VIII. Über Wiederverkörperung oder Wiedergeburt
Frag.: Die größte Schwierigkeit, welche der theosophischen Weltauffassung obliegt, ist die obige Sache zu erklären und vernünftige Gründe für solch einen Glauben zu finden. Kein Theosophist hat jemals einen einzigen wertvollen Beweis nach dieser Richtung zu erbringen und die Zweifler zu erschüttern vermocht. Als erste Haupttatsache spricht gegen die Wiederverkörperung doch dies, dass nicht ein einziger Mensch sich zu erinnern vermag, schon einmal gelebt zu haben, und noch weniger vermag einer zu sagen, wer er in seinem früheren Leben war.
Theos.: Dieser Einwand bewegt sich immer in derselben Richtung: man führt den Verlust des Gedächtnisses an eine frühere Verkörperung an. Sollte das wirklich die Ansicht erschüttern können? Die Antwort muss sein, dass dies nicht der Fall ist und dass mit diesem Einwand nichts ausgerichtet werden kann.
Frag.: Da wäre es wünschenswert, die Gründe dafür zu hören.
Theos.: Es sind ihrer nur wenige, sie sind bald aufgezählt und kurz zu behandeln. Wenn man die Unfähigkeit der besten modernen Psychologen in Betracht zieht, die Welt des Geistigen zu verstehen, und deren gänzliche Unwissenheit über die Fähigkeiten des Geistes und seine Höhe viel eher von einer unbewiesenen Behauptung als von irgendetwas anderem herrührt. Was ist denn eigentlich Gedächtnis im Sinne der gewöhnlichen Ansicht?
Frag.: Was darüber allgemein gesagt wird, ist: Gedächtnis ist die Fähigkeit des Geistes, sich zu erinnern und hinterher Kenntnis zu haben von früheren Gedanken, Taten und Ereignissen.
Theos.: Es ist aber ein großer Unterschied zwischen drei Arten von Gedächtnis. Außer dem Gedächtnis im Allgemeinen gibt es Rückerinnerung, Sichzurückrufen und Anklingen an Erlebtes. Man muss sich diese Unterschiede klar machen. Gedächtnis und Erinnerung sind nur allgemeine Bezeichnungen.
Frag.: Das alles sind gleichbedeutende Fähigkeiten.
Theos.: Sie sind es in der Tat nicht — auf alle Fälle sind sie es nicht für die Philosophie. Gedächtnis ist einfach eine innere Kraft in denkenden Wesen, auch in Tieren, die darin besteht, vergangene Eindrücke wieder ins Bewusstsein zurückzurufen durch Verwandtschaft der Ideen, hauptsächlich bewirkt durch äußere Dinge oder durch eine Handlung unserer äußeren Sinnesorgane. Gedächtnis hängt ganz und gar von der größeren oder geringeren Gesundheit unseres physischen Gehirns ab und von dessen normaler Tätigkeit; und «Rückerinnerung» und «Sichzurückrufen» sind die Eigenschaften und Diener des Gedächtnisses. Dagegen ist «Anklingen an Erlebtes» doch etwas ganz anderes. Moderne Psychologen sehen darin etwas, was zwischen «Rückerinnerung» und «Sichzurückrufen» in der Mitte liegt oder «einen bewussten Prozess des Zurückrufens von Ereignissen, aber ohne volle und ausgesprochene Beziehung auf besondere Dinge, was doch dem Vorgang des «Sichzurückrufens» eigen ist. Locke sagt in seinen Auseinandersetzungen über «Sichzurückrufen» und «Erinnern»: «Wo eine Idee wieder auftritt, ohne dass der gleiche Eindruck desselben Gegenstandes auf die äußeren Sinne vorliegt, spricht man von «Erinnern»; wenn aber der Geist mit Anstrengung etwas wieder in das Bewusstsein zu bringen bestrebt ist, so nennt man dies «Sichzurückrufen».
«Anklingen an Bekanntes» bleibt bei Locke ohne eine bestimmte Erklärung, weil es nicht eine Fähigkeit oder Eigenschaft des physischen Gedächtnisses ist, sondern eine intuitionelle Wahrnehmung, ohne die Vermittlung des physischen Gehirns; eine Wahrnehmung, welche hervorgerufen wird durch die Allwissenheit des geistigen Ichs. Es umschließt die Geschichte des Menschen, die als abnorm angesehen wird, — von den Bildern des Genius bis zu den Fieberphantasien des Verrückten —. Es wird von der Wissenschaft so angesehen, dass ihm außerhalb der Phantasie nichts entspricht; Okkultismus und Theosophie sehen dies aber in einem ganz andern Licht. Für sie hängt das Gedächtnis von den physiologischen Bedingungen des Gehirns ab und verschwindet daher mit diesen — was eine grundsätzliche Annahme ist, gemeinsam allen Lehrern der Wissenschaft des Gedächtnisses und im Einklange mit den wissenschaftlichen Ergebnissen der Psychologie. «Anklingen» ist das Gedächtnis der Seele. Und dieses Gedächtnis gibt einem jeglichen menschlichen Wesen die Versicherung, dass es schon gelebt habe und wieder leben werde. Es ist so, wie Wordsworth sagt:
«Die Geburt ist ein Schlaf nur und Wiederfinden
Der Seele, die erwacht in uns; des Lebens Stern
Musst anderswo einst entschwinden
Und kommt in uns von weiter Fern.»
Frag.: Wenn die Theosophie so die Grundlage ihrer Auffassung in poetischen und abnormen Phantasien sucht, dann ist wohl zu fürchten, dass sich nur wenige durch sie überzeugen lassen.
Theos.: Nicht die Theosophie behauptet, dass es sich um Phantasien handelt. Nur die Physiologen und Wissenschaftler schen das «Anklingen» als Halluzination und Einbildung an, und es soll gegen solch «gelehrte» Erklärung gar nichts eingewendet werden. Es soll auch gar nicht geleugnet werden, dass solche Gesichte des Vergangenen und Rückblicke in ferne Zeiten im Gegensatz stehen zu unserer täglichen Lebenserfahrung und dem gewöhnlichen Gedächtnisse. Aber mit Professor W. Knight soll festgestellt werden, dass «das Nichtvorhandensein einer Erinnerung an eine vergangene Handlung nichts beweist für das Nichtvorhandensein der Handlung selbst.» Und jeder gutdenkende Gegner sollte zugeben, was in Butlers «Vorlesungen über Platonische Philosophie» zu finden ist, «dass das Gefühl des Widerspruchs, welches durch die Idee der Wiederverkörperung in dem Menschen hervorgerufen wird, von materialistischen oder halbmaterialistischen Vorurteilen herrührt». Außerdem darf mit Olympiodorus behauptet werden, dass alles Gedächtnis einfach «Phantasie» ist1 und das unzuverlässigste Ding in uns. Ammonius Saccas behauptet, dass die einzige menschliche Fähigkeit, welche dem Schauen in die Zukunft direkt entgegengesetzt ist, gerade das Gedächtnis ist. Weiter sollte doch eingesehen werden, dass Gedächtnis und Geist zwei durchaus verschiedene Dinge sind. Das Gedächtnis ist eine Maschine zum Aufzeichnen, ein Register, das leicht in Unordnung kommen kann; aber Gedanken sind ewig und unveränderlich. Kann denn jemand sich weigern, an die Existenz gewisser Menschen oder Dinge zu glauben, bloß deshalb, weil er solche mit physischen Augen nicht gesehen hat? Ist denn nicht das übereinstimmende Zeugnis vergangener Generationen ein genügender Beweis, dass Julius Cäsar gelebt hat? Warum sollte nicht das Zeugnis der seelischen Sinne ebenso gültig erachtet werden?
Frag.: Aber sollten dies nicht zu feine Unterscheidungen sein, um von der Mehrzahl der Menschen verstanden zu werden?
Theos.: Man sollte nur sagen: von der Mehrzahl der Materialisten. Und ihnen muss gesagt werden: Bemerkt man denn nicht, dass selbst in der kurzen Spanne Zeit des gewöhnlichen Lebens das Gedächtnis viel zu schwach ist, um alle Ereignisse zu registrieren. Wie häufig schlummern doch wichtige Ereignisse in unserem Gedächtnisse, um erst durch irgendeine Ideenverwandtschaft wieder hervorzutreten. Das findet besonders bei älteren Personen statt, die immer an einer Schwäche der Rückerinnerung leiden. Demnach sollte es uns nicht überraschen, wenn unserem Gedächtnis unser früheres Leben nicht einverleibt ist, sondern es könnte eher das Gegenteil der Fall sein.
Frag.: Es ist im Vorhergehenden die Lehre von den sieben Prinzipien aus der Vogelperspektive entwickelt worden. Wie ist dann der vollständige Verlust jeglicher Rückerinnerung an frühere Leben zu erklären, wenn man die Richtigkeit des über die sieben Prinzipien gesagten voraussetzt?
Theos.: Sehr einfach. Diejenigen Prinzipien, welche man die physischen2 nennt, sind nach dem Tode aus ihrem Zusammenhang gerissen, und das Gedächtnis muss mit dem Gehirn verschwinden. Dieses verschwundene Gedächtnis einer verschwundenen Persönlichkeit kann folglich weder sich an etwas erinnern, noch sich etwas zurückrufen in der folgenden Verkörperung des Ich. Reinkarnation ist so aufzufassen, dass das Ich mit einem neuen Körper, einem neuen Gehirn und einem neuen Gedächtnis erscheint. Daher erschiene es widersinnig, von diesem Gedächtnis vorauszusetzen, dass es sich an etwas erinnern solle, was es niemals in sich aufgenommen hat, ebenso wie es unmöglich wäre, unter dem Mikroskop ein Hemd zu untersuchen, das ein Mörder niemals getragen hat, um darauf die Blutstropfen zu suchen, die doch nur auf einem solchen gefunden werden können, das er getragen hat. Es kommt doch nicht das reine Hemd in Frage, sondern allein das, was er beim Verbrechen getragen hat; und wenn dies zerstört ist, wie kann da überhaupt noch etwas gefunden werden?
Frag.: Nun, wie kann man dann aber überhaupt Gewissheit darüber erlangen, ob das Verbrechen begangen worden ist oder ob der Mann in dem reinen Hemd vorher gelebt hat?
Theos.: Nicht durch physische Vorgänge, noch durch Berufung auf ein Zeugnis von etwas, das nicht mehr existiert. Aber es gibt doch auch Begleiterscheinungen, auf die unsere weisen Gesetze oft vielleicht mehr Gewicht legen als gut ist. Um die Überzeugung von der Tatsache der Wiederverkörperung oder vergangenen Lebens zu erhalten, muss man sich an das wirklich bleibende Ich, nicht an das vergängliche Gedächtnis halten.
Frag.: Aber wie ist es möglich, dass jemand an etwas glaubt, das er nicht kennt, nie gesehen hat, oder sich gar mit einem solchen in Verbindung setzt?
Theos.: Wenn es Menschen gibt, und es gehören dazu die gelehrtesten Leute, welche an «Schwerkraft», «Äther», «Kraft» glauben, und wie die wissenschaftlichen Abstraktionen und Arbeitshypothesen alle heißen, die sich auf Dinge beziehen, welche weder gesehen, noch betastet, geschmeckt oder gehört werden können — warum sollte es ungerechtfertigt sein, wenn andere, aus dem gleichen Grunde, an weit logischere und wichtigere «Arbeitshypothesen» glauben?
Frag.: Was soll man sich eigentlich unter dem mysteriösen ewigen Prinzip vorstellen? Ist es möglich, seine Wesenheit in einer allgemein verständlichen Art auseinanderzusetzen?
Theos.: Es ist das Ich, das wiederkehrt, das individuelle — nicht persönliche, sondern das unsterbliche «Ich»; der Träger von Atma-Budhi oder der Monade; dasjenige, welches im Devahan belohnt und auf Erden bestraft wird, und an welches sich die Spiegelbilder der Skandhas oder Eigenschaften in jeder Verkörperung anheften.3
Frag.: Was versteht man unter Skandhas?
Theos.: Eben das, wovon eben gesprochen worden ist, und wozu das Gedächtnis gehört. Alles, was dazu gehört, vergeht einer Blume gleich und lässt nur einen schwachen Duft zurück. Es sei hier ein Paragraph aus H. S. Olcotts «Buddhistischem Katechismus»4 wiedergegeben, der sich auf diesen Gegenstand bezieht. Es wird dort in Bezug auf diese Frage gesagt: «Der altgewordene Mensch erinnert sich der Erlebnisse in seiner Jugend, ungeachtet der physischen und geistigen Veränderung, welche er durchgemacht hat. Warum wird also die Rückerinnerung an vergangene Leben bei unserer jetzigen Geburt nicht in das gegenwärtige Leben herübergebracht? Weil das Gedächtnis im Bereich der Skandhas liegt, und die Skandhas verändern sich mit jeder neuen Existenz. Somit entwickelt sich also auch für eine jede neue Existenz ein besonderes Gedächtnis. Aber die Bewahrung oder Spiegelung all der vergangenen Leben muss doch möglich sein, denn als der Prinz Siddharta Buddha wurde, da konnte er die ganze Folge seiner früheren Geburten sehen. Und ein jeder, der den Zustand von Dies mag als Beweis dafür dienen, dass die tiefer liegenden Eigenschaften der Persönlichkeit wie Liebe, Güte, Mitleid usw., mit dem unsterblichen «Ich» vereinigt bleiben, und gewissermaßen ein bleibendes Bild des Göttlichen im Menschen festhalten. Die materiellen Skandhas dagegen — die doch die am meisten in die Augen fallenden karmischen Wirkungen hervorbringen — sind ein vergängliches Licht, und sie können das neue Gehirn einer Persönlichkeit nicht beeinflussen. Wenn dies aber auch nicht der Fall ist, so wird dadurch doch die Identität des immer wiederkehrenden «Ich» nicht beeinträchtigt. Frag.: Soll damit gesagt werden, dass nur das Gedächtnis der Seele überlebt und dass Seele und bleibendes Ich ein und dasselbe seien, während von der Persönlichkeit nichts übrig bleibt? Theos.: Nicht ganz so ist es. Vorausgesetzt, dass eine Persönlichkeit nicht ein absoluter Materialist war, in die kein Funke des Geistigen eindrang, so muss von ihr immer etwas überleben und einen Eindruck hinterlassen auf dem bleibenden, sich wiederverkörpernden Ich, oder dem spirituellen Selbst.5 Die Persönlichkeit mit ihren Skandhas ist mit jeder neuen Geburt der Veränderung unterworfen. Sie ist, wie schon gesagt, nur die von dem Schauspieler gespielte Rolle. Und das wahre Ich ist der Schauspieler. Darum kann man auf dem physischen Plan kein Gedächtnis der vergangenen Leben behalten, obgleich das wahre Ich alle Leben durchlebt und sie alle kennt. Frag.: Wie kommt es dann aber, dass der wahre und spirituelle Mensch diese Kenntnis nicht dem persönlichen «Ich» einverleibt? Theos.: Wie kommt es, dass die Dienstmädchen in einem armen Landhause hebräisch sprechen konnten und die Violine spielen im Trance oder somnambulen Zustand, und in ihrem normalen Zustand davon nichts wussten? Weil, wie jeder Seelenkenner der alten — allerdings nicht der neuen — Schule anerkennen wird, das spirituelle Ich nur tätig sein kann, wenn das persönliche Ich ausgelöscht ist. Das spirituelle Ich ist allwissend und hat jede ihm eingegebene Erkenntnis, während das persönliche Selbst das Geschöpf seiner Umgebung und der Sklave des physischen Gedächtnisses ist. Könnte das erstere sich ununterbrochen und ohne Störung offenbaren, der Mensch würde nicht länger auf der Erde weilen, sondern zum Gott werden. Frag.: Es sollten aber doch Ausnahmen bestehen, und einigen sollte die Erinnerung möglich sein. Theos.: So ist es auch. Aber wer vertraut dem, was sie sagen? Solche mit höherer Wahrnehmungsfähigkeit Begabte werden im Allgemeinen als halluzinierende Hysteriker angesehen, als hirnverbrannte Enthusiasten und Humbug-Redner. So bezeichnet man sie von Seiten der modernen Materialisten. Man sollte über diesen Gegenstand doch Werke lesen wie «Reinkarnation, Studien über einen vergessenen Glauben von E. D. Walker, F. T. S.», und die Anzahl von Beweisen sehen, welche dieser ausgezeichnete Schriftsteller über diese Frage vorbringt. Man spreche nur zu diesem oder jenem Menschen von der Seele und frage: Was ist die Seele? Ist jemals die Existenz der Seele bewiesen? Selbstverständlich ist es nutzlos, darüber mit Materialisten zu sprechen. Aber auch ihnen möchte man doch die Frage vorlegen: Können Sie sich denn erinnern dessen, was Sie als kleines Kind getan haben? Haben Sie auch nur die geringste Rückerinnerung an das, was Sie während der ersten achtzehn Monate oder zwei Jahre getan haben? Warum leugnen Sie dann nicht aus demselben Gesichtspunkte heraus, dass Sie jemals ein Kind waren? Wenn man zu all dem hinzufügt, dass das wiederkehrende Ich oder die Individualität während der devachanischen Periode nichts behält als das Wesentliche aus den Erfahrungen der früheren Leben, dass dagegen alle physischen Erlebnisse in einen bloßen Samenzustand verfallen, gewissermaßen aus ihnen ein spirituelles Destillat geformt wird; wenn man sich weiter erinnert, dass der Zwischenraum zwischen zwei Geburten zehn oder fünfzehn Jahrhunderte beträgt und dass während dieser Zeit das physische Bewusstsein gänzlich untätig ist, da es keinerlei Organe hat, dann wird man den Grund davon leicht einsehen, dass das physische Gedächtnis ganz verschwinden muss. Frag.: Nun aber wurde doch von dem geistigen Ich gesagt, dass es allwissend ist. Wie steht es dann mit dieser Allwissenheit während des devahanischen Lebens? Theos.: Es ist während dieser Zeit in einem Samenzustande, weil fürs erste das geistige Ich, das aus Manas-Budhi besteht, nicht das höhere Selbst ist, das als Eins betrachtet werden muss mit der Welt-Seele; und fürs zweite, weil Devahan nichts weiter ist als die idealisierte Fortsetzung des Erdenlebens, das eben hinter dem Menschen liegt, eine Periode des Ausgleiches für unverdientes Unrecht oder Leiden in jenem besonderen Leben. Das geistige Ich ist nur der Möglichkeit nach allwissend im Devahan; wirkliche Allwissenheit kann ihm nur im Nirvana-Zustand zukommen, wenn das Ich mit der Welt-Seele vereinigt ist. Nichtsdestoweniger kann während gewisser kurzen Zeiträume auch auf Erden das Ich gleichsam allwissend werden, wenn es durch gewisse abnorme Bedingungen und physiologische Veränderungen von den stofflichen Fesseln frei wird. So geschieht es bei den angeführten Beispielen von Somnambulen, — von denen die eine, eine arme Dienstmagd, hebräisch sprach und eine andere Violine spielte. Dies soll aber nicht als Gegenbehauptung vorgebracht werden gegenüber den Erklärungen dieser beiden Tatsachen durch die medizinische Wissenschaft. Denn von den beiden Mädchen war das eine in früheren Jahren bei einem Geistlichen, von dem sie hebräische Worte hatte sprechen hören, und das andere hatte einen Künstler Violine spielen gehört. Aber keine von den beiden hätte doch das Angeführte mit solcher Vollkommenheit vollbringen können, wenn sie nicht mit dem «Universalgeist» vereinigt gewesen wären. Im ersten Fall wirkte das höhere Prinzip auf die Skandhas und bewegte sie; im letzteren war die Persönlichkeit ausgelöscht und die Individualität selbst offenbarte sich. Man verwechsele nicht das eine mit dem andern. Über Individualität und Persönlichkeit Frag.: Was ist zwischen Individualität und Persönlichkeit für ein Unterschied? Gerade darüber ist nicht leicht. Klarheit zu bekommen. Theos.: In seinem «Buddhistischen Katechismus» fühlt sich H. $. Olcott verpflichtet, die Missverständnisse zu berichtigen, welche von Orientalisten verbreitet werden, die keinen Unterschied zwischen beiden machen. Er wurde dazu durch die Logik der esoterischen Philosophie veranlasst. Es wird dort folgendes gesagt: «Die aufeinanderfolgenden Erscheinungsformen auf einer oder mehreren Erden, oder die Aufeinanderfolge der Generationen der tanhaically-zusammenhaltenden Teile (Skandhas) eines gewissen Wesens sind eine Folge von Persönlichkeiten. Bei jeder Geburt unterscheidet sich die Persönlichkeit von der vorhergehenden und der nächsten Persönlichkeit. Karma, der ‹deus ex machina› bewirkt (oder sollte man sagen spiegelt?) sich selbst in der Persönlichkeit eines Weisen, dann wieder eines Landmanns, und so durch die Reihenfolge der Geburten. Aber obgleich die Persönlichkeiten immer wechseln, der Faden des Lebens, auf dem sie aufgereiht sind gleich Perlen bleibt ungebrochen. Und er ist immer derselbe Faden, ohne jemals ein anderer zu werden. Er ist daher individuell, eine individuelle Schwingung. Diese beginnt in Nirvana oder der subjektiven Seite der Natur, wie die Licht- oder Wärmeschwingung im Äther beginnt als deren Kraftquelle. Sie tritt in die objektive Seite der Natur ein unter dem Einfluss von Karma und der schöpferischen Einwirkung von Tanha (dem unbefriedigten Wunsch nach Dasein). Sie schreitet durch verschiedene Kreisläufe fort, um dann wieder nach Nirvana zurückzukehren. Mr. Rhys-Davids nennt dasjenige, welches von Persönlichkeit zu Persönlichkeit fortschreitet wie ein individuelles Grundwesen, «Charakter> oder ‹Tätigkeit›. Da aber «Charakter; nicht eine rein metaphysische Idee ist, sondern die Summe der geistigen und moralischen Eigentümlichkeiten eines Menschen, könnte es nichts dazu beitragen, das zu zerstreuen, was Rhys-Davids den fatalen Ausführer eines Geheimnisses nennt (Buddhismus S. 106), wenn wir die Lebensschwingung als Individualität ansehen, und jede ihrer Erscheinungen, die durch eine Geburt ins Dasein tritt, als eine besondere Persönlichkeit? Die vollkommene Individualität, buddhistisch gesprochen, könnte man einen Buddha nennen; denn ein Buddha ist nichts anderes als die reine Blüte der Menschheit, ohne einen Rest von übernatürlicher Beimischung. Und es ist eine unzählbare Reihe von Generationen (vier Asankheyyas und hunderttausend Kreisläufe — Fausböll und Rhys-Davids Buddhist Birth-Stories S. 13) erforderlich, um einen Menschen zu einem Buddha fortzuentwickeln, und der eiserne Wille fließt durch all diese Geburten hindurch. Wie soll man das nennen, was so will und sich erhält? Charakter? Oder Individualität: eine Individualität, welche sich in einer Geburt nur teilweise offenbart, die sich aber aus den Teilen all dieser Geburten zusammensetzt?» Es ist lange versucht worden, den Unterschied zwischen Individualität und Persönlichkeit zum Verständnisse der Menschen zu bringen; aber leider ist das bei Manchem schwieriger, als in ihm eine Verehrung für kindliche Unmöglichkeiten zu erwecken, nur weil sie orthodox sind und weil die Orthodoxie das Ansehen hat. Will man diese Idee richtig verstehen, so muss man in erster Linie die zwei Arten von Prinzipien studieren; die spirituellen, oder diejenigen, welche dem unvergänglichen Ich angehören; und die materiellen, oder diejenigen Prinzipien, welche die vergänglichen Leiber oder die Reihe der Persönlichkeiten des «Ich» bilden. Es sollen für diese Namen festgesetzt werden in folgender Art: I. Atma, das höhere Selbst: das ist weder des einen, noch des andern Geist, sondern das, was gleich dem Sonnenlicht auf alle scheint. Es ist das allgemeine göttliche Prinzip, das sich in allen auslebt, und es ist untrennbar von dem einen und absoluten Allgeist, wie der Sonnenstrahl untrennbar vom Sonnenlicht ist. II. Budhi, die spirituelle Seele; sie ist nur der Träger. Weder Atma noch Budhi getrennt, noch auch die beiden zusammen, sind in einer anderen Beziehung zum Körper des Menschen als das Sonnenlicht und seine Strahlen zu einem Körper von Granit sind, der auf der Erde vorhanden ist; ausgenommen wenn die göttliche Zweiheit aufgenommen ist von einem Bewusstsein und in demselben widerstrahlt. Weder an Atma, noch an Budhi kann Karma herankommen, weil das erstere der höchste Aspekt von Karma ist, der wirkende Ausführer von dem Einen Selbst, und das zweite in seiner Welt unbewusst ist. Dieses Bewusstsein, oder der Geist ist III. Manas,6 das Ergebnis in einer zurückgestrahlten Form von Ahamkara, die «Ichheit» oder «Selbstheit». Wenn es untrennbar mit den ersten beiden vereint ist, so wird es das spirituelle Ich genannt, und Taijasa, das Strahlende. Dies ist die wirkliche Individualität oder der göttliche Mensch. Es ist dieses «Ich», welches aus der menschengleichen Form einen wirklichen Menschen macht. Ursprünglich hat es die geistlose menschliche Form durch die Gegenwart der zweiteiligen Monade belebt. Es ist dieses «Ich» der Ursachenleib, der jede Persönlichkeit überschattet, in die es die karmischen Kräfte hineindrängen. Dieses «Ich» ist verantwortlich für alle Sünden, die in einem jeden neuen Körper, oder in einer jeden Persönlichkeit begangen werden. Frag.: Ist dieses aber gerecht? Warum sollte dieses «Ich» Strafe empfangen für Taten, die es vergessen hat? Theos.: Es hat sie nicht vergessen. Es weiß seine Missetaten und erinnert sich ihrer so gut, wie es sich erinnert dessen, was es gestern getan hat. Sollte das wirkliche «Ich» auch das vergessen haben, weil sich ein physischer Leib nicht dessen erinnern kann, was sein Vorgänger getan hat? Man könnte ebensogut sagen: es sei ungerecht, dem neuen Rock Schläge zu versetzen, den ein Knabe trägt, der in einem alten Äpfel gestohlen hat. Frag.: Aber sind denn keine Arten von Verbindungen vorhanden zwischen dem spirituellen und menschlichen Bewusstsein oder Gedächtnis? Theos.: Gewiss gibt es solche. Aber sie werden durch die modernen wissenschaftlichen Psychologen niemals erkannt. Wem sollte man das zuschreiben, was Intuition, was die «Stimme des Gewissens», was Vorahnungen, unbestimmte Reminiszenzen genannt wird, wenn man eine solche Verbindung leugnete? Wenn doch die Mehrzahl der gebildeten Menschen wenigstens die feine spirituelle Empfänglichkeit von Coleridge hätte, der zeigt welch schöne Intuition er in dieser Beziehung hat. Man höre, was er mit Bezug auf die Wahrscheinlichkeit sagt, dass «alle Gedanken in sich selbst unvergänglich sind». «Wenn die intelligente Befähigung (die plötzliche «Wiederbelebung» des Gedächtnisses) könnte umfassender gestaltet werden, so würde nur eine bestimmte und geeignete Organisation erforderlich sein, ein himmlischer Leib statt eines irdischen, um einer jeglichen menschlichen Seele die Gesamterfahrung der ganzen vergangenen Existenz gegenwärtig zu machen (man sollte besser «Existenzen» sagen).» Und dieser himmlische Leib ist unser manasisches «Ich». Über Belohnung und Bestrafung des «Ich» Frag.: Es ist mir von theosophischer Seite gesagt worden, dass die Persönlichkeit in keinem Falle nach dem Tode bestraft wird, was sie auch immer während der Inkarnation auf der Erde gemacht haben mag. Theos.: Nimmermehr, außer in sehr seltenen Fällen, von denen hier noch wird zu sprechen sein, da die Natur der «Bestrafung» in keinem Falle sich dem nähert, was in den theologischen Kreisen als Verdammnis angesehen wird. Frag.: Aber wenn das Ich in diesem Leben bestraft wird für Verfehlungen früherer Leben, so sollte es auch belohnt werden entweder hier, oder nach seiner Entkörperung. Theos.: Das ist auch so. Wenn eine Bestrafung außerhalb der Erde nicht zugelassen wird, so geschieht das nur, weil das geistige Selbst nach dem Tode einzig den Zustand uneingeschränkter Seligkeit kennt. Frag.: Wie ist das gemeint? Theos.: Einfach so: Verbrechen und Sünden, welche in der Welt der Objektivität begangen werden, können niemals Strafe in einer Welt der Subjektivität empfangen. Die Theosophie glaubt an keine Hölle und kein Paradies als besondere Örtlichkeiten; an kein objektives Höllenfeuer, das niemals erlöscht, noch an ein Jerusalem mit Straßen, die mit Saphiren und Diamanten bepflastert wären. Was sie annimmt ist ein Zustand nach dem Tode, der sich ausnimmt wie ein lebhafter Traum. Sie glaubt an ein unabänderliches Gesetz allgemeiner Liebe, Gerechtigkeit und Güte. Und indem sie daran glaubt, sagt sie: Welche Sünden auch das Ich auf sich geladen hat, und mit welchen karmischen Fehlern es auch bei einer neuen Verkörperung beladen sein mag,7 kein Mensch — oder die äußerliche periodische Form der spirituellen Wesenheit — kann zur Verantwortung gezogen werden für die Ereignisse seiner Geburt, wenn Gerechtigkeit bestehen soll. Er wird nicht gefragt, ob er geboren werden will, noch kann er sich die Eltern wählen, die ihm das Leben geben sollen. In jeder Hinsicht ist er ein Opfer seiner Umgebung, das Kind von Verhältnissen, über die er keine Kontrolle hat. Und wenn man jede Verfehlung unparteiisch untersuchen wollte, man würde in neun von zehn Fällen finden, dass eher an dem Menschen gesündigt worden ist, als dass er gesündigt hätte. Das Leben ist im günstigsten Falle ein herzloses Spiel, ein Seesturm und eine schwere Bürde, oftmals kaum zu ertragen. Die größten Philosophen haben vergeblich versucht, es zu verstehen und den Grund des Daseins zu finden, und mit Ausnahme derjenigen, die den Schlüssel dazu haben, der Weisen des Ostens, haben sie dies schlecht gekonnt. Das Leben ist, wie Shakespeare sagt: «nur ein fliehender Schatten, ein armer Schauspieler, der eine flüchtige Stunde lang mühselig über die Bretter schreitet und dann dem Blick entschwindet. Es ist eine Märe, erzählt von einem Toren, voller Narrheit und Wirrnis, bar jeder Bedeutung.» Nicht ist wahrhaftig das Leben in seinen abgesonderten Abschnitten, aber von der größten Wichtigkeit im Zusammenhange dieser Abschnitte. In jedem Falle bedeutet das individuelle Leben in seiner vollen Entwicklung etwas Kummervolles. Und kann man glauben, dass der arme hilflose Mensch, nachdem er gleich einem Stück verdorbenen Holzes auf den aufgeregten Lebenswellen hin- und hergeworfen worden ist, in dem Falle, als er sich zu schwach erwiesen hat den Fährnissen Widerstand zu leisten, mit einer nie endenden Verdammnis bestraft werden sollte, oder mit einer zeitweiligen solchen Strafe? Nimmermehr! Ob er nun ein großer oder ein geringer Sünder ist, ein guter oder ein böser, ein schuldbeladener oder ein schuldloser; wenn die Bürde des physischen Lebens einmal von ihm genommen ist, dann hat sein müder und matter Manu, sein «denkendes Ich» das Recht zu einer Periode absoluter Ruhe und Seligkeit erworben. Das gleiche unerschütterlich weise und mehr gerechte als gütige Gesetz, das über das verkörperte Ich die karmische Strafe verhängt für eine Verfehlung des vorhergehenden Lebens auf Erden, hat vorgesehen für die entkörperte Wesenheit eine lange Rast und die gänzliche Abwesenheit jeglicher Erinnerung an ein Ereignis, das schlimm war, auch des geringsten schmerzerfüllten Gedankens, der im vergangenen Leben der Persönlichkeit vorhanden war; es lässt dem Bewusstsein nur die Erinnerung an das, was Glück und Seligkeit bewirkt. Plotinus, der es ausspricht, dass des Menschen Körper ein wahrer Lethestrom sei für die Seele, die darin Vergessenheit trinke, meint mehr, als was er sagt. Denn wie der irdische Körper gleich dem Lethe ist, so ist das auch der himmlische Körper im Devahan, und noch viel mehr. Frag.: Wie kann man aber verstehen, dass ein Mörder, ein Vernichter des göttlichen und menschlichen Gesetzes in jeglicher Gestalt, unbestraft bleibe? Theos.: Wer behauptet denn das? Die Theosophie hat eine Lehre von der Bestrafung ebenso streng, wie man sie beim strengsten Calvinisten findet. Nur ist jene weit philosophischer und im Einklange mit der absoluten Gerechtigkeit. Keine Tat, kein sündhafter Gedanke, soll unbestraft bleiben. Ja es wird sogar der letztere weit mehr bestraft als die erstere, wie ja auch ein Gedanke mächtiger ist in Bezug auf die Hervorbringung der bösen Wirkungen als eine Tat.8 Die Theosophie glaubt an ein irrtumfreies Gesetz des Ausgleiches, genannt Karma, das sich durch sich selbst vollzieht in der Folge von Ursachen und Wirkungen. Frag.: Und wie, oder wo, verwirklicht sich dieses? Theos.: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, sagt die Weisheit in den Evangelien; jede Handlung, ob gut oder böse, ist ein fruchtbarer Erzeuger, sagt die Weisheit der Alten. Man stelle dieses beides zusammen, und man wird das «Warum?» finden. Nachdem die Seele den Fesseln des persönlichen Lebens entzogen war, und eine genugsame, ja hundertfältige Ausgleichung erfahren hat, wartet Karma mit seinen Fangarmen von Skandhas an der Schwelle von Devahan, wenn sich das Ich zu einer neuen Verkörperung anschickt. Es ist nun der Augenblick gekommen, wo die künftige Bestimmung des nun ausgeruhten Ich die ist, in den gerechten Ausgleich einzutreten; nun fällt es wieder in den Bereich des tätigen karmischen Gesetzes. In dieser Wiederverkörperung, die ihm bereitet wird, durch dies geheimnisvolle, unerbittliche Gesetz, werden die Sünden des vorhergehenden Lebens ihre Folgen haben. — Unerbittlich ist dieses Gesetz, aber in seiner Gleichmäßigkeit und Weisheit unfehlbar. — Nicht kann gesprochen werden von einer eingebildeten Hölle, in welcher theatralische Flammen brennen und lächerlich gestaltete Teufel sich herumtreiben. Nicht da hinein wird das Ich geworfen, sondern es kommt auf die Erde, die Welt seiner Verfehlungen. Da wird es auszugleichen haben jeden schlechten Gedanken und jede schlechte Tat. «Wie ein Mensch säet, so wird er ernten». Die Wiederverkörperung wird um ihn herum alle jene andern Ichs versammeln, die entweder direkt oder indirekt gelitten haben, von seiner Hand, vielleicht sogar durch etwas, wovon er als gewesene Persönlichkeit nur das unbewusste Werkzeug gewesen ist. Alles das wird durch das Schicksal der neu verkörperten Persönlichkeit in den Weg gebracht, jener Persönlichkeit, welche das alte Ich, den ewigen Kern doch nur verhüllt ... Frag.: Aber wo bleibt der gerechte Ausgleich, wenn doch gesagt wird, dass der neuen Persönlichkeit das Bewusstsein von getanem und erlittenem Schlechten fehlt? Theos.: Kann man von einem Rocke, der am Körper eines Menschen zerrissen worden ist, der ihn gestohlen hat, sagen, dass ihn ein anderer Mensch, der damit bekleidet war und ihn als sein Eigentum erkennt, als richtig gekauft ansehen soll? Die neue Persönlichkeit ist nichts besseres als ein neues Kleid mit den besonderen Eigenschaften, Farbe, Form usw. Aber der wirkliche Mensch, welcher es trägt, ist derselbe Verbrecher. Es ist die Individualität, welche innerhalb der Persönlichkeit leidet. Und dieses, und zwar dieses allein kann eine Erklärung für die scheinbar schreckliche Ungerechtigkeit sein, mit welcher die Lebenslose dem Menschen zufallen. Wenn die modernen Philosophen dahin gelangen werden, einen vernünftigen Grund anzugeben dafür, warum so viele anscheinend unschuldige und gute Menschen nur zum Leiden während eines ganzen Lebens geboren sind, warum so viele zur Armut in den Elendshöhlen der Großstädte verdammt sind, verlassen von andern Menschen, warum, während diese in der Gasse geboren sind, andere ihre Augen auftun im Licht von Palästen, warum eine vornehme Geburt oft beschieden zu sein scheint den schlechtesten der Menschen und nur selten den Wertvollen; warum es Bettler gibt, deren Inneres gleicht den höchsten und vornehmsten Menschen; wenn dies, und noch viel mehr genügend von Theologen und Philosophen erklärt sein wird, dann, aber nur dann, werden diese ein Recht haben, die Wiederverkörperung zu verwerfen. Die höchsten und besten der Dichter haben dunkel diese Wahrheit der Wahrheiten geahnt. Schelley glaubte an sie, Shakespeare musste ihrer gedacht haben, als er über die Wertlosigkeit des Lebens schrieb. Man erinnere sich doch seiner Worte: «Warum sollte meiner Geburt Zufall hinabdrängen den Flug meines Geistes.
Sind nicht alle Kreaturen Kinder der Zeit?
Es sind Heere von Bettlern auf dieser Erde,
Die ihren Ursprung empfingen von Königen,
Und Monarchen sieht man, deren Väter
Nur ein Auswurf waren ihrer Zeit.» Man verwandle das Wort «Väter» in «Ichs» und man wird die Wahrheit vor sich haben.
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«Die Phantasie», sagt Olympiodorus in Platos Phaedon, «ist ein Hindernis für unsere intellektuellen Wahrnehmungen; und daher kommt es, dass, wenn wir durch göttlichen Einfluss getrieben sind, durch die Dazwischenkunft der Phantasie die enthusiastische Energie aufhört; denn Enthusiasmus und Extase sind Gegensätze, die sich ausschließen. Falls gefragt wird, ob die Seele fähig ist, Kraft zu entwickeln ohne Phantasie, so ist darauf zu erwidern, dass ihre Wahrnehmungen des Allgemeinen dafür den Beweis liefern. Sie hat Wahrnehmungen ohne Zuhilfenahme der Phantasie; und die Phantasie verfolgt ihre Kräfte gerade so, wie ein Sturm den verfolgt, der sich auf die See begibt.» ↩
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Nämlich der Körper, das Leben, die Leidenschaften und die tierischen Instinkte und das astrale Gegenbild, gleichviel ob sie nun als bloße Gedankendinge oder als selbständige Körperglieder erfasst werden. Man nennt sie in der Theosophie Sthula sharira, Prana, Kama Rupa und Linga sharira; sie werden auch in der Wissenschaft nicht geleugnet, aber mit anderen Namen belegt. ↩
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Im Sinne der buddhistischen Lehren gibt es fünf Skandhas: «rupa» (Form oder Körper), die materiellen Eigenschaften; «vedana» die Sinnenfälligkeit; «sanna», die abstrakten Ideen; «samkhara», die Neigungen des Geistes; «vinnana», die geistigen Kräfte. Durch diese sind wir gestaltet, durch sie sind wir uns des Daseins bewusst, und durch sie stellen wir die Verbindung her zwischen uns und der Außenwelt. ↩
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«Buddhistischer Katechismus» von H.S. Olcott, dem Präsidenten und Gründer der Theosophischen Gesellschaft. Die Richtigkeit der dort vorgetragenen Lehren ist bestätigt worden durch H. Sumangala, dem Hohenpriester von Sripada und Galle, und dem Vorstand der Hochschule von Colombo als vollkommen übereinstimmend mit dem Kanon der südlichen buddhistischen Kirche. ↩
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Das spirituelle Selbst im Gegensatz zum persönlichen Selbst. Aber es darf auch das spirituelle Selbst nicht verwechselt werden mit dem «höheren Selbst», mit Atma. ↩
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Mahat, oder der universelle Geist ist die Quelle von Manas. Dieses Manas ist Mahat in einem besonderen Menschen. Manas wird auch Kshetrajna genannt, der verkörperte Geist, weil er im Sinne unserer Philosophie, der «Manas-putras» ist, der «Sohn des universellen Geistes», der den denkenden Menschen schafft, oder besser gesagt, hervorbringt, den Manu, durch die Verkörperung in der dritten menschlichen Wurzelrasse unseres Kreislaufes. Manas ist daher das wirkliche geistige Ich, oder die Individualität, die sich verkörpert und in den aufeinanderfolgenden Persönlichkeiten nur äußere Masken annimmt. ↩
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Auf diesen karmischen Fehler ist das grausame und unlogische Dogma von «gefallenen Engeln» aufgebaut worden, das im 2. Band der «Geheimlehre» besprochen worden ist. Alle unsere «Ichs» sind denkende und rationelle Wesenheiten (Manasa-putras), die entweder in menschlichen oder in anderen Formen gelebt haben in vorhergehenden Lebenszyklen, und deren Karma es war, sich in diesem Lebenszyklus zu verkörpern. In den Mysterien wurde gelehrt, dass für solche Wesen die Körper, die ihnen zukamen, befleckt wurden, weil sie versäumten, sich diesem Gesetze zu unterwerfen, oder weil sie verfehlten sich in der vorgeschriebenen Zeit zu verkörpern. (So wird von dem Hinduismus gesagt, dass die Kumaras sich weigerten zu schaffen, oder von der christlichen Legende dasselbe vom Erzengel Michael behauptet.) Daher stammt die ursprüngliche Sünde der geistlosen Formen und die Strafe der «Ichs». Mit dem Fall der Engel in die Hölle ist nichts anderes gemeint als dass diese reinen Geister eingeschlossen worden sind in unreinen Stoff, in Fleisch. ↩
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«Ich aber sage euch, wer immer ein Weib anblickt, ihrer zu begehren, der hat schon gebrochen mit ihr die Ehe in seinem Herzen» (Math. V, 28). ↩