X. Das Wesen des denkenden Prinzips
Frag.: In der hier angeführten Bemerkung aus dem «Buddhistischen Katechismus» ist etwas enthalten, was der Aufklärung bedarf. Da wird gesagt, dass die Skandhas — zu denen das Gedächtnis gezählt wird — sich mit jeder neuen Verkörperung ändern. Und doch wird behauptet, dass die Spiegelung der vergangenen Leben, die doch ganz von den Skandhas abhängt, überleben müsse. Soll man klar verstehen, was eigentlich überlebt, so muss dies aufgeklärt werden. Was überlebt? Ist dies nur der «Widerschein», oder die Skandhas, oder immer das gleiche Ich, das Manas?
Theos.: Eben ist auseinandergesetzt worden, dass das sich wiederverkörpernde Prinzip, oder das, was man den göttlichen Menschen nennt, durch den ganzen Lebenszyklus hindurch unzerstörbar ist. Der «Widerschein» ist nur die vergeistigte Erinnerung der Persönlichkeit während der devahanischen Periode, mit dem sich das Ich als Eins erklärt während jener Periode. Da die devahanische Periode nur die Fortsetzung des Erdenlebens ist, gewissermaßen die Blüte und der Gipfel der wenigen glücklichen Augenblicke jenes vergangenen Lebens, so wird das Ich sich für Eins erklären mit dem persönlichen Bewusstsein des Erdendaseins, wenn irgendetwas übrig bleiben soll.
Frag.: Damit wäre dann gemeint, dass das Ich, unbeschadet seiner göttlichen Wesenheit, eine solche Periode zwischen zwei Verkörperungen in einem Zustande geistiger Umnachtung, oder zeitweiligen Irreseins verbringt.
Theos.: Das mag man ansehen, wie man will. Da die Theosophie lehrt, dass außer der Einen Wirklichkeit nichts etwas anderes ist als eine vorübergehende Illusion — das ganze Weltall mit eingeschlossen — so braucht man dies nicht als Irresein zu betrachten, sondern als eine natürliche Entwicklungsfolge des Erdenlebens. Was ist das Leben? Ein Bündel sehr mannigfaltiger Erfahrungen, von täglich sich verändernden Vorstellungen, Willensimpulsen und Meinungen. In unserer Jugend hängen wir oft begeistert einem Ideal an, bekennen uns zu einem Heros, dem wir versuchen nachzufolgen; wenige Jahre später, wenn die Frische unseres jugendlichen Fühlens dahin ist, sind wir die ersten, die über die Phantasiebilder lächeln. Und es gab doch einen Tag, an dem wir unsere eigene Persönlichkeit ganz Eins erklärten mit dem Ideal unserer Seele — besonders wenn es sich um ein lebendes Wesen handelte — sodass wir in dem Ideal uns ganz verloren. Kann man einen Menschen von fünfzig Jahren dasselbe Wesen nennen, das er mit zwanzig war? Der innere Mensch ist derselbe; die äußere lebendige Persönlichkeit ist vollständig verwandelt. Soll man denn auch diese Veränderung des geistigen Zustandes im Menschen Irresein nennen?
Frag.: Wie soll man es nun nennen, und insbesondere wie das Bleibende des einen und das Vorübergehende des andern Zustandes erklären?
Theos.: Für die theosophische Weltauffassung liegt hier keine Schwierigkeit vor. Die Möglichkeit einer Erklärung ergibt sich aus dem zweifachen Bewusstsein unserer Seele, und auch aus dem zweifachen Wesen des denkenden Prinzips. Es gibt ein spirituelles Bewusstsein — die manasische Seele durchleuchtet von dem Lichte der Budhi — welche subjektiv das Geistige wahrnimmt; — und ein empfindendes Bewusstsein, welches unabtrennbar von unserem physischen Gehirn und den Sinnen ist. Dies letztere Bewusstsein ist dem Gehirn und den Sinnen zugeordnet und gehört zu diesen, folglich muss es mit ihnen verschwinden. Nur das spirituelle Bewusstsein, dessen Wurzel im Ewigen liegt, kann überleben und für immer bestehen bleiben. Dies allein also kann als unsterblich angesehen werden. Alles Übrige gehört zu den vergänglichen Illusionen.
Frag.: Was ist in diesem Falle eigentlich unter Illusion zu verstehen?
Theos.: Dies ist sehr gut charakterisiert in dem oben angeführten Aufsatz über das «höhere Selbst», wo der Autor sagt: «Die Theorie, die soeben betrachtet worden ist (der Verkehr zwischen dem höheren Ich und dem niedern Selbst) stimmt sehr gut überein mit der Ansicht von dieser Welt, in der wir leben, als einer Erscheinungs-Welt der Illusion; dagegen ist die geistige Welt andererseits die Welt der Wirklichkeit. Die Welt, in welcher sozusagen die bleibende Seele wurzelt, ist wirklicher als diejenige ist, in welcher die vergänglichen Blüten der Seele für eine kurze Spanne Zeit verweilen, um dann in Teile zu zerfallen, während die Pflanze Kraft sammelt, um sie einer frischen Blüte zuzuführen. Man setze einmal voraus, dass nur die Blüten für die gewöhnlichen Sinne wahrnehmbar seien und dass deren Wurzeln in einem für den Menschen unsichtbaren Zustande seien, dann würden die philosophischen Betrachter einer solchen Welt, die eine Ahnung hätten, dass es solche Wurzeln in einer andern Welt gibt, geneigt sein, zu sagen: die Blumen sind nicht wirklich die Pflanzen; sie haben keine relative Wichtigkeit, sie sind nur die illusionären Erscheinungen des Augenblicks.»
Das ist auch hier gemeint. Die Welt, in welcher die vorübergehenden Blumen der Persönlichkeit leben, ist durchaus nicht die wirkliche; dieser Name kommt vielmehr einzig und allein derjenigen zu, in welcher sich die Wurzel des Bewusstseins findet, jene Wurzel, die über alle Illusion erhaben ist und der Ewigkeit angehört.
Frag.: Was ist mit der Wurzel, welche der Ewigkeit angehört, gemeint?
Theos.: Damit ist die denkende Wesenheit gemeint, das Ich, das sich wiederverkörpert, ob wir es nun als einen Engel, als Geist oder als Kraft ansehen. Von dem unseren sinnlichen Wahrnehmungen Zugänglichen kann nur das des unsterblichen Lebens teilhaftig werden, was mit dieser unsichtbaren Wurzel verknüpft ist. Deswegen muss jeder edle Gedanke, jede Vorstellung oder Bestrebung solcher Art, welche von dieser Wurzel entspringen oder von ihr genährt werden, bleibend sein. Das physische Bewusstsein dagegen muss verschwinden, da es nur eine Eigenschaft des wahrnehmenden oder niederen manasischen Wiederscheins ist — von Kama-Rupa oder dem tierischen Instinkt, der von der niederen manasischen Reflexion oder der menschlichen Seele erleuchtet wird. — Es ist das höhere Bewusstsein, welches tätig ist, während der Körper dem Schlaf oder der Lähmung verfallen ist; das menschliche Gedächtnis verzeichnet diese Tätigkeit nur schwach und ungenau — weil automatisch — und oftmals machen sie auf dasselbe überhaupt keinen Eindruck.
Frag.: Wie ist es aber möglich, dass jenes Manas, das hier «nous», ein Gott genannt wird, so schwach ist während seiner Verkörperung, dass es besiegt, ja gefesselt werden kann?
Theos.: Man könnte dem eine andere Frage entgegensetzen: Wie ist es möglich, dass derjenige, welcher als «Gott der Götter», als der Eine lebendige Gott angesehen wird, so schwach werden kann, um zu gestatten, dass das Böse (oder der Teufel) ebensowohl über ihn als über seine Geschöpfe Macht haben kann, sowohl während er im Himmel verweilt, wie auch während seiner Verkörperung auf Erden? Man wird ja darauf antworten, das sei ein Geheimnis, und dem Menschen sei verboten, die Geheimnisse der Gottheit zu erforschen. Weil es aber in der Theosophie ein solches Verbot nicht gibt, so muss man in ihrem Sinne darauf antworten, dass, außer wenn ein Gott als Avatara herniedersteigt, jegliches göttliche Prinzip verzerrt und gelähmt werden muss durch den zerstörenden tierischen Stoff. In der Welt der Illusionen wird das Unangemessene immer die Oberhand haben über das Angemessene; und es ist für das letztere nicht leicht, sich auf Erden zu behaupten. Geistige und göttliche Kräfte liegen schlummernd in jeglichem menschlichen Wesen; und einen je umfassenderen Kreis spiritueller Anschauung das letztere hat, desto mächtiger wird der Gott in ihm sein. Aber wenige Menschen können diesen Gott wahrnehmen. Und für gewöhnlich ist die Göttlichkeit in unseren Gedanken immer gebunden und begrenzt von früheren Vorstellungen, von Gedanken, die seit der Kindheit von uns aufgenommen worden sind. Aus diesem Grunde ist das Verständnis der Theosophie so schwierig.
Frag.: Und kann unser Ich unser Gott genannt werden?
Theos.: Keineswegs. «Ein Gott» ist nicht die allgemeine göttliche Wesenheit, sondern nur ein Tropfen aus dem Meere des Göttlichen. Der Gott in uns, oder «unser Vater im Verborgenen» ist das, was man das höhere Selbst oder Atma nennt. Unser sich verkörperndes Ich war ein Gott in seinem Ursprunge, gleich allen ursprünglichen Ausströmungen des Einen unerkannten Prinzips. Aber seit seinem «Fall in die Materie» muss es sich durch den Weltkreislauf hindurch immer wieder verkörpern, und so kann es nicht ein freier und glücklicher Gott sein, sondern ein armer Wanderer auf dem Wege, wieder zu gewinnen, was er verloren hat. Man kann darauf auch zur besseren Aufklärung mit dem antworten, was über den inneren Menschen in «Isis Unveiled» steht ($. 593): «Von Urzeit an war die Menschheit immer überzeugt von dem Vorhandensein einer persönlichen spirituellen Wesenheit innerhalb des physischen Menschen. Diese innere Wesenheit galt als mehr oder weniger göttlich, entsprechend seiner Nähe zu seinem Urgrund ... Je geschlossener die Einheit damit, umso besser des Menschen Schicksal, um so ungefährlicher die äußeren Verhältnisse. Dieser Glaube ist weder Abgötterei noch Aberglaube, sondern ein immergegenwärtiges, instinktives Empfinden der Nähe einer anderen und unsichtbaren Welt, welche, obgleich sie für die Sinne des äußeren Menschen subjektiv ist, doch vollkommen objektiv für das innere Ich genannt werden muss. Weiter bestand der Glaube, dass es äußere und innere Bedingungen gibt, welche die Bestimmungsgründe für unseren Willen in Bezug auf unsere Handlungen abgeben. Der Fatalismus wurde verworfen, denn dieser schließt die blinde Wirksamkeit einer blinden Kraft in sich. Aber rege war der Glaube an die Bestimmung (Karma), welcher ein jeder Mensch sich, Faden an Faden, von der Geburt bis zum Tode selbst spinnt, wie die Spinne ihr Netz, und diese Bestimmung wird geleitet von unserem inneren astralen Menschen, der von einigen der Schutzengel genannt wird, aber der nur zu oft auch der böse Genius des fleischlichen Menschen (oder der Persönlichkeit) ist. Beide führen den Menschen; aber einer von ihnen muss die Oberhand gewinnen. Und von dem Beginn des unsichtbaren Kampfes schreitet das unvertilgbare Gesetz des Ausgleiches fort und nimmt seinen Lauf, indem es allen Schwankungen des Kampfes folgt. Wenn der letzte Knoten gewoben ist und der Mensch anscheinend in dem Netzwerk seiner eigenen Taten gefangen ist, dann findet er sich selbst völlig unter der Herrschaft der selbsterzeugten Bestimmung. Entweder befestigt er ihn dann gleich einer wertlosen Hülle an einem unbeweglichen Felsen, oder er trägt ihn empor gleich einer Feder in dem durch die eigenen Handlungen erregten Wirbelwind.» So ist das Schicksal des Menschen, des wahren Ich, nicht des Automaten, der Hülle, die diesen Namen trägt. An diesem Menschen ist es, der Sieger über den Stoff zu werden.
Frag.: Es sollte aber etwas über die wirkliche Wesenheit von Manas und die Beziehungen gesagt werden, welche die Skandhas des physischen Menschen dazu haben.
Theos.: Diese Wesenheit ist geheimnisvoll, wandelbar, sie ist schattenhaft in ihren Beziehungen zu anderen Prinzipien; deshalb ist es so schwierig, sie zu begreifen, und noch schwieriger, sie auseinanderzusetzen. Manas ist Prinzip, und doch ist es eine Wesenheit und Individualität oder Ich. Es ist ein Gott und es ist einem endlosen Kreislauf von Verkörperungen unterworfen; und für eine jede derselben ist es verantwortlich, und für jede hat es zu leiden. All dieses scheint in einen Widerspruch, auch in eine Verwirrung zu führen. Und trotzdem sind in Europa hunderte von Menschen, die dafür ein völliges Verständnis haben, denn sie begreifen das Ich nicht nur in seiner Einheit, sondern auch in seinen verschiedenen Aspekten. Um aber verständlich zu werden, muss auf den Anfang zurückgegangen und das Werden des Ich in Hauptlinien gegeben werden.
Frag.: Es möge geschehen.
Theos.: Man versuche sich einen Geist vorzustellen, eine himmlische Wesenheit, ob man es nun mit diesem, oder einem anderen Namen bezeichnen will. Sie sei göttlich ihrer Natur nach, aber nicht rein genug, um Eins zu sein mit dem All; und folglich ist sie genötigt ihre Natur zu reinigen, wenn sie ihr Ziel erreichen soll. Das kann nur geschehen, wenn sie individuell und persönlich, das heißt spirituell und physisch, durch eine jegliche Erfahrung hindurchgeht und alles miterlebt, was in dem mannigfaltigen Weltall vorhanden ist. Sie muss daher, nachdem sie die Erfahrungen der niederen Naturreiche durchlebt hat und höher und höher gestiegen ist auf der Leiter des Daseins, hindurchgehen durch die möglichen Erlebnisse im Bereiche der menschlichen Welt. In seiner wahren Bedeutung ist es Gedanke, und es wird daher — als Mehrheit gedacht — Manasa Putras oder Söhne des universellen Geistes genannt. Dieser individualisierte Gedanke ist das, was die Theosophie das wirklich menschliche «Ich» nennt, die menschliche Wesenheit, eingeschlossen in eine Hülle von Fleisch und Bein. Das ist sicherlich eine spirituelle Wesenheit, kein Stoff, und solche Wesenheit sind die sich inkarnierenden Ichs, welche das Bündel von Stoff bilden, das man Menschheit nennt, und die sich inkarnierenden Ichs selbst nennt man Manasa-Putras, das sind Seelen. Wenn sie aber einmal verkörpert oder inkarniert sind, dann wird ihre Wesenheit zweifach; es nehmen nämlich die Strahlen des göttlichen Geistes, betrachtet als individuelle Wesenheiten, zwei Attribute an: (a) ihr ihnen ureigenes Kennzeichen, den himmelwärts weisenden Geist oder das höhere Manas, und (b) das menschliche Denkvermögen, die niedere Erkenntnis, das zum Kama neigende niedere Manas. Das erstere strebt Budhi entgegen, das andere neigt sich abwärts zum Sitz der tierischen Begierden und Wünsche. Das letztere hat keine Wurzel im Devahan, noch kann es sich verbinden mit der göttlichen Dreiheit, die als eine Einheit emporsteigt zur geistigen Seligkeit. Doch ist es das Ich, die manasische Wesenheit, die verantwortlich ist für alle Sünden der niederen Glieder, gleichwie die Eltern für die Verfehlungen des Kindes verantwortlich sind, solange dieses unmündig ist.
Frag.: Ist mit dem Kind die Persönlichkeit gemeint?
Theos.: So ist es. Wenn aber behauptet wird, die Persönlichkeit sterbe mit dem Körper, so ist das nicht ganz so. Der Körper, welcher nur das objektive Sinnbild von Herrn X oder Frau Y war, geht zugrunde mit all den materiellen Skandhas, welche der sichtbare Ausdruck davon sind. Aber alles, was während des Lebens die Summe geistiger Erfahrungen ausmachte, alle edlen Bestrebungen, alle unvergänglichen Neigungen, die ganze selbstlose Natur des Herrn X oder der Frau Y bleibt für die ganze devahanische Zeit mit dem Ich verbunden, und das Ich ist Eins mit dem geistigen Teil der irdischen Wesenheit, das vom irdischen Schauplatz dann verschwunden ist. Der Schauspieler ist so durchdrungen von seiner Rolle, die er zuletzt gespielt hat, dass er davon während der ganzen devahanischen Nacht träumt, und diese Vision setzt sich fort, bis die Stunde seiner Rückkehr in das Leben gekommen ist, und er in einem andern Stück spielen soll.
Frag.: Aber warum hat diese Lehre, da doch behauptet wird, sie sei so alt als die denkende Menschheit, keinen Platz gefunden innerhalb des Christentums?
Theos.: Es wäre ein Missverständnis, dies zu glauben, denn sie hat ihn; nur die Theologie hat sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt, wie sie das auch mit anderen Lehren getan hat. Die Theologie nennt das Ich den Engel, den uns Gott im Augenblicke der Geburt gibt, damit er Sorge für uns trage. Statt dass nun die theologische Logik diesen Engel für die Verfehlungen der armen Seele verantwortlich machte, macht sie die letztere verantwortlich für alle Sünden des Leibes und des Geistes. Es ist die Seele, der übersinnliche Atem Gottes und seine Schöpfung, die durch eine unbegreifliche geistige Täuschung verurteilt ist in einer materiellen Hölle geboren zu werden, und für immer in deren Flammen zu lodern, während der Engel ungestraft entschlüpft, während er seine weißen Flügel entfaltet und mit einigen Tränen benetzt hat. Dies sind unsere helfenden Geister, die «Diener der Gnade», welche gesandt sind, wie der Bischof Mant sich ausdrückt:
«... zu wirken Gutes für der Erlösung Erben,
zu trauern, wenn in Sünde sie fallen,
zu jubeln, wenn sie wieder bereuen.»
Aber es ist klar, dass wenn alle Bischöfe der Welt gefragt würden, ein für alle Mal bestimmt zu erklären, was sie unter Seele und deren Tätigkeit eigentlich verstehen, so würden sie unfähig sein, dies zu tun, auch könnten sie keinen Schatten von Logik in dem orthodoxen Glauben nachweisen.
Frag.: Darauf könnten wohl die Bekenner dieses Glaubens antworten, dass, wenn das orthodoxe Dogma auch dem unbußfertigen Sünder und Materialisten eine schlimme Zeit in einer allzu realistischen Hölle in Aussicht stellt, sie ihm doch auf der andern Seite bis zum letzten Augenblick die Möglichkeit der Reue gibt. Überdies lehrt sie nicht die Vernichtung, wenigstens nicht der Persönlichkeit, was ja schließlich doch dasselbe ist.
Theos.: Wenn auch die Kirche dergleichen nicht lehrt, so tut es doch Jesus; und dies kommt doch in Betracht, wenigstens für jene, welche Christus höher stellen als das Christentum.
Frag.: Lehrt denn Christus wirklich etwas Derartiges?
Theos.: Das tut er; und jeder unterrichtete Okkultist oder Kabbalist kann das bestätigen. Christus oder zum mindesten das vierte Evangelium lehrt die Wiederverkörperung und nicht minder die Vernichtung der Persönlichkeit, wenn man sie nur nicht dem toten Buchstaben nach, sondern dem lebendigen Geiste nach verstehen will. Man erinnere sich nur der Verse 1 und 2 im 15. Kapitel des Johannes. Wovon sollte jenes Gleichnis handeln, wenn nicht von der oberen Dreiheit des Menschen? Atma ist der «Weingärtner» — das spirituelle Ich, oder Budhi (Christos) der «Weinstock» — wogegen die niedere Seele, oder die Persönlichkeit, der «Zweig» ist. «Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jeder Zweig, der nicht Frucht trägt, wird ausgerissen ... Wie der Zweig nicht durch sich selbst Frucht tragen kann, wenn er nicht am Weinstock verbleibt; also könnt auch ihr nicht Frucht tragen, wenn ihr nicht in mir verbleibt. Ich bin der Weinstock; ihr seid die Zweige ... Wenn ein Mensch nicht in mir bleibt, so wird er weggeworfen wie ein Zweig, und verdorret» — man übergibt sie dem Feuer und sie verbrennen.
Die Theosophie gibt davon folgende Erklärung: Sie glaubt nicht an das höllische Feuer, welches nach theologischer Entdeckung den Zweigen in Aussicht gestellt wird; sie sagt, dass mit dem «Weingärtner» Atma gemeint ist, das Sinnbild für das unendliche unpersönliche Prinzip, während der Weinstock auf die spirituelle Seele deutet, auf den Christus, und jeder Zweig stellt eine neue Inkarnation dar.
Frag.: Aber welche Beweise sind für solch eine willkürliche Auslegung vorhanden?
Theos.: Die allgemein geltende Lehre von den Sinnbildern ist eine Bürgschaft dafür, dass es sich um eine korrekte, nicht um eine willkürliche Auslegung handelt. Hermas sagt von «Gott», dass er «den Weinstock pflanzte», d.h. den Menschen schuf. In der Kabbala wird dargestellt, wie der «Alte der Alten» oder das «lange Angesicht» einen Weinberg pflanzte, was eine bildliche Darstellung für die Menschheit ist, während der «Weinstock» eine solche für das Leben ist. Der Geist des «König Messias» ist daher dargestellt, als wasche er seine Kleider in «dem Wein» von oben, von der Erschaffung der Welt an (Zohar, 11, 10). Und König Messias ist das Ich, das «seine Kleider gereinigt hat» — das heißt: seine Persönlichkeit durch die Wiedergeburt — in dem «Wein von oben», oder Budhi. Adam oder A-dam ist «Blut». Das Leben des Fleisches ist in dem Blute — nephesch, Seele (Leviticus, 17). Und Adam Kadmon ist der EinzigGeborene. Auch Noah pflanzte einen Weinberg — der allegorische Keim der künftigen Menschheit. Folgerichtig finden wir diese Allegorie wieder im Codex Nazarenus. Sieben Weinstöcke werden erzeugt, was unsere sieben Rassen anzeigt mit ihren sieben Erlösern oder Buddhas. Diese sieben Weinstöcke entspringen aus Jukabar Zivo, und Aebel Zivo bewässert sie. (Codex Nazarenus, Liber Adami appellatusa Matth. Norberg, 3, 60, 61.) Wenn die Gesegneten aufsteigen werden zum Quell des Lichtes, so werden sie Javar Zivo, den Herrn des Lebens schauen und den ersten Weinstock (ebenda 11, 281). So sind die kabbalistischen Metaphern einfach wiederholt im Evangelium des Johannes.
Man sollte nicht vergessen, dass auch von jenen Denkern, die nichts wissen wollen von der siebengliedrigen Menschennatur, das Ich oder das denkende Prinzip der Logos oder der «Sohn» von Seele und Geist genannt wird. «Manas» ist der Adoptivsohn des Königs — und der Königin — (was esoterisch gleichbedeutend mit Atma und Budhi ist) sagt ein okkultes Werk. Von Plato wird er der Gottmensch genannt, der sich selbst im «Raume» kreuzigt, das ist während der Dauer des Lebenszyklus, zur Erlösung der Materie. Dies tut er durch immer wieder und wiederkehrende Verkörperung, indem er so die Menschheit aufwärts zur Vollkommenheit leitet; auf diese Art erhalten die niederen Formen Platz, um sich in höhere zu verwandeln. Nicht in einem Leben vermag er sich selbst und der ganzen physischen Natur zum Fortschritt zu verhelfen, selbst die nicht oft vorkommende Tatsache, dass er eine seiner Persönlichkeiten verliert, weil diese auch nicht einen Funken von Spiritualität hat, würde ihm nur zum Fortschritt gereichen.
Frag.: Sicherlich müsste aber doch das Ich, da es doch verantwortlich ist für die Verfehlungen der Persönlichkeit, auch an den Folgen des Verlustes, oder der gänzlichen Vernichtung der Persönlichkeit zu leiden haben.
Theos.: Das hat sie nicht; ausgenommen den einen Fall, es hätte nichts getan, um dieses schlimme Schicksal abzuwenden. Aber wenn aller Anstrengungen ungeachtet seine Stimme, nämlich diejenige des menschlichen Gewissens, unfähig war, den Wall der Materie zu durchdringen, dann wird die Stumpfheit der letzteren, welche von der unvollkommenen Natur des Materiellen herrührt, als ein Fehler der Natur bezeichnet. Das Ich ist dann genügend durch den Verlust des Devahan bestraft, und besonders dadurch, dass es fast unmittelbar darauf sich wieder inkarnieren muss.
Frag.: Diese Lehre von dem Verlust einer Persönlichkeit — wie dies genannt wird — streitet nicht minder gegen die ideale Theorie der Christen wie gegen diejenige der Spiritualisten, obgleich Swedenborg sie in einer gewissen Weise angenommen hat, da wo er von dem «spirituellen Tod» spricht. Weder Christen noch Spiritualisten werden sie jemals annehmen.
Theos.: Dies kann doch sicher nicht ein Faktum der Natur ändern, vorausgesetzt, dass es sich um ein solches handelt, auch kann natürlich dergleichen gelegentlich vorkommen. Das Weltall und ein jedes Ding in demselben, jegliches moralische, geistige, physische, seelische, oder spirituelle, steht unter einem vollkommenen Gesetz der Harmonie und des Gleichgewichtes. Schon in «Isis Unveiled» ist dargelegt worden, wie die zentripetale Kraft sich niemals ohne die zentrifugale offenbaren könne in den harmonischen Umwälzungen der Sphären, und dass alle Formen und der Fortschritt solcher Formen hervorgebracht werde durch diese duale Kraft der Natur. Nun ist der Geist oder Budhi die zentrifugale, und die Seele oder Manas die zentripetale Kraft der Natur; und um ein Ergebnis zu haben, müssen sie in vollkommener Übereinstimmung und Harmonie sein. Man zerbreche oder beschädige die zentripetale Bewegung der irdischen Seele, welche zu dem Zentrum hinstrebt, das sie anzieht, hemme ihren Fortschritt, indem du ein größeres Gewicht von Materie anhängst als sie zu tragen vermag, oder als für ihren devahanischen Zustand geeignet ist, und die Harmonie des Ganzen wird zerstört sein. Das persönliche Leben oder vielmehr dessen idealer Widerschein kann nur fortgesetzt werden, wenn diese zweifache Kraft unterhalten wird; das heißt durch die geschlossene Vereinigung von Budhi und Manas in jeder Wiedergeburt oder in jedem persönlichen Leben. Die geringste Abweichung von der Harmonie beschädigt sie; und wenn sie ganz zerstört ist, so trennen sich die beiden Kräfte im Augenblick des Todes. Während eines kurzen Zeitraumes wird die persönliche Form — die man, ohne weiter zu unterscheiden, Kama-Rupa und Majavi-Rupa nennt —, deren spiritueller Ausfluss mit dem Ich nach Devahan geht, und der unvergänglichen Individualität ihre persönliche Färbung gibt — nach Kama Loca geführt, um dort nach und nach vernichtet zu werden. Denn nach dem Tode tritt für den durchaus Verlorenen und für den Ungeistigen und Bösen der eigentliche kritische Augenblick ein. Wenn während des Lebens die letzte und verzweifelte Anstrengung vereitelt wird, etwas von der Persönlichkeit mit dem inneren Selbst (Manas) zu vereinigen, und mit dem leuchtenden Strahl der göttlichen Budhi, wenn dieser Strahl mehr und mehr ausgelöscht wird durch die zu dicke Kruste des physischen Gehirns, dann verbleibt das spirituelle Ich oder Manas, nachdem es einmal vom Körper getrennt ist, auch ganz gesondert von dem ätherischen Rest der Persönlichkeit, und die letztere oder Kama Rupa folgt ihren irdischen Anziehungen; sie wird in den Hades, den die Theosophie Kama Loca nennt, geführt. Dies sind die «verdorrten Zweige», von denen Jesus sagt, dass sie vom Weinstocke abgeschnitten werden. Die Vernichtung, wie immer sie sich auch gestalten mag, ist niemals eine augenblickliche; sie mag wohl, um eine vollständige zu sein, Jahrhunderte in Anspruch nehmen; aber daselbst verbleibt die Persönlichkeit mit den Resten anderer glücklicherer persönlicher Ichs, und wird mit ihnen eine «Schale» oder ein Elementarwesen. Wie in Isis Unveiled bereits gesagt worden ist, gibt es diese beiden Arten von «Geistern», die Schalen und Elementarwesen als hauptsächlichste Offenbarungen in spiritistischen Sitzungen. Und es ist gewiss, dass nicht sie es sind, die sich wieder als Mensch verkörpern; und deswegen wissen so wenige dieser «teuren Hingeschiedenen» etwas von Wiederverkörperung und bringen daher in Spiritistenkreisen Missverständnisse hervor.
Frag.: Wurde nicht aber von dem Autor von «Isis Unveiled» selbst gesagt, dass er gegen die Wiederverkörperung geschrieben habe?
Theos.: So ist es; aber nur für diejenigen, welche missverstanden haben, was gesagt worden ist. In der Zeit, als jenes Werk geschrieben worden ist, glaubten weder die englischen noch die amerikanischen Spiritisten an eine Wiederverkörperung, und was dort gesagt worden ist, richtet sich gegen die französischen Spiritisten, deren Theorie ebenso unphilosophisch und unmöglich, wie diejenige der östlichen Weltanschauungen logisch und augenscheinlich ist. Die Anhänger der Allen Kardecischen Anschauung glauben an eine willkürliche und unmittelbare Wiederverkörperung. Im Sinne ihrer Lehre kann sich der tote Vater in seiner eigenen oder nicht geborenen Tochter wiederverkörpern, und was dergleichen mehr ist. Sie kennen kein Devahan, kein Karma, auch haben sie keine philosophische Theorie, welche die Notwendigkeit der sich folgenden Wiederverkörperungen rechtfertigen würde. Aber wie könnte der Autor von «Isis Unveiled» gegen die karmische Wiederverkörperung sich wenden, da dies doch die fundamentale Lehre aller Buddhisten und Hindus ist, sofern sie in einem Zeitabstand von 1000 oder 1500 Jahren gedacht wird.
Frag.: Dann wird also von Seiten der Theosophie die Theorie der Spiritisten ganz und gar verworfen?
Theos.: Nicht ganz und gar, sondern nur in Beziehung auf ihre hauptsächlichsten Glaubenssätze. Sowohl die französischen wie die englischen Spiritisten glauben, was ihre Geister ihnen sagen; aber beide Richtungen unterscheiden sich von einander mindestens ebenso stark, wie die Theosophen von ihnen beiden. Die Wahrheit ist nur eine einzige; und wenn man hört, dass die französischen Spiritisten ihre Spukgeister die Wiederverkörperung predigen lassen, die englischen Spukgeister sie aber leugnen, so muss gesagt werden, dass entweder die französischen oder die englischen «Spirits» nicht wissen, was sie behaupten. Die Theosophie nimmt ebenso wie die Spiritisten die Existenz von Geistern an; oder von unsichtbaren Wesen mit mehr oder weniger Intelligenz. Aber während für die Theosophie ihre Arten Legion ist, lassen unsere Gegner nur eine einzige Art zu, nämlich menschliche entkörperte Geister, welche nach der theosophischen Erkenntnis zumeist nichts anderes sind als kamalokische Schalen.
Frag.: Da scheint die Theosophie doch schr gegen Geister eingenommen zu sein. Nachdem hier die Gesichtspunkte, welche gegen den Glauben an die Materialisation von entkörperten Menschen oder an einen Verkehr mit ihnen in spiritistischen Sitzungen sprechen, auseinandergesetzt worden sind, bedarf es noch einer Aufklärung nach einer gewissen Richtung. Warum betonen einige Theosophen immer wieder, wie gefährlich der Verkehr mit Geistern und die Mediumschaft ist? Gibt es dafür besondere Gründe?
Theos.: Das ist wohl vorauszusetzen. Wer lange mit diesen unsichtbaren, aber nur zu fühlbaren Einflüssen zu tun gehabt hat, von den bewussten Elementarwesen und Schalen bis zu dem ganz sinnlosen und unbeschreiblichen Spuk abwärts, der hat ein gewisses Recht, die angedeutete Warnung auszusprechen.
Frag.: Ist es möglich, einige Andeutungen darüber zu geben, warum solche Dinge gefährlich sind?
Theos.: Dies würde eine sehr ausführliche Darlegung erfordern. Man muss eine jede Sache nach den Wirkungen beurteilen, die sie hervorbringt. Man gehe die Geschichte des Spiritismus in den letzten fünf Jahren, seit seinem Wiedererwachen in Amerika, durch und man beurteile danach, ob er seinen Anhängern mehr Nutzen als Schaden gebracht hat. Man muss dies nur richtig verstehen. Es soll gar nicht gegen den wirklichen Spiritismus gesprochen werden, sondern gegen jene moderne Bewegung, welche diesen Namen trägt, und gegen die sogenannte Philosophie, welche erfunden worden ist, um die Phänomene zu erklären.
Frag.: Soll denn gar nicht an diese Phänomene geglaubt werden?
Theos.: Eben weil mit gutem Grunde daran geglaubt werden soll, und weil sie ebenso wirklich sind, wie nur irgend eine sinnliche Erscheinung — abgesehen von einigen Fällen von bewusstem Betrug — muss sich der Einsichtige gegen den gekennzeichneten Spiritismus wenden. Es soll nochmals betont werden, dass hier nur von physischen, nicht von geistigen oder psychischen Phänomenen die Rede ist. Gleiches zieht Gleiches an sich. Es gab einige hochherzige gute Männer und Frauen, welche Jahre ihres Lebens unter der direkten Führung hoher Geister und unter deren Schutz zugebracht haben, sowohl entkörperten Menschen wie planetarischen Geistern. Aber diese Intelligenzen sind nicht von der Art des «John King» oder «Ernest», welche in Sitzungszimmern erscheinen. Diese Intelligenzen führen und kontrollieren Sterbliche nur in den seltensten Fällen, ausnahmsweise solche, zu welchen sie durch deren karmische Vergangenheit hingezogen werden. Es genügt nicht, einfach zu sitzen und auf die Enthüllung zu warten, damit sie angezogen werden. Das öffnet nur einer Herde von Spukgeistern das Tor, guten, bösen und gleichgültigen, deren Sklave dann das Medium sein ganzes Leben hindurch werden kann. Gegen solche wahllose Mediumschaft muss man seine Stimme erheben, nicht gegen geistige Mystik. Die letztere ist veredelnd und heilig; die erstere ist von der Art wie die Erscheinungen, die zwei Jahrhunderte vorher zu den Verfolgungen so vieler Hexen und Zauberer geführt haben. Man lese Glanvil und andere Autoren über das Hexenwesen, und man wird da die gleichen Erscheinungen, wenigstens zu den meisten, wenn auch nicht zu allen physischen des modernen Spiritismus, finden.
Frag.: Soll damit gesagt werden, dass man es dabei nur mit Hexerei zu tun habe und mit nichts weiter?
Theos.: Allerdings ist, ob bewusst oder unbewusst, dieser Verkehr mit Toten nur eine Art Zauberei und eine sehr gefährliche Sache. Lange Zeit vor Moses haben alle intelligenten Völker solche Auferweckung von Toten als sündhaft bezeichnet, da es nicht nur die Ruhe der Toten stört, sondern auch ihre Weiterentwicklung in höhere Zustände beeinträchtigt. Alle Weisheit der vergangenen Jahrhunderte ist in der Verurteilung dieser Praktiken übereinstimmend. Endlich muss immer wieder und wieder wiederholt werden: während einige dieser «Geister nicht wissen, was sie reden», und nur sinnloses Zeug schwätzen, sind andere äußerst gefährlich, und können zum Bösen führen. Das ergibt zwei augenfällige Tatsachen. Man gehe in spiritistische Kreise von Allen Kardecs Schule, da wird man Geister finden, welche die Wiedergeburt behaupten und gleich römisch-katholisch erzogenen Menschen sprechen. Wendet man sich dagegen an die teuren Entschlafenen in Amerika, so wird man finden, dass diese die Wiedergeburt leugnen und wie Protestanten sprechen. Die besten, die erfolgreichsten Medien haben alle in Bezug auf geistige und körperliche Gesundheit Schaden genommen. Man denke an das traurige Ende von Charles Foster, welcher in einem Irrenhaus als Tobsüchtiger starb; an Slade, der epileptisch wurde; an Eglington — gegenwärtig das beste Medium in England — der ebenfalls daran leidet. Man blicke zurück auf das Leben von D. D. Home, eines Mannes, dessen Seele voll war von Galle und Verbitterung, der niemals ein gutes Wort an einen andern richtete, welcher ebenfalls psychische Kräfte hatte, und der jedes Medium verleumdete. Dieser Calvin des Spiritismus litt viele Jahre hindurch an einer schrecklichen Rückgratkrankheit, die er sich aus seinem Verkehr mit Geistern geholt hatte, und er starb vollkommen siech. Man denke ferner an das furchtbare Schicksal des armen Washington Irving Bishop. Er war zweifellos ein Medium. Richtig ist, dass der arme Mensch seinen «Geistern» untreu wurde, indem er sie als unwillkürliche Muskelbewegungen bezeichnete, zum großen Entzücken aller gelehrten und wissenschaftlichen Narren, und zum besten Nutzen seiner eigenen Tasche. Aber — man soll den Toten nichts Übles nachreden — sein Ende war ein schlimmes. Er hatte seine epileptischen Anfälle — das erste und stärkste Symptom wirklicher Mediumschaft — sorgfältig geheim gehalten, und man kann nicht wissen, ob er wirklich tot war, oder nur einen Anfall hatte, als man ihn daraufhin untersuchte, ob er tot sei. Seine Verwandten bestehen darauf, dass er lebte, wenn Reuters Telegrammen zu glauben ist. Endlich denke man an die ältesten Medien, die Begründer und ersten Verbreiter des modernen Spiritismus, die Geschwister Fox. Nach mehr als vierzigjährigem Umgang mit «Engeln», sind sie unheilbare Dummköpfe geworden, welche ihr eigenes Werk in öffentlichen Vorträgen als Betrügerei brandmarken. Man muss doch fragen, was für Geister müssen das sein, die solches bewirken?
Frag.: Ist diese Schlussfolgerung aber richtig?
Theos.: Was würde man darüber denken, wenn die besten Schüler einer besonderen Gesangschule zusammenbrächen wegen Überanstrengung ihrer Kehle? Doch zweifellos, dass die Gesangsmethode eine schlechte war. Der gleiche Einwand muss doch wohl gegen den Spiritismus gemacht werden, wenn es sich zeigt, dass die besten Medien solch einem Schicksal verfallen. Man kann nur sagen, diejenigen, welche an der Frage interessiert sind, mögen die Bäume an ihren Früchten erkennen, und dann über die empfangene Lektion nachdenken. Die Theosophen haben die Spiritisten immer als Brüder betrachtet, welche die gleiche mystische Tendenz wie sie selbst haben; aber sie sind von jenen immer als Feinde angesehen worden. Die Theosophen, welche im Besitz einer älteren Philosophie sind, haben stets versucht, den Spiritisten zu helfen und sie zu warnen, diese aber haben stets die Absichten verkannt und verleumdet. Nichtsdestoweniger sagen die besten englischen Spiritisten nichts anderes als die Theosophen, sobald sie ihren Glauben ernstlich untersuchen. Man höre, was in dieser Beziehung M. A. Oxon sagt: «Die Spiritisten neigen viel zu sehr dazu, sich stets an äußere Geister zu wenden, und sie verlieren den inkarnierten Geist mit seinen Kräften aus dem Auge.» (Second Sight, Einleitung.) — Warum beschimpft man die Theosophen, wenn sie das Gleiche sagen? Nun soll zur Besprechung der Wiederverkörperung zurückgekehrt werden.