VII. Über die verschiedenen Zustände nach dem Tode.
Frag.: Es kann zur Befriedigung gereichen, dass die Theosophie den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele einschließt.
Theos.: Nicht der Seele, sondern des göttlichen Geistes; eher könnte man sagen an die Unsterblichkeit des immer wiederkehrenden Selbst.
Frag.: Worin besteht der Unterschied?
Theos.: Es ist ein sehr großer; aber das ist eine zu weit gehende und schwierige Frage, als dass man leichthin über sie sprechen könnte. Man kann sie in ihrem Zusammenwirken und jedes einzelne für sich erklären. Beginnen wir mit dem Geist.
Der Geist, «der Vater im Verborgenen», wie Jesus von ihm spricht, oder Atman, ist nicht das persönliche Eigentum irgend eines Menschen, sondern die göttliche Wesenheit, die keinen Körper, keine Form hat; die unwägbar, unsichtbar, unteilbar ist; welche nicht existiert und doch ist, wie der Buddhist von Nirwana sagt. Er überschattet nur das Sterbliche; was in dieses eintritt und den ganzen Körper durchdringt, ist der allmächtige Strahl, das Licht, das von Budhi ausströmt, ist aber doch nur als Träger und unmittelbare Ausströmung des Geistes anzusehen. Das ist die nicht geoffenbarte Meinung der meisten alten Philosophen, wenn sie sagen, dass «der vernünftige Teil der menschlichen Seele» niemals ganz in den Menschen eindringt,1 sondern diesen nur mehr oder weniger überschattet durch die «nicht-vernünftige» (irrationale) geistige Seele oder Budhi.2
Frag.: Ist denn nicht die Meinung berechtigt, dass nur die «tierische», nicht aber die «göttliche» Seele irrational ist? Theos.: Man soll sich den Unterschied klar machen zwischen dem, was negativ oder passiv irrational ist, weil es unterschiedlos ist, und dem, was irrational ist, weil es ganz und gar aktiv und positiv ist. Der Mensch ist eine Verbindung von geistigen Kräften, wie er eine Verbindung von physischen und chemischen Kräften ist; diese Kräfte werden durch das in Tätigkeit versetzt, was man «Prinzip» nennt.
Frag.: Wenn man über diesen Gegenstand viel liest, so scheint es fast, als ob die alten Philosophen in wichtigen Punkten von den mittelalterlichen Kabbalisten abwichen, obgleich sie in einigen Einzelheiten übereinstimmen.
Theos.: Der bedeutsamste Unterschied zwischen diesen und den Theosophisten besteht in folgendem: Der Theosophist ist der Meinung, die auch Neuplatoniker und östliche Lehrer haben, dass Atma, der Geist, niemals in seiner vollen Wesenheit in den lebenden Menschen niedersteigt, sondern nur seine Strahlen mehr oder weniger in den «inneren» Menschen entsendet — der innere Mensch ist zu denken als der psychische und spirituelle Zusammenfluss der astralen Prinzipien —; die Kabbalisten dagegen behaupten, dass der menschliche Geist, sich abtrennend von dem Ozean des Lichtes und des universellen Geistes, eintritt in des Menschen Seele und da während des Lebens wie in einer astralen Kapsel gefangen bleibt. Alle christlichen Kabbalisten behaupten auch dasselbe, da sie sich eben noch nicht ganz trennen können von ihren anthropomorphistischen und biblischen Lehren.
Frag.: Und was behaupten die Theosophisten?
Theos.: Sie geben nur die Ausstrahlung des Geistes — oder Atma — in die Astralkapsel zu, und zwar insoweit, als die geistige Ausstrahlung in Betracht kommt. Sie sind der Meinung, dass der Mensch mit seiner Seele die Unsterblichkeit zu erobern habe durch Emporsteigen zur Einheit, mit der er, falls es ihm glückt, sich endlich vereinigt und ein Glied derselben wird. Die Individualisierung des Menschen nach dem Tode hängt von dem Geiste ab, nicht von Seele und Körper. Obgleich das Wort «Persönlichkeit» in dem Sinne, in dem man es gewöhnlich anwendet, eine unmögliche Bezeichnung für die unsterbliche Wesenheit des Menschen ist, so ist doch diese Wesenheit durch sich selbst eine besondere, unsterbliche und ewige Wesenheit. Nur bei schwarzen Magiern oder bei unverbesserlichen Verbrechern — solchen, die in einer langen Reihe von Leben Verbrecher waren — kann es sein, dass der hellglänzende Faden, welcher den Geist von der Geburt an mit der Persönlichkeit verbindet, zerreißt; dann wird die entkörperte Wesenheit von der persönlichen Seele getrennt und die letztere vernichtet, ohne den geringsten Eindruck auf die erstere zu machen. Wenn die Vereinigung zwischen dem niedern, persönlichen Manas und dem individuellen, immer wiederkehrenden Selbst während des Lebens nicht vollzogen worden ist, dann hat das erstere das Schicksal der niederen Tiere, es wird allmählich in den Äther aufgenommen und die Persönlichkeit wird vernichtet. Aber auch dann verbleibt das geistige Selbst als besonderes Wesen. Es verliert nur — nach jenem besonders gearteten und in diesem Fall tatsächlich nutzlosen Leben — den devahanischen Zustand, der es im andern Falle in die Seligkeit der idealisierten Persönlichkeit erhoben hätte; es kehrt dann fast unmittelbar wieder, nachdem es kurze Zeit seine Freiheit als planetarischer Geist genossen hat.
Frag.: In der «Entschleierten Isis» findet sich die Behauptung, dass solche planetarische Geister oder Engel, «die Götter der Heiden oder die Erzengel der Christen», niemals Menschen auf unserem Planeten sein werden.
Theos.: Ganz richtig. Nicht «solche planetarische Geister», wohl aber eine Klasse von höheren planetarischen Geistern. Sie werden auf diesem Planeten niemals Menschen werden, weil sie Geister einer ehemaligen, vorausgegangenen Welt sind, die sich ihre Freiheit errungen haben. So können sie nicht wieder Menschen auf der Erde werden. Doch werden sie alle in der nächsten und weit höheren Mahamanvantara, nach dem «großen Weltalter» und seinem «brahmischen Pralaja» (einem kleineren Weltalter mit ungefähr 16 Unterabteilungen) weiter leben. Denn die östliche Philosophie lehrt ja, dass die Menschheit aus solchen Geistern besteht, die in menschliche Körper eingeschlossen sind. Der Unterschied zwischen Tieren und Menschen ist dieser: die ersteren sind durch die «Prinzipien» potentiell beseelt; der letztere aktuell. Kann man diesen Unterschied nicht verstehen?
Frag.: Verstehen kann man ihn; doch ist er zu allen Zeiten eine Schwierigkeit für die Geistesforscher gewesen.
Theos.: Das ist allerdings richtig. Der ganze Esoterismus der buddhistischen Philosophie ist auf diese geheimwissenschaftlichen Lehren begründet; man versteht sie aber so wenig, und selbst von den meisten modernen Gelehrten werden sie ganz und gar missverstanden. Auch Geistesforscher sind nur zu geneigt, die Wirkung mit der Ursache zu verwechseln. Ein Selbst, welches sein unsterbliches Leben als Geist sich errungen hat, wird dieselbe innere Wesenheit bleiben durch all seine Wiedergeburten auf der Erde; aber damit ist nicht notwendig behauptet, dass Herr Smith oder Herr Brown dieselben bleiben müssen, die sie auf der Erde waren, oder sonst ihre Individualität verlieren. Daher mögen die astrale Seele und der irdische Leib des Menschen in dem dunklen «Nachher» durch den kosmischen Ozean der verfeinerten Elemente aufgesogen werden; und das «persönliche» Ich (wenn es sich nicht höher erheben konnte) mag nicht mehr gefühlt werden, aber das «göttliche» Ich bleibt eine unveränderte Wesenheit, obgleich die irdischen Erlebnisse seiner Ausströmung gänzlich der Vergessenheit anheimfallen in dem Augenblicke der Trennung von dem unwürdigen Träger.
Frag.: Wenn der Geist oder der göttliche Teil der Seele als ein besonderes Wesen von aller Ewigkeit her besteht, wie Origenes, Synesius und einige andere halbchristliche und halb-platonische Philosophen lehren, und wenn er nichts anderes ist als die geistig-objektive Seele: Wie kann er anders als ewig sein? Und was für ein Unterschied ist dann vorhanden zwischen einem Menschen, der ein reines, und zwischen einem solchen, der ein tierisches Leben führt, wenn keiner, er mag tun was er will, seine Individualität verliert?
Theos.: Diese Lehre, falls man sie in dieser Art auffasst, ist ebenso gefahrvoll in ihren Folgen wie diejenige von der stellvertretenden Gerechtigkeit. Hätte man das letztere Dogma in Verbindung mit der falschen Idee, dass wir alle unsterblich sind, im rechten Lichte der Menschheit dargestellt, so wären alle gebessert worden.
Es sei die Sache nochmals wiederholt. Pythagoras, Plato, Timaeus von Locris und die alte Alexandrinische Schule leiteten die Menschenseele oder die höheren «Prinzipien» und Eigenschaften von der allgemeinen «Welten-Seele» ab; die letztere war, im Sinne ihrer Lehren, Äther (Vater-Zeus). Daher kann keines dieser «Prinzipien» die wahre Wesenheit der Pythagoreischen «Monas» oder unseres «Atma» sein, weil die «Weltseele» nur die Wirkung, die subjektive Ausströmung oder besser Ausstrahlung der «Monas» ist. Sowohl der menschliche Geist oder die Individualität, das immer wiederkehrende geistige «Ich», wie auch «Budhi», die spirituelle Seele, sind vor dem physischen Leben. Aber während der erstere als abgesonderte Wesenheit existiert, als Individualität, besteht die Seele als Atem, als ein Teil eines Ganzen. Beide sind ursprünglich von dem ewigen Ozean des Lichtes gebildet; oder wie die Feuerphilosophen, die mittelalterlichen Theosophisten es aussprechen: es gibt einen sichtbaren und einen unsichtbaren Geist im Feuer. Sie machten einen Unterschied zwischen der Liebesseele und der göttlichen Seele. Empedokles war der Meinung, dass alle Menschen und Tiere zwei Seelen besitzen; und bei Aristoteles findet man, dass er die vernünftige Seele voög, und die andere, die tierische Seele, yuyn] nennt. Folgt man diesen Philosophen, so leitet man die vernünftige Seele von dem Innern, die andere von dem Äußern der Weltenseele ab.
Frag.: Könnte man im Sinne der Theosophie die Seele, das heißt die menschliche, denkende Seele oder das «Ich» Stoff nennen?
Theos.: Nicht Stoff, aber sicherlich Substanz. Man könnte auch das Wort «Stoff» gebrauchen, wenn man das Eigenschaftswort «ursprünglich» hinzufügte. Diesen Stoff kann man dann als gleich-ewig mit dem Geiste auffassen; aber man darf sich ihn nicht sichtbar, tastbar und teilbar vorstellen, sondern in äußerster Verfeinerung. Reiner Geist ist nur um einen Schritt vom Nicht-Geist weg, oder vom absoluten All. Wenn man nicht zugeben will, dass der Mensch sich aus dem ursprünglichen Geist-Stoff entwickelt habe und eine regelmäßige Aufeinanderfolge von «Prinzipien» darstellt, vom Über-Geist bis zum groben Stoffe, wie könnte man den «inneren» Menschen als unsterblich betrachten und zugleich als eine geistige Wesenheit und einen sterblichen Menschen?
Frag.: Aber warum sollte man nicht an Gott als solch ein Wesen glauben?
Theos.: Weil dasjenige, welches unbegrenzt und unbedingt ist, niemals eine Form haben kann und auch nicht ein Wesen sein kann; jedenfalls gibt das keine ihres Namens würdige östliche Philosophie zu. Eine «Wesenheit» ist unsterblich; aber sie ist das nur in ihrer höchsten Innerlichkeit, nicht in ihrer individuellen Form, da sie im letzten Punkte ihres Kreislaufes von der «ursprünglichen Wesenheit» aufgenommen wird. Sie wird Geist, indem sie ihren Namen als besondere Wesenheit verliert.
Ihre Unsterblichkeit als Form ist auf ihren LebensKreislauf beschränkt oder auf Mahä-manvantara; danach wird sie Eines mit dem Universal-Geist und bildet nicht länger eine abgesonderte Wesenheit. Als «persönliche» Seele — womit der Strahl von Bewusstsein gemeint sein soll, der im spirituellen Ich die Idee des «persönlichen Ich» der letzten Inkarnation bewahrt — verbleibt sie als abgesonderte Rückerinnerung nur während der devahanischen Periode; nach dieser Zeit wird sie hinzugefügt zu der Reihe der andern unzählbaren Verkörperungen des «Ich», gleich wie das Gedächtnis einer Reihe von Tagen am Jahresende. Sollte denn die Unendlichkeit des Gottes für endliche Bedingungen in Anspruch genommen werden? Allein das, was unlösbar mit Atma verbunden ist, also Budhi-Manas, ist unsterblich. Die Seele des Menschen, also seine Persönlichkeit an sich, ist weder unsterblich, ewig, noch göttlich. Der Zohar sagt: «Wenn die Seele diese Erde betritt, bekleidet sie sich irdisch, um sich hier zu erhalten; so empfängt sie ein leuchtendes Gewand, damit sie fähig werde ohne Schaden in den Spiegel zu sehen, dessen Licht von dem Herrn des Lichtes kommt.» Außerdem lehrt der Zohar, dass die Seele den Zustand der Seligkeit nicht anders erreicht als durch den «heiligen Kuss» oder ihre Vereinigung mit der Substanz, aus der sie ausgeströmt ist, dem Geiste. Allen Seelen liegt die Zweiheit zu Grunde, und während sie selbst weiblich sind, ist der Geist männlich. Während seines Eingeschlossenseins im Leibe ist der Mensch eine Dreiheit, außer wenn seine Beflecktheit so stark ist, dass er sich dem Geiste ganz entfremdet hätte. «Wehe der Seele, welche ihrem göttlichen Gemahl (dem Geiste) die vergängliche Verbindung mit dem irdischen Körper vorzieht», schärft das «Buch der Schlüssel» ein, ein hermetisches Werk. «Wehe» tatsächlich, denn nichts wird in diesem Falle von der Persönlichkeit verbleiben, was aufbewahrt werden könnte in dem unauslöschlichen Gedächtnisse des «wahren Selbst».
Frag.: Wie kann dasjenige nicht unsterblich sein, welches, wenn es auch nicht von Gott dem Menschen eingeflößt worden ist, doch nach theosophischem Bekenntnis Eines ist mit der göttlichen Wesenheit?
Theos.: Jedes Atom und jeder Stoffteil, nicht allein die Substanz ist es, seiner Wesenheit nach, aber nicht in seinem individuellen Bewusstsein. Unsterblichkeit kommt nur dem unverletzbaren Bewusstsein zu und das persönliche Bewusstsein kann im Wesentlichen nicht länger dauern als die Persönlichkeit selbst. Und ein solches Bewusstsein lebt nur, wie bereits ausgeführt worden ist, durch Devahan hindurch; danach wird es aufgesogen zuerst vom individuellen, dann vom universellen Bewusstsein. Man frage nur einmal bei den Theologen an, warum sie so die jüdischen Schriften in Verwirrung gebracht haben. Man lese die Bibel, wenn man einen Beweis dafür haben will, dass die Verfasser des Pentateuch, besonders der Genesis, niemals nephesh — das von Gott dem Adam Eingeatmete — als unsterbliche Seele angesehen haben. Einige Belege seien angeführt: «Und Gott schuf ... jegliches Leben (nephesh), das sich bewegt» (Gen. I, 21), womit die Tiere gemeint sind. «Und der Mensch wurde eine lebende Seele (nephesh)» (Gen. II, 7). Das zeigt, dass das Wort «nephesh» abwechselnd angewandt wird auf den unsterblichen Menschen und auf das sterbliche Tier. «Und sicherlich werde ich verlangen euer Blut von eurem Leben (nepheshim); von allem Getier und vom Menschen werde ich es verlangen» (Gen. IX, 5). — «Entfliehe für dein Leben (nephesh)» (Gen. XIX, 17). «Er soll nicht getötet werden» (Gen. XXXVII, 21), wovon der hebräische Text lautet: «Sein nephesh soll nicht getötet werden». Im Leviticus steht: «Nephesh für Nephesh». «Wer einen Menschen tötet, soll des Todes sterben», heißt wörtlich: «Wer nephesh zerstört» (Lev. XXIV, 17.). «Und wer ein Tier tötet (nephesh), soll es wieder ersetzen; Tier für Tier»; der ursprüngliche Wortlaut ist «nephesh für nephesh». Wie könnte man das «Unsterbliche» töten? Daraus erklärt es sich auch, warum die Sadduzäer die Unsterblichkeit der Seele in Abrede stellten; und auch andere Beweise können angeführt werden, dass die mosaischen Juden — insonderheit die nicht eingeweihten — niemals glaubten, die Seele sei überlebend.
Frag.: Es ist kaum nötig zu fragen, ob die Theosophisten an die christlichen Dogmen vom Paradiese und der Hölle, oder an eine zukünftige Belohnung und Bestrafung im Sinne der orthodoxen Kirchen glauben.
Theos.: Wie dies in den gebräuchlichen Katechismen beschrieben wird, muss es gänzlich verworfen werden; zuletzt von allem könnte die Ewigkeit derselben zugestanden werden. Aber festgehalten wird an dem, was das Gesetz des Ausgleiches oder der absoluten Gerechtigkeit genannt wird, und an der Weisheit, welche der Führer dieses Gesetzes ist, oder an Karma. Aus diesem Grunde muss der unphilosophische Glaube an ewige Belohnungen und Bestrafungen verworfen werden. Der Theosophist sagt mit Horaz: «Es soll Gesetz sein, dass unsere Ausschreitung gezähmt werde, und Fehler ein ihnen gleiches Maß von Schmerz nach sich ziehen; aber man ziehe nicht dem die Haut ab, der für getanes Böse nur einen Schandpfahl verdient». Dies ist eine gerechte Regel für alle Menschen. Sollte denn Gott, der doch die Verkörperung von Weisheit, Liebe und Mitgefühl sein soll, hierin weniger diese Bezeichnungen verdienen als der sterbliche Mensch? Frag.: Gibt es noch andere Gründe dieses Dogma zu verwerfen?
Theos.: Der Hauptgrund, warum es verworfen werden muss, liegt in der Tatsache der Wiederverkörperung. Wie bereits dargetan, muss die Idee einer Neuschöpfung der Seele für jeden neugeborenen Körper verworfen werden. Das menschliche Wesen ist der Träger eines «Ich», das gleich alt mit jedem andern Ich ist; denn es sind ja alle «Ich» von derselben Wesenheit und gehören der ursprünglichen Ausströmung aus dem allgemeinen Welt-Ich an. Plato nennt das letztere den «Logos» (oder den zweiten geoffenbarten Gott); und die Theosophisten, das geoffenbarte göttliche Prinzip, das Eins ist mit dem universellen Geist; aber es wird darunter kein anthropomorphistischer, außerweltlicher und persönlicher Gott verstanden, von dem die Theisten reden. Dies sollte nicht missverstanden werden.
Frag.: Worin aber liegt die Schwierigkeit, falls man ein geoffenbartes Prinzip annimmt, dann auch zu glauben, dass die Seele jedes neuen Sterblichen durch jenes Prinzip geschaffen wird, wie die Seelen in der vorangegangenen Zeit geschaffen worden sind?
Theos.: Weil das, was unpersönlich ist, nicht schaffen, denken und erfinden kann zu seinem eigenen Vergnügen und seiner eigenen Befriedigung. Nach einem universellen Gesetz, das in seinen periodischen Offenbarungen unveränderlich ist, strahlt das Unpersönliche seine eigene Wesenheit am Beginn eines neuen Lebenszyklus aus. Man kann von ihm nicht voraussetzen, dass es Menschen erschafft, nur um nach einigen Jahren zu bereuen, dass es sie geschaffen hat. Falls man an ein göttliches Prinzip im All glauben soll, so muss es in sich schließen die absolute Harmonie, Logik und Gerechtigkeit, wie auch die absolute Liebe, Weisheit und Unparteilichkeit; und ein Gott, der eine Seele für die Zeitdauer eines kurzen Lebens schaffen würde, gleichgültig ob sie den Leib eines Glücklichen und Reichen zu beseelen hätte oder eines armen Elenden, der von der Geburt bis zum Tode glücklos ist, ohne dass er im geringsten dies grausame Schicksal verdient hätte — ein solcher Gott wäre doch eher ein sinnloser Feind als ein Gott.3 Deshalb haben auch die jüdischen Philosophen, die an die mosaische Bibel glaubten (esoterisch naturgemäß), niemals an solch einer Idee festgehalten. Vielmehr glaubten sie, gleich den Theosophisten, an die Wiederverkörperung.
Frag.: Können dafür einige Belege angeführt werden?
Theos.: Gewiss kann dies geschehen. Philo, der Jude, sagt: «Die Luft ist voll von Seelen ... diejenigen, welche der Erde am nächsten sind, steigen herab, um sich mit sterblichen Körpern zu verbinden, naAiwöponodanv odig, sie kehren zu andern Körpern zurück, wenn sie von dem Wunsche erfasst sind, in ihnen zu leben.»4 Im Zohar wird von der Seele gesprochen, wie sie Gott um ihre Freiheit bittet: «Herr des Weltalls! Ich bin glücklich in dieser Welt und habe keinen Wunsch nach einer andern, wo ich eine Magd wäre und allen Arten von Befleckungen ausgesetzt.»5 Die Lehre von der Schicksals-Notwendigkeit, von dem über dauernden, unveränderlichen Gesetz, erscheint bestätigt in der Antwort, welche die Gottheit hierauf gibt: «Gegen deinen Willen wirst du ein Menschenkeim, und gegen deinen Willen wirst du geboren.»6 Licht ohne Finsternis würde unfassbar sein, denn es könnte ohne seinen Gegensatz nicht geoffenbart werden. Das Gute könnte nicht länger gut sein, wenn nicht das Böse die schätzenswerte Natur darstellte; und so kann auch die persönliche Tugend nicht auf Verdienst Anspruch machen, wenn sie sich nicht im Schmelzfeuer der Versuchung bewährt hat. Nichts ist ewig und unveränderlich außer dem verborgenen Göttlichen. Kein Begrenztes — da es einen Anfang und ein Ende hat — kann bleibend werden. Es muss entweder vorschreiten oder zurückgehen; und eine Seele, die nach der Vereinigung mit ihrem Geist dürstet — der allein ihr die Unsterblichkeit gibt — muss sich selbst läutern durch die Lebenskreisläufe aufwärts, entgegen dem Lande der Seligkeit und ewigen Ruhe, das im Zohar «der Palast der Liebe» genannt wird, in der Hindu-Religion «Moksha»; bei den Gnostikern «das Pleroma des ewigen Lichtes» und bei den Buddhisten «Nirvana». Alle diese Zustände sind zeitlich, nicht ewig.
Frag.: Aber in alle dem wird doch nicht die «Wiederverkörperung» behauptet!
Theos.: Eine Seele, welche bittet, sie möge dort bleiben dürfen, wo sie ist, muss vorherexistierend sein und nicht erst für diese Gelegenheit geschaffen werden. Im Zohar ist außerdem noch ein besserer Beweis zu finden. Von dem wieder Mensch werdenden Ich sprechend, der vernünftigen Seele, deren letzte Persönlichkeit ganz aufhören muss, wird gesagt: «Alle Seelen, welche nicht schuldig in dieser Welt sind, haben sich selbst im Himmel von dem heiligen Einen — sein Name sei gesegnet — gelöst; sie haben sich selbst in den Abgrund ihres Seins gestürzt und haben die Zeit beschleunigt, in der sie wieder zur Erde herabsteigen.»7 «Der heilige Eine» heißt hier esoterisch das «Atman» oder Atmä-Budhi.
Frag.: Außerdem ist es sehr befremdlich, dass Nirvana als etwas genommen wird, was gleichbedeutend ist mit Himmelreich, da doch jeder Orientalist behauptet, Nirvana bedeute Vernichtung.
Theos.: Wörtlich genommen, im Hinblick auf die Persönlichkeit und den gesonderten Stoff; aber nicht in anderer Beziehung. Die Ideen von Reinkarnation und der Dreiheit des Menschen waren die Überzeugung so mancher früheren Christen. Die Verwirrung, welche die Übersetzer des «Neuen Testamentes» und alter philosophischer Abhandlungen in Bezug auf Seele und Geist angerichtet haben, führte zu manchem Missverständnis.
Einer der mannigfachen Gründe, um deren willen Buddha, Plotin und andere Initiierte beschuldigt werden, ist, dass sie nach der vollkommenen Auslöschung ihrer Seelen, nach deren «Aufgehen in der Gottheit» oder der «Vereinigung mit der Weltseele» gestrebt hätten, was ja übereinstimmen würde mit den modernen Ideen einer vollständigen Vernichtung. Es ist selbstverständlich, dass die persönliche Seele sich in ihre Teile auflösen muss, ehe sie fähig wird ihre reine Wesenheit für immer mit dem unsterblichen Geiste zu verbinden. Aber die Übersetzer der «Akten» und «Episteln», welche den Grund legen zum «Reich der Himmel», und auch die modernen Ausleger der buddhistischen Sutta von der «Grundlage des Reiches der Gerechtigkeit» haben die Ansicht der großen christlichen Apostel und auch diejenige des indischen Reformators verwirrt. Die ersteren haben das Wort «psychikos» (wuxirög) so verdunkelt, dass kein Leser das wahre Verhältnis zur Seele darin wird finden können; und durch diese Verwirrung in Bezug auf «Seele» und «Geist» werden die Bibelleser nur einen verkehrten Sinn mit all diesen Dingen verknüpfen. Auf der andern Seite haben die Erklärer des Buddha keineswegs die Ansicht und den Gegenstand in Bezug auf die vier buddhistischen Grade von Dhyana verstanden. Man frage die Pythagoreer: «Kann ein Geist, der Leben und Bewegung gibt, und welcher teilnimmt am Lichte der Natur, jemals in ein Nichts verwandelt werden?» «Und selbst der empfindende Geist in den Tieren, der des Gedächtnisses fähig ist, einer unter den Vernunft-Fähigkeiten, kann er sterben und zu nichts werden?» So bemerken die Okkultisten.
In der buddhistischen Philosophie bedeutet «Vernichtung» nur die Zerstreuung des Stoffes, in was immer für einer Form oder Formähnlichkeit er sein mag, denn ein jedes Ding, das Form hat, ist vorübergehend und daher in Wirklichkeit eine Illusion. Vor der Ewigkeit sind die längsten Zeitperioden wie ein Augenblick. So ist es mit der Form. Ehe wir Zeit haben, uns dessen bewusst zu werden, was wir gesehen haben, ist es auch schon für immer dahin. Wenn die geistige Essenz sich loslöst von einem jeglichen Teilchen des Stoffes, der Substanz oder der Form und wieder ein geistiger Hauch wird, dann tritt sie in das ewige und unveränderliche Nirvana ein, das so lange dauert wie der Lebenszyklus — was in Wahrheit einer Ewigkeit gleichkommt. Und dann ist dieser Hauch «nichts einzelnes», weil er «Alles» ist; als Form, Gestalt, Hülle ist er vollständig aufgelöst; als absoluter Geist «ist» er, denn er ist, im echten Sinne des Wortes, das «Sein» geworden. Der Satz «aufgegangen in die Weltwesenheit» bedeutet, wenn man ihn auf den Geist anwendet, «Vereinigung mit». Das kann niemals Vernichtung bedeuten, denn das hieße ja ewige Trennung.
Frag.: Setzt sich die Theosophie durch ihren Sprachgebrauch nicht notwendig dem Vorwurf aus, dass sie die Vernichtung predige? Soeben ist von einer Rückkehr der Seele zu ihren ursprünglichen Elementen gesprochen worden.
Theos.: Dabei wird außer Acht gelassen, dass ja auch die verschiedenen Bedeutungen des Wortes «Seele» auseinandergesetzt worden sind, und dass gezeigt worden ist, in welch wenig zutreffender Art der Ausdruck «Geist» bisher übersetzt worden ist. Man spricht von einem Tier, einem Menschen und einer geistigen Seele, und unterscheidet zwischen diesen. Plato z.B. nennt «vernünftige Seele» das, was in der Theosophie Budhi genannt wird, und er fügt dazu das Eigenschaftswort «geistig»; aber das, was in der Theosophie das immer wiederkehrende «Ich», «Manas», genannt wird, nennt er «Geist» «Nous» usw., während die Theosophie den Ausdruck «Geist» ohne irgend ein Beiwort nur für «Atma» anwendet. Pythagoras wiederholt die alte «Lehre» wenn er festsetzt, dass das «Ich» (nous) ewig ist mit der Gottheit, dass die Seele nur durch verschiedene Zustände geht, um zuletzt bei der göttlichen Vollkommenheit anzulangen; während «thymos» zur Erde zurückkehrt und ebenso «phren», das niedere Manas, aufgehoben wird. Wieder bezeichnet Plato als Seele (Budhi) das, «was sich selbst die Bewegung gibt». Er fügt hinzu: «Seele ist das älteste der Dinge, und der Anfang der Bewegung». So nennt er Atma-Budhi «Seele» und Manas «Geist», was die Theosophie nicht tut. «Seele war eher geschaffen als der Leib, und dieser ist später und ein zweites, da er seiner Natur nach durch die Seele beherrscht wird... Die Seele, welche alle Dinge anordnet, die bewegt sind, ordnet auch die himmlischen Gebiete ... Somit leitet die Seele alles im Himmel, auf Erden, in der See durch ihre Bewegungen. Die Namen dieser Bewegungen sind: wollen, betrachten, sorgen, beraten, wahre und falsche Ansichten bilden, Schmerz und Freude hervorrufen, Kummer, Vertrauen, Furcht, Hass, Liebe und alle die ursprünglichen Bewegungen, die mit diesen in Zusammenhang stehen ... Weil sie selbst die Göttlichkeit ist, so macht sie den «Nous zu ihrem Verbündeten, der selbst eine Gottheit ist, und ordnet alle Dinge richtig und umsichtig an; aber wenn sie sich mit «anoi» (nicht mit «nous) verbindet, so bewirkt sie in allen Dingen das Gegenteil.» In solchen Auseinandersetzungen ist ebenso wie in den buddhistischen Schriften das Negative als eine wirkliche Wesenheit betrachtet. «Vernichtung» erhält dann eine ähnliche Bedeutung. Der positive Zustand ist wirkliches Sein, aber keine Offenbarung als solches. Wenn im Sinne der buddhistischen Anschauung der Geist in Nirvana eintritt, dann verliert er die objektive Existenz und kehrt zum subjektiven Sein zurück. Für die objektive Auffassung wird er dann zum absoluten «Nichts»; für die subjektive «Kein-Einzelnes», also etwas, das für die Sinne «nichts» ist. Damit ist klargelegt, dass Nirvana die Gewissheit der individuellen Unsterblichkeit bedeutet für den «Geist», nicht aber für die Seele, welche «obgleich das älteste der Dinge» doch noch ist — wie alle anderen Götter — eine begrenzte Ausströmung in Form und Individualität, nicht als Substanz.
Frag.: Die Idee scheint aus dem angeführten doch noch nicht ganz verständlich, und für einige Verdeutlichungen könnte man dankbar sein.
Theos.: Ohne Zweifel ist die Sache nicht ganz leicht zu verstehen, besonders für solche, die in den gebräuchlichen Ideen der christlichen Kirche aufgewachsen sind. Außerdem darf gesagt werden, dass ohne durchdringendes Studium der besonderen menschlichen «Prinzipien» in den Zuständen nach dem Tode man kaum die östliche Philosophie verstehen kann.
Über die verschiedenen «Prinzipien» des Menschen
Frag.: Mancher hat wohl vieles reden hören über die Zusammensetzung des «inneren Menschen», wie man sagt, kann sich aber doch nichts dabei denken, das «Hand und Fuß» hat. Theos.: Gewiss ist dies nicht ohne Schwierigkeit, und man kann leicht in Verwirrung geraten, wenn man genau verstehen und unterscheiden will. Das ist umso mehr der Fall, als eine gewisse Verschiedenheit in der Aufzählung dieser Prinzipien bei den verschiedenen östlichen Schulen vorhanden ist, obgleich die Unterlage in allen Lehrsystemen dieselbe ist.
Frag.: Sollen da z.B. die Vedantins gemeint sein? Unterscheiden denn diese nicht bloß fünf Prinzipien?
Theos.: Das ist richtig; doch wenn auch hier über diese Sache mit einem gelehrten Vedantin nicht disputiert werden soll, so soll doch eine anspruchlose Meinung dahin ausgesprochen werden, dass zu dieser anders lautenden Einteilung ein gewisser Grund vorliegt. Sie nennen den spirituellen Zusammenhang, der aus verschiedenen geistigen Aspekten besteht, «Mensch»; den physischen Leib zählen sie von ihrem Standpunkt aus nicht mit, da er eine bloße Illusion ist. Auch ist die Vedanta nicht die einzige Philosophie, welche sich derartig ausspricht. Lao-tse, in seinem Tao-te-King, erwähnt nur fünf Prinzipien, weil er, gleich den Vedantins, zwei Prinzipien auslässt; nämlich den «Geist» (Atma) und den physischen Leib, welch letzteren er übrigens «Leichnam» nennt. Ferner kommt die Täraka Räla Yoga-Schule in Betracht. Ihre Lehren erkennen nur drei Prinzipien an, doch sind ihnen in Wirklichkeit Sthulopadhi, oder der physische Körper in seinem wachenden Zustand, ferner Sükshmopadhi, derselbe Körper in svapna, oder im Traumzustand, und Käranopadhi oder der «Causalkörper» oder das, was von Inkarnation zu Inkarnation geht, alle zweifach und bilden daher sechs. Fügt man «Atma» hinzu, das unpersönliche göttliche Prinzip oder das unsterbliche Element im Menschen, das ununterschieden vom allgemeinen Weltgeist ist, — dann hat man dieselbe Siebenteilung wieder.8 Nun sie mögen ihre Einteilung behalten; die Theosophie stellt ebenfalls eine auf.
Frag.: Dann scheint es ja sich hier um dieselbe Einteilung zu handeln wie in der christlichen Mystik: Körper, Seele und Geist?
Theos.: Genau um dieselbe. Man könnte den Körper den Träger des Lebenskörpers nennen; den letzteren den Träger des Lebens (Prana); Kamarupa oder die tierische Seele könnte man den Träger des niederen und höheren Geistes nennen: so hätte man die sechs Prinzipien, gekrönt von dem unsterblichen einen Geist. Im Sinne des Okkultismus wird dem Menschen mit jeder qualitativen Veränderung im Zustand des Bewusstseins ein neuer Aspekt gegeben, und wenn dieser sich erhält und ein Teil des lebenden und handelnden «Ich» wird, so muss er einen neuen Namen erhalten, um den Menschen in diesem Zustand zu unterscheiden von einem Menschen, der in einem andern Zustand ist.
Frag.: Das gerade ist so schwierig zu verstehen.
Theos.: Im Gegenteil, es scheint leicht zu fassen, wenn man einmal die Grundidee in sich aufgenommen hat, nämlich, dass der Mensch auf diesem oder jenem Plane des Bewusstseins handelt in Gemäßheit seiner geistigen und intellektuellen Bedingung. Aber der Materialismus unserer Zeit, ist so groß, dass, je mehr man erklärt, umso weniger die Menschen das begreifen, was gesagt wird. Man teile einmal das irdische Wesen, das Mensch genannt wird, in drei Hauptaspekte; sofern man es nicht zum Tier erniedrigen will, kann man etwas anderes gar nicht tun. Man nehme seinen objektiven Körper, dann das denkende Prinzip in ihm — das nur ein wenig höher in ihm ist als beim Tier —, und die bewusste Seele und den Geist. Sofern man diese drei Gruppen oder Wesenheiten annimmt und sie im Sinne der okkulten Lehren einteilt, was erhält man?
Zuerst den «Geist» — im Sinne des absoluten und daher unteilbaren «All» — oder Atma. Insofern dieser weder örtlich bestimmt, noch begrenzt werden kann von der Philosophie, stellt er einfach das, was in Ewigkeit «ist» dar, und dieses kann nicht abwesend sein in dem kleinsten geometrischen oder mathematischen Punkt des Weltalls; er sollte eigentlich nicht ein «menschliches» Prinzip genannt werden. Besser ist es in der Metaphysik zu sagen: das «Prinzip» sei der Punkt im Raum, welchen die menschliche Monade und ihr Träger während des Lebens einnehmen. Eigentlich ist dieser Punkt nur gedacht, in Wirklichkeit eine Illusion, «Maja», aber für uns selbst und andere «Ichs» ist er während dessen, was man Leben nennt, eine Wirklichkeit, und wir müssen uns selbst als Wirklichkeit betrachten, wenn es nicht jemand anders tut. Um die Sache begreiflicher zu machen, wird bei den ersten Schritten im Okkultismus dieses Prinzip die Synthesis (Zusammenfassung) des sechsten genannt und ihm zum Träger die geistige Seele, Budhi, gegeben. Das letztere verhüllt ein Geheimnis, das niemand geoffenbart werden kann, mit Ausnahme des unwiderruflich vereidigten Chelas, oder dessen, auf dessen Schweigen man rückhaltlos bauen kann. Es würde selbstverständlich weniger Verwirrung herrschen, wenn es geoffenbart werden könnte; da aber mit diesem Geheimnis die Kraft verbunden ist, den eigenen Astralleib bewusst in den Raum hinauszusenden, und da diese Gabe wie der «Ring des Gyges» den Menschen und insbesondere auch ihrem Besitzer verderblich werden könnte, so wird er sorgfältig behütet. Es soll nun die Beschreibung der «Prinzipien» fortgesetzt werden. Die göttliche Seele, oder Budhi, ist also der Träger des «Geistes.» In ihrer Verbindung sind diese Zwei Eines, unpersönlich und ohne Eigenschaften (auf diesem Plane natürlich); aber sie bilden zwei «Prinzipien.» Geht man dann über zu der menschlichen Seele, Manas oder «mens», so kann jeder damit übereinstimmen, dass die menschliche Intelligenz zweiteilig ist, der hochsinnige Mensch kann kaum niedrig gesinnt sein; der stark geistig veranlagte Mensch ist durch eine weite Kluft getrennt von dem stumpfsinnig und materiell gesinnten.
Frag.: Aber warum sollte der Mensch nicht besser aus zwei Prinzipien gedacht werden?
Theos.: Jeder Mensch hat diese zwei Prinzipien in sich, das eine davon tätiger als das andere; in seltenen Fällen ist eines von ihnen in seinem Wachstum ganz unterdrückt, so zu sagen paralysiert durch die Stärke und das Vorherrschen des anderen Aspektes in jeder Richtung. Da hat man es dann zu tun mit den zwei Prinzipien oder Aspekten von Manas, dem höheren und dem niedern; der erste, der höhere Manas, oder das «denkende» Prinzip, das bewusste Ich lenkt sich gegen die spirituelle Seele (Budhi) hin; der letztere, das mehr instinktive Prinzip wird von Käma angezogen, dem Sitz der tierischen Begierden und Leidenschaften im Menschen. Damit sind vier Prinzipien gerechtfertigt. Die andern drei sind: 1) Der Ätherleib, den man auch die proteische oder plastische Seele nennen kann, den Träger des 2) Lebensprinzipes und 3) den physischen Körper. Es ist begreiflich, dass kein Biologe oder Physiologe diese Prinzipien anerkennen wird, noch dass er aus ihnen etwas zu machen versteht. Und deswegen kann auch keiner von ihnen bis heute die Bedeutung der Milz verstehen, des physischen Trägers des Ätherkörpers, oder diejenige eines gewissen Organs an der rechten Seite des Menschen, des Sitzes der obenerwähnten Begierden; noch auch wissen sie etwas über die Zirbeldrüse, die beschrieben wird als eine kleine Drüse mit körnigem Inhalt, die aber in Wahrheit der Sitz des höchsten und göttlichen Bewusstseins im Menschen ist, seines allmächtigen, spirituellen und umfassenden Sinnes. Das kann zeigen, dass durch die Theosophie weder die sieben Prinzipien erfunden worden sind, noch dass sie in der philosophischen Welt überhaupt neu sind, wie leicht bewiesen werden kann.
Frag.: Aber was wird nach diesen Lehren eigentlich wiedergeboren?
Theos.: Das geistige, denkende Ich, das fortdauernde Prinzip im Menschen, oder das, was der Sitz des Manas ist. Das ist nicht «Atma» noch Atma-Budhi, das man anzusehen hat als die zweiteilige Monade, welche der individuelle oder göttliche Mensch ist, sondern «Manas»; denn Atma ist das universelle All, und wird das höhere Selbst des Menschen nur in Verbindung mit Budhi, seinem Träger, welcher «Es» an die Individualität oder den göttlichen Menschen knüpft. Denn Budhi-Manas — die Verbindung des fünften mit dem sechsten Prinzip — wird der Causalkörper durch die Vedantins genannt; und dies ist das Bewusstsein, welches das «Es» (Atma) mit dem Persönlichen verbindet, das auf Erden lebt. Daher ist Seele ein Wesen, das nur erfasst werden kann, wenn man folgende drei Prinzipien in ihrer Entwicklung begreift: 1) das irdische oder tierische, 2) die menschliche Seele und 3) die spirituelle Seele. Das sind genau gesprochen eine Seele in drei Aspekten. Es bleibt von dem ersten Aspekt nichts nach dem Tode; von dem zweiten «Nous» oder Manas einzig seiner göttlichen Wesenheit nach, und nur dann, wenn sie geläutert ist; der dritte unsterbliche Aspekt wird durch Aufnahme des Manas eine bewusst göttliche Wesenheit. Aber um das klar zu machen, müssen noch einige Worte über die Reinkarnation gesagt werden.
Frag.: Das wird gut sein, denn gerade gegen diese Ansicht richten die Feinde der Theosophie die schärfsten Angriffe.
Theos.: Sollen damit die Spiritisten gemeint sein? Das ist bekannt; und in ihren Zeitungen kann manche absurde Entgegnung gefunden werden. Aber wie verworren und bösartig sie auch sind, sie zerfallen in nichts. Einer von ihnen fand neulich einen Widerspruch in zwei Behauptungen, die er aus Vorträgen von Sinnett herausgerissen hat. Er besprach sie in der Zeitschrift «Light». Er fand diesen großen Widerspruch in zwei Sätzen: «Vorzeitige Rückkehr ins Erdenleben, wenn sie sich ereignet, kann einer karmischen Komplikation entstammen»; und «es gibt keinen Zufall in der höchsten Tätigkeit, die als göttliche Führung der Entwicklung anzusehen ist.» Ein Denker von dieser Art könnte eben auch einen Widerspruch sehen in dem Gesetz der Schwere, wenn ein Mensch seine Hand ausstreckt, um einen fallenden Stein davon abzuhalten, das Haupt eines Kindes zu zerschmettern.
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In seinem ursprünglichen Sinn bedeutet das Wort «vernünftig» (rational) eine Ausstrahlung der ewigen Weisheit. ↩
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«Irrational» in dem Sinne, dass eine reine Ausströmung des allgemeinen Geistes keine individuelle Vernunft haben kann auf dem Plan des Stoffes, sondern dass sie gleich dem Monde ist, der Licht von der Sonne und Leben von der Erde empfängt. So empfängt Budhi Weisheit von Atma und seine rationalen Eigenschaften von Manas. Sie ist eine Eigenart von zwei Attributen. ↩
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Vergleiche später «Über Belohnung und Bestrafung des Ich› ». ↩
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De Gignat. p. 222 c; De Somniis 455 D. ↩
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Zohar. II, 96. ↩
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Mishna, Aboth. IV, 29. ↩
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III, 616. Die obigen Ausführungen sind aus K.R.H. Mackenzies Masonic Cyclopaedia, art. Kabbalah. ↩
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Vergl. zu genauerer Erklärung: «Geheimlehre» I, 157, I, 181. ↩