IX. Über Kama Loka und Devahan
Frag.: Man spricht in der Theosophie von Kama Loka; was ist dies?
Theos.: Wenn der Mensch stirbt, verlassen ihn die drei niederen Prinzipien für immer, nämlich der physische Leib, das Leben und der Träger des letzteren, der Astralleib oder der Doppelgänger des lebenden Menschen. Dann treten seine vier Prinzipien — das zentrale oder mittlere Prinzip (die tierische Seele oder Kama Rupa) mit dem, was es von dem niederen Manas in sich aufgenommen hat, und die höhere Triade — in Kama loca ein. Das letztere ist ein astralischer Ort, der Zimbus der scholastischen Theologen, der Hades der Alten, und, genau gesprochen, ein Ort nur im relativen Sinne. Denn in Wirklichkeit hat es weder bestimmten Raum, noch Grenzen, sondern es existiert im subjektiven Raum, das heißt außerhalb der sinnlichen Vorstellungen. Doch existiert es und in ihm erwarten alle Astralwesen, die jemals gelebt haben, ihren «zweiten Tod»; auch die Tiere. Für die Tiere tritt dieser ein mit der Auflösung und der gänzlichen Zerstörung ihrer astralischen Bestandteile. Für die menschlichen Wesen tritt er ein, wenn Atma-Budhi-Manas sich loslöst von den niederen Prinzipien, oder wenn die Reflexion der gewesenen Persönlichkeit eintritt, indem diese in den devahanischen Zustand übergeht.
Frag.: Und was geschieht danach?
Theos.: Dann verfällt das Kama-Rupa-Phantom, denn es ist des vorher in ihm eingeprägten Prinzips beraubt, nämlich des höheren Manas; und der niedere Aspekt des letzteren, die tierische Intelligenz, empfängt von dem höhern Geist nicht länger Licht, und hat ja auch kein physisches Gehirn, um darin zu arbeiten.
Frag.: Wie geschieht so etwas?
Theos.: Einfach fällt es in den Zustand, in dem ein Frosch ist, wenn ihm gewisse Teile seines Gehirnes durch den Vivisektor ausgenommen werden. Es kann nicht mehr denken, selbst nicht mehr im Gebiete des niedrig Tierischen. Im weiteren Verlauf kommt das niedere Manas nicht mehr in Betracht, weil dieses «niedere» ohne das «höhere» nichts ist.
Frag.: Und ist es diese Nichtwesenheit, die man im spiritistischen Sitzungszimmer materialisiert finder?
Theos.: Es ist diese Nichtwesenheit. Eine wahre Nichtwesenheit nur in Bezug auf denkende und erkennende Fähigkeiten, doch aber eine Wesenheit, wenn auch astral und flüchtig. Das zeigt sich in gewissen Fällen, wenn diese Wesenheit durch magnetische und unbewusste Art von einem Medium herangezogen wird und in diesem gewissermaßen durch Stellvertretung lebt. Man kann ein solches «Gespenst» oder Kama-Rupa vergleichen mit einem Gallertfisch. Es ist eine gallertartig-ätherische Erscheinung, solange es in dem ihm eigenen Element ist, im Wasser (der spezifischen Aura des Mediums); sobald es aber aus dem Wasser genommen wird, dann zerfließt es in der Hand, oder im Sand, besonders aber im Sonnenlicht. In der Aura des Mediums lebt es eine Art stellvertretenden Lebens; es denkt und spricht durch das Gehirn des Mediums, oder durch dasjenige anderer anwesender Personen. Doch würde dies zu weit führen, auf ein außerhalb der Theosophie gelegenes Gebiet, auf das zu kommen nicht verlockend ist. Es soll hier bei der Wiederverkörperung geblieben werden.
Frag.: In Bezug auf die letztere: wie lange verbleibt das sich wieder verkörpernde Ich im devahanischen Zustand?
Theos.: Das hängt, wie die Theosophie lehrt, ab von dem Grade der Spiritualität und dem Verdienste oder der Schuld innerhalb der letzten Verkörperung. Die durchschnittliche Zeit ist 10 bis 15 Jahrhunderte, wie bereits früher gesagt worden ist.
Frag.: Aber warum sollte dieses Ich sich nicht offenbaren können und sich mitteilen den Sterblichen, wie die Spiritisten behaupten? Was könnte einer Mutter die Möglichkeit nehmen, mit ihren auf der Erde zurück gelassenen Kindern zu verkehren, einem Ehemann mit seiner Gattin, und so weiter? Das wäre ein tröstlicher Glaube, wie man doch zugestehen muss; auch kann man sich nicht darüber wundern, dass diesen Glauben niemand aufgeben will, der ihn einmal hat.
Theos.: Es soll auch niemand dazu gezwungen werden, ausgenommen derjenige, der die Wahrheit einer noch so «tröstlichen» Einbildung vorzieht. Die theosophistischen Anschauungen mögen den Spiritisten noch so sehr widerstreben; es ist nichts, was die Theosophie lehrt, auch nur halb so selbstsüchtig und grausam wie die spiritistischen Ansichten.
Frag.: Das scheint unverständlich. Was ist da selbstsüchtig?
Theos.: Die Lehre von einer Rückkehr der Geister als der wirklichen Persönlichkeiten, wie sie es auffassen. Und es soll hier gezeigt werden: Warum? Wenn Devahan — oder man möge es «Paradies» nennen, einen Ort der Glückseligkeit — ein Ort ist, oder man sage ein Zustand, so muss es ein solcher sein, in dem sich logischerweise kein Kummer, oder kein Schatten des Schmerzes finden kann. «Gott wird entfernen alle Tränen» von den Augen derer, die im Paradiese sind: so heißt es in dem Buche der Verheißungen. Und wenn die Geister der Toten zurückkehren könnten und alles sehen was auf Erden vorgeht, und besonders in ihrem früheren Heim, was für eine Art von Seligkeit würde sie denn dann erwarten?
Frag.: Was ist damit gemeint? Warum sollte dies ihre Seligkeit beeinträchtigen?
Theos.: Es ist ganz einfach: man nehme ein Beispiel. Eine Mutter stirbt, ihre kleinen hilflosen Kinder verlassend, die sie anbetet, vielleicht ebenso den geliebten Mann. Die theosophische Anschauung sagt, dass ihr Geist oder «Ich» — jene Individualität, die ganz durchdrungen ist für die ganze devahanische Periode mit den edelsten Gefühlen, welche ihrer letzten Persönlichkeit eigen waren, mit Liebe für ihre Kinder, Mitleid mit Leidenden usw. — jetzt ganz abgetrennt ist von dem «Tal der Tränen», dass ihre zukünftige Seligkeit in der glücklichen Unwissenheit für alles Weh, das sie zurückgelassen hat, besteht. Spiritisten behaupten das Gegenteil, indem sie sagen, dass ein lebhaftes Wissen davon bleibt, ein lebhafteres als vorher da war, denn «Geister schen mehr als Sterbliche im Fleische.» Die Theosophie sagt, dass die Seligkeit des Devahani in seiner klaren Überzeugung bestehe, dass er die Erde nicht verlassen habe, und dass es einen solchen Zustand wie den Tod gar nicht gebe, dass das Bewusstsein nach dem Tode in der Mutter bewirken werde, dass sie sich von ihren Kindern und allen denen umgeben denkt, die sie geliebt hat; dass kein Riss, kein Glied fehlen könne, um ihren entkörperten Zustand zu dem vollkommensten und glücklichsten zu machen. Die Spiritisten stellen dies ganz in Abrede. Im Sinne ihrer Lehren ist der unglücklichste Mensch durch den Tod von dem Kummer dieses Lebens nicht befreit. Nicht ein Tropfen von dem Lebensbecher des Leides und der Schmerzen werde seinen Lippen fehlen; und er müsse ihn bis zum bitteren Bodensatz austrinken, denn er sieht ja nunmehr alles. So ist die liebende Frau, die während ihrer Lebenszeit stets bereit war, ihrem Manne Kummer zu ersparen um den Preis ihres Herzblutes, nunmehr verurteilt zu sehen in Hilflosigkeit seine Verzweiflung und alle Tränen, die er um ihren Verlust vergießt. Ja noch schlimmer, sie vermöge diese Tränen bald getrocknet zu sehen und zu erleben, wie ein anderes geliebtes Antlitz ihm, dem Vater ihrer Kinder, zulächelt; sie könne eine andere Frau in ihre Rechte eintreten sehen; könne wahrnehmen, wie ihre Kinder den heiligen Namen «Mutter» einer ihnen Fremden geben, der sie gleichgültig sind, ja die sie vernachlässigt oder wohl gar misshandelt. Im Sinne dieser Lehren wird der «Eingang in die Unsterblichkeit» nur der Weg zu geistigen Leiden ohne Übergang. Und doch, die Seiten vom «Banner des Lichts», des alten Journals der amerikanischen Spiritisten, sind mit Botschaften von Toten gefüllt, den «teuren Abgeschiedenen», die alle berichten, wie glücklich sie seien. Kann solch ein Zustand von Kenntnis mit Seligkeit vereinbar gedacht werden? Eine solche Seligkeit wäre der größte Fluch, und die orthodoxe Verdammnis wäre im Vergleich damit etwas erträgliches.
Frag.: Wie aber wird im Sinne der theosophischen Lehren dieses vermieden? Wie ist die Lehre von der Allwissenheit der Seele zu vereinen mit der Blindheit gegenüber allem, was auf der Erde sich ereignet?
Theos.: Solches ist nur im Sinne des Gesetzes der Liebe und der Barmherzigkeit. Während der devahanischen Periode bekleidet sich das in sich allwissende Ich mit der Widerspiegelung der vorherigen Persönlichkeit. Eben ist darüber gesagt worden, dass die ideale Blüte aller geistigen und daher unsterblichen und ewigen Eigenschaften — wie Liebe und Barmherzigkeit, die Liebe des Guten, Wahren und Schönen, die dem Herzen der lebenden Persönlichkeit entsprossen ist, nach dem Tode dem Ich verbleibt und ihm daher ins Devahan folgt. Für diese Zeit wird das Ich der ideale Wiederschein der menschlichen Wahrheit, die auf der Erde verlassen worden ist, und diese ist nicht allwissend. Wäre sie das, sie würde niemals in dem Zustande sein, den man Devahan nennt.
Frag.: Was können dafür für Gründe angeführt werden? Theos.: Wenn darauf eine Antwort verlangt wird, so ist zu sagen, dass alles «Illusion ist außer der ewigen Wahrheit, die ohne Form, Farbe oder Begrenzung ist.» Nur wer sich außerhalb des «Schleiers der Maya» versetzt — und das können nur die höchsten Adepten und Eingeweihten — kann kein Devahan haben. Für den gewöhnlichen Sterblichen ist aber die devahanische Seligkeit eine vollständige. Sie besteht in einem vollkommenen Vergessen alles dessen, was Schmerz oder Kummer verursachte in der letzten Verkörperung, und selbst der Tatsache, dass es so etwas gibt wie Schmerz oder Kummer. Der Devahani verlebt den Zwischenzustand zwischen zwei Verkörperungen in der Umgebung von allem, was er erstrebt hat, und in Gemeinschaft mit allen, die er liebte auf Erden. Er hat die Erfüllung aller Seelensehnsuchten erreicht. Und so lebt er durch lange Jahrhunderte einen Zustand ungetrübten Glückes, das die Belohnung für alle Leiden der Erde ist. Kurz, er badet in einer See ununterbrochenen Glückes, das nur umspannt wird von Tatsachen noch höheren Glückes.
Frag.: Aber dies ist nicht allein einfache Täuschung, sondern sogar ein Dasein in ungesunden Wahngebilden.
Theos.: Von dem Standpunkt sinnlicher Wirklichkeit aus mag das der Fall sein, nicht aber von einem höheren aus. Nun abgesehen davon, ist denn nicht das ganze Leben auf der Erde mit solchen Täuschungen erfüllt? Gibt es nicht Männer und Frauen, die jahrelang in einem Wahnparadiese leben? Und wenn man die Entdeckung machte, dass der Mann, der von einer Frau geliebt wird, die sich auch von ihm geliebt wähnt, ihr untreu ist: würde man zu ihr gehen und ihr Herz brechen und den schönen Traum zerstören durch rauhe Erweckung zur Wirklichkeit? Das kann doch nimmermehr der Fall sein. Es muss nochmals gesagt werden, solches Vergessen und solche Wahngebilde, falls man sie so nennen will, sind nur ein barmherziges und gerechtes Naturgesetz. Zweifellos ist das eine weit sympathischere Aussicht als die orthodoxe goldene Harfe mit dem Flügelpaar. Die Versicherung, dass die «Seele», welche lebt, häufig emporsteigt und die vertrauten Straßen des himmlischen Jerusalem besucht, bei den Patriarchen und Propheten weilt, die Apostel begrüßt, und die Scharen der Märtyrer bewundert: dies ist eine fromme Vorstellung, aber doch von weit täuschenderem Charakter. Denn eine Mutter liebt ihre Kinder mit einer unsterblichen Liebe, während die erwähnten Persönlichkeiten des «Himmlischen Jerusalem» ihr wohl weniger liebenswert erscheinen mögen. Aber noch eher könnte man Trost in dem «Neuen Jerusalem» finden mit seinen Straßen, gepflastert gleich dem Schaufenster eines Juwelierladens, als in der herzlosen Lehre der Spiritisten. Der Gedanke allein, dass die geistig bewusste Seele unserer Väter, Mütter, Töchter oder Brüder ihre Seligkeit in einem Sommerland finden könnte — das zwar etwas natürlicher, aber nicht weniger lächerlich als das «Neue Jerusalem» obiger Beschreibung ist — dies könnte hinreichen, um einem jede Achtung für die Entkörperten verlieren zu lassen. Zu glauben, dass ein reiner Geist sich glücklich fühlen könne, während er dazu verdammt ist, alle Sünden, Missverständnisse, Verrätereien und, vor allem, alle Leiden zu sehen auf Seite derjenigen, von denen er durch den Tod abgetrennt ist und die er aufs höchste liebt, ohne imstande zu sein, ihnen zu helfen: dies erscheint doch wahrhaftig als ein wahnvoller Gedanke.
Frag.: Es liegt etwas in diesen Gedanken. Es wird die Sache gewöhnlich nicht in diesem Lichte gesehen.
Theos.: Gewiss. Nur selbstsüchtige Menschen und des Sinnes für ausgleichende Gerechtigkeit ermangelnde Menschen konnten jemals solch ein Ding ausdenken. Man ist mit jenen, die man in materieller Form verloren hat, zusammen und weit, weit näher, als während des Lebens. Und zwar ist das nicht bloß in der Einbildung des Devahani der Fall, wie einige meinen, sondern in Wirklichkeit. Denn reine göttliche Liebe ist nicht allein eine Blüte des menschlichen Herzens, sondern hat ihre Wurzeln in der Ewigkeit. Geistige heilige Liebe ist unsterblich, und Karma bringt früher oder später alle diejenigen, welche einander in solcher Art lieben, wieder in derselben Familie zusammen. Ferner darf behauptet werden, dass Liebe über das Grab hinaus, wenn sie auch als Illusion sollte befunden werden, doch auf die Lebenden zurückwirkt. Das Ich einer Mutter, das von Liebe erfüllt ist für die von ihr vorgestellten Kinder, die sie um sich sieht, lebt ein Leben in Glückseligkeit, das ebenso wirklich ist, wie wenn es auf der Erde wäre, und es wird auch bewirken, dass die Kinder auf Erden diese Liebe fühlen. Es wird sich in deren Träumen offenbaren, und öfters in verschiedenen Vorgängen, in «fürsorglichen» Beschirmungen, denn Liebe ist ein starker Schutz, der nicht in Raum und Zeit seine Grenzen findet. So wie es sich mit dieser devahanischen «Mutter» verhält, so auch mit allen anderen menschlichen Verhältnissen und Beziehungen, ausgenommen die ganz selbstischen oder materiellen. Man kann die Analogien für das Übrige leicht finden.
Frag.: Soll also im Sinne der Theosophie in keinem Falle die Möglichkeit eines Verkehrs zwischen einem lebenden und einem entkörperten Geist zugegeben werden?
Theos.: Doch; es gibt zwei Ausnahmen von der Regel. Der erste Fall ist erfüllt während der wenigen Tage, die unmittelbar auf den Tod folgen, und bevor das Ich in den devahanischen Zustand übergeht. Aber ob irgendein lebender Sterblicher einen Vorteil erlangt durch die Rückkehr eines Geistes in die objektive Welt ist eine andere Frage. Es könnte in wenigen Ausnahmefällen so sein, wenn die Stärke des Wunsches in der verstorbenen Person nach einer Rückkehr wegen gewisser Zwecke so wäre, dass das höhere Bewusstsein gezwungen würde, wach zu bleiben, sodass es dann wirklich die Individualität, der «Geist» wäre, der in Verkehr tritt. Aber im allgemeinen ist der Geist nach dem Tode in einem Traumzustand und fällt bald in den Zustand, der «vordevahanische Unbewusstheit» genannt wird. Eine zweite Ausnahme findet bei den Nirmanakayas statt.
Frag.: Was ist das? Was bedeutet der Name für den Theosophen?
Theos.: Das ist der Name, welcher denen gegeben wird, welche, obgleich sie das Recht auf Nirvana und Ruhe1 erlangt haben, doch aus Mitleid für die Menschheit und diejenigen, welche sie auf der Erde zurückgelassen haben, auf diesen Nirvana-Zustand verzichten. Solch ein Adept oder Heiliger, oder wie immer man ihn nennen mag, hält es für einen selbstischen Akt in der Seligkeit zu bleiben, während die Menschheit verbleibt innerhalb der Bürden des durch Unwissenheit erzeugten Elends; er verzichtet auf Nirvana und beschließt unsichtbar als Geist auf der Erde zu bleiben. Nirmanakayas haben keinen materiellen Leib, denn sie haben ihn verlassen; andererseits aber bleiben sie mit all ihren Prinzipien innerhalb unserer Welt. Und solche vermögen es, mit wenigen Auserwählten zu verkehren, und sie tun es. Sicherlich aber nicht mit gewöhnlichen Medien.
Frag.: Die Frage nach den Nirmanakayas wurde hier aufgeworfen, weil in einigen deutschen und anderen Büchern zu lesen ist, dass dies der Name ist, den die nördlichen buddhistischen Lehren den irdischen Erscheinungen oder Körpern der Buddhas geben.
Theos.: Dies ist so, nur haben die Orientalisten diesen «irdischen» Leib verkehrt durch Missverständnis in einen objektiven und physischen statt eines rein astralen und subjektiven.
Frag.: Was kann von den Nirmanakayas Gutes auf Erden bewirkt werden?
Theos.: Nicht viel in Bezug auf Individuen, da sie kein Recht haben in das Karma einzugreifen; sie können nur anweisen und inspirieren die Sterblichen für das allgemeine Gute. Doch tun sie mehr, als man gewöhnlich denkt.
Frag.: Zu solcher Wissenschaft würde sich die moderne Psychologie nimmermehr bekennen. Für diese Wissenschaft und Psychologie kann kein Teil der Intelligenz das physische Gehirn überleben. Was ist darauf zu antworten?
Theos.: Man braucht vor einer Antwort nicht zurückzuschrecken, sondern kann einfach mit den Worten M. A. Oxons sagen: «Intelligenz ist unverändert, auch wenn der Körper tot ist. Es ist vernünftig zu sagen, dass der menschliche Geist im Sinne dessen, was wir wissen, als unzerstörbar bezeichnet werden muss.» (Vergl. Spirit. Identity S. 69.)
Frag.: Aber M. A. Oxon ist Spiritist.
Theos.: Gewiss, und der einzige uns bekannte wahre Spiritist, obgleich man ihm in so mancher Frage nicht zustimmen kann. Aber davon abgesehen, kein Spiritist kommt den okkulten Wahrheiten näher als er. Wie der Theosoph spricht auch er unaufhörlich von den Gefahren, die auf den schlecht ausgerüsteten, verworrenen Menschen lauern, der die Schwelle zum Geistigen überschreitet, ohne sich des Preises dafür bewusst zu sein. Die Theosophen weichen von ihm in der einzigen Frage der «Geist-Identität» ab. Im Übrigen kann man mit ihm einverstanden sein und die drei Vorschläge annehmen, welche seine Adresse von 1884 enthält.
Frag.: Welches sind diese Propositionen?
Theos.: Es sind die folgenden:
1) Dass es ein Leben gibt, das übereinstimmend mit dem physischen ist, aber unabhängig von dem letzteren.
2) Dass dieses Leben, als ein notwendig Dazugehöriges, sich über das Leben des Leibes hinauserstreckt.
3) Dass eine Beziehung besteht zwischen den Bürgern jener und dieser Welt.
Wie man sieht, hängt alles davon ab, was diese Grundsät ze für Gesichtspunkte eröffnen. Alles hängt ab davon, was man sich für Begriffe bildet über Geist und Seele, über Individualität und Persönlichkeit. Spiritisten werfen die beiden in Eines zusammen; der Theosoph trennt sie und sagt, dass von den beiden obgenannten Fällen abgesehen, kein Geist die Erde wiederbesucht, wenn auch die niedere Seele dies tut. Aber es sei zurückgekehrt zu dem unmit telbaren Gegenstand der Betrachtung, zu den Skandhas.
Frag.: Auf diese Art ist alles besser zu verstehen. Es ist, so zu sagen, der Geist derjenigen Skandhas, welche die edelsten sind, welche, sich angliedernd an das sich verkörpernde Ich, überleben, und es fügt sich dazu der Inhalt der geistigen Erfahrungen. Und es sind die Eigenschaften, die mit den materiellen Skandhas verbunden sind, welche aus dem Gebiete der Tatsachen zwischen zwei Inkarnationen verschwinden, ebenso wie sich alle selbstischen und persönlichen Motive auflösen. Diese erscheinen dann wieder bei der folgenden Inkarnation als karmische Ergebnisse; und daher wird der Geist des Devahan nicht verlassen. Ist dies nicht so?
Theos.: Nahezu so. Man muss nur noch hinzufügen, dass dieses Gesetz des Ausgleichs oder Karma die höchsten und am meisten spirituellen Eigenschaften im Devahan zur Geltung kommen lässt, und dass es für die Erde in Bezug auf diese Eigenschaften so wirkt, dass es mit ihrer Hilfe dem Ich die Mittel liefert, einen neuen entsprechenden Leib zu bilden. So wird die Darstellung ganz korrekt.
Frag.: Was wird aus den niedern Skandhas der Persönlichkeit nach dem Tode? Werden sie zerstört?
Theos.: Sie werden es und werden es nicht — das ist ein neues übersinnliches Geheimnis. Sie werden zerstört als eine Grundlage in der Hand der Persönlichkeit; sie verbleiben als karmische Resultate, als Keime, die sich festsetzen im Gebiete der irdischen Welt, bereit sich wieder zu beleben wie rächende Feinde und die neue Persönlichkeit des Ich zu ergreifen, wenn dieses sich inkarniert.
Frag.: Dies scheint zunächst über die menschliche Fassungskraft zu gehen, und es ist schwer verständlich.
Theos.: Es ist dies nicht mehr der Fall, sobald man sich auf die Einzelheiten einlässt. Denn dann sieht man, dass in Bezug auf Logik, geistige Vertiefung und tiefe Philosophie, göttliche Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, diese Lehre der Reinkarnation nicht ihres Gleichen auf der Erde hat. Man begründet damit den Glauben an einen immerwährenden Fortschritt für jedes sich verkörpernde Ich oder jede göttliche Seele, in einer Entwicklung von außen nach innen, vom Materiellen zum Spirituellen, wobei das Ich zuletzt zu einer wirklichen Vereinigung mit dem absolut Einigen Göttlichen kommt.
Von Stärke zu Stärke, von der Schönheit und Vollkommenheit einer Welt zu größerer Schönheit und Vollkommenheit einer anderen, mit Vermehrung in neuen Offenbarungen, in neuen Erkenntnissen und Kräften in jedem Entwicklungskreis, das ist die Bestimmung eines jeglichen Ich, das auf diese Art sein eigener Erlöser in jeder Welt und Verkörperung wird.
Frag.: Das lehrt aber auch das Christentum. Auch dieses predigt Fortschritt.
Theos.: Gewiss. Nur fügt es noch etwas hinzu. Es spricht von der Unmöglichkeit, die Seligkeit ohne einen wunderbaren Erlöser zu erreichen, und damit bestimmt es alle diejenigen zur Verdammnis, welche dieses Dogma nicht annehmen wollen. Darin liegt eben der Unterschied zwischen christlicher Theologie und Theosophie. Die erstere erzwingt den Glauben an das Herabsteigen des geistigen Ich in das niedere Selbst; die letztere betont die Notwendigkeit, sich selbst zum Christus- oder Buddhi-Zustand zu erheben.
Frag.: Indem sie aber die Vernichtung des Bewusstseins im Falle des Misslingens lehrt, könnte sie dadurch von Nichtmetaphysikern nicht so verstanden werden, dass sie eine Vernichtung des Selbst lehrt?
Theos.: Vom Standpunkt derjenigen, welche an die Wiedererstehung des Leibes im buchstäblichen Sinne glauben, und die da meinen, dass jeder Knochen, jede Ader und jedes Fleischteilchen wieder da sein werde am jüngsten Tage — möchte das wohl der Fall sein. Wenn man annimmt, dass die vergängliche Form und die endlichen Eigenschaften den unsterblichen Menschen ausmachen, dann wird man die Theosophie kaum verstehen. Und wenn man nicht versteht, dass man durch die Einschränkung des Ich auf ein Erdenleben aus der Gottheit einen ewigtrunkenen Indra der Buchstabengläubigen macht, einen grausamen Moloch, einen Gott, der ein unmögliches Durcheinander auf Erden anrichtet und dafür noch Dank begehrt, dann ist jedes weitere Wort der Unterredung vergeblich.
Frag.: Nun aber, nachdem die Frage der Skandhas erledigt ist, könnte vom Bewusstsein über den Tod hinaus gesprochen werden. Das ist doch die Sache, welche die meisten Menschen interessiert. Besitzt der Mensch im Devahan ein größeres Wissen als auf der Erde? Theos.: In einem Sinne kann er ein größeres Wissen erlangen. Man kann eine Tätigkeit, welche man liebt und der man nachstrebt, während des Lebens weiter entwickeln, vorausgesetzt dass sie sich auf geistige und ideale Dinge bezieht, wie erwa Musik, Malerei, Poesie usw., denn das Devahan ist nur eine idealisierte und subjektive Fortsetzung des Erdenlebens.
Frag.: Warum sollte aber der Geist im Devahan nicht die Gesamtheit des Wissens besitzen, da er doch frei vom Stoff ist?
Theos.: Weil, wie bereits angeführt worden ist, das Ich gewissermaßen gebunden ist an die Erinnerung der letzten Verkörperung. Wer alles überdenkt, was gesagt worden ist, und die Tatsachen in Zusammenhang miteinander bringt, der wird begreifen, dass der devahanische Zustand kein solcher der Allwissenheit ist, sondern eine übersinnliche Fortsetzung des mit dem Tode endenden persönlichen Lebens. Er ist die Ruhe der Seele von den Arbeiten des Lebens.
Frag.: Aber der wissenschaftliche Materialist behauptet, dass nach dem Tode nichts übrig bleibe; dass der menschliche Leib einfach in die ihn zusammensetzenden Teile auseinanderfällt und dass das, was man Seele nennt, nur ein zeitweiliges Selbstbewusstsein sei, hervorgebracht als Nebenprodukt der Lebenstätigkeit, die vergehe wie Dampf. Ist das nicht ein sonderbarer Zustand des Geistes? Theos.: Ganz und gar nicht, wenn man es unbefangen beurteilt. Wenn man sagt, dass das Selbstbewusstsein aufhört mit dem Leibe, dann spricht man eine Art unbewusster Prophezeiung aus, falls man in dieser Art denkt; denn ist man einmal fest überzeugt von dem, was da behauptet wird, so ist ein Bewusstsein nach dem Leben nicht mehr möglich zu denken. Es gibt eben Ausnahmen von jeder Regel.
Frag.: Wenn aber die Regel ist, dass das menschliche Selbstbewusstsein nach dem Tode weiterlebt, warum sollte es davon Ausnahmen geben?
Theos.: In den grundlegenden Wahrheiten der geistigen Welt sind Ausnahmen unmöglich. Aber es gibt eben Regeln für solche, welche sehen, und auch für solche, welche vorziehen blind zu bleiben.
Frag.: Das ist wohl zu verstehen. Man hat es aber doch nur mit dem Irrtum eines Blinden zu tun, der die Sonne leugnet, weil er sie nicht sieht. Aber nach dem Tode werden die geistigen Augen ihm doch gewiss das Sehen ermöglichen. Soll das gemeint sein?
Theos.: Ein solcher wird nichts sehen können. Er hat während des Lebens beharrlich die Fortsetzung des Daseins nach dem Tode geleugnet, und dadurch wird er unfähig sein, es wahrzunehmen. Seine geistigen Fähigkeiten sind im Leben verkümmert geblieben, deshalb kann er sie nach dem Tode nicht entwickeln. Er wird also blind bleiben. Wer behaupten wollte, dass er sehen muss, der meint augenscheinlich etwas anderes, als hier auseinandergesetzt wird! Er spricht vom Wesen des Geistes, vom Wesen der Flamme, oder von Atma, und verwechselt dies mit der menschlichen Seele, mit Manas. Ein solcher verstünde das hier Gesagte nicht. Es soll einmal klar gemacht werden. Es kommt darauf an, zu wissen, ob im Falle eines richtigen Materialisten der vollständige Verlust des Selbstbewusstseins und der Selbstwahrnehmung nach dem Tode möglich ist. Darauf ist zu antworten: Es ist möglich. Wer an der esoterischen Lehre festhält, insofern sich diese auf die Zeit nach dem Tode bezieht, oder auf die Zwischenzeit zwischen zwei Leben oder Geburten, als einem vorübergehenden Zustand — der muss sagen, dass, ob nun dieser Zustand zwischen den beiden Auftritten des Lebensdramas ein Jahr oder eine Million von Jahren dauert, er ohne eine Unterbindung des Grundgesetzes ein solcher sein kann, der dem eines Menschen in einer vollkommenen Ohnmacht gleicht.
Frag.: Da aber doch eben gesagt worden ist, dass die Grundgesetze, welche sich auf den Zustand nach dem Tode beziehen, eine Ausnahme nicht zulassen: wie kann dieses sein?
Theos.: Es soll auch nicht behauptet werden, dass es eine Ausnahme gibt. Aber das geistige Gesetz des Lebenslaufes ist nur auf das anwendbar, was wirklich ist. Wer Mundaka Upanishad und Vedänta Sara gelesen hat, der wird dies ohne weiteres einsehen. Weiter ist zu sagen: es genügt, eine Vorstellung davon zu haben, was mit Budhi und der Zweiheit des Manas gemeint ist, um einen klaren Begriff zu gewinnen, warum dem Materialisten ein Überleben des Selbstbewusstseins nach dem Tode fehlen wird. Da Manas in seinem niedern Aspekt der Sitz des irdischen Geistes ist, so kann es nur eine Wahrnehmung des Weltalls geben, welche auf den Augenschein dieses Geistes gebaut ist; es kann keine spirituelle Einsicht geben. In den östlichen Schulen wird gelehrt, dass zwischen Budhi und Manas, dem Ich oder Ishvara und Prajna2 in Wirklichkeit kein Unterschied ist anderer Art als der zwischen einem Wald und den Bäumen, einem See und seiner Wassermenge; so lehrt Mundaka. Ob nur ein oder hundert Bäume sterben aus Verlust der Lebenskraft oder durch Entwurzelung, das hindert doch nicht, dass der Wald ein Wald bleibt.
Frag.: Dann also stellt Budhi den Wald und Manas-Taijasa die Bäume dar. Wenn nun Budhi unsterblich ist, wie kann das, was ihm ähnlich ist, Manas-Taijasi,3 sein Bewusstsein gänzlich verlieren bis zum Tage einer neuen Geburt? Das scheint unverständlich.
Theos.: Man versteht es nur dann nicht, wenn man eine prinzipielle Darstellung des Ganzen mit einem zufälligen Verhalten in den einzelnen Formen verwechselt. Man muss aber eingedenk sein, dass Budhi-Manas unbedingt unsterblich ist; das ist aber nicht mit dem niederen Manas der Fall, noch weniger mit Taijasa, welches bloß eine Eigenschaft ist. Weder Manas noch Taijasa kann abgesondert von Budhi bestehen; das erstere ist in seinem niederen Aspekt eine der irdischen Persönlichkeit zukommende Eigenschaft; das zweite (Taijasa) ist identisch mit dem ersten, weil es dasselbe Manas ist, nur mit dem in ihm gespiegelten Licht der Budhi. — Aber Budhi würde nur ein unpersönlicher Geist bleiben ohne dieses Element, das von der menschlichen Seele herrührt und das aus ihr in der Illusions-Welt eine für sich abgesonderte Wesenheit macht, die als solche während des ganzen Kreislaufes der Verkörperung besteht. Man wird den Tatbestand am besten bezeichnen, wenn man sagt, dass Budhi-Manas weder sterben noch ihr geeinigtes Selbstbewusstsein jemals verlieren können; auch kann ihnen die Rückerinnerung an frühere Verkörperungen nicht verloren gehen, in denen die beiden — die spirituelle und die menschliche Seele — so zusammengeschlossen waren. Aber ein solches findet beim Materialisten nicht statt; seine menschliche Seele empfängt nicht nur nichts von der göttlichen, sondern sie will nicht einmal deren Dasein anerkennen. Man kann durchaus nicht den in Rede stehenden Grundsatz auf die Eigenschaften und Fähigkeiten der menschlichen Seele anwenden; denn das wäre gleichbedeutend damit, wenn man behaupten wollte, dass, weil die göttliche Seele unsterblich ist, so müsste auch das Rot der Wangen unsterblich sein, während doch dieses Rot gleich Taijasa nur eine vorübergehende Erscheinung ist.
Frag.: Soll damit gesagt sein, dass man nicht das Wesen mit der Erscheinung im Geiste, die Ursache mit der Wirkung verwechseln soll? Theos.: Es muss immer wieder betont werden, dass Taijasa, sofern man es beschränkt auf Manas oder die menschliche Seele, bloß etwas zeitlich Vergängliches ist, weil sowohl Unsterblichkeit wie Bewusstsein nach dem Tode für die irdisch-menschliche Persönlichkeit Eigenschaften werden, die bedingt sind von dem Glauben, dem sich die menschliche Seele während ihres Lebens hingegeben hat. Karma ist unaufhörlich tätig; nach dem Tode sammelt der Mensch lediglich die Früchte von dem, was er in diesem Leben gesäet hat.
Frag.: Wie aber steht es um die Bestrafung der Sünden des vergangenen Lebens, wenn das Ich nach der Zerstörung des Leibes in einen Zustand völliger Bewusstlosigkeit versinken kann?
Theos.: Die theosophische Weltanschauung lehrt, dass die karmische Bestrafung das Ich nur in der nächsten Verkörperung erreicht. Nach dem Tode empfängt es nur den Ausgleich für die unverdienten Leiden während der letzten Verkörperung.4 Die ganze Bestrafung nach dem Tode besteht daher für den Materialisten in der Abwesenheit einer Belohnung und in dem vollkommenen Fehlen des Bewusstseins von Seligkeit und Friede. Karma ist das Kind des irdischen Ich, die Frucht der Handlungen von dem Baume, der als objektive Persönlichkeit allen sichtbar ist, und nicht weniger die Frucht aller Gedanken und Beweggründe des spirituellen Ich; aber Karma ist auch die zärtliche Mutter, welche die Wunden heilt, die sie im vergangenen Leben beigebracht hat, bevor sie dem Ich neue hinzufügt. Es muss betont werden, dass es im Leben eines Sterblichen kein geistiges oder physisches Leiden gibt, das nicht die unmittelbare Wirkung und Folge irgend einer Sünde im verflossenen Leben wäre; andererseits darf aber auch nicht außer Acht gelassen werden, dass ja der Mensch nicht die leiseste Rückerinnerung an sein wirkliches Leben besitzt, also die Berechtigung der Strafe nicht einsieht, und nicht dem eigenen Verschulden diese zuschreibt. Dies berechtigt doch sicherlich zum Empfangen von Trost, Frieden und Seligkeit in dem Dasein nach dem Tode. Der Tod tritt an unser spirituelles Selbst stets als Befreier und Freund heran. Für den Materialisten, der trotz seines Materialismus kein schlechter Mensch war, wird die Zwischenzeit zwischen zwei Leben gleich dem ununterbrochenen und ruhigen Schlaf eines Kindes sein, der entweder ganz traumlos sein, oder der mit Bildern erfüllt sein wird, mit denen eine bestimmte Wahrnehmung nicht verknüpft sein wird. Für den gewöhnlichen Menschen wird es sich um einen Traum, wirklich wie das Leben und voll von Seligkeit und Wahrnehmungen, handeln.
Frag.: So hat die menschliche Persönlichkeit in Blindheit die karmischen Ausgleiche zu erdulden, von denen das Ich betroffen wird?
Theos.: Doch nicht ganz. Wenn der feierliche Augenblick des Todes eintritt, selbst dann, wenn dieser ein ganz plötzlicher ist, sieht der Mensch sein ganzes vergangenes Leben in allen Einzelheiten vor sich. Da wird für kurze Zeit die Persönlichkeit Eins mit dem individuellen und allwissenden Ich. Aber dieser Augenblick ist hinreichend, um die Kette von Ursachen zu zeigen, die während des Lebens entstanden sind. Der Mensch sieht da und versteht sich so, wie er ist, unbeeinflusst von Schmeichelei und Selbsttäuschung. Er liest sein Leben, das er nun, gleich einem Zuschauer überblickt, der in die Arena noch einmal hineinsieht, die er verlässt. Er fühlt und begreift die Gerechtigkeit aller Leiden, die ihn treffen.
Frag.: Ist solches bei jedermann der Fall?
Theos.: Es ist ohne Ausnahme so. Sehr gute und heilige Menschen sehen, wie man uns lehrt, nicht nur das Leben, aus dem sie eben weggegangen, sondern auch mehrere verflossene Leben, in denen die Ursachen gebildet worden sind, die sie zu dem gemacht haben, was sie in dem verflossenen Leben waren. Sie erkennen das Gesetz vom Karma in seiner vollen Größe und Gerechtigkeit.
Frag.: Gibt es etwas dem ähnliches vor der Wiedergeburt?
Theos.: Sicherlich. Wie der Mensch im Augenblick des Todes eine Rückschau auf das vergangene Leben hat, so hat er, im Augenblick des Antrittes eines neuen Erdenlebens, wenn das Ich aus dem Devahan erwacht, eine Vorschau auf das, was ihn erwartet, und er begreift all die Ursachen, welche dazu führen. Er begreift dieses und sieht in die Zukunft, weil das Ich zwischen dem Devahan und der Wiedergeburt für eine kurze Zeit wieder der Gott wird, der es war, bevor es in das karmische Gesetz verstrickt wurde, bevor es also zum ersten Male in den Stoff hinabsank und im Fleisch verkörpert wurde. Der «goldene Faden» sieht all seine Perlen; es fehlt ihm keine einzige.
Frag.: Einige Theosophen sprechen von einem goldenen Faden, an dem ihre Leben aufgereiht sind. Was ist damit gemeint?
Theos.: In den heiligen Büchern der Hindus wird gelehrt, dass dasjenige, was vom Menschen den periodischen Verkörperungen unterliegt, Süträtmä sei, was die «Fadenseele» bedeutet. Das ist ein Wort von gleicher Bedeutung mit dem sich verkörpernden «Ich» — Manas in seiner Verbindung mit Budhi —, das die manasischen Erinnerungen an alle vorausgegangenen Leben in sich aufnimmt. Es wird dies so genannt, weil an diesem Faden die lange Reihe der menschlichen Leben wie an einem Faden aufgereiht ist. In den Upanishaden werden diese wiederkehrenden Geburten verglichen mit dem Leben eines Sterblichen, welches periodisch zwischen Schlaf und Wachen hin und herpendelt.
Frag.: Das scheint keineswegs ganz klar zu sein. Und zwar aus dem folgenden Grunde. Für den Menschen, der aufwacht, beginnt ein neuer Tag; er aber ist derselbe in Bezug auf Leib und Seele, der er am vorhergehenden Tag war. Dagegen findet mit jeder Verkörperung nicht nur eine vollständige Erneuerung der äußeren Hülle statt, des Geschlechtes und der Persönlichkeit, sondern auch der geistigen und seelischen Fähigkeiten. Deshalb erscheint der Vergleich nicht ganz zutreffend. Der aus dem Schlafe aufwachende Mensch erinnert sich mit aller Klarheit, was er am vorhergehenden Tage getan hat, auch zwei Tage, ja Monate und Jahre zuvor. Aber keiner hat die leiseste Rückerinnerung an ein vergangenes Leben, oder an eine Tatsache, welche darauf Bezug hat. Man kann am Morgen vergessen, was man während der Nacht geträumt hat, aber man weiß dabei, dass man geschlafen hat und hat auch die Gewissheit, dass man während des Schlafes gelebt hat; aber was für eine Rückerinnerung kann man an eine frühere Verkörperung bis zum Augenblick des Todes haben? Wie ist darüber Klarheit zu schaffen?
Theos.: Es gibt Menschen, die sich während des gegenwärtigen Lebens an ihre früheren Verkörperungen erinnern; aber diese sind Buddhas und Eingeweihte. Das wird von den Yogis Sammasambuddha, oder die Kenntnis aller früheren Verkörperungen genannt.
Frag.: Aber wie können gewöhnliche Sterbliche, die nicht Sammasambuddha erreicht haben, dieses verstehen?
Theos.: Durch Studium und den Versuch, die drei Arten des Schlafes richtig zu verstehen. Schlaf ist ein allgemeines und unabänderliches Gesetz für Mensch und Tier, aber es gibt verschiedene Arten des Schlafes und noch mehr verschiedene Arten des Traumes und der Visionen.
Frag.: Aber dies führt zu einem anderen Gegenstande. Es möge noch einmal von dem Materialisten gesprochen werden, der, obgleich er das Vorhandensein der Träume nicht leugnen kann, doch die Unsterblichkeit im Allgemeinen und das Überleben der eigenen Individualität in Abrede stellt.
Theos.: Der Materialist ist im Recht, ohne das rechte Wissen davon zu haben. Wem alle innere Wahrnehmung und der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele fehlt, dessen Seele kann nimmermehr Budhi-Taijasa werden, sondern sie wird einfach Manas bleiben, und für Manas gibt es keine Unsterblichkeit. Will man in der kommenden Welt ein bewusstes Leben führen, so ist nötig, dass man während des Erdenlebens an ein solches glaube. Auf diese beiden Grundsätze der Geheimlehre ist alle Anschauung von einem Bewusstsein nach dem Tode und von der Unsterblichkeit der Seele aufgebaut. Nach der Auflösung des Leibes beginnt eine Periode von voll erwachtem Bewusstsein oder aber ein Zustand wirrer Träume, oder ein gänzlich traumloser Schlaf, der von der Vernichtung nicht zu unterscheiden ist. Dies sind die drei Arten des Schlafes. Wenn die Physiologen die Ursache der Träume und Visionen in einer unbewussten Vorbereitung derselben während des Wachlebens finden, warum sollte man nicht dasselbe für die Träume nach dem Tode zugeben? Man muss es wiederholen: Tod ist Schlaf. Nach dem Tode erhebt sich vor dem geistigen Auge der Seele eine Vorstellung, die übereinstimmt mit dem Programm, das er erlernt und wohl selbst unbewusst zusammengestellt hat: es besteht in der praktischen Ausgestaltung eines richtigen Glaubens oder auch der Illusionen, die von Menschen selbst geschaffen worden sind. Der Methodist wird Methodist, der Muselmann ein Muselmann sein, wenigstens für einige Zeit — in einer vollkommenen Toren-Welt nach eines jeden Menschen Schöpfung und Zubereitung. So sind die Früchte nach dem Tode vom Baume des Lebens. Gewiss kann der Glaube oder Unglaube an die bewusste Unsterblichkeit die unbedingte Wirklichkeit der Tatsache nicht beeinflussen, falls sie einmal besteht; aber der Glaube oder Unglaube in jene Unsterblichkeit als eine Eigenheit unabhängiger und für sich bestehender Wesenheiten muss die Tatsache in der einen oder anderen Weise färben in ihrem Verhältnis zu jenen Wesenheiten. So ist die Tatsache wohl zu verstehen?
Frag.: Es scheint wohl so zu sein. Der Materialist, der alles leugnet, was nicht durch die fünf Sinne bewiesen werden kann, oder durch den wissenschaftlichen Verstand, will ausschließlich alles beruhen lassen auf den von den Sinnen gelieferten Tatsachen ungeachtet der Mängel dieser Sinne. Er verwirft jede geistige Offenbarung und lässt dieses Leben nur als die einzige bewusste Existenz gelten. In Übereinstimmung mit diesem Glauben wird für ihn das Leben nach dem Tode sein. Er wird das persönliche Ich verlieren und in einen traumlosen Schlaf versinken bis zum Wiedererwachen. Das ist doch so?
Theos.: Fast ganz so. Man vergesse nicht die allgemein geltende Lehre von zwei Arten bewusster Existenz, von der irdischen und geistigen. Die letzte muss als wirklich betrachtet werden, insofern sie der ewigen unveränderlichen und unsterblichen Monade zukommt, wogegen das sich verkörpernde Ich sich in neue Hüllen kleidet, die ganz verschieden sind von denen früherer Verkörperungen, und in denen alles mit Ausnahme des geistigen Urbildes einem so vollständigen Wechsel unterworfen ist, dass von früheren auch nicht die geringste Spur bleibt.
Frag.: Wie ist dies nun eigentlich? Soll das irdische «Ich» nicht nur für eine bestimmte Zeit untergehen, gleich dem Bewusstsein des Materialisten, sondern ganz und gar, ohne eine Spur zurückzulassen?
Theos.: Es muss ganz untergehen nach den esoterischen Lehren, mit Ausnahme des Prinzips, dass durch Vereinigung mit der Monade eine reine und unzerstörbare Wesenheit wird, Zins mit ihr alle Ewigkeit hindurch. Aber wie kann bei einem vollkommenen Materialisten, dessen persönliches «Ich» nichts von der Budhi in sich aufgenommen hat, diese Budhi irgend einen Teil jener irdischen Persönlichkeit der Ewigkeit überliefern? Das spirituelle «Ich» ist unsterblich; aber von dem persönlichen Selbst kann nur das in die Ewigkeit übergehen, was der Unsterblichkeit wert geworden ist, nämlich nur das Aroma der Blume, welche vom Tode hinweggefegt worden ist.
Frag.: Wie aber verhält es sich mit der Blume, dem irdischen «Ich»?
Theos.: Die Blume, wie alle vergangenen und zukünftigen Blumen, die geblüht haben und noch blühen werden am Mutterstamm, dem Süträtma, alle Kinder der einen Wurzel, oder Budhi, werden zu Staub werden. Das gegenwärtige Ich ist nicht der Körper, noch ist es das, was ManasSüträtma genannt werden kann, sondern Süträtma-Budhi.
Frag.: Das erklärt aber nicht, warum man das Leben nach dem Tode unsterblich, unendlich und wirklich nennen kann, und das irdische Leben ein einfaches Phantom oder eine Illusion; denn es hat ja auch jenes Leben nach dem Tode seine Grenzen, wie immer diese auch weiter gesteckt sein mögen als diejenigen des irdischen Lebens.
Theos.: Zweifellos. Das geistige Ich eines Menschen bewegt sich ewig gleich einem Pendel zwischen den Zeiten der Geburt und des Todes. Aber wenn diese Zeiten, welche die Perioden des irdischen und geistigen Lebens bezeichnen, in ihrer Dauer beschränkt sind, und wenn auch die Zahl solcher Zustände in Ewigkeit zwischen Schlaf und Wachen, Illusion und Wirklichkeit begrenzt ist, so ist andererseits doch der geistige Wanderer ewig. So sind die Zeiten nach des Menschen Tod im Sinne der theosophischen Lehre die einzige Wirklichkeit. Er steht da entkörpert, während der Periode jener Wanderschaft, die man den Kreis der Wiedergeburten nennt, Gesicht gegen Gesicht der Wahrheit gegenüber und nicht den vorübergehenden irdischen Existenzen. Solche Zwischenzeiten verhindern das Ich nicht, trotzdem sie begrenzt sind, sich zu vervollkommnen und ohne Abirrung, wenn auch nur langsam und stufenweise seiner letzten Umwandlung entgegen zu gehen und göttlich zu werden, wenn es seine Zeit erreicht hat. Diese Zwischenzeiten und Anstrengungen helfen ihm vorwärts gegen sein endliches Ziel und hindern es nicht; und ohne solche Zwischenzeiten könnte das göttliche Ich sein letztes Ziel nicht erreichen. Es ist schon früher eine passende Illustration von all dem gegeben worden, indem das Ich verglichen worden ist mit einem Schauspieler, und die zahlreichen und verschiedenen Verkörperungen mit den Rollen, die er spielt. Kann man diese Rollen oder Kostüme die Individualität des Schauspielers nennen? Gleich jenem Schauspieler ist das Ich während des Kreislaufes der Notwendigkeit gezwungen, welcher zu der Schwelle von Parinirvana führt, viele Rollen zu spielen, die ihm nicht sympathisch sind. Aber wie die Biene ihren Honig aus jeder Blume saugt, und das Übrige als Futter den Erdwürmern überlässt, so macht es die geistige Individualität, gleichviel ob man sie Suträtma oder Ich nennt. Sie sammelt von jeder irdischen Persönlichkeit, in die sie sich nach dem Gesetze des Karma verkörpert, allein den Nektar der geistigen Eigenschaften und des Selbstbewusstseins; sie vereinigt alles dieses zu einem Ganzen und lässt daraus die Puppe des göttlichen Dhyan-Chihan hervorgehen. Umso schlimmer steht es für diejenigen irdischen Persönlichkeiten, aus denen sich nichts aufsammeln lässt. Solche Persönlichkeiten können sicherlich nicht über ihre irdische Existenz hinaus leben.
Frag.: Aus all dem scheint hervorzugehen, dass die Unsterblichkeit der irdischen Persönlichkeit doch nur eine bedingte ist. Ist denn aber die Unsterblichkeit nicht selbst eine unbedingte?
Theos.: Ganz und gar nicht. Die Unsterblichkeit kann das Nichtsein nicht berühren: Denn alles, was als «Sat» existiert oder vom «Sat» herrührt, nämlich Unsterblichkeit und Ewigkeit, ist absolut. Der Stoff ist der Gegenpol des Geistes, und doch sind die beiden Eines. Das Wesen von alle diesem, oder Geist, Kraft und Stoff, oder die Drei in Einem sind anfang- und endlos; aber die Form, die von dieser Dreieinigkeit während ihrer Verkörperungen angenommen wird, ist sicherlich nur die Vorstellung der Persönlichkeit. Daher wird Nirvana oder das allgemeine Leben allein die Wirklichkeit genannt, wogegen das irdische Leben mit Einschluss der Persönlichkeit und auch die devahanische Existenz in das Reich der Illusion gehören.
Frag.: Warum aber sollte der Schlaf eine Wirklichkeit, das Wachen dagegen eine Illusion genannt werden?
Theos.: Dies ist nur ein Vergleich zur Klärung des Verständnisses, auch vom Gesichtspunkt der irdischen Persönlichkeit ist dieser Vergleich ganz richtig.
Frag.: Es bleibt aber doch unverständlich, wie im Falle des Materialisten von der Persönlichkeit nichts übrig bleiben soll als die Reste einer abfallenden Blume, da doch im künftigen Leben Gerechtigkeit und verdienter Ausgleich das irdische Leiden belohnen sollen, und unter jenen Materialisten doch wirklich ehrenhafte und wohltätige Menschen sind.
Theos.: Solches soll auch nicht behauptet werden. Kein Materialist, wie ungläubig er auch sein mag, kann für immer seine geistige Individualität einbüßen. Es ist nur gesagt worden, dass das Bewusstsein ganz oder teilweise im Falle des Materialisten verschwinden kann, sodass von der Persönlichkeit nichts übrig bleibt.
Frag.: Das kommt doch aber der Vernichtung gleich.
Theos.: Keineswegs. Es kann jemand während einer langen Reise einen tiefen Schlaf schlafen, ohne die geringste Erinnerung, und auf einer Station aufwachen und die Reise durch zahlreiche Haltestellen hindurch fortsetzen, bis er sein Ziel erreicht hat. Es sind schon drei Arten von Schlaf erwähnt worden, der traumlose, der verworrene und derjenige, welcher so wirklich ist, dass die Träume für den Schläfer Wirklichkeiten werden. Wenn man an das letztere glaubt, warum sollte man an das erstere nicht glauben? Wie der Mensch sein künftiges Leben glaubt und erwartet, so wird es sein. Wer ein künftiges Leben nicht erwartet, wird nach dem Tode eine absolute Niete haben, die einer Vernichtung gleichkommt. Das ist doch nichts anderes als die Verwirklichung eines Programmes, das von dem Materialisten selbst entworfen wird. Aber man unterscheidet mit Recht zwischen verschiedenen Arten von Materialisten. Ein selbstsüchtiger, bösartiger Egoist, ein solcher, der niemals für jemand anders als nur für sich selbst eine Träne übrig hat, und der auf diese Art noch die Gleichgültigkeit gegenüber der ganzen Welt zu seinem Unglauben hinzufügt, muss an der Todesschwelle seine Persönlichkeit für immer aufgeben. Weil diese Persönlichkeit nichts hat von Sympathie für die sie umgebende Welt, also auch durch nichts verbunden wird mit Sutratma, muss beim letzten Atemzug jedes Band mit diesem durchschnitten sein. Es gibt für einen solchen Materialisten kein Devahan; das Sutratma wird sich sogleich wieder verkörpern. Aber diejenigen Materialisten, die sich in nichts irren, als in diesem Unglauben, werden einfach nur eine Station verschlafen. Und es wird der Zeitpunkt eintreten, wo solche Menschen sich selbst in der Ewigkeit finden und wohl bereuen werden ihren verlorenen Tag, die eine Station, die für sie aus der Ewigkeit ausgelöscht ist.
Frag.: Würde es nun nicht richtiger sein, zu sagen, dass der Tod die Geburt zu einem neuen Leben, oder eine erneute Rückkehr in die Ewigkeit sei?
Theos.: Man könnte so sagen. Nur darf man nicht vergessen, dass die Geburten verschieden sind, und dass es auch Geburten von totgebornen Wesen gibt, welche Naturfehler darstellen. Überdies sind für die westlichen Ideen über das materielle Leben die Worte «lebend» oder «seiend» ganz ungeeignet für den rein subjektiven Zustand nach dem Tode. Außer bei einigen wenigen Philosophen, die nicht von vielen gelesen werden, und die zu verwickelt sind, um ein deutliches Bild der Sache zu geben, finden sich da nur Vorstellungen über Leben und Tod, die so kleinlich geworden sind, dass sie auf der einen Seite zu einem krassen Materialismus führen und auf der anderen Seite zu der noch materialistischeren Auffassung eines anderen Lebens, das die Spiritisten als ihr «Sommerland» bezeichnen. Da essen, trinken, heiraten die menschlichen Seelen und leben ein Leben wie in dem sinnlichen Paradies des Mohammed, was keineswegs philosophisch ist. Auch ist die gewöhnliche Vorstellung des unentwickelten Christen nicht besser; ja, sie ist, wenn möglich, noch materialistischer. Es nimmt sich wie eine Märchenszene einer Weihnachtspantomime aus, was da der christliche Himmel an Engeln, Trompeten, goldenen Harfen und dem materiellen Höllenfeuer aufweist.
Wegen dieser kleinlichen Vorstellungen ist das Verständnis der Sache so schwierig. Weil das Leben der entkörperten Seele wie in gewissen Träumen keine objektive Wirklichkeit hat, dafür aber ein umso wirklicheres Leben ist: Deshalb haben es gewisse östliche Weltauffassungen nur mit einer Summe von Visionen des Schlafes verglichen.
Frag.: Könnte nicht die Verwirrung der Vorstellungen daher kommen, dass es für die bezüglichen Prinzipien des Menschen keine bestimmten, feststehenden Ausdrücke gibt?
Theos.: Das könnte man zugeben. Die Verwirrung rührt davon her, dass bei den theosophischen Erklärungen begonnen worden ist Sanskrit-Namen anzuwenden für die Prinzipien, statt der entsprechenden Bezeichnungen in den abendländischen Sprachen. Da muss eine Besserung eintreten.
Frag.: Das wird gut sein, um fernere Verwirrung zu vermeiden. Denn es scheint, dass nicht zwei theosophische Schriftsteller ein und dasselbe «Prinzip» mit demselben Namen belegen.
Theos.: Die Verwirrung ist jedoch eine mehr scheinbare als wirkliche. Man kann wohl hören, dass einige Theosophisten ihr Erstaunen kundgeben und die Aufsätze kritisieren, welche von den Prinzipien handeln. Prüft man aber die Sache, so obwaltet kein größerer Missgriff, als dass das Wort «Seele» gebraucht worden ist an Stelle einer genauen Bezeichnung der drei Prinzipien. Der erste und zweifellos klarste der theosophischen Schriftsteller hat einige einleuchtende und bewundernswerte Stellen über das «höhere Selbst». Aber nichts desto weniger sind seine wirklichen Ideen von einigen missverstanden worden, die das Wort «Seele» in einem zu allgemeinen Sinne nahmen. Es sollen einige Stellen zeigen, wie klar und einleuchtend alles ist, was er über den Gegenstand schreibt. «Die menschliche Seele, einmal eingetaucht in den Strom der Entwicklung als eine menschliche Individualität, geht durch abwechselnde Perioden von physischen und relativ-geistigen Existenzen. Sie geht von dem einen Plan oder der einen Schicht oder Bedingung der Natur zur andern über unter der Führung der karmischen Kräfte; sie lebt da in den Verkörperungen des Lebens, welches Karma bestimmt; sie modifiziert ihren Fortschritt innerhalb der Grenzen der Umstände, und — indem sie neues Karma durch Gebrauch oder Missbrauch der Verhältnisse macht — kehrt sie zur spirituellen Existenz (Devahan) nach jedem physischen Leben zurück, durch die Zwischenregion von Kamaloka hindurch — zum Behufe der Ruhe und Erholung und um stufenweise der Aufnahme in ihre Wesenheit zuzueilen, und dem kosmischen Fortschritt so viel einzufügen, als sie während der physischen Existenz «auf der Erde» an Erfahrungen gewonnen hat. Dieser Anblick des Stoff-Willens hat überdies viele nebenherlaufende Einflüsse auf das Subjekt bewirkt; so ist der Übergang des Bewusstseins von Kamaloka in den devahanischen Zustand für den Fortschritt notwendig ein stufenweiser, und es gibt in Wahrheit keine feste Grenze, welche die verschiedenen geistigen Bedingungen trennt; ebenso wenig wie eine solche zwischen dem spirituellen und physischen Plan vorhanden ist, wie die psychischen Fähigkeiten in lebenden Menschen beweisen; und beide Welten sind nicht so hoffnungslos von einander abgesondert, wie die materialistischen Theorien glauben machen wollen. Es sind alle Zustände der Natur gleichzeitig um uns herum vorhanden und stehen im Verhältnis zu den Wahrnehmungsfähigkeiten usw. ... Es ist klar, dass jemand, der während der physischen Existenz psychische Fähigkeiten besitzt, in Verbindung mit den Welten des überphysischen Bewusstseins bleibt; und obgleich die meisten Menschen mit solchen Fähigkeiten nicht begabt sind, so beweisen doch die Erscheinungen des Schlafes und besonders diejenigen des Somnambulismus oder Mesmerismus, dass wir alle fähig sind in Bedingungen eines Bewusstseins einzutreten, die nichts mit den fünf Sinnen zu tun haben. Wir — die Seelen in uns — sind nicht gänzlich dem Meere des Stoffes ausgeliefert. Wir behalten sicher ein Interesse und Recht in Bezug auf ein Überlebendes an der Küste, an die wir für einige Zeit verschlagen sind. Der Vorgang der Verkörperung ist daher nicht vollkommen beschrieben, wenn man von einer abwechselnden Existenz auf den physischen und spirituellen Planen spricht, und die Sache so darstellt, als ob die Seele einfach von dem einen Zustand in den andern überginge. Eine richtigere Erklärung ist es wohl, wenn man die gegenwärtige Verkörperung herleitete von einem teilweisen Ausfluss aus der Seele auf den physischen Plan. Das spirituelle Gebiet würde dann stets die Wohnung der Seele sein, und diese würde niemals ganz aus ihm herausgehen; und der nicht materialisierte Teil der Seele, der beständig auf dem spirituellen Plane bleibt, könnte als das höhere Selbst bezeichnet werden.
Das «höhere Selbst» ist Atma, und daher kann es sich nicht verkörpern, sagt Sinnett. Außerdem kann es nie eine objektive Wahrnehmung werden, selbst für die höchste spirituelle Wahrnehmungsfähigkeit nicht. Denn Atman oder das «höhere Selbst» ist in Wirklichkeit Brahma, das Absolute, und von ihm nicht zu unterscheiden. In den Stunden von Samadhi ist das höhere geistige Bewusstsein des Eingeweihten ganz aufgenommen von der einen Wesenheit, welche Atman ist, und da es Eins mit dem Ganzen ist, kann es nicht sich selbst objektiv wahrnehmbar sein. Nun gebrauchen einige Theosophisten die Worte «Selbst» und «Ich» als gleichbedeutend; so wird der Ausdruck «Selbst» mit dem persönlichen «Selbst», dem Ich oder der höheren Individualität des Menschen verbunden, während er nur zur Bezeichnung des «Einen universellen Selbst» dienen sollte. Daher kommt eine Verwirrung. Sofern man von Manas, dem «Causalkörper» spricht und dies in Verbindung denkt mit der buddhischen Ausstrahlung, soll man es «höheres Ich», nicht «höheres Selbst» nennen. Denn Budhi, die spirituelle Seele, ist nicht das «Selbst», sondern nur dessen Träger. Alle andern Selbste, wie das individuelle Selbst und das persönliche Selbst sollten immer mit den entsprechenden Beiwörtern gebraucht werden.
So wird in dem oben erwähnten ausgezeichneten Aufsatz über das «höhere Selbst» der Ausdruck für das sechste Prinzip oder Budhi gebraucht — natürlich in Verbindung mit Manas, denn ohne dieses ist kein denkendes Prinzip oder Element der spirituellen Seele möglich — und davon sind viele Missverständnisse ausgegangen. Die Feststellung, dass ein Kind das sechste Prinzip nicht erwerben und deshalb bis zu seinem siebenten Jahre keine moralische Verantwortlichkeit haben kann, beweist, was da mit dem «höheren Selbst» gemeint ist. Deshalb kann dieser Autor wohl sagen, dass, nachdem das «höhere Selbst» in die menschliche Wesenheit eingezogen ist und die Persönlichkeit durchdrungen hat, in einigen feiner organisierten Naturen mit psychischen Fähigkeiten in der Tat durch die feineren Sinne für eine gewisse Zeit das höhere Selbst wahrnehmbar werden könne. Aber dafür sind auch alle, welche den Ausdruck «höheres Selbst» beschränken auf das eine göttliche Prinzip, berechtigt, die Behauptung misszuverstehen. Denn wenn man, ohne in den Kunstgriffen der metaphysischen Ausdrucksweise bewandert zu sein, liest, dass «während es sich offenbart in der physischen Welt ... das höhere Selbst doch ein bewusstes spirituelles Ich auf dem entsprechenden Weltgebiet bleibt», so kann man in diesem Satze das «höhere Selbst» auf Atma beziehen und auf das spirituelle Ich-Manas, oder wohl Budhi-Manas, und die ganze Sache kommt in Verwirrung.
Um hinfort Missverständnisse zu vermeiden, sollen die Ausdrücke der östlichen Auffassung hier übersetzt werden:
Das höhere Selbst ist Atma, der unabtrennbare Strahl des allgemeinen und einen Göttlichen. Es ist der Gott mehr über uns als in uns. Glücklich der Mensch, welcher es erreicht, sein «Inneres Ich» ganz damit zu durchdringen.
Das spirituelle göttliche Ich ist die spirituelle Seele oder Budhi, in geschlossener Verbindung mit Manas, dem Seelenprinzip, ohne welches das erstere nicht ein Ich, sondern nur ein Träger von Atma ist.
Das innere, oder höhere Ich ist Manas, das «fünfte» Prinzip, so genannt, wenn es unabhängig von Budhi gedacht wird. Das Seelen-Prinzip ist nur das spirituelle Ich, wenn es Eins mit Budhi ist; von keinem Materialisten kann vorausgesetzt werden, dass er ein solches Ich besitzt, wie groß auch seine Vernunftfähigkeiten sonst sind. Es ist die bleibende, sich immer wieder verkörpernde Individualität.
Das niedere, oder persönliche Ich ist der physische Mensch in Verbindung mit dem niedern Selbst, das sind Instinkte, Leidenschaften, Wünsche usw. Dies wird die «täuschende» Persönlichkeit genannt, und besteht in dem niedern Manas in Verbindung mit Kama-Rupa, und ist durch den physischen Körper und sein Bild, den Astralleib tätig.
Das hier nicht aufgezählte Prinzip «Prana», oder Leben, ist genau gesprochen die von Atma, dem allgemeinen Leben oder Einem Selbst, ausstrahlende Kraft, dessen niederer oder mehr physischer — weil sich offenbarender Aspekt. Prana oder das Leben durchdringt das ganze Wesen des objektiven Weltalls; es wird nur deshalb ein Prinzip genannt, weil es ein unentbehrlicher Faktor und die treibende Kraft im lebenden Menschen ist.
Frag.: This classification seems better in its simplicity than the complicated one given earlier.
Theos.: If outsiders or even Theosophists were to accept it, it would certainly be very helpful in understanding.
-
Nicht Devahan, denn dieses ist eine Illusion unseres Bewusstseins, ein glücklicher Traum, und diejenigen, welche für Nirvana reif sind, müssen jeden Wunsch und selbst die Möglichkeit nach einer Ilusionswelt aufgeben. ↩
-
Ishvara ist das Gesamtbewusstsein der geoffenbarten Gottheit, Brahma, das ist das Gesamtbewusstsein der Scharen von Dhyan-Chohans; und Prajna ist ihre individuelle Weisheit. ↩
-
Taijasa bezeichnet den Strahl in seiner Vereinigung mit Budhi; das ist Manas, die menschliche Seele, erleuchtet durch einen Strahl der göttlichen Seele. Daher wird Manas-Taijasa beschrieben als Geistesstrahl; die menschliche Vernunft erleuchtet durch das Licht des Geistes; und Budhi-Manas ist die Offenbarung des göttlichen Intellektes vermehrt um den menschlichen und das Selbstbewusstsein. ↩
-
Einige Theosophisten lassen eine Ausnahme von diesem Satze zu; aber die obigen Worte sind diejenigen des Meisters, und die mit dem Worte «unverdient» verknüpfte Bezeichnung ist die oben gegebene. Die wesentliche Idee ist, dass Menschen oft unter den Wirkungen der Taten anderer leiden, die also nicht zu ihrem Karma gehören; für diese Leiden finden sie dann den Ausgleich. ↩