das spirituelle «Selbst» des Menschen.
Frag.: Dies alles bezieht sich auf Gautama; in welchem Verhältnis aber steht es zu den Evangelien?
Theos.: Man lese die Geschichte und denke darüber nach. In der Zeit, als die in den Evangelien erzählten Ereignisse sich abspielten, war eine ähnliche intellektuelle Gärung in der ganzen zivilisierten Welt, nur mit entgegengesetzten Folgen im Westen und Osten. Die alten Götter waren daran, abzusterben. Während die gebildeten Klassen zusammen mit den ungläubigen Sadduzäern in die materialistischen Verneinungen und in das tote Buchstabenmosaik hineintrieben und in den moralischen Niedergang von Rom, ergaben sich die unteren Klassen der Zauberei oder fremden Göttern; oder wurden Heuchler oder noch Schlimmeres. Es war wieder einmal die Zeit für eine spirituelle Reform gekommen. Der grausame, menschengleiche und eifersüchtige Gott der Juden mit seinem blutdürstigen Gesetze: «Auge um Auge und Zahn um Zahn», mit dem Blutvergießen und Tieropfer musste an die zweite Stelle treten und dem «Vater im Verborgenen» Platz machen. Von dem letzteren musste gezeigt werden, dass er kein außerhalb der Welt stehender Gott ist, sondern ein Erlöser des Menschen vom Fleisch, wohnend im eigenen Herzen sowohl bei Armen wie bei Reichen. Ebenso wenig konnten hier wie in Indien die Geheimnisse der Eingeweihten enthüllt werden, sonst hätte man das Heilige den Hunden und die Perlen den Schweinen vorgeworfen; in beiden Fällen wäre der Offenbarer und die Offenbarung unter die Füße getreten worden. Deshalb führte sowohl bei Buddha wie bei Jesus — ob nun der letztere in der historischen Zeit gelebt hat oder nicht — die Zurückhaltung in einem Falle zur vollen Verneinung des südlichen Buddhismus, im andern Falle zu drei sich widersprechenden Formen der christlichen Kirche und zu 200 Sekten allein im protestantischen England.
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Eine neue Sekte von Heilern, die durch Ableugnung von irgendetwas außer dem Geiste, der nichts erleiden noch krank sein kann, alle Übel zu heilen vorgeben, vorausgesetzt dass der Patient den Glauben hat, dass nicht existiert, was er leugnet. Eine neue Form von Selbst-Hypnose. ↩
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A new sect of healers who, by denying everything except the spirit, which cannot suffer or be ill, claim to cure all ills, provided that the patient has the faith that what he denies does not exist. A new form of self-hypnosis. ↩