XI. Über die Mysterien der wiederholten Erdenleben
Frag.: Es ist also die Meinung der theosophisch Gesinnten, dass wir alle auf der Erde bereits gelebt haben, in wiederholten vergangenen Leben, und dass wir auch weiterhin wieder leben werden?
Theos.: So ist es. Der Lebenskreis, oder besser gesagt der Kreis von bewussten Lebensformen, beginnt mit der Trennung des sterblichen Tier-Menschen in Geschlechter, und er wird sein Ende finden am Schluss der letzten Menschheitsgeneration in der siebenten Runde und der siebenten Menschenrasse. Wenn man in Betracht zieht, dass wir erst in der vierten Runde und in der fünften Rasse sind, so wird einem klar, dass man sich die Dauer des genannten Kreislaufes eher verbildlichen als sie ausdrücken kann.
Frag.: Und während dieser ganzen Zeit müssen wir immer wieder in neuen Persönlichkeiten erscheinen?
Theos.: Ganz gewiss. Man kann diesen Lebenskreis oder diese Periode von wiederholten Erdenleben am besten mit dem menschlichen Leben selbst vergleichen. So wie ein jedes solches Leben aus Tagen der Tätigkeit besteht, und durch Nächte der Untätigkeit und des Schlafes unterbrochen wird, so folgt in dem Kreise der Wiederverkörperungen eine devahanische Ruhe auf ein tätigkeiterfülltes Leben.
Frag.: Und ist es diese Aufeinanderfolge von Geburten, die man gewöhnlich mit dem Namen «Wiederverkörperung» bezeichnet?
Theos.: So ist es. Nur durch diese Geburten kann der fortlaufende Fortschritt der ungezählten Millionen von Ichs zur endlichen Vollkommenheit gelangen, und eine endliche Ruhe erlangt werden, die ebenso lange währt wie die Periode der Tätigkeit.
Frag.: Und was regelt die Dauer oder die besonderen Eigenschaften dieser Wiederverkörperungen?
Theos.: Karma, das universelle Gesetz der ausgleichenden Gerechtigkeit.
Frag.: Ist das ein vernunfterfülltes Gesetz?
Theos.: Für die Materialisten, welche das Gesetz, das die Anordnung des Körperlichen bewirkt, und alle andern Naturgesetze nur als blinde und mechanisch wirkende Gesetze ansehen, kann auch Karma nur ein Gesetz des Zufalls sein und nicht mehr. Für den Theosophen gibt es keine Eigenschaft, um zu beschreiben, was zwar unpersönlich und nicht an einem Wesen hängend ist, trotzdem aber ein universell wirkendes Gesetz ist. Wird über dasjenige gefragt, was darinnen eigentlich die intelligente Verursachung bewirkt, so kann darauf eine rechte Antwort nicht gegeben werden. Fragt man dagegen, wie seine Wirkungen sind, so kann darauf geantwortet werden, dass die Erfahrungen der Jahrtausende es erwiesen haben als ein unbedingt fehlerfreies, weisheitsvolles und intelligentes Gesetz. Denn Karma erweist sich in seinen Wirkungen als ein fehlerfreier Verbesserer für die menschliche Ungerechtigkeit, und für alle die Fehler der Natur. Es ist ein strenger Rächer eines jeglichen Unrechts, ein Vergeltungsgesetz, welches mit vollkommener Unparteilichkeit belohnt und bestraft. Es wirkt im strengsten Sinne «ohne Unterschied der Person», andererseits kann es niemals durch Bitten gemildert oder abgeändert werden. Das ist ein gemeinsamer Glaube aller Hindus und Buddhisten, sofern sie sich zu der Lehre von Karma bekennen.
Frag.: Die christlichen Dogmen stehen mit beiden in Widersprach, und es ist zu bezweifeln, ob irgendein Christ eine solche Lehre jemals annehmen werde!
Theos.: Und Inman gab schon vor vielen Jahren den Grund dafür an; er sagt: «Die Christen werden jeden Unsinn annehmen, sobald er von der Kirche als Glaubenssatz anerkannt ist ... Die Buddhisten halten dafür, dass nichts, was der gesunden Vernunft widerspricht, eine echte Lehre des Buddha sein kann.» Die Buddhisten glauben an keine irgendwie geartete Verzeihung unserer Sünden, außer an eine vollkommene und gerechte Bestrafung einer jeden bösen Tat und eines jeden bösen Gedankens in einer zukünftigen Verkörperung, und an eine entsprechende Entschädigung dessen, der geschädigt worden ist.
Frag.: Wo ist solches zu lesen?
Theos.: In den meisten ihrer heiligen Schriften. In dem «Rad des Gesetzes» (S. 57) sind die folgenden theosophischen Glaubenssätze zu finden: «Die Buddhisten glauben, dass jede Tat, jedes Wort oder jeder Gedanke ihre Konsequenz haben, welche früher oder später, in dem gegenwärtigen oder zukünftigen Leben zum Vorschein kommen. Schlimme Taten werden schlimme Folgen hervorbringen, gute Taten werden gute Folgen hervorbringen: Befriedigung in dieser Welt oder in der geistigen Welt.
Frag.: Glauben denn Christen nicht eigentlich dasselbe?
Theos.: Das ist nicht der Fall. Sie glauben an die Vergebung aller Sünden. Sie meinen, dass sie nur an das Blut Christi — eines unschuldigen Opfers — zu glauben brauchen, an das Blut, dass durch ihn zur Abbüßung der Sünden der ganzen Menschheit vergossen worden ist, so werde ihnen eine jede Todsünde verziehen. Die Theosophie aber glaubt weder an stellvertretende Verbüßung, noch an die Möglichkeit einer Verzeihung auch nur der geringsten Sünde durch irgendeinen Gott, noch durch irgendein persönliches Absolutes oder Unendliches, vorausgesetzt dass es so etwas überhaupt geben könne. Woran sie glaubt, das ist strenge und unerbittliche Gerechtigkeit. Ihre Idee von der unbekannten universellen Göttlichkeit, dargestellt durch Karma, ist die, dass es eine Macht gibt, die niemals einen Fehler machen kann, die daher weder Zorn oder Mitleid kennt, sondern nur absolute Gerechtigkeit, welche einer jeden Ursache, sei sie nun bedeutend oder unbedeutend, es selbst überlässt, ihre unvermeidliche Wirkung hervorzubringen. Was Jesus sagt: «Mit welchem Maße ihr messet, mit einem solchen werdet ihr wieder gemessen werden,» (Matth. 7, 2): das lässt weder im Wortlaut noch in der Deutung irgendeine Hoffnung auf künftiges Verzeihen, noch irgendeine stellvertretende Sühne zu. Gerade weil die Theosophie die Gerechtigkeit dieser Tatsache anerkennt, kann sie nie genug tun in der Empfehlung des Mitgefühles, des Erbarmens und des Vergessens gegenseitiger Beleidigungen. «Widerstrebe nicht dem Übel» und «tue Gutes für Böses» sind buddhistische Gebote, und wurden zuerst gelehrt mit Bezug auf die Unerschütterlichkeit des karmischen Gesetzes. Denn es ist sicher eine Anmaßung des Menschen, wenn er das Gesetz in seine eigene Hand nehmen will. Dem menschlichen Gesetz kommen vorbeugende aber nicht strafende Maßnahmen zu; aber ein Mensch, der an Karma glaubt, und doch selbst Rache nimmt, oder der sich weigert, eine Beleidigung zu verzeihen, oder gutes für böses zu tun, der ist ein Verbrecher, der durch sich selbst in das Verderben rennt. Denn Karma wird unbedingt den Menschen bestrafen, der einem andern Unrecht getan hat. Wer nun nicht diesem Gesetz die Strafe überlässt, sondern sie in die eigene Hand nimmt, der wird dadurch nur eine Ursache dafür schaffen, dass sein Feind belohnt, er selbst aber bestraft werde in der Zukunft. Der unfehlbare «Regeler» bewirkt in jeder Inkarnation die Eigenschaften der folgenden, und die Summe des Verdienstes und der Schuld in vorhergehenden Verkörperungen bestimmt die folgende Wiedergeburt.
Frag.: Können wir aus der Gegenwart eines Menschen Schlüsse auf seine Vergangenheit ziehen?
Theos.: Nur insoweit, als wir glauben, dass sein gegenwärtiges Leben das ist, was es gerechterweise sein muss: die Vergeltung für die Sünden seines vergangenen Lebens. Natürlich können außer Sehern und großen Adepten keine Menschen wissen, welche Sünden dabei in Betracht kommen. Bei der Geringfügigkeit der Daten ist es vom einfach menschlichen Standpunkte schon unmöglich, zu bestimmen, wie eines alten Mannes Jugend beschaffen gewesen sein mag; umso weniger kann man aus gleichen Gründen irgendwelche Schlüsse auf das vergangene Leben rein aus dem ziehen, was man sehen kann.
Frag.: Aber was ist Karma?
Theos.: Wie bereits gesagt: Die Theosophie betrachtet es als das letzte Gesetz des Weltalls, als die Quelle, den Ursprung, und den Untergrund aller anderen Gesetze, welche in der Natur anzutreffen sind. Karma ist das unfehlbare Gesetz, welches die Wirkung an die Ursache knüpft, und zwar in der physischen, gedanklichen und geistigen Welt. Wie keine Ursache ohne eine ihr entsprechende Wirkung bleiben kann, von dem größten bis zu dem kleinsten, von einer kosmischen Umwälzung bis zu der Bewegung unserer Hand, und wie Gleiches stets Gleiches hervorbringt, so ist Karma das unsichtbare und unerkennbare Gesetz, welches weise, gerecht und intelligent jede Wirkung zu der entsprechenden Ursache hinzufügt, indem sie die letztere zu ihrem Hervorbringer zurückträgt. Wenn dies Gesetz auch an sich selbst unerkennbar ist, in seinen Wirkungen ist es ganz wohl verständlich.
Frag.: Dann steht man ja wieder vor einem «Absoluten», einem «Unerkennbaren», das wenig Wert haben kann in Bezug auf die Erklärung der Probleme des Lebens.
Theos.: Im Gegenteil. Denn obgleich man nicht erkennen kann, was Karma an sich ist, und seinem Wesen nach, so kann man doch einen Einblick gewinnen, wie es wirkt, und man kann mit völliger Genauigkeit bestimmen und beschreiben seine Art des Eingreifens in das Weltgefüge. Man weiß allerdings seine letzte Ursache nicht, genau in dem Sinne, wie die moderne Philosophie allgemein zugibt von einer letzten Ursache der Dinge nicht sprechen zu können.
Frag.: Und was hat die Theosophie in Bezug auf die Lösung der mehr praktischen Fragen der Menschheit zu sagen? Was für eine Erklärung vermag sie zu geben für die schrecklichen Leiden und die furchtbare Notlage der sogenannten «niederen Klassen?» Theos.: Um darüber nicht zu ausführlich zu werden, sei folgendes gesagt. In Übereinstimmung mit den theosophischen Lehren sind alle diese großen sozialen Übel; der Unterschied der Stände und Geschlechter in den Angelegenheiten des Lebens, die ungleiche Verteilung von Kapital und Arbeit, all dies ist in Wahrheit auf das zurückzuführen, was man im richtigen Sinne Karma nennt.
Frag.: Sicherlich sind aber doch alle diese Übel, welche den Massen ohne eine erkennbare Unterscheidung zufallen, nicht eine Folge eines verdienten und individuellen Karmas?
Theos.: Nein, sie können nicht im strengen Sinne so aufgefasst werden, dass man jede individuelle Umgebung, und die besonderen Lebensbedingungen, in die irgend eine Person hineingestellt ist, ansieht als nichts anderes denn das individuelle Karma, das sie sich in einem früheren Leben geschaffen hat. Es darf nicht übersehen werden, dass ein jedes Atom dem allgemeinen Gesetz unterworfen ist, welches den ganzen Körper regiert, zu dem es gehört, und damit kommt man zu dem größeren Umkreis des Karma-Gesetzes. Ist es nicht zu begreifen, dass die Anhäufung von individuellen Karma zu dem Karma der Nation wird, zu der das Individuum gehört, und weiter, dass die Gesamtsumme der Völkerkarmas zum Karma der Welt werde? Die Übel, von denen gesprochen worden ist, sind nicht die besonderen eines Individuums, oder einer Nation, sie sind mehr oder weniger universell, und auf der breiten Linie gegenseitiger menschlicher Abhängigkeit findet das Gesetz vom Karma seine rechtmäßige und gleichmäßige Angliederung.
Frag.: Soll man nun verstehen, dass das Gesetz vom Karma nicht notwendigerweise ein individuelles Gesetz sein soll?
Theos.: Das gerade soll gesagt werden. Es wäre unmöglich, dass Karma das Gleichgewicht im Leben und Fortschritt der Welt immer wieder herstellen könnte, wenn es nicht eine breite Basis für sein Wirken hätte. Unter Theosophen wird als eine Wahrheit anerkannt, dass die wechselseitige Abhängigkeit der Menschen voneinander die Ursache des sogenannten «verteilenden Karmas» ist, und durch diese Tatsache kann man eine Lösung gewinnen für die gemeinsamen Leiden und deren Sühne. Es besteht ein okkultes Gesetz, wonach kein Mensch über seine individuellen Fehler sich erheben kann, wenn er nicht zugleich das Ganze, dem er angehört, mit emporheben würde. Auch kann niemand sündigen, noch die Wirkungen der Sünde erleben, ohne andere zu beeinflussen. In Wahrheit gibt es eine strenge Sonderheit gar nicht, und am meisten nähert sich dem, was man einen selbstischen Zustand nennen kann, die Absicht oder das Motiv.
Frag.: Und gibt es kein Mittel, durch welches das verteilte oder nationale Karma gesammelt und verteilt werden könnte, und zu einer entsprechenden Wirkung gebracht werden könnte, ohne all das schreckliche Elend?
Theos.: Im Sinne einer allgemeinen Regel und in gewissen durch das gegenwärtige Zeitalter bestimmten Grenzen kann das Gesetz vom Karma in seinem Wirken allerdings weder beschleunigt noch verzögert werden. Aber es kann wohl mit Bestimmtheit behauptet werden, dass der Punkt, auf dem eine solche Möglichkeit in Betracht kommt, wohl noch niemals berührt worden ist. Man lese die folgende Darstellung einer Phase nationalen Elends und man versuche sich dann die Frage zu beantworten, ob solche Übel nicht einer durchgreifenden Umwandlung und Verbesserung fähig wären, wenn man nur die wirksame Kraft des individuellen, relativen und verteilten Karmas sich klar machen wollte. Was hier angeführt wird, ist aus der Feder einer nationalen Wohltäterin, einer solchen, die über die engen Grenzen des eigenen Selbstes hinausgekommen ist und es aus freier Wahl übernommen hat, der Menschheit zu dienen, indem sie auf ihre Schultern wenigstens so viel von dem nationalen Karma geladen hat, als möglich ist, auf die Schultern einer Frau zu laden. Sie sagt folgendes:
«Die Natur spricht immer: glauben Sie das nicht? nur machen wir zuweilen so viel Lärm, dass wir ihre Stimme übertönen. Daher ist es so erholend, sich aus der Stadt hinwegzubegeben, und in die Arme der Mutter Natur zu flüchten. Ich denke an den Abend in Hampstead Heath, als wir den Sonnenuntergang betrachteten; aber ach, über wieviel Elend und Mühsal ging die Sonne dahin! Eine Frau brachte mir gestern einen Strauss von wilden Blumen. Ich dachte, einige meiner East-end-Familien hätten ein größeres Recht darauf als ich, und so nahm ich ihn mit in eine schr arme Schule in Whitechapel am Morgen. Sie hätten die strahlenden Gesichtchen der blassen Kleinen sehen sollen! Dann bezahlte ich für einige kleine Kinder Mittagessen in einer kleinen Volksküche. Diese war in einer kleinen abgelegenen Gasse, eng und angefüllt mit betriebsamem Volk; ein furchtbarer Geruch von Fischen, Fleisch und anderen Nahrungsmitteln war da. Denn in Whitechapel ist es so, dass die Sonne die Dinge nicht reinigt, sondern verwesungsfördernd wirkt. Die Volksküche war ein förmlicher Vereinigungspunkt für alle schlechten Gerüche, unbeschreiblich schlechten Gerüche. Unbeschreiblich schlechte Fleischkuchen zu einem Pfennig, ekelerregende Speisereste und eine Menge von Fliegen, ein wahrer Altar von Beelzebub! Und überall Kinder, um irgendetwas zu ergattern; eines mit einem wahren Engelsangesicht suchte sich Kirschkerne, um sich nur den Hunger zu stillen. Ich kam nach dem Westen zurück, schaudernd in allen Fibern meines Leibes und mich fragend, ob denn einige Teile von London durch etwas anderes gerettet werden können als allein dadurch, dass seine Bewohner durch eine Erdkatastrophe vernichtet werden und durch den Vergessenheitsstrom gehen, um ohne alle Rückerinnerung wiedergeboren zu werden. Dann dachte ich zurück an Hampstead Heath, und ging mit mir zu Rate. Wenn man doch durch irgend ein Opfer die Kraft gewinnen könnte, dieses Volk zu retten, keine Kosten wären zu groß; aber Sie sehen, man müsste sie ganz ändern, und wie kann man das machen? Unter den Bedingungen, in denen sie jetzt leben, würde es ihnen gar nichts nützen, sie in eine andere Umgebung zu bringen. In ihrem gegenwärtigen Zustande müssen sie aber dem sicheren Untergange entgegengehen. Es ist für mich herzzerbrechend, dieses endlose, hoffnungslose Elend zu sehen, und die tierische Entwürdigung, die ihre Wirkung und ihre Ursache zugleich ist. Es ist wie beim BanyanBaum, bei dem jeder Zweig neue Wurzeln treibt und so durch sich selbst wieder Schösslinge hervorbringt. Welch ein Unterschied ist doch zwischen diesem Fühlen und der friedvollen Szene in Hampstead! Und doch haben wir, die Brüder und Schwestern jener Geschöpfe, nur das Recht, Hampstead Heath aufzusuchen, um Kraft zu gewinnen, Whitechapel zu retten.»
(Unterzeichnet ist dies mit einem Namen, der zu geachtet und zu bekannt ist, um dem Gespötte ausgesetzt zu werden.)
Frag.: Dies ist ein schmerzlicher, aber schöner Brief, und man muss bekennen, er schildert peinvoll genug dasjenige, was die Theosophie relatives und verteilendes Karma nennt. Aber es ist so verzweiflungsvoll, denn es scheint ja dann wirklich keine andere Rettung als ein Erdbeben, in dem alles seinen Untergang fände!
Theos.: Was gibt uns ein Recht, so zu denken, da doch die eine Hälfte der Menschheit in einer Lage ist, durch die sie eine unmittelbare Linderung des Elendes ihrer Mitbrüder herbeiführen kann? Wenn jeder einzelne beitragen möchte zum allgemeinen Besten, was er kann an Geld, Arbeit und edlen Gedanken, dann aber nur dann würde ein Gleichgewicht in Bezug auf das nationale Karma möglich sein, und so lange das nicht geschieht, haben wir kein Recht zu sagen, dass sich auf der Erde mehr Leben befindet, als ernährt werden kann. Es ist den heroischen Seelen, den Rettern unserer Nationen und Rassen vorbehalten, die Ursachen zu finden, warum eine solche Ungleichheit in Bezug auf das verteilende Karma statthat und durch eine außergewöhnliche Anstrengung den Ausgleich zu bringen und das Volk vor einem moralischen Verfall zu erretten, der tausendmal schlimmer wäre und auch viel andauernder als eine ähnliche physische Katastrophe, in welcher viele den einzigen Ausweg aus dem angehäuften Elend zu finden scheinen.
Frag.: Nun wohl, könnte nicht dieses Gesetz vom Karma im allgemeinen beschrieben werden?
Theos.: Karma ist zu beschreiben als dasjenige Gesetz von Wiederausgleichung, welches immer darauf zielt, das gestörte Gleichgewicht in der physischen und die durchbrochene Harmonie in der moralischen Welt wiederherzustellen. Es ist vom Karma zu sagen, dass es nicht in allen Fällen auf diese oder die andere besondere Weise wirkt, sondern dass es immer so wirkt, dass die Harmonie hergestellt und das unterbrochene Gleichgewicht in Ordnung gebracht wird, wie sie im Weltall notwendig sind.
Frag.: Kann davon eine Erläuterung gegeben werden?
Theos.: Später soll ein ausreichendes Beispiel gegeben werden. Vorläufig denke man an einen Teich. Ein Stein fällt in das Wasser und bewirkt sich verbreitende Wellen. Diese Wellen bewegen sich vorwärts und rückwärts, bis sie im Sinne eines Vorganges, den die Physiker das Gesetz der sich selbst zerstörenden Energie nennen, wieder zur Ruhe kommen, und das Wasser in seinen Zustand des ruhigen Gleichgewichtes wieder zurückkehrt. In ähnlicher Art bewirkt jede Handlung auf irgendeinem Plan eine Unterbrechung im Gleichgewichtszustande des Weltalls, und dadurch werden Schwingungen hervorgebracht, die sich vorwärts und rückwärts bewegen, wenn die Fläche begrenzt ist, bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Da aber eine jede solche Störung von einem bestimmten Punkte ausgeht, so ist klar, dass das Gleichgewicht nur hergestellt werden kann, wenn alle ausgegangenen Kräfte in demselben Punkte wieder zusammenlaufen, von dem sie ausgegangen sind. Und darin ist der Beweis zu suchen, dass die Taten, Gedanken etc. eines Menschen auf ihn selbst wieder zurückfallen müssen, mit derselben Kraft, mit der sie von ihm ausgegangen sind.
Frag.: Aber dieses Gesetz scheint jedes moralischen Charakters zu entbehren. Es scheint einfach so zu sein wie das physikalische Gesetz von der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung.
Theos.: Es ist nicht überraschend, einen solchen Einwand zu hören. Die Europäer haben sich eben angewöhnt, Recht und Unrecht, Gut und Böse nur in Bezug auf ein durch Menschen entstandenes Gesetzbuch, oder verhängt durch einen persönlichen Gott zu denken. Die Theosophie aber macht damit vertraut, «Gut» und «Harmonie» und «Böse» und «Disharmonie» als gleichwertig zu nehmen. Weiter macht sie damit vertraut, dass aller Schmerz und alles Elend herrühren von dem Mangel an Harmonie, und dass das einzige Schreckliche und die einzige Ursache von gestörter Harmonie in der Selbstsucht in der einen oder der andern Form liegt. Daher gibt Karma einem jeden Menschen die wirklichen Folgen seiner Handlungen zurück, ganz abgesehen von seinem moralischen Charakter; aber da er für alles das Entsprechende erhält, so ist klar, dass er für alles zu büßen hat, was er an Elend bewirkt hat, wie er an Freude und Glück alle Früchte von Freude und Glück erhalten wird, die er verursacht hat. Es kann hier nichts Besseres geschehen, als dass eine Anzahl solcher Stellen aus Büchern und Artikeln angeführt werden, die von solchen geschrieben sind, welche die theosophische Lehre vom Karma richtig aufgefasst haben.
Frag.: Das wäre insofern gut, als die Literatur über diesen Gegenstand nur eine geringe zu sein scheint.
Theos.: Weil es der schwierigste Punkt in unseren Bestrebungen ist. Vor kurzer Zeit erschien aus der Feder eines Schriftstellers folgende Entgegnung:
«Angenommen die theosophische Lehre sei richtig, und jeder Mann sei sein eigener Erlöser, er müsse sein Selbst überwinden und das Böse, das in seiner Doppelnatur liegt, unterdrücken, um die Befreiung von seiner Seele zu erlangen: was soll dann ein Mensch tun, der erweckt und in einer gewissen Beziehung frei geworden ist von dem Bösen und der Schwachheit? Wie kann er Befreiung oder Verzeihung oder Auslöschung dessen erlangen, was er an Bösem oder aus Schwäche schon begangen hat?»
Darauf antwortet J. H. Connelly sehr eindringlich, dass niemand hoffen kann, die theosophische Maschine in einem theologischen Fahrwasser laufen zu lassen. Es ist, wie er sagt:
«Die Möglichkeit, die individuelle Verantwortung auszuschalten, gehört nicht unter die theosophischen Begriffe. Für die Theosophie gibt es so etwas wie Vergeben oder Vergessen oder Auslöschen von Schwachheit oder begangenem Tun nicht, nicht anders als durch entsprechenden Ausgleich und die Wiederherstellung der gestörten Harmonie im Weltall, insofern diese Harmonie eben zerstört worden ist. Das Böse, das durch einen Menschen selbst verübt worden ist und unter dem andere haben leiden müssen, kann von niemandem außer von ihm selbst abgebüßt werden.
Die in Rede stehende Bedingung, unter welcher ein Mensch erweckt sein soll, und in einer gewissen Weise von seiner Schwäche losgekommen, hat zur Folge, dass er begreift, dass seine Taten eine Ausgleichung verdienen. Für ein solches Erkennen ist ein Gefühl persönlicher Verantwortlichkeit ganz selbstverständlich, und gerade im Verhältnis zur Erweckung und dem Freiwerden von Schwachheit muss der Sinn für die persönliche Verantwortung erwachen. Eben durch ein solches inneres Erlebnis wird der Mensch die Anschauung von der stellvertretenden Sühne nicht mehr annehmen können.
Er wird belehrt, die Sünden zu bereuen, aber nichts ist leichter als dieses. Es ist eine liebenswürdige Schwachheit der menschlichen Wesenheit, dass wir ganz bereit sind, das Böse, das wir begangen haben, zu bereuen, wenn unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, und wir entweder darunter gelitten, oder wohl gar die Früchte davon genossen haben. Vielleicht würde uns eine genauere Untersuchung unseres Empfindens erkennen lassen, dass wir vielmehr bedauern, in welch enger Verbindung gewisse Übel mit dem Erstreben unserer egoistischen Ziele stehen, als dass es uns leid ist, dass wir das Üble getan haben.
Für gewöhnliche Seelen mag es anziehend sein, die Last der Sünden am Fuße des Kreuzes niederzulegen; für den, der nach theosophischer Erkenntnis strebt, geziemt es sich nicht. Er wird kein Verständnis dafür haben können, dass ein Sünder durch Bekennen seiner Sünden Verzeihung oder Verlöschen seiner Schwachheiten erlangen, oder dass Reue oder richtig Handeln in der Folgezeit zu seinen Gunsten das allgemeine Weltgesetz von Ursache und Wirkung aufheben sollte. Die Folgen seiner bösen Taten dauern doch fort; die Leiden, die er andern durch seine Schwachheit verursacht hat, sind doch nicht ausgelöscht. Der Bekenner der theosophischen Weltanschauung muss doch die Wirkungen der Schwäche auf die Unschuldigen bedenken. Er betrachtet nicht bloß die schuldige Person, sondern die Opfer.
Das Böse ist eine Störung der Harmonie-Gesetze, die das Universum regieren, und der Ausgleich muss den treffen, der diese Gesetze verletzt. Christus warnte also: Sündige nicht mehr, sollen nicht schlimme Dinge über dich kommen.» Und St. Paulus sagt: «Bewirke deine eigene Erlösung. Was ein Mensch säet, das wird er auch erntem. Auf diese Art spricht in seinem «Esoterischen Buddhismus vom Karma — der lange vor ihm in den Puranas enthalten ist: «Ein jeder Mensch erntet die Folgen seiner eigenen Handlungen.
Das ist die Grundlage des Gesetzes vom Karma, wie es in der theosophischen Weltansicht gelehrt wird. Sinnett spricht in seinem «Esoterischen Buddhismus vom Karma-Gesetz als von demjenigen der «ethischen Verursachung. Der Ausdruck «Gesetz der Vergeltung ist besser. Es ist die Macht, welche «geraden Weges uns leitet auf Bahnen unbekannt, doch fehlerlos, von Schuld zur rechten Strafe.»
Aber es bedeutet noch mehr. Es bringt dem Verdienst die Ausgleichung, wie es die Schuld bestraft. Es ist der Ausfluss von einem jeglichen Tun, Gedanken, Wort, und einer jeglichen Tat, und durch dieses Gesetz bestimmen die Menschen sich selbst die Gestalt ihres Lebens und ihres Glückes. Die östlichen Philosophen verwerfen die Idee von einer Neuschöpfung der Seele für ein jedes neugeborene Kind. Sie nehmen eine begrenzte Zahl von Monaden an, die sich entwickeln und die zu einer immer höheren Vollkommenheit heranwachsen, indem sie viele aufeinanderfolgende Persönlichkeiten durchlaufen. Diese Persönlichkeiten sind das Ergebnis von Karma, und durch Karma und Reinkarnation kehrt die menschliche Monade wieder zu ihrer Quelle zurück — zur absoluten Göttlichkeit.»
E. D. Walker gibt in seinem Werke über «Reinkarnation» die folgende Erklärung:
«In wenigen Worten ausgedrückt ist die Lehre vom Karma die Ansicht, dass wir uns selbst zu dem gemacht haben, was wir sind, durch unsere früheren Handlungen; und dass wir an unserer ewigen Zukunft durch unsere gegenwärtigen Handlungen bauen. Durch nichts anderes, nur durch uns selbst werden wir bestimmt. Es gibt keine andere Erlösung und keine andere Verdammnis, als allein diejenige, welche wir selbst über uns verhängen ... Weil dies keinen Schutz bietet für schuldvolle Handlungen und eine starke Menschlichkeit verlangt, so ist es schwachen Naturen weniger willkommen als der gebräuchliche religiöse Glaube von einer stellvertretenden Sühne, von Fürsprache, Vergebung und Bekehrung auf dem Totenbette... Aber im Gebiet der ewigen Gerechtigkeit sind die Verfehlung und die Strafe untrennbar mit einander verbunden wie die Glieder eines einzigen Ereignisses, weil es eigentlich keine Abtrennung gibt von einer Handlung und dem, was aus ihr fließt ... Karma selbst oder die Summe unserer Handlungen aus früheren Lebensläufen führt uns wieder in das Erdenleben zurück. Des Geistes Zustand verändert sich dem Karma entsprechend und dieses Karma verbietet ein längeres Verweilen in irgendeinem Zustande, denn es verändert sich fortwährend. So lange das Handeln des Menschen von materiellen und selbstischen Motiven beherrscht wird, so lange müssen sich die Wirkungen solchen Handelns in physischen Wiedergeburten offenbaren. Nur der vollkommen selbstlose Mensch kann die Anziehungskraft zum materiellen Leben verlieren. Wenige haben dieses erreicht, aber es ist das Ziel der ganzen Menschheit.»
Und der Schreiber der «Secret Doctrin» bemerkt zu demselben Gegenstand:
«Derjenige, welcher an Karma glaubt, glaubt an eine Bestimmung, die sich ein jeder Mensch von der Geburt bis zum Tode selbst webt, Faden für Faden, um sich herum, wie eine Spinne sich ihr Netz webt; und bei diesem Weben wird der Mensch entweder durch die himmlische Stimme eines unsichtbaren Vorbildes außer ihm bestimmt, oder durch die verborgenen astralen Mächte in ihm, die nur zu oft der böse Genius der verkörperten Wesenheit, genannt Mensch, sind. Diese beiden leiten den Menschen, aber einer von ihnen muss vorherrschen, und vom ersten Beginn des unsichtbaren Kampfes schreitet der Stern und das unerbittliche Gesetz mit dem Menschen weiter und nimmt seinen Lauf, allen seinen Lebensschwankungen folgend. Wenn der letzte Faden gewoben ist, und der Mensch dem Anscheine nach eingesponnen ist in das Netzwerk seiner Taten, dann befindet er sich völlig unter der Herrschaft seiner selbstgemachten Bestimmung. Ein Okkultist oder ein Philosoph wird niemals von einer gütigen oder grausamen Vorsehung sprechen; aber indem er sie mit Karma-Nemesis für eins ansieht, kann er doch lehren, dass sie nichtsdestoweniger das Gute hütet und bewacht, sowohl in diesem wie in jenem Leben; und dass sie den bestraft, der Böses tut — vielleicht bis zu seiner siebenten Wiedergeburt —, zweifellos aber solange, bis die störende Wirkung auf das kleinste Atom im harmonischen Weltall ausgeglichen ist. Denn die einzige Regel des Karma, allerdings eine ewige und unabänderliche Regel, ist Harmonie in der Welt des Stoffes und in der Welt des Geistes. Daher ist es nicht Karma, das uns belohnt oder bestraft, sondern wir selbst belohnen oder bestrafen uns, je nachdem unser Tun sich entweder in Übereinstimmung befindet mit den Gesetzen der Natur, oder ihnen zuwider ist, entweder im Sinne der großen Harmonie verläuft oder ihr entgegengesetzt ist.
Keineswegs würden die Gesetze vom Karma unerforschlich sein, wenn die Menschen in Einklang und Harmonie, statt in Streit und Disharmonie wirken wollten. Denn unsere Unwissenheit in Bezug auf diese Dinge — welche der eine Teil der Menschheit die Wege der Vorsehung, dunkel und verworren, ein anderer die Fügungen eines blinden Fatums, ein dritter bloßen Zufall nennt, weil er weder Götter noch Teufel in ihnen wirksam sieht, — diese Unwissenheit würde sicherlich verschwinden, wenn alles in Betracht kommende auf seine wahre Ursache zurückgeführt würde.
Wir stehen verwirrt vor den Geheimnissen unserer eigenen Menschheit und den Rätseln des Lebens, die zu lösen wir keine Neigung haben, und dann klagen wir die große Sphinx an, als ob sie uns verschlingen wollte. Aber es gibt wahrlich keinen Zwischenfall in unserem Leben, keinen Tag des Missgeschickes, oder kein unglückliches Ereignis, die nicht zurückgeführt werden könnten auf unsere eigenen Taten in diesem oder in einem andern Leben ...
Dieses Gesetz vom Karma ist unauflöslich verwoben mit dem von Reinkarnation.... Allein diese Anschauung kann dem Menschen die Rätsel des Lebens erklären, und ihn versöhnen mit den Schrecknissen und der scheinbaren Ungerechtigkeit des Lebens. Nichts als die aus diesem Gesetze fließende Sicherheit kann unseren empörten Gerechtigkeitssinn beruhigen. Denn derjenige, welcher unbekannt mit dieser edlen Lehre, umherblickt und die Ungleichheiten der Geburt und des Glückes betrachtet, die Ungleichheiten des Intellektes und der Fähigkeiten; wer sieht, welche Ehre Narren erwiesen wird, denen das Glück bei der Geburt gewisse Privilegien in den Schoss geworfen hat, und dann den nächsten Nachbar betrachtet, der mit all seinem Verstande und seinen edlen Tugenden — durch die er sich in jeder Art verdient macht — untergeht im Mangel und ohne menschliches Mitgefühl bleibt; wenn ein solcher ferner sieht, wie hilflos er ist, unverdiente Leiden zu lindern, wenn seine Ohren erklingen und sein Herz schmerzt von den Stimmen des Kummers rings um ihn herum, — für einen solchen kann das segenvolle Karma-Gesetz allein ein Hindernis sein, das Leben, die Menschen sowie auch ihren Schöpfer zu verfluchen...
Dieses Gesetz, ob bewusst oder unbewusst, teilt keinem Menschen und keiner Sache eine Vorherbestimmung zu. Es existiert von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn es ist die Ewigkeit selbst; und insofern keine Handlung der Ewigkeit gleichgeachtet werden kann, so kann auch nicht von einem Handeln des Gesetzes gesprochen werden, denn es sind in diesem Falle Handeln und Gesetz ein und dasselbe. Nicht die Welle zieht den Menschen nieder, sondern der Handelnde ist es, der, indem er sich in das unpersönliche Gesetz einspinnt, sich selbst den bewegten Ozean gestaltet. Karma schafft nichts, noch auch hat es irgendwelche Absichten. Es ist der Mensch selbst, welcher die Absichten hat und die Ursachen schafft, und das karmische Gesetz führt nur die Wirkungen herbei, welches Herbeiführen kein Handeln, sondern nur die allgemeine Harmonie darstellt, die immer wieder ihre ursprüngliche Gleichgewichtslage herbeizuführen sucht, gleich einem Ast, der, wenn er mit Gewalt niedergebogen worden ist, mit der gleichen Kraft nach der anderen Seite wieder zurückschnellt. Wenn dabei der Arm verrenkt wird, der versucht hat, ihn aus seiner natürlichen Lage zu bringen, sollen wir dann betrübt sein über den Ast, der ihn verrenkt hat, oder über unsere eigene Torheit? Karma hat es niemals darauf abgesehen, die intellektuelle oder individuelle Freiheit zu beschränken, wie das bei dem Gotte der Monotheisten der Fall ist. Es hüllt seine Gesetze nicht absichtlich in Finsternis ein, um den Menschen zu verwirren, noch bestraft es ihn, wenn er es wagt, seine Geheimnisse zu erforschen. Im Gegenteil: derjenige, welcher durch Studium, oder durch Nachdenken in seine Wege einzudringen und Licht auf seine dunklen Wege zu werfen versucht, in deren Irrgängen so manche umkommen aus Unkenntnis der Lebenslabyrinthe, ein solcher arbeitet für das Heil seiner Mitbrüder. Karma ist ein absolutes und ewiges Gesetz in der Welt der Erscheinungen; und da es nur ein Absolutes, ein Ewiges, eine allgegenwärtige Ursache geben kann, so dürfen die Bekenner des Karma nicht als Atheisten oder Materialisten, noch weniger als Fatalisten angesehen werden, denn Karma ist Eines mit dem Unerkennbaren, von dem es eine Seite darstellt in seinen Wirkungen in der Erscheinungswelt.»
Eine andere bewährte theosophische Schriftstellerin, Mrs. Sinnett, schreibt in dem Buche «Purpose of Theosophy»:
«Jedes Individuum schafft Karma, gutes oder böses, mit jeder Handlung und mit jedem Gedanken seines alltäglichen Treibens, und zugleich arbeitet es in diesem Leben das Karma aus, das es in einem früheren Leben durch Handlungen und Wünsche sich zubereitet hat. Wenn wir jemand mit einem angeborenen Leiden sehen, so ist mit Sicherheit vorauszusetzen, dass dieses Leiden die unvermeidliche Folge ist von Ursachen, die durch ihn selbst in früheren Leben zubereitet worden sind. Man könnte sagen, das sind ja doch vererbte Leiden, die doch nichts mit einer vergangenen Inkarnation zu tun haben; aber dagegen muss doch betont werden, dass das eigentliche «Ich» die Individualität, der wirkliche Mensch, seinen geistigen Ursprung nicht in den Eltern hat, durch die er geboren wird; sondern, dass es durch die Anziehungskräfte, die es sich in einem früheren Leben um sich herum gebildet hat, zu derjenigen Heimat hingezogen wird, die am besten geeignet ist, um diese Tendenzen zu entwickeln. ... Diese Lehre vom Karma ist, wenn sie richtig verstanden wird, sehr wohl geeignet, diejenigen, welche ihre Wahrheit einsehen, zu einer höheren und besseren Lebensansicht zu führen, denn es darf nicht vergessen werden, dass nicht nur unsere Handlungen, sondern auch unsere Gedanken sicherlich von einer Fülle von Umständen begleitet sind, die im Sinne des Guten oder des Bösen unsere Zukunft beeinflussen, und, was wichtiger ist, die Zukunft vieler unserer Mitbrüder. Wenn durch Unterlassung oder dadurch, dass wir etwas begehen, Sünden entstehen, und diese Sünden nur in Bezug auf uns selbst Folgen hätten, so wäre das eine Sache von geringer Wichtigkeit. Die Wirkung jedoch, welche jeder Gedanke oder jede Handlung, die während des Lebens sich zugetragen haben, in gutem oder schlimmem Sinne für andere Mitglieder des menschlichen Geschlechtes haben, bewirkt einen strengen Sinn von Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Selbstlosigkeit als Notwendigkeiten für den künftigen Fortschritt und das künftige Glück der Menschheit. Ein Verbrechen, das einmal begangen ist; ein schlimmer Gedanke, der einmal aus der Seele hervorgegangen ist, sie können nimmermehr zurückgerufen werden — keine Art von Reue kann für die Zukunft ihre Wirkungen auslöschen. Reue, wenn sie aufrichtig ist, wird einen Menschen davon abhalten, seine Irrtümer zu wiederholen, aber sie kann ihn und andere nicht vor den Wirkungen dessen retten, was bereits geschehen ist, welche Wirkungen ihn unter allen Umständen entweder in diesem oder in einem nächsten Leben erreichen werden.»
Mr. J. H. Connelly sagt:
«Die Bekenner einer solchen religiösen Anschauung werden sie gern vergleichen lassen mit einer solchen, in der des Menschen Schicksal für die Ewigkeit abhängt von den Ereignissen eines einzigen kurzen Erdenlebens, während dessen er damit getröstet wird, dass der Apfel liegen werde, wie er fällt; die einzige Hoffnung, die ihm eine solche Lehre geben kann, ist die, dass er beim Erwachen zur Kenntnis von seiner Schwachheit sich trösten kann mit der Lehre von der Stellvertretenden Gerechtigkeit. Durch göttlichen Ratschluss und um die göttliche Macht zu offenbaren, sind einzelne Menschen und Engel bestimmt zu einem ewigen Leben und andere zu einem ewigen Tode. Diese Menschen und Engel, die auf diese Art vorherbestimmt sind, und deren Schicksal auf diese Art vorhergezeichnet ist, sind ihrer Zahl nach so bestimmt, dass sie nicht um ein einziges Glied vermehrt oder vermindert werden können. ... Wie Gott nun einmal die Wahl zu seinem Ruhme getroffen hat ... ei gentlich kann niemand anders durch Christus wirklich berufen, gerechtfertigt, angenommen, geheiligt werden, denn allein derjenige, für den die Wahl entschieden hat. Der übrige Teil der Menschheit ist seinem unerforschlichen Ratschluss nach zur Verherrlichung seiner unbedingten Macht über alle Wesen, der Verdammnis und dem Zorn geweiht für die Sünden, um auf diese Art seine ruhmvolle Gerechtigkeit rühmen zu können.»
So sagt der ausgezeichnete Schriftsteller. Durch nichts Besseres kann diese Betrachtung abgeschlossen werden als durch das, was er von einem vortrefflichen Dichter anführt. Er sagt:
«Man könnte versucht sein, Edwin Arnolds ausgezeichnete Auseinandersetzung über Karma zu geben, wenn sie nicht zu lang wäre; aber es soll wenigstens ein Teil davon angeführt werden:
Was an Dingen die Seele tat, was sie je gedacht,
All dies im Verein zu Karma sich formt
Das Selbst flicht ein Gewebe daraus in der Zeiten Lauf
Und kreuzt hinein in unsichtbarem Tun den Einschlag. Ohne Anfang und ohne Ende,
Ewig wie der Raum und sicher wie die Sicherheit
Ist die göttliche Kraft, die zum Guten strebt,
Unterworfen nur dem eigenen Gesetz. Niemand darf sie verachten;
Verlieren muss, wer ihr widerstrebt, gewinnen, wer ihr dient;
Das heimliche Gute bezahlt sie mit Frieden und Seligkeit,
Das heimliche Böse mit Leid. Sie sieht überall und siegelt alles;
Tue recht — sie lohnt dir! Tue Böses —
Und nach ihrem gewissen Gesetz
Wartet Deiner der Ausgleich. Nicht Zorn noch Verzeihung kennt sie; überwahr
Messen ihre Maße, wägen ihre Gewichte; Zeiten sind ihr
nicht Schranken, morgen kann sie
Treffen Dich oder nach Ewigkeiten. Ewiges Rechttun heißt ihr Wahlspruch,
Keinen Seitensprung gestattet sie noch Stillstand;
Ihre Stärke heißt Liebe, ihr Ziel
Ist Friede und selige Vollendung. Gehorch ihr.»
Man mag nun diese theosophische Ansicht vom Karma prüfen als dem Gesetz der Wiedervergeltung, und sich dann darüber aussprechen, ob sie nicht weit philosophischer und gerechter ist als das grausame und unverständige Dogma, welches «Gott» zu einem sinnlosen Feind macht; das Dogma von den einerseits Erwählten und den ewig Verdammten andern.
Frag.: Wohl ist zu verstehen, was damit gemeint ist; aber es wäre wünschenswert, ein bestimmtes Beispiel von der Wirkungsweise des Karma zu erhalten.
Theos.: Ein solches kann nicht gegeben werden. Man kann nur, wie bereits gesagt, mit Sicherheit fühlen, dass unser gegenwärtiges Leben und unsere gegenwärtigen Verhältnisse die Wirkungen sind unserer eigenen Taten und Gedanken in der Vergangenheit. Wer nicht Scher oder Initiierter ist, kann über die Details im Wirken des Karma nichts wissen.
Frag.: Kann ein Seher oder Adept den karmischen Prozess der Ausgleichung im Einzelnen verfolgen?
Theos.: Gewiss! «Einer, der weiß» kann solches erreichen durch Entfaltung der Kräfte, die im Menschen schlummern.
Frag.: Kann dies von allen Menschen in gleicher Art gelten?
Theos.: Von allen in gleicher Art. Der gleiche enge Gesichtskreis besteht für alle; ausgenommen sind nur solche, die in der gegenwärtigen Inkarnation die vollkommene Fähigkeit der Vision erlangt haben. Ein anderer kann nur verstehen, dass die Dinge anders gekommen wären, wenn sie anders veranlagt worden wären; dass man das ist, wozu man sich selbst gemacht hat, und das uns nur geworden ist, wozu wir selbst den Grund gelegt haben.
Frag.: Es muss befürchtet werden, dass eine solche Anschauung verbitternd wirken möchte.
Theos.: Das Gegenteil sollte der Fall sein. Der Unglaube in ein gerechtes Gesetz der Ausgleichung scheint viel eher geeignet zu sein, in dem Menschen die Gefühle der Bitternis wachzurufen. Ein Kind, und wie vielmehr ein Mann, muss sich auflehnen gegen eine Strafe oder einen Verweis, der unverdient erscheint, und nicht gegen eine verdiente Sache. Der Glaube an das Karma ist das beste Versöhnungsmittel für eines Menschen Lebenslos, und der stärkste Beweggrund für ein besseres Los bei späteren Wiedergeburten zu sorgen. Sowohl das eine wie das andere würde nicht der Fall sein können, wenn wir annehmen müssten, dass unser Los das Ergebnis von etwas anderem wäre, als von einem strengen Gesetz; oder dass unsere Bestimmung in einer anderen Hand als in unserer eigenen wäre.
Frag.: Eben ist behauptet worden, dass dieses Gesetz von Karma und Reinkarnation der Vernunft, dem Gerechtigkeitsgefühl und dem moralischen Sinn einleuchtet. Wenn es aber angenommen wird, geschieht es nicht auf Kosten edlerer Eigenschaften, wie der Sympathie und des Mitleids, und führt es dadurch nicht zu einer Verhärtung der feineren Instinkte der menschlichen Natur?
Theos.: Nur scheinbar, nicht in Wirklichkeit. Kein Mensch kann mehr empfangen, als er verdient, ohne dass eine entsprechende Ungerechtigkeit oder Parteilichkeit gegen andere begangen wird; und ein Gesetz, das man durch Mitleid durchbrechen könnte, müsste mehr Elend als Heil bringen, mehr Empörung und Fluch als Dank. Man vergesse doch auch nicht, dass wir das Gesetz nicht verwalten, wenn wir die Ursachen schaffen für das Walten des Gesetzes; das Gesetz verwaltet sich selbst; und dazu kommt, dass übermächtig viel Raum da ist für die Offenbarung von gerechtem Mitleid und Erbarmen in dem Zustand von Devahan.
Frag.: Man spricht von Adepten als von einer Ausnahme von der allgemeinen menschlichen Unwissenheit. Wissen solche wirklich mehr als die anderen von der Wiederverkörperung und den Zuständen nach dem Tode?
Theos.: Das ist in der Tat der Fall. Durch die Ausbildung von Fähigkeiten, die alle Menschen besitzen, die aber solche Wesen allein zur Vollkommenheit entwickelt haben, sind sie in der Lage, im Geiste die verschiedenen Welten und Zustände zu durchleben, die beschrieben worden sind. Durch lange Zeiträume hindurch hat eine Generation von Adepten nach der andern die Mysterien des Seins studiert, sowie jene des Lebens, des Todes, der Wiedergeburt, und alle haben gelehrt einiges von den so erfahrenen Tatsachen.
Frag.: Betrachtet es die Theosophie als ihr Ziel, Adepten hervorzubringen?
Theos.: Die Theosophie betrachtet die Menschheit als eine Ausstrahlung von der Gottheit, die sich auf dem Wege befindet, wieder zu ihr zurück. Auf einem vorgerückten Punkte dieses Pfades kann die Adeptschaft von denjenigen erreicht werden, die sie durch mehrere Inkarnationen hindurch anstreben. Denn man bedenke wohl, dass kein Mensch die Adeptschaft in den geheimen Wissenschaften in einem Leben erreichen kann. Dazu sind viele Inkarnationen nach der Bildung des bewussten Vorsatzes und dem Beginn der nötigen Übungen notwendig. Es mag viele Männer und Frauen inmitten unserer Gesellschaft geben, welche diesen zur Erleuchtung aufwärts führenden Weg schon vor mehreren Inkarnationen begonnen haben, und die doch jetzt innerhalb der Illusionen des persönlichen Lebens nichts von dieser Tatsache ahnen, und die in diesem Leben jede Möglichkeit verloren haben, irgendwie weiter zu kommen. Sie fühlen einen ausgesprochenen Zug zum Okkultismus und zum «höheren Leben», und hängen doch zu stark an der Persönlichkeit und dem gewöhnlichen Selbst, zu sehr an den Trugbildern des gewöhnlichen Lebens und an den vorübergehenden weltlichen Stimmungen, um wirklich aufwärts zu schreiten. Und so verlieren sie für das gegenwärtige Leben die entsprechende Möglichkeit. Aber für gewöhnliche Menschen innerhalb der Pflichten des alltäglichen Lebens kann ein entsprechendes Ergebnis als Ziel gar nicht in Betracht kommen und ist für sie ungeeignet als ein Motiv.
Frag.: Welches Ziel können solche dann haben, wenn sie der theosophischen Gesellschaft beitreten?
Theos.: Viele haben ein Interesse an den theosophischen Lehren und fühlen, dass sie wahrer sind als die irgendeiner der dogmatischen Religionen. Andere haben den festen Entschluss gefasst, dem höchsten Ideal menschlicher Pflicht nachzuleben. Der Unterschied zwischen Glauben und Wissen, oder blinder und von der Vernunft getragener Glaube?
Frag.: Es wurde von solchen gesprochen, welche auf einen Glauben gestützt die Lehren der Theosophie annehmen. Da solche aber doch nicht zu den Adepten gehören, so müssen doch auch sie sich einem blinden Glauben hingeben; in was unterscheiden sich denn nun solche Gläubige von denen der konventionellen Religionen?
Theos.: Wie in fast allen andern Punkten ein Unterschied besteht, so auch in dieser Beziehung. Was man «Glaube» nennt und was in Wirklichkeit ein blinder Glaube ist, wie er sich besonders gegenüber den Dogmen der christlichen Kirche findet, dies wird in der theosophischen Lehre zum Wissen, zur logischen Folge derjenigen Dinge, die dem Menschen bekannt sind, der Tatsachen der Natur. Die Lehren der positiven Religion fußen auf der Auslegung — also dem, was aus zweiter Hand stammt —, der Zeugnisse der Scher; die theosophischen Lehren aber sind unmittelbar diesem Zeugnisse entnommen. Die gewöhnliche christliche Theologie z.B. behauptet, der Mensch sei ein Geschöpf Gottes und bestehe aus drei Teilen: Körper, Seele und Geist, die zu seiner Gesamtheit gehören und die er braucht, entweder zu seiner groben Form der irdischen Existenz, oder zu seiner verfeinerten Form nach der Auferstehung; jedem Menschen wird damit eine Daseinsform zugestanden, die ihn sowohl von allen andern Menschen, wie auch von Gott abtrennt. Die Theosophie dagegen zeigt, dass die Menschen Ausstrahlungen sind von dem Unbekannten, das aber die ewig gegenwärtige und unendliche Wesenheit ist; dass sein Körper jedoch wie jedes andere äußere Ding vergänglich ist, daher als eine Illusion zu bezeichnen ist; dass allein der Geist die unzerstörbare Substanz ist, und dass dieser seine getrennte Wesenheit in dem Augenblicke seiner Wiedervereinigung mit dem universellen Geist verliert.
Frag.: Wenn so die Individualität verloren geht, so kommt das doch einer Vernichtung völlig gleich?
Theos.: Das ist nicht so, denn, wenn man von Vernichtung spricht, so meint man die getrennte, nicht die universelle Wesenheit. Die Individualität wird als ein Teil in das Ganze übergeleitet; der «Tautropfen» verdunstet nicht, sondern er geht im Meere auf. Der physische Mensch ist doch auch nicht vernichtet, wenn aus einem Kinde ein alter Mann wird. Welch eine Art von satanischem Hochmut müsste uns eigen sein, wenn wir unsere begrenzte Individualität und unser enges Bewusstsein höher stellen wollten, als das universelle und unendliche Bewusstsein?
Frag.: Daraus scheint doch in Wirklichkeit zu folgen, dass es einen Menschen überhaupt nicht gibt, sondern nur den alleinigen Geist?
Theos.: Das wäre ein Missverständnis. Es folgt daraus, dass die Vereinigung des Geistes mit dem Stoffe allerdings nur zeitweilig ist; oder um es noch klarer zu sagen: da Geist und Stoff die zwei entgegengesetzten Pole einer und derselben universellen geoffenbarten Substanz sind, so verliert der Geist das Recht auf seinen Namen, solange das geringste materielle Teilchen der geoffenbarten Substanz noch in seiner Form sich ausdrückt. Wer anderes glaubt, gibt sich eben einem «blinden Glauben» hin.
Frag.: So also behauptet die Theosophie auf Grundlage eines Wissens, nicht eines Glaubens, dass der Geist, als das bleibende Prinzip, seinen Durchgang durch den Stoff zu Stande bringt?
Theos.: So ist es. Aber es ist sehr gut zu erkennen, wohin dieser Einwand abzielt. Deshalb kann ohne weiteres gesagt werden, dass der Glaube, der oft verteidigt wird, eine geistige Schwäche darstellt, während der wirkliche Glaube (pistis im griechischen) oder der «auf Erkenntnis gestützte Glaube» auf den Zeugnissen der physischen und geistigen Sinne beruht.
Frag.: Was ist damit gemeint?
Theos.: Wer zwischen beiden den Unterschied sich klar machen will, der muss erkennen, welch ein Unterschied ist zwischen einem auf Autorität gestützten Glauben und dem theosophischen, der auf der spirituellen Intuition beruht.
Frag.: Welches ist dieser?
Theos.: Das eine ist menschliche Gläubigkeit und Aberglaube, das andere Glaube und Intuition. Professor Alexander Wilder sagt in seiner Einführung in die Eleusinischen Mysterien:
«Es ist der Unwissenheit eigen, dass sie zur Entweihung führt. Die Menschen lachen über das, was sie eigentlich nicht verstehen... Die Vorwärtsbewegung der Welt geht einem Ziele entgegen; und innerhalb der menschlichen Gläubigkeit ruht eine unendliche Kraft, ein heiliger Glaube, fähig, die höchsten Wahrheiten des
Daseins zu erfassen. » Diejenigen, welche die Gläubigkeit auf menschlich autoritative Dogmen allein beschränken möchten, werden niemals an diese Kraft herankommen, noch ihre Wesenheit erfassen. Sie steckt fest in den äußeren Welten, und sie ist unfähig, in den Werdegang ihr innerstes Wesen einzugliedern; denn dazu ist das Recht des persönlichen Urteiles nötig, und dieses soll ja doch gerade nicht geltend gemacht werden.
Frag.: Und zwingt diese «Intuition», Gott als einen persönlichen Vater, Schöpfer und Regierer der Welt zu verwerfen?
Theos.: Jawohl. Der Theosoph spricht von einem unerkennbaren Prinzip, denn nur geistige Blindheit kann sich dem Glauben hingeben, dass das Universum, der denkende Mensch und alle Wunder der stofflichen Welt ohne intelligente Kräfte entstanden sein könnten, und dass ohne solche alle Dinge der Welt eine solch außerordentlich weise Anordnung haben könnten, wie sie haben. Die Natur mag irren und tut es zweifellos in manchen Einzelheiten und in den äußeren Offenbarungen des stofflichen Daseins, aber niemals in ihren letzten Ergebnissen und in ihren inneren Ursachen. Die alten Heiden hatten über diese Sache viel philosophischere Ansichten als die modernen Philosophen, ob sie nun Agnostiker, Materialisten oder Christen sind; und kein heidnischer Schriftsteller ist je aufgetreten mit der Behauptung, dass Grausamkeit und Mitleid nicht in die Sphäre der endlichen Gefühle gehörten, und dass sie deshalb Eigenschaften eines unendlichen Gottes sein könnten. Ihre Götter trugen daher nie das Prädikat des Unendlichen. Der siamesische Autor des Buches «Rad des Gesetzes» bringt ganz die theosophische Ansicht von einem persönlichen Gotte vor, wie die Theosophen; er sagt:
«Ein Buddhist kann an die Existenz eines Gottes glauben, der über alle menschlichen Eigenschaften und Tugenden erhaben ist, — an einen vollkommenen Gott, der über Liebe, Hass, Eifersucht erhaben ist, der unbewegt in einer durch nichts zu störenden Ruhe lebt. Von solch einem Gotte würde er nicht das geringste unpassende vorbringen, nicht aus Begierde, ihm zu gefallen, oder aus Furcht, ihn zu beleidigen, sondern aus natürlicher Verehrung heraus. Aber einen Gott mit menschlichen Eigenschaften findet er unverständlich, einen Gott, der liebt und hasst, und der Ärger zu zeigen vermag. Ob nun ein solcher Gott beschrieben wird von christlichen Missionaren oder von Mohammedanern, oder von Brahminen, oder von Juden, der Buddhist könnte ihn nicht einmal einem gewöhnlichen guten Menschen gleichstellen.»
Frag.: Glaube ist Glaube; und ist nicht der Glaube des Christen, der in seiner menschlichen Schwäche und Unbehilflichkeit glaubt, dass es einen barmherzigen Vater im Himmel gibt, der ihn in Versuchungen behüten, ihm im Leben helfen und ihm die Sünden vergeben werde, besser als der kalte fast fatalistische Glaube der Buddhisten, Vedantins und Theosophen?
Theos.: Es möge zugestanden werden, die theosophische Ansicht «Glaube» zu nennen. Aber wenn doch noch einmal auf diese Frage zurückgekommen werden soll, so möchte doch der Theosoph seinerseits die Frage aufwerfen: Wenn es schon ein Glaube sein soll, ist nicht ein solcher, der auf strenge Logik und Vernunft gebaut ist, besser als einer, der nur menschliche Autorität und Heldenanbetung für sich hat? Der theosophische Glaube hat alle logische Kraft einer arithmetischen Wahrheit, wie etwa, dass zweimal zwei vier ist. Ein anderer Glaube ist gleich dem gewisser emotioneller Frauen, von denen Turgenyeff sagt, dass ihnen gewöhnlich zweimal zwei gleich fünf ist und ein Talglicht noch dazu. Auch steht solcher Glaube außerdem nicht nur mit jedem Standpunkt von Logik und Gerechtigkeit im Widerspruch, sondern wenn er im Einzelnen befolgt wird, bringt er den Menschen zum moralischen Niedergang, verhindert den Fortschritt und kann sicherlich die Macht in Recht umwandeln, indem er jeden zweiten Menschen zu einem Kain gegenüber seinem Bruder Abel verwandelt.
Frag.: Worauf will das hinaus?
Theos.: Es kommt das auf die Lehre der Sühnung hinaus. Gezielt soll auf jenes gefährliche Dogma werden, an welches geglaubt wird, und welches lehrt, dass die Verbrechen der Menschen noch so groß sein mögen gegen Gott und gegen ihre Mitmenschen; man könnte gereinigt werden davon durch das Blut Jesu, wenn man nur den Glauben an dessen Hinopferung für die Menschheit habe. Seit zwanzig Jahren wird gegen diese Lehre durch den Verfasser dieses Buches gepredigt, und er will jetzt die Aufmerksamkeit auf einen Paragraphen aus «Isis Unveiled» lenken, die 1875 geschrieben worden ist. Es ist dieses, was das Christentum lehrt und wogegen die Theosophie sich wendet:
«Gottes Barmherzigkeit ist ohne Grenzen und unergründlich. Es kann keine noch so verdammungswürdige menschliche Sünde geben, die nicht durch den im Voraus bezahlten Preis ausgeglichen werden könnte. Ja, sie könnte es auch dann, wenn sie tausendmal grösser wäre. Und ferner: niemals kann es für die Reue zu spät sein. Auch wenn der Verbrecher warten sollte bis zur letzten Stunde des letzten Tages seines sterblichen Lebens, ehe seine erbleichenden Lippen das entsprechende Bekenntnis stammeln, er kann des Paradieses doch sicher sein; der sterbende Verbrecher tat dieses — und so wird auch für die andern das gleiche gelten. So sind die Behauptungen der Kirche und der Priesterschaft; Behauptungen, welche von den angesehensten Lehrern herrühren, die im «Lichte des neunzehnten Jahrhunderts getan werden, — dieses Zeitalters, das das paradoxeste von allen ist.»
Frag.: Macht es den Christen nicht glücklicher als der Buddhist oder der Brahmane ist?
Theos.: Keineswegs. Sicherlich keinen gebildeten Menschen, umso weniger, seit die Mehrzahl derselben in Wirklichkeit lange den Glauben an dieses grausame Dogma verloren hat. Und zugleich führt es seine Bekenner leichter an die Schwelle eines jeglichen Verbrechens, als irgendein anderes bekanntes. Es sei darüber noch das folgende aus «Isis Unveiled» (II, 542 ff.) angeführt: «Wenn wir aus einem kleinen Glaubenskreise heraustreten und das Weltall betrachten als ein Ganzes, wie es durch eine außerordentliche Harmonie ausgeglichen ist, wie muss sich dann alle gesunde Logik, aller Gerechtigkeitssinn auflehnen gegen diese stellvertretende Gerechtigkeit! Wenn der Sünder nur gegen sich selbst sich richtete, und keinem andern als sich selbst Unrecht täte; wenn er durch aufrichtige Reue die Verfehlungen der Vergangenheit tilgen könnte, und zwar nicht allein aus dem Gedächtnisse der Menschen, sondern aus den unvergänglichen Urkunden, welche keine Gottheit — nicht einmal die erhabenste der erhabenen — verschwinden lassen kann: dann könnte dieses Dogma verständlich sein. Aber zu behaupten, dass jemand unrecht gegen seine Mitmenschen tun könne, dass er morden, dass er das Gleichgewicht der Gesellschaft, ja die natürliche Ordnung der Dinge zerstören könne, und dann — durch Feigheit, Hoffnung oder äußere Veranlassung — durch seinen Glauben an das reinigende Blut des anderen Vergebung erlangen könne: das ist unverständlich! Können die Folgen eines Verbrechens ausgetilgt werden, selbst wenn die Verzeihung für das Verbrechen platzgreift? Die Wirkungen einer Ursache können sich niemals in den Grenzen dieser Ursache selbst halten, noch können die Folgen des Verbrechens auf den Verbrecher und sein Opfer beschränkt werden. Jede gute, wie jede böse Handlung hat ihre Folgen, die so offensichtlich sind wie diejenigen, die ein Stein in einer ruhigen Wassermasse hervorbringt. Das Gleichnis ist abgenützt, aber es ist leicht zu verstehen, deshalb mag es gebraucht werden. Die geschlagenen Kreise sind größer und schmäler, je nachdem der hineingeworfene Gegenstand größer und kleiner ist; aber der kleinste Gegenstand, auch der allergeringste, macht seine Ringe. Und diese Störung ist nicht nur eine sichtbare, und nicht nur eine oberflächliche. Unter der Oberfläche, im unsichtbaren Teile, in jeder Richtung — außen und innen — verdrängt Tropfen den Tropfen, bis die Seiten und der Boden durch die Kraft erreicht werden. Noch mehr: die Luft über dem Wasser wird erregt, und diese Störung dringt, wie die Physiker uns lehren, — von Schichte zu Schichte und breitet sich im Raume für immer aus; ein Impuls, der einmal dem Stoffe gegeben wird, kann nimmer verloren gehen, nimmer zurückgerufen werden ... Und so ist es mit dem Verbrechen und mit dem, was es hervorruft. Die Tat mag dem Augenblick entstammen, die Wirkungen sind ewig. Wenn wir es vermögen, einen in den Teich geworfenen Stein wieder in die Hand zurückzurufen, die aufgeworfenen Ringe auszugleichen, die erregten Kräfte auszutilgen, die feinen Wellen in ihren vorigen Zustand zurückzuversetzen, und jede Spur des Geschehenen zu verwischen, sodass durch nichts sich verrät, was geschehen ist: dann mag man geduldig annehmen, was die Christen über die Sühnung sagen,» — und das karmische Gesetz verwerfen. Wie aber nun die Sache steht, kann man die Entscheidung der ganzen Welt anrufen, welche von den beiden Lehren diejenige ist, die einer göttlichen Gerechtigkeit am meisten entspricht, und welche begreiflicher ist und mehr in den Rahmen gesunder menschlicher Einsicht und Logik fällt.
Frag.: Und doch glauben Millionen von Menschen an das christliche Dogma und sind glücklich.
Theos.: Aus keinem anderen Grunde, als weil die Sentimentalität die Oberhand gewinnt über das Denken; ein Vorgang, den aber kein wirklicher Menschenfreund und Altruist billigen kann. Man hat es nicht nur mit einem Traum der Selbstsucht, sondern mit einem Alpdrücken des menschlichen Verstandes zu tun. Und man sehe zu, wohin das führt; man führe die heidnischen Gebiete einmal an, in denen mehr Verbrechen als in den christlichen begangen würden. Man betrachte die langen und schrecklichen jährlichen Mitteilungen der Verbrechen, die in europäischen Gegenden begangen werden und besonders im protestantischen und bibelgläubigen Amerika. Daselbst sind jene Bekehrungen häufiger, welche in Gefängnissen gemacht werden, als diejenigen, die durch öffentliche Zeremonien und Predigten bewirkt werden.
Man sehe, wie es um die Wege der christlichen Gerechtigkeit steht. Blutbefleckte Mörderhände, getrieben durch die Dämonen der Lust, der Rache, des Verlangens, des Fanatismus, sogar rein durch die Begierde nach Blut, — die da töten ihr Opfer, in den meisten Fällen ohne ihm Zeit zur Reue zu geben oder Jesus anzurufen. Diese sterben dann vielleicht in Süinden und werden — der theologischen Logik entsprechend — Bestrafung finden für ihre größeren oder kleineren Vergehen. Der Mörder jedoch, welcher der menschlichen Gerichtsbarkeit verfällt, wird gefangen genommen, durch sentimentale Menschen beweint, es wird für ihn gebetet, nachdem er die zauberischen Worte der Bekehrung ausgesprochen hat, und er geht zum Schafott als ein erlöstes Kind Jesu! Im Falle er kein Mörder geworden wäre, hätte sich niemand veranlasst gesehen, für ihn und mit ihm zu beten, und er wäre der Erlösung nicht teilhaftig geworden. Klar ist es für diesen Menschen, dass es gut für ihn war, ein Mörder zu werden, denn nur so konnte er die Seligkeit erringen. Was aber ist es mit dem Opfer, dessen Familie, Angehörige und soziale Verhältnisse; gibt ihnen die Gerechtigkeit keinen Ausgleich? Müssen sie in dieser und jener Welt dulden, während er, der ihnen ein Unrecht angetan hat, an die Seite des «heiligen Schachers» vom Kalvarienberg gesetzt und selig wird? Über diese Frage hüllt die Priesterschaft sich in Schweigen» (Isis Unveiled, ebenda). Das ist der Grund, warum die Theosophen — deren Grundbekenntnis im Glauben und in der Hoffnung «Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden» und Karma ist — dieses Dogma verwerfen.
Frag.: Die letzte Bestimmung des Menschen ist dann nicht im Himmel, dem Gott vorsteht, sondern die allmähliche Umwandlung des Stoffes, aus seinem ursprünglichen Elemente, in Geist?
Theos.: Das ist allerdings das Endziel, dem alles in der Natur zustrebt.
Frag.: Betrachten nicht einige der Theosophen diese Vereinigung oder diesen «Fall in den Stoff» als das böse, und die Wiedergeburt als einen Kummer?
Theos.: Das tun allerdings einige, und deshalb suchen sie ihre Periode der Erdenprüfungen abzukürzen. Es liegt hier aber nicht ein vollkommenes Übel vor, da es uns jene Erfahrung gewährt, durch die wir Erkenntnis und Weisheit erlangen. Es ist damit jene Erfahrung gemeint, die uns zeigt, dass unsere geistige Natur durch nichts anderes als durch geistiges Glück befriedigt werden kann. Solange als wir im Körper sind, sind wir den Leiden und Schmerzen unterworfen und allen Enttäuschungen, die sich während des Lebens ereignen. Daher erlangen wir zuletzt die Erkenntnis, die allein uns Ausgleich und Hoffnung für eine bessere Zukunft erteilen kann.