VI. Theosophische Lehren über die Natur und den Menschen.

Frag.: So ist auseinandergesetzt worden, was Gott, die Seele und der Mensch nicht sind; kann nun auch gesagt werden, welche Vorstellungen die Theosophie darüber gibt, was sie sind?

Theos.: Ihrem Ursprunge und ihrer ewigen Wesenheit nach sind diese drei, ebenso wie das Weltall mit all seinem Inhalt, Eins mit der absoluten Einheit, der unerkennbaren ewigen Wesenheit, von welcher bereits gesprochen worden ist. Die Theosophisten glauben nicht an eine Schöpfung, sondern an periodische und sich folgende Erscheinungsarten des Weltalls, das dadurch von seiner Subjektivität in die Objektivität in regelmäßigen Zeitintervallen eintritt, wodurch Perioden der Welt von großer Dauer entstehen.

Frag.: Kann diese Sache weiter ausgeführt werden?

Theos.: Man nehme für einen ersten Vergleich und als Hilfe für die entsprechende Vorstellung das Sonnenjahr, und fürs zweite die beiden Jahreshälften, die jede an dem Nordpol einen Tag und eine Nacht von sechs Monaten hervorbringen. Nun stelle man sich, so gut es geht, statt des Sonnenjahres von 365 Tagen die Ewigkeit vor. Es soll nun die Sonne das Universum repräsentieren, und jeder der polarischen Tage von sechs Monaten, Tage und Nächte, von denen jedes 182 Trillionen und Quadrillionen von Jahren dauert, statt 182 Tagen ein jedes. Wie die Sonne jeden Morgen an unserem Horizont aus dem (für uns) subjektiven und antipodischen Raum hervortritt auf den Plan der Objektivität, so steigt das Universum periodisch auf den objektiven Plan aus seiner subjektiven Form heraus auf — dem Antipoden der vorigen. Dies ist der «Kreis des Lebens». Und wie die Sonne von unserem Horizont verschwindet, so geschieht es auch mit dem Universum in regelmäßigen Zeitabschnitten, wenn die «Welt-Nacht» eintritt. Die Hindus nennen solche Übergänge «Tage und Nächte des Brahma» oder die Zeiten von Manvantara und Pralaya (Auflösung). Die Völker des Westens mögen sie Welt-Tage und Welt-Nächte nennen, wenn sie dieses vorziehen. Während der letzteren (der Nächte) ist Alles in Allem, jedes Atom ist in der einen Gleichartigkeit aufgelöst.

Frag.: Wer ist aber der jedesmalige Schöpfer des Universums?

Theos.: Es gibt keinen solchen Schöpfer. Die Wissenschaft würde diesen Prozess Evolution nennen; die vorchristlichen Philosophen und die Orientalen nennen ihn Emanation; die Okkultisten und Theosophisten sehen darin die einige und ewige Wirklichkeit, welche zeitweise ein Spiegelbild ihrer selbst in die unendlichen Raumestiefen wirft. Dieses Spiegelbild, das andere als objektives, materielles Weltall ansehen, betrachtet die Theosophie als eine der Zeit unterworfene «Illusion» und als nichts weiter. Allein das, was ewig ist, ist wirklich.

Frag.: So aufgefasst, sind hier der Fragesteller und der Antwortgeber «Illusionen»?

Theos.: Als vorübergehende Persönlichkeiten, heute die eine Person, morgen eine andere, — das sind wir. Würde man das plötzliche Aufleuchten der Aurora borealis, des Nord-Lichtes eine «Wirklichkeit» nennen, obgleich es so wirklich ist, wie es nur sein kann, während man es ansieht? Sicherlich nicht; es ist die Ursache, welche dies hervorbringt, sofern sie bleibend und ewig ist, die einzige Wirklichkeit, die Folge ist nur eine vorübergehende Illusion.

Frag.: All das kann aber nicht begreiflich machen, wie diese «Illusion», die man Weltall nennt, entsteht; wie die bewusste Art zu sein ihren Ausgang nimmt von dem unbewussten Sein.

Theos.: Das ist nur für unser endliches Bewusstsein unbewusst. Man könnte die Worte im Johannesevangelium (1, 5) anwenden und sagen: «Und das (absolute) Licht (das für uns Finsternis ist) scheint in die Finsternis (welche das illusionäre materielle Licht ist); und die Finsternis begreift jenes nicht». Dieses absolute Licht ist also absolutes und unveränderliches Gesetz. Entweder durch Ausstrahlung oder durch Ausfließen — um Ausdrücke ist es unnötig zu streiten — geht das Universum aus seiner in sich gleichen Subjektivität über in den ersten Plan der Offenbarung, von welchen Plänen es sieben gibt, wie man erfahren kann. Mit jedem Plan wird es dichter und materieller, bis es diesen unsern eigenen Plan erreicht, auf dem sich die einzige Welt befindet, welche annähernd bekannt ist und verstanden wird in ihrer physischen Zusammensetzung durch die Wissenschaft als das planetarische oder Sonnensystem — Eines in seiner Art, wie die Theosophie lehrt.

Frag.: Was ist gemeint mit den Worten «in seiner Art»?

Theos.: Es ist gemeint: obgleich die Grundgesetze und die universelle Wirkungsweise der Naturgesetze nur Eines sind, so hat doch unser Sonnensystem — gleich jedem andern solchen System unter den Millionen, die im Kosmos vorhanden sind — und auch unsere Erde, ihre eigene Art der Offenbarung, verschieden von den bezüglichen Arten der andern. Man spricht von den Bewohnern anderer Welten und bildet sich ein, dass sie Menschen seien, das heißt denkende Wesen wie wir selbst. Die Phantasie der Dichter, Maler und Bildhauer stellt ja immer die Engel als schöne Abbilder der Menschen dar, nur mit Flügeln begabt. Die Theosophie zeigt, dass alles dieses ein Irrtum ist; weil man nur auf dieser Erde solch eine Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt finden kann — vom Seegras bis zur Zeder des Libanon, vom Tintenfisch bis zum Elefanten, vom Buschmann und Neger bis zum Apollo vom Belvedere. Unter andern kosmischen und planetarischen Bedingungen muss eine ganz andere Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt sein. Dieselben Gesetze bringen doch schon auf unserem Plan, der all seine Planeten umfasst — ganz verschiedene Dinge und Wesen hervor. Wie verschieden muss erst die äußere Natur auf andern Sonnensystemen sein, und wie lächerlich ist es, auf Sterne und Welten und menschliche Wesen anderer Welten den Maßstab unserer eigenen anzuwenden, wie das von der physischen Wissenschaft geschieht.

Frag.: Aber auf was lässt sich solch eine Behauptung stützen?

Theos.: Auf das, was die Wissenschaft im Allgemeinen niemals annehmen wird: — auf das Zeugnis einer endlosen Reihe von Sehern, die sich zu diesen Tatsachen bekannt haben. Ihre spirituellen Offenbarungen, wirkliche Nachforschungen durch die psychischen und spirituellen Sinne — die durch das blinde Fleisch nicht getrübt werden — können ordnungsgemäß zusammengestellt und untereinander sowohl, als auch mit der Natur verglichen werden. Alles, was nicht die widerspruchlose und übereinstimmende Erfahrung erhärtet, mag verworfen werden, während nur das als unbezweifelbare Wahrheit gelten soll, was in verschiedenen Zeitaltern, unter verschiedenen Himmelsstrichen und durch eine Reihe von ineinanderfließenden Beobachtungen festgestellt ist und stets durch weitere Betrachtung sich erhärtet. Die Methoden, welche durch unsere Schüler und Studenten der psycho-spirituellen Wissenschaften angewendet werden, unterscheiden sich nicht von denjenigen der physischen und Naturwissenschaft, wie man sieht. Nur liegen die Untersuchungsfelder auf zwei verschiedenen Planen; und die Instrumente der ersteren sind nicht von menschlichen Händen gemacht; aus welchem Grunde sie wohl nur sicherer sein können. Die Retorten, Akkumulatoren und Mikroskope des Naturforschers können in Unordnung kommen; die Teleskope und die astronomischen Zeitbestimmer können schadhaft werden; die UntersuchungsInstrumente des Theosophisten stehen nicht unter dem Einflüsse von Wetter und Elementen.

Frag.: Und deswegen kann man einen unbedingten Glauben an sie haben?

Theos.: Glaube ist ein Wort, das man im theosophischen Wörterbuch nicht finden wird: hier wird von Erkenntnis gesprochen, die auf Beobachtung und Erfahrung begründet ist. Es besteht der Unterschied, dass, während die Beobachtung und Erfahrung der physischen Wissenschaft die Forscher zu ebenso vielen Hypothesen führt als sich Geister finden, die theosophische Erkenntnis einzig auf die unzweifelhaften Tatsachen begründet ist, die absolut bewiesen sind. Es gibt da keine zwei Glauben oder Hypothesen über denselben Gegenstand.

Frag.: Beruht denn die sonderbare Lehre, die man im esoterischen Buddhismus findet, auf solch einer Grundlage? Theos.: Das ist durchaus der Fall. Diese Lehre mag etwas ungenau in ihren untergeordneten Einzelheiten sein, und ebenso fehlerhaft ihre Auseinandersetzung durch Laienschüler; sie selbst aber beruht auf Naturtatsachen und kommt der Wahrheit näher als irgendeine wissenschaftliche Hypothese.

Frag.: Es scheint, dass in der Theosophie die Erde als ein Glied in einer Kette von Erden aufgefasst wird. Theos.: Das ist der Fall. Aber die anderen sechs «Erden» oder Globen sind nicht auf demselben Plane der Objektivität wie unsere Erde; daher können sie nicht gesehen werden.

Frag.: Kommt das auf Rechnung der großen Entfernung? Theos.: Ganz und gar nicht, denn man sieht mit dem bloßen Auge nicht nur unseren Planeten, sondern auch Sterne in unermesslich großen Entfernungen. Aber jene sechs Globen sind außerhalb der physischen Weltauffassung oder dem Plane des physischen Seins. Nicht nur, dass ihre materielle Dichte, Gewicht oder Bauart ganz verschieden ist von denen unserer Erde und den andern bekannten Planeten, sondern sie sind in einer ganz verschiedenen Lage des Raumes sozusagen; in einer Lage, welche durch die physischen Sinne nicht erfasst werden kann. Und wenn man sagt «Lage», so soll sich niemand einbilden, dass damit «Lagen» gemeint seien, welche gleich Schichten oder Ablagerungen über einander liegen, denn solches würde nur zu einem andern Missverständnis führen. Was mit «Lage» gemeint ist, das ist, dass der Plan des unendlichen Raumes nicht von der gewöhnlichen Wahrnehmung begriffen werden kann, weder von der verstandesmäßigen, noch von der physischen; sondern er existiert außerhalb des normalen verstandesmäßigen Bewusstseins, außerhalb des dreidimensionalen Raumes und außerhalb der gewöhnlichen Zeit. Jeder von den sieben Grundplanen (oder «Lagen») im Raume — gemeint ist der Raum als Ganzes nach Lockes Definition, nicht unser endlicher Raum — hat seine eigene Objektivität und Subjektivität, seinen eigenen Raum und seine eigene Zeit, sein eigenes Bewusstsein und seine eigene Art von Sinnen. Aber all dieses ist schwerverständlich für jene, die in der modernen Vorstellungsart erzogen sind.

Frag.: Was ist mit verschiedenen Sinnen gemeint? Gibt es irgendetwas auf unserem physischen Plan, was als Versinnlichung des Gesagten dienen kann, um das zu veranschaulichen, was mit der Verschiedenheit der Sinne, der Räume und der bezüglichen Auffassungen gemeint ist?

Theos.: Nein, ausgenommen etwas, das für die Wissenschaft erst recht einen Anhalt böte, um ein Gegenargument darauf zu gründen. Gibt es denn nicht eine von der gewöhnlichen verschiedene Art von Sinnen im Traumleben? Man fühlt, spricht, hört, sieht, tastet im allgemeinen da auf einem andern Plane; die Veränderung des Bewusstseinszustandes ist in die Augen springend, wenn man bedenkt, dass eine Reihe von Tatsachen und Ereignissen, die Jahre umfassen, in einem Augenblicke im Traume durch unser Bewusstsein ziehen. Nun wohl, die außerordentliche Geschwindigkeit unserer Denkoperationen im Traume und die vollkommene Natürlichkeit aller anderen Funktionen während dieser Zeit zeigen, dass wir uns auf einem ganz andern Plane befinden. Unsere Philosophen lehren uns, dass, so wie es sieben Grundkräfte in der Natur gibt und sieben Plane des Seins, so auch sieben Bewusstseinszustände, in denen der Mensch leben, denken, sich erinnern und überhaupt sein kann. Das hier im Einzelnen auseinanderzusetzen ist unmöglich; dafür ist das Studium der östlichen Metaphysik nützlich. Aber in den zwei Zuständen, dem wachenden und dem träumenden, hat jeder gewöhnliche Mensch, vom gelehrten Philosophen bis zu dem unkultivierten Wilden, den Beweis, dass es solch verschiedene Zustände gibt.

Frag.: Demnach werden von der Theosophie die gebräuchlichen Erklärungen des Traumes nicht angenommen?

Theos.: Sie werden es nicht. Es werden die Hypothesen der gewöhnlichen Psychologen verworfen und die Lehren der östlichen Weisheit vorgezogen. Überzeugt davon, dass es sieben Plane des kosmischen Seins und sieben Bewusstseinszustände gibt, wenn man den Makrokosmos betrachtet, bleiben wir auf dem vierten Plane, da wir es unmöglich finden, ohne sicheren Untergrund weiter zu gehen. Aber im Hinblick auf den Mikrokosmos, oder den Menschen, ergehen wir uns ungehindert über seine sieben Zustände und Prinzipien.

Frag.: Wie kann das auseinandergesetzt werden?

Theos.: Man findet fürs erste zwei voneinander verschiedene Wesenheiten im Menschen: die spirituelle und die physische; den Menschen, welcher denkt, und den Menschen, der so viele von diesen Gedanken ins Gedächtnis aufnimmt, als er kann. Daher teilen wir ihn in zwei Wesenheiten: die obere oder spirituelle Wesenheit, zusammengesetzt aus drei «Prinzipien» oder Aspekten; und die niedere oder physische Vierheit, die aus vier Wesenheiten besteht — was zusammen sieben macht.

Frag.: Bewegt sich diese Einteilung nicht in derselben Richtung, wie wenn man sagt: der Mensch besteht aus Geist, Seele und fleischlichem Leibe?

Theos.: Das ist nicht der Fall. Das ist die alte platonische Einteilung. Plato war ein Eingeweihter, und er konnte deswegen nicht auf die verbotenen Einzelheiten eingehen; aber wer mit der alten Lehre bekannt ist, der findet die «Sieben» in den verschiedenen Kombinationen Platos über Seele und Geist. Er sieht den Menschen an als bestehend aus zwei Teilen, einem ewigen, gebildet aus derselben Wesenheit mit dem Absoluten, und einem sterblichen und unvergänglichen, der seine verschiedenen Bestandteile von den «erschaffenen» Göttern hat. Der Mensch ist, in seinem Sinne, zusammengesetzt aus 1) dem sterblichen Körper; 2) einem unsterblichen Prinzip; und 3) einer «abgesonderten sterblichen Art von Seele». Es kommt das gleich der theosophischen Einteilung in den physischen Menschen, die spirituelle Seele oder den Geist (nous) und die tierische Seele (psyche). Dies ist die Einteilung, welche auch von Paulus angenommen worden ist, einem andern Initiierten, der behauptet, dass es einen psychischen Körper gibt, bestehend aus einem vergänglichen (astralischen oder psychischen Körper) und einen spirituellen Leib, begründet in einer unzerstörbaren Wesenheit. Auch Jakobus (III, 15) führt dasselbe aus, indem er sagt, dass die «Weisheit» (unserer niedern Seele) sich nicht von oben herleitet, sondern irdisch ist, «psychisch», «dämonisch» (vergl. den griechischen Text), während die andere eine himmlische Weisheit ist. Vollends klar stellt sich die Sache dadurch, dass Plato und Pythagoras, während sie nur von drei «Prinzipien» sprechen, doch sieben abgesonderte Funktionen angeben, in ihren verschiedenen Kombinationen. Folgende Tafel soll skizzenhaft die sieben Glieder der Menschennatur angeben:

In Sinnetts «Esoterischem Buddhismus» sind d), e) und f) genannt: tierische, menschliche und geistige Seele, was wohl möglich ist. Obgleich im «Esoterischen Buddhismus» die Prinzipien nummeriert sind, so ist das doch, genau genommen, nutzlos. Die zweigeteilte Monade (Atma-Budhi) allein mag mit den zwei höchsten Zahlen (6 und 7) belegt werden. Von den andern muss dasjenige Prinzip als das erste betrachtet werden, das bei einem Menschen vorherrschend ist. Eine Regel der allgemeinen Einteilung ist unmöglich. Bei einigen Menschen beherrscht die höhere Intelligenz oder Manas (das 5.) die übrigen Prinzipien, bei anderen die tierische Seele (Kama Rupa), die sich oft in niederen Instinkten äußert usw.

Nun, und was lehrt Plato? Er spricht von dem inneren Menschen als bestehend aus zwei Teilen, einem unvergänglichen und immer gleichbleibenden, der aus derselben Wesenheit gebildet ist wie die Gottheit, und einem sterblichen und vergänglichen. Diese beiden Teile können wieder erkannt werden in der oberen Dreiheit und der niederen Vierheit der obigen Tafel. Er setzt auseinander, dass, wenn die Seele (psyche) sich verbindet mit dem «Nous» (dem göttlichen Geist),1 sie alles richtig und beseligend vollbringe; wenn sie sich dagegen mit Anoia (der unvernünftigen Tierseele) verbindet (dem Käma Rüpa oder der «tierischen Seele» im «Esoterischen Buddhismus»), so gehe sie ganz ihrer Vernichtung entgegen, soweit das persönliche «Ich» in Betraun kommt; geht sie mit dem «Nous» (Atma-Budhi) zusammen, so wird sie unsterbliches, unvergängliches «Ich», und dann ist das spirituelle Bewusstsein des persönlichen «Ich» dasjenige, was unsterblich wird.

Frag.: Lehrt die Theosophie wirklich, wie einige Spiritualisten und französische Spiritisten sagen, die Vernichtung der Persönlichkeit?

Theos.: Das lehrt sie nicht. Die Gegner haben diese unsinnige Anklage ins Werk gesetzt, weil diese Frage von Zwiefältigkeit — Individualität des göttlichen «Selbst» und Persönlichkeit des niederen Menschen — es, wie bereits erklärt, notwendig erscheinen lässt, dass man in Abrede stellt: das wirkliche unsterbliche «Selbst» könne in «Sitzungen» als materialisierter «Geist» erscheinen.

Frag.: Es wurde behauptet, dass die Seele ihrer völligen Auflösung entgegengehe, sobald sie sich mit Anoia verbindet. Was meint damit Plato und was die Theosophie? Theos.: Damit ist die ganze Vernichtung des «persönlichen» Bewusstseins gemeint, was nur ausnahmsweise und in seltenen Fällen vorkommt, wie anzunehmen ist. Die allgemeine und ziemlich unveränderliche Regel ist, dass das Persönliche eingeht in das individuelle oder unsterbliche Bewusstsein des «Selbst», was eine Verwandlung oder eine göttliche Verklärung ist, und nur für die niederen «Vier» eine Vernichtung bedeutet. Kann denn jemand erwarten, dass der Mensch im Fleische (als zeitweilige Persönlichkeit) sein Schattenbild (das astrale), seine tierischen Instinkte und sogar das physische Leben mit dem geistigen «Selbst» immer leben und etwa gar unsterblich werden könne? Naturgemäß hört das alles auf zu existieren, entweder gleich mit oder bald nach dem Tode. Es wird mit der Zeit ganz aufgelöst und verschwindet vor dem Anblicke, indem es als Ganzes zerstört wird.

Frag.: Damit verwirft die Theosophie die Auferstehung des Leibes?

Theos.: Das tut sie mit aller Bestimmtheit. Wie könnte sie, welche an die alte esoterische Lehre glaubt, die unphilosophischen Spekulationen der späteren christlichen Theologen annehmen, die von den ägyptischen und griechischen exoterischen Lehren herstammen?

Frag.: Die Ägypter verehrten Natur-Geister und vergöttlichten selbst die Zwiebel; die Hindus sind Götzendiener bis heute; die Zoroastrier beteten und beten noch die Sonne an, auch die besten griechischen Philosophen waren entweder Träumer oder Materialisten, wie Plato und Demokritos. Wie ist aus all dem durch Vergleich eine einheitliche Lehre zu erhalten?

Theos.: Das mag so dargestellt sein in den modernen theologischen und selbst in den wissenschaftlichen Katechismen; für unbefangene Betrachter ist es aber durchaus nicht so. Die Ägypter verehrten den «einigen All-Einen» als «Nout»; und nach diesem Worte hat Anaxagoras seine Benennung «Nous» gemacht; oder wie er sich ausdrückt νοῦς αὐτοκρατήςg der «Geist oder die sich selbst bildende Wesenheit», ἀρχή τῆς κιήσεως «die treibende Urkraft» oder der «erste Beweger» des All. Für ihn war der «Nous» Gott, und der «Logos» ward Mensch, seine Ausstrahlung. Dieser «Nous» ist der Geist (entweder im Kosmos oder im Menschen) und der «Logos», entweder als Universum oder als Astralkörper, ist die Ausstrahlung des ersteren, der physische Körper aber damit rein tierisch. Unsere äußeren Kräfte nehmen Phänomene wahr; unser «Nous» allein ist fähig, die Noumena zu erkennen. Es ist allein der «Logos», oder das Noumenon, welches überlebt, weil es unsterblich ist seiner wahren Natur und Wesenheit nach, und der «Logos» im Menschen ist das ewige «Selbst», das was immer wieder sich verkörpert und zuletzt allein übrig bleibt. Aber wie kann der flüchtige, äußere Schatten, die zeitweilige Hülle der göttlichen Ausstrahlung, welche immer wieder zu seinem Ursprung zurückkehrt, dasjenige sein, was unverwüstlich ist?

Frag.: Doch kann die Theosophie kaum dem Vorwurf entgehen, eine neue Einteilung der spirituellen und psychischen Bestandteile des Menschen erfunden zu haben; denn kein Philosoph spricht in ähnlicher Art, obgleich geglaubt wird, dass Plato dies tut.

Theos.: Doch kann dieser Glaube gestützt werden. Nicht nur Plato, sondern auch Pythagoras haben dieselbe Einteilung.2 Er beschreibt die Seele als eine sich selbst bewegende Einheit (Monade), zusammengesetzt aus drei Elementen, dem «Nous» (Geist), dem «phren» (Intellekt) und dem «thymos» (Leben, Atem oder dem nephesh der Kabbalisten), welche drei unserem Atma-Budhi (der höheren Seele) entsprechen, dem Manas (Selbst) und dem Käma Rüpa in Verbindung mit der niederen Reflexion des Manas. Was die alten griechischen Philosophen im allgemeinen Seele nennen, bezeichnet man in der Theosophie als Geist oder spirituelle Seele, Budhi, als Träger von Atma — dem «Agathon», oder Platos höchster Göttlichkeit. Die Tatsache, dass Pythagoras und andere annehmen, dass «phren» und «thymos» dem Menschen mit den Tieren gemeinsam sind, zeigt, dass damit die niedere manasische Reflexion (Instinkt) und Käma Rüpa (die tierischen Leidenschaften) gemeint sind. Und da Sokrates und Plato diese Art von Verknüpfung annahmen und ihr folgten, so kann von den fünf Elementen «agathon» (göttliches Selbst oder Atma), «psyche» (Seele im zusammenfassenden Sinn), «nous» (Geist), «phren» (physischer Intellekt) und thymos (Käma Rüpa) (oder Leidenschaften), wozu noch das «Eidolon» der Mysterien (die Schattenform des Menschen) und der physische Leib kommen — leicht bewiesen werden, dass die Ideen von Pythagoras und Plato mit den theosophischen übereinstimmen. Auch die Ägypter hielten sich an die siebengliedrige Einteilung. Sie sagten, dass die Seele (das Selbst) nach dem Tode sieben Kammern oder Prinzipien zu passieren habe, diejenigen, die hinter ihr, und diejenigen, die vor ihr liegen. Der einzige Unterschied ist, dass sie, eingedenk der Todesstrafe, die auf den Verrat der Mysterien gesetzt war, nur in breiten Linien die Lehre gaben, während die Theosophie die Details ausarbeitet. Aber obgleich heute der Welt so viel gegeben wird, als gesetzlich ist, so muss doch noch in der Lehre manche Einzelheit zurückbehalten werden, die nur kennen darf, wer die esoterische Philosophie studiert und sich zu Stillschweigen verpflichtet.

Frag.: Es gibt doch ausgezeichnete Gelehrte des Griechischen, Lateinischen, des Sanscrit und Hebräischen. Wie kommt es, dass in ihren Übersetzungen nichts zu finden ist, das zu dem führen könnte, was die Theosophen sagen?

Theos.: Weil diese Übersetzer, unbeschadet ihrer großen Gelehrsamkeit, aus den Philosophen, ganz besonders aus den griechischen, ganz nebulose statt mystischer Schriftsteller gemacht haben. Man nehme als Beispiel Plutarch und lese, was er über die Prinzipien des Menschen sagt. Man hat buchstäblich genommen, was er sagt, und es metaphysischem Aberglauben und der Unwissenheit zugeschrieben. Es sei ein Beispiel gegeben:

«Der Mensch ist zusammengesetzt; und es irren diejenigen, die annehmen, er bestehe nur aus zwei Teilen. Denn sie bilden sich ein, dass der Verstand (Gehirn-Intellekt) ein Teil der Seele (der oberen Dreiheit) sei; aber darinnen irren sie nicht weniger, als wenn sie die Seele zu einem Teil des Körpers machten (damit sind jene gemeint, welche aus der Triade einen Teil der sterblichen Vierheit machen). Denn der Verstand (nous) steht über der Seele, so weit wie die Seele über dem Körper steht. Die Verbindung von Seele (psyche) mit dem Verstand (nous) macht die Vernunft; und mit dem Körper (oder thymos, der tierischen Seele) die Leidenschaft. Von diesen ist das eine der Anfang oder das Prinzip von Lust und Leid, das andere von Tugend und Laster. Von diesen drei mit einander verbundenen Teilen gibt die Erde den Körper, der Mond die Seele und die Sonne den Verstand her für die menschliche Entwicklung.»

Der letzte Ausspruch ist rein allegorisch und kann nur von denen verstanden werden, die ihn im Sinne der esoterischen Wissenschaft erfassen, welche die Beziehungen lehrt, die zwischen jedem Planeten und jedem Prinzip herrschen. Plutarch teilt die Prinzipien in drei Gruppen und macht aus dem Körper eine Zusammenfügung von physischer Unterlage, astralem Schatten und Atem, oder den drei niedern Teilen, welche «von der Erde genommen sind und zur Erde wiederkehren»; er unterscheidet weiter das mittlere Prinzip oder die Instinkt-Seele, den zweiten Teil, abgeleitet und beeinflusst von dem Monde;3 und nur aus dem höchsten Teil oder der spirituellen Seele (Budhi), welche das atmische und manasische Element in sich birgt, macht er eine unmittelbare Ausstrahlung der Sonne; deshalb steht dieser Teil hier für «Agathon» oder das höhere Göttliche. Dies wird bewiesen durch seine folgenden Worte:

«Nun aber sterben wir in folgender Art, der eine Tod macht aus der Dreiheit des Menschen eine Zweiheit, der andere aus der Zweiheit eine Einheit. Der erste untersteht der Region und Gesetzmäßigkeit der Demeter, weswegen der Name der Mysterien τελείν jenem des Todes gleicht τελευτᾶν. Die Athener nannten deshalb den Verstorbenen «der Demeter geweihv. Ebenso gehört der andere Tod dem Monde oder der Region der Persephone an.»

Dies ist ganz die theosophische Lehre, welche einen siebengliedrigen Menschen während des Lebens annimmt; einen fünfgliedrigen gleich nach dem Tode in Kamaloka; und eine Dreiheit, Selbst, Geist-Seele und Bewusstsein im Devahan. Diese Teilung, zuerst im «Reich des Hades», wie Plutarch Kamaloka nennt, dann in Devahan, war ein Teil der Vorführungen während der heiligen Mysterien, wenn die Kandidaten der Einweihung das ganze Drama des Todes durchmachten und die Auferstehung erlebten als ein verklärter Geist, mit welchem Namen «Bewusstsein» gemeint ist. Das sagt Plutarch mit den Worten:

«Und wie er das eine, das Irdische, so bewohnt Hermes auch das andere, das Himmlische. Er trennt plötzlich und mit heftigem Erbeben die Seele vom Körper; aber Proserpina trennt milde und in einer langen Zeit den Verstand von der Seele.4 Aus diesem Grund wird sie 10So lange, bis sich die Trennung der höheren, spirituellen «Prinzipien» von den niederen, die in Kamaloca verbleiben, vollzogen hat.

Denn diejenigen, welche ungerecht und verwerflich gelebt haben, erdulden die Strafe für ihre Verletzungen; aber die Guten und Tugendhaften werden daselbst solange verbleiben, bis sie geläutert sind und bis sie sich durch Sühne gereinigt haben von allen Infektionen, die sie durch Verbindung mit dem Körper in sich aufgenommen haben, — so lange leben sie in dem mildesten Teil der Region, welche die «Gefilde des Hades» genannt werden. Und dann, wenn sie zurückkehren von der Pilgerschaft oder dem Exil in jener Gegend, so haben sie ein Gefühl der Freude, so wie es prinzipiell diejenigen empfangen, die in die heiligen Mysterien eingeweiht werden, vermischt mit Ehrfurcht, Bewunderung und einer jedem Einzelnen besonderen Hoffnung.»

Das ist die nirvanische Seligkeit, und kein Theosophist könnte in vollgültiger esoterischer Sprache die geistigen Freuden des Devahan beschreiben, woselbst der Mensch sein Paradies um sich herum hat, wie er es durch das eigene Bewusstsein erschafft. Aber man muss sich vor einem allgemeinen Irrtum hüten, in den viele Theosophisten fallen. Man soll sich nicht einbilden, dass der Mensch, weil er siebenfältig, dann fünffältig und dann eine Triade genannt wird, aus sieben, fünf oder drei Wesenheiten zusammengefügt ist; oder gar, wie es durch einen theosophischen Schriftsteller ausgedrückt wird, aus Häuten gleich denen einer Zwiebel. Die «Prinzipien» sind, wie bereits gesagt, mit Ausnahme des Körpers, des Lebens und des Astralschattens, die mit dem Tode verschwinden, einfach Arten oder Zustände des Bewusstseins. Es gibt nur einen einheitlichen Menschen in der Wirklichkeit, der bleibend ist durch den ganzen Lebenszyklus hindurch und der seiner Wesenheit nach unsterblich ist, wenn auch nicht der Form nach, und der ist Manas, das «Geist-Selbst» oder das verkörperte Bewusstsein. Der Einwand, den die Materialisten machen, welche die Möglichkeit leugnen, dass Geist und Bewusstsein ohne den Stoff tätig sein können, ist in unserem Falle wertlos. Es soll die Gültigkeit ihrer Ansicht nicht geleugnet werden; aber sie sollen einfach gefragt werden: «Sind euch alle Zustände des Stoffes bekannt, da ihr doch nur von dreien etwas wisst?» «Und wie wollt ihr wissen, dass dies, was in der Theosophie absolutes Bewusstsein oder die Göttlichkeit genannt wird, das für immer unsichtbar und unerkennbar genannt wird, nicht doch vorhanden ist, und obgleich es für das begrenzte menschliche Erkennen unerreichbar ist, doch als allgemeiner Geist-Stoff oder Stoff-Geist in seiner absoluten Unendlichkeit doch besteht?» Es ist dann eine der niedrigen und in seiner manvantarischen Offenbarung als gebrochener Strahl erscheinende Art dieses Geist-Stoffes, die in dem bewussten Ich ein eigenes Paradies, es mag eines Toren Paradies zuweilen sein, erschafft als einen Glückseligkeits-Zustand.

Frag.: Aber was ist Devahan? Theos.: Wörtlich «das Land der Götter»; eine Lage, ein Zustand geistiger Beseligung. Philosophisch eine geistige Lage, die ähnlich dem Traume ist, nur weit lebendiger und wirklicher als der lebhafteste Traum. Es ist der Zustand nach dem Tode bei den meisten Sterblichen.



  1. Paulus nennt Platos «nous» Geist; aber mit diesem Geist ist Budhi und nicht Atma gemeint; weil letzteres philosophisch nicht eine besondere «Substanz» in irgendeinem Verhältnisse heißen kann. Man zählt Atma unter die menschlichen Prinzipien; in Wirklichkeit ist es aber der absolute Geist, und Budhi sein Träger. ↩

  2. «Plato und Pythagoras», sagt Plutarch, «teilen die Seele in zwei Teile, den vernunftbegabten (no&tic) und den vernunftlosen (agnoia); jener Seelenteil, der vernunftbegabt ist, ist ewig, denn obgleich er nicht Gott ist, so ist er doch das Produkt einer ewigen Göttlichkeit; aber der vernuftlose Teil (agnoia) stirbt.» Der moderne Ausdruck «agnostisch» kommt von «a-gnosticos», ein Wort, das mit agnoia verwandt ist. Es ist zu verwundern, dass Huxley, der Schöpfer dieses Wortes, seine Einsicht von dem Teil der Seele hat blenden lassen, der stirbt. Es ist dies eine übertriebene Demut des modernen Materialismus. ↩

  3. 8 Die Kabbalisten, welche die Beziehung von Jehova, dem Leben- und Kinder-Spender, zum Monde kennen und den Einfluss des letzteren auf die Fortpflanzung, denken über diesen Punkt ebenso wie die Astrologen. ↩

  4. Proserpina oder Persephone steht hier für das nach dem Tode vorhandene Karma, welches berufen ist, die Trennung der niedern von den höheren «Prinzipien» zu bewirken, der Seele als «nephesh», die für einige Zeit in Kama-Loka bleibt, von dem höheren «Selbst», das in den Zustand der Seligkeit «Devahan» übergeht. ↩

German original of VI. Theosophical Teachings as to Nature and Man · ← Previous · Next →