XIII. Über die Missverständnisse in Bezug auf die Theosophische Gesellschaft

Frag.: Es ist behauptet worden, dass die Regeln der Theosophischen Gesellschaft von allen Mitgliedern verlangen, dass sie Vegetarier, Zölibatäre und strenge Asketen werden; darüber ist bis jetzt gar nichts gesagt worden. Könnte nicht darüber ein für alle Mal etwas Bestimmtes gesagt werden?

Theos.: In Wahrheit fordern die Regeln nichts von dergleichen. Die Theosophische Gesellschaft erwartet nicht einmal, noch viel weniger fordert sie, dass irgend eines ihrer Mitglieder Asket in irgend einer Form werde, ausgenommen — wenn man dies Asketentum nennen wollte — dass es versuchen soll, gütig gegen andere Menschen zu sein, und im eigenen Leben die Selbstsucht abzulegen.

Frag.: Doch sind viele der Mitglieder strenge Vegetarier, und äußern öffentlich, dass ihre Absicht sei, nicht zu heiraten. Besonders ist das oft bei denen der Fall, die einen hervorragenden Anteil an der Arbeit der Gesellschaft nehmen.

Theos.: Das ist nur natürlich, weil die meisten wirklich ernste Arbeiter in der inneren Sektion der Gesellschaft sind, über die vorher gesprochen worden ist.

Frag.: Dann fordert also diese innere Sektion asketische Übungen?

Theos.: Nein; auch dort werden sie nicht verlangt; aber es wäre wohl besser, wenn hier eine allgemeine Auseinandersetzung über den Asketismus gegeben würde, dann wird auch alles über Vegetarismus u. dgl. klar werden.

Frag.: Das möge geschehen.

Theos.: Es ist bereits ausgesprochen worden, dass viele Menschen, die ernste Anhänger der Theosophie werden, und wirkliche Arbeiter in der Gesellschaft, mehr wünschen als das bloße theoretische Studium der Wahrheiten, die gelehrt werden. Sie wollen die Wahrheit durch eigene persönliche Erfahrung kennen lernen und den Okkultismus mit dem Ziele studieren, die Weisheit und Macht zu erwerben, die sie als notwendig fühlen um anderen zu helfen, wirksam und sachgemäß, anstatt in Blindheit und in Abhängigkeit vom Zufall. Daher suchen sie, früher oder später, die innere Sektion auf.

Frag.: Aber es ist doch gesagt worden, dass «asketische Übungen» nicht verbindlich seien, auch nicht in der inneren Sektion?

Theos.: Gewiss sind sie das nicht; aber das erste, was die Mitglieder da lernen, ist ein wahrer Begriff von den Beziehungen des Körpers, oder der physischen Umhüllung, zu dem innern, dem wahren Menschen. Die Beziehung und die Wechselwirkung dieser beiden Seiten der menschlichen Natur werden ihnen da auseinandergesetzt, sodass sie sich bald darüber klar werden, um wie viel wichtiger der innere Mensch ist als der äußere Leib. Sie erkennen da, dass unvernünftige Asketik die reine Torheit ist; dass solches Verhalten wie das des heil. Labre, von dem gesprochen worden ist, oder dasjenige der indischen Fakire und der Jungle-Asketen, die ihren Körper schneiden, brennen und quälen in der grausamsten und schrecklichsten Art — dass alles das nur Selbstquälerei aus selbstsüchtigen Gesichtspunkten ist, das ist, um Willenskräfte zu entwickeln. Aber dies ist vollkommen nutzlos für das spirituelle Leben oder für die theosophische Entwicklung.

Frag.: Man sieht, es wird nur moralischer Asketismus für notwendig gehalten. Es ist wie ein Mittel zu einem Ziel; und das Ziel ist das vollkommene Gleichgewicht der inneren Wesenheit des Menschen und die vollkommene Meisterschaft zu erringen über den Körper mit allen seinen Leidenschaften und Wünschen. Theos.: Es ist so. Aber dieses Mittel muss verständig und weise angewendet werden, nicht blind und töricht; es muss sein, wie bei der Erziehung des Athleten, der sich für einen großen Kampf vorbereitet, nicht wie bei dem Geizhals, der sich selbst krank macht aus seiner Leidenschaft zum Golde heraus.

Frag.: Daraus kann die allgemeine Idee verstanden werden; aber es fehlt noch, dass die Anwendung in der Praxis gezeigt werde. Es möge das in Bezug auf den Vegetarismus z.B. gezeigt werden.

Theos.: Einer der großen deutschen Gelehrten hat nachgewiesen, dass jede Art von tierischem Gewebe, wie immer man es auch kochen mag, doch sich gewisse Kennzeichen des Tieres bewahrt, zu dem es gehört, und diese Kennzeichen können angegeben werden. Außerdem kennt ein jeder nach dem Gefühle, welches Fleisch er isst. Nun gehe man einen Schritt weiter und begreife, dass wenn das Fleisch der Tiere durch den Menschen als Nahrung aufgenommen wird, es ihm physiologisch einige der Kennzeichen des Tieres mitteilt, von dem es herrührt. Außerdem lehrt und beweist die okkulte Wissenschaft dieses den Lernenden durch den Augenschein, indem sie ihnen auch zeigt, dass die «vertierende» Wirkung auf den Menschen grösser ist beim Fleische großer Tiere, geringer bei Vögeln, noch geringer bei Fischen und andern kaltblütigen Tieren, und am geringsten, wenn nur Vegetabilien gegessen werden.

Frag.: Dann wäre es ja am besten gar nichts zu essen? Theos.: Wenn man ohne zu essen leben könnte, wäre das der Fall. Aber wie die Dinge liegen, muss man essen um zu leben; deshalb wird den ernstlich Lernenden geraten, solche Nahrung zu sich zu nehmen, die Gehirn und Körper am wenigsten schwer macht, und die das geringste Hindernis bietet der Entwicklung der Intuition, der inneren Fähigkeiten und Kräfte.

Frag.: Dann betrachtet der Theosoph die Behauptungen der Vegetarier nicht als die seinigen?

Theos.: Sicherlich nicht. Einige ihrer Behauptungen sind sehr wenig wert, und nur zu oft auf ganz falschen Voraussetzungen auferbaut. Andrerseits sagen sie manche Dinge, die durchaus wahr sind. So scheint es durchaus richtig zu sein, dass viele Krankheiten, besonders viele Krankheitsanlagen in unserer Zeit mit dem Fleischgenuss zusammenhängen, besonders des in Zinnbüchsen aufbewahrten Fleisches. Aber es würde zu weit führen, ausführlich auf die Frage des Vegetarismus einzugehen; es möge anderes besprochen werden.

Frag.: Noch sei eine Frage gestellt: Was tun die Mitglieder der inneren Sektion mit Bezug auf ihre Nahrung, wenn sie krank sind?

Theos.: Sie folgen den besten praktischen Anweisungen, die ihnen zugänglich sind. Kann denn durchaus nicht begriffen werden, dass niemand in irgendeiner Beziehung eine Verpflichtung auferlegt wird? Man bedenke doch, dass in allen solchen Dingen die Theosophie einen vernünftigen, nicht einen fanatischen Standpunkt einnimmt. Wenn wegen Krankheit, oder langer Angewöhnung ein Mensch ohne Fleisch nicht sein kann, so möge er doch Fleisch essen. Es ist kein Verbrechen; es wird seinen Fortschritt nur wenig hemmen; denn nach allem, was gesagt worden ist, sind die rein körperlichen Handlungen und Verrichtungen weit weniger wichtig, als was der Mensch denkt und fühlt, was für Wünsche er in seiner Seele pflegt, und was er da sich einwurzeln lässt.

Frag.: Und mit Bezug auf den Gebrauch von Wein und Spirituosen ist zu vermuten, dass die Theosophie von ihm abrät?

Theos.: Sie sind schlechter für das moralische und geistige Wachstum als das Fleisch, denn Alkohol hat in all seinen Formen einen direkten, bedeutsamen Einfluss auf die Seelenverfassung eines Menschen. Wein, Spirituosen zu trinken, ist für die Entwicklung innerer Kräfte kaum viel weniger schädlich als der Gebrauch von Haschisch, Opium und ähnlichen Mitteln.

Frag.: Nun möge zu einer andern Frage übergegangen werden; muss ein Mensch heiraten oder Zölibatär bleiben?

Theos.: Es hängt von der Art des Menschen ab, den man ins Auge fasst. Wenn man einen im Auge hat, der beabsichtigt, in der Welt zu leben, und welcher, obwohl er ein guter, ernster Theosoph ist, und ein wackerer Arbeiter für die theosophische Sache, doch Bande und Wünsche hat, die ihn an die Welt knüpfen, der, um es kurz zu sagen, nicht fühlt, dass er abgeschlossen hat für immer mit dem, was man Leben nennt, und dass er nur noch nach dem Einzigen Verlangen trägt: die Wahrheit zu erkennen, und im Stande zu sein, andern zu helfen — für einen solchen ist kein Grund vorhanden, nicht zu heiraten, wenn er es auf sich nehmen will, an diesem Glücksspiel sich zu beteiligen, in dem sich so viele schlechte wie gute Nummern finden. Sicherlich kann man die Theosophie nicht für so unsinnig halten und fanatisch, um zu glauben, dass sie gegen die Ehe unbedingt sei. Andrerseits, außer in wenigen Ausnahmefällen des praktischen Okkultismus, ist die Ehe das einzige Mittel gegen die Sittenlosigkeit.

Frag.: Aber warum sollten solche Kenntnisse und Kräfte nicht auch innerhalb der Ehe erreicht werden können?

Theos.: Es können hier gewisse physiologische Fragen nicht berührt werden; aber es kann eine deutliche, und wohl auch ausreichende Antwort gegeben werden, welche die anzuführenden moralischen Gründe enthält. Kann ein Mensch zweien Herren dienen? Nein! Er kann seine Aufmerksamkeit nicht teilen zwischen der Gefolgschaft gegenüber dem Okkultismus und dem Weibe. Wenn er es dennoch versucht, wird er sicherlich ein jedes mangelhaft tun; und man erinnere sich doch, dass der praktische Okkultismus ein zu ernstes und gefahrvolles Streben darstellt, als dass sich ihm ein Mensch widmen sollte, dem es nicht voller Ernst damit ist, und der für sein Ziel alles, vor allem sich selbst opfern will. Das aber findet keine Anwendung auf die Mitglieder der inneren Sektion. Es findet nur auf jene Anwendung, die den Pfad der Schülerschaft gehen wollen, der zu den höchsten Zielen führt. Die meisten, wenn nicht alle, welche der inneren Sektion angehören, sind nur Anfänger, die sich in dem gegenwärtigen Leben nur darauf vorbereiten, den Pfad in einem künftigen Leben zu betreten.

Frag.: Eine der wirksamsten Einwendungen gegen die Heilsamkeit der im Westen bestehenden Religionsformen, und auch gegen die materialistische Philosophie, die gegenwärtig so volkstümlich ist, scheint das zu sein, dass sie verantwortlich gemacht werden für die Trostlosigkeit des Elends, das in weiter Ausdehnung besteht, besonders in den großen Städten. Aber man müsste doch sicherlich anerkennen, dass vieles geschieht, um diesem Zustande abzuhelfen durch die Verbreitung von Bildung und durch Erziehungspflege.

Theos.: Die künftigen Geschlechter werden kaum für solche «Verbreitung der Bildung» dankbar sein, noch wird viel Gutes für die armen, elenden Massen getan durch die gegenwärtige Erziehung.

Frag.: Man gebe nur Zeit; es ist ja kaum einige Jahre her, seit mit solcher Volkserziehung begonnen worden ist.

Theos.: Und was hat denn die christliche Kirche seit dem 15. Jahrhundert eigentlich getan? Wenn doch zugegeben werden muss, wie wenig für die Volkserziehung bis jetzt getan worden ist. Wenn also das, was eine wahre christliche Kirche hätte tun müssen, erst jetzt begonnen werden muss?

Frag.: Es mag mit Bezug auf die Vergangenheit richtig sein — aber gegenwärtig — Theos.: Man betrachte doch nur einmal diese Erziehungsfrage auf einer breiteren Grundlage, und es kann bewiesen werden, dass keineswegs Gutes getan wird mit dem, was so gerühmt wird. Die Schulen für die armen Kinder sind, obgleich sie weniger gut sind als sie sein könnten, doch ein Segen im Verhältnis zu der schlimmen Umgebung, zu der sie verdammt sind durch die moderne Gesellschaft. Der Einfluss einer geringen Menge Theosophie würde hundertmal mehr fruchten für die armen leidenden Massen als aller Einfluss einer nutzlosen Verstandesbildung.

Frag.: Kann man das in Wirklichkeit behaupten?

Theos.: Man denke das nur einmal zu Ende. Damit ist ein Punkt berührt, den die Theosophen als einen besonders wichtigen empfinden, und er muss besonders deutlich besprochen werden. Man kann zugeben, dass es von großem Vorteil ist für ein kleines Kind, das in Schmutzhöhlen aufwächst und auf der Straße sich tummelt, und fortdauernd umgeben ist von Schmutz in Wort und Gebärde, wenn es täglich in eine geräumige, helle Schulstube kommen kann, in der Bilder hängen und Blumen sind. Da lehrt man es, rein, ordentlich, edel zu sein; da lernt es singen und spielen; es erhält etwas, was seinen Verstand weckt, lernt seine Finger richtig gebrauchen; man spricht mit Lächeln zu ihm, statt grollend, es wird zart ermahnt, statt gequält. Alles dies vermenschlicht die Kinder, lässt ihr Gehirn gedeihen, und macht sie empfänglich für verständige und moralische Einflüsse. Die Schulen sind nicht alle, was sie sein sollten; aber verglichen mit dem Hause, sind sie Paradiese; und sie beeinflussen auch nach und nach die Häuser. Aber während dies wahr ist mit Bezug auf die Schulen, so verdient doch das ganze Lebenssystem die schärfste Verurteilung.

Frag.: In welcher Richtung kann dies behauptet werden? Theos.: Welches ist das wirkliche Ziel der modernen Erziehung? Ist es, den Geist zu bilden und zu entwickeln in der ihm entsprechenden Richtung; zu lehren die Enterbten und Hilflosen, dass sie mit Starkmut die Lebensbürden tragen können, die ihnen vom Karma auferlegt werden; ihren Willen zu kräftigen; ihnen die Liebe zu den Mitmenschen einzuprägen und ihnen das Gefühl gegenseitigen Zusammengehörens zu geben in einem Bruderbunde; und ihnen so alle jene Charaktereigenschaften zu geben, deren sie im praktischen Leben bedürfen? Nichts davon ist der Fall. Und doch sind das unleugbar die wahren Erziehungsziele. Niemand leugnet dies; alle Erzieher geben es zu, und verwenden viele Worte auf diese Sache. Aber was ist der praktische Erfolg von alle dem? Jeder junge Mensch und Knabe, selbst jeder jüngere Schulmeister wird antworten: «Das Ziel der modernen Erziehung ist, im Examen zu bestehen», ein System, das nicht den echten Wettstreit anregt zwischen den jungen Menschen untereinander, sondern Eifersucht und Neid, sogar Hass, und so für ein Leben voll wilder Selbstsucht erzieht, für einen Kampf um Ehre, anstatt für gütiges Fühlen.

Frag.: Man muss die Berechtigung davon zugeben.

Theos.: Und was sind diese Prüfungen — der Schrecken der modernen Knaben und jungen Leute? Sie sind einfach eine Art, durch welche die Ergebnisse des in der Schule Gelernten aufgezeichnet werden. Mit andern Worten, sie bilden die praktische Anwendung der modernen wissenschaftlichen Methode auf die «Gattung Mensch», als eines intelligenten Wesens. Nun lehrt die Wissenschaft, dass der Verstand eine Wirkung mechanischer Vorgänge im Gehirn sei; daher ist es nur logisch, wenn die moderne Erziehung zumeist ganz mechanisch ist — eine Art von Automat, um den Verstand zentnerweise hervorzubringen. Eine nur geringe Erfahrung im Prüfungswesen genügt, um zu zeigen, dass alles, was diese Erziehung hervorbringt, nichts ist als eine Ausbildung des physischen Gedächtnisses, und dass früher oder später alle modernen Schulen auf diese Stufe herabsinken werden. Dabei ist eine wirklich gesunde Entwicklung der Gedankenkräfte und der Vernunft einfach unmöglich. Denn es muss alles nach den Ergebnissen beurteilt werden, die unter dem Druck der Prüfungen zu Stande kommen. Und doch ist der Einfluss der Schulerziehung von großem Einfluss auf die Bildung des Charakters, insbesondere in moralischer Beziehung. Aber es ist das ganze moderne Erziehungssystem auf solche wissenschaftliche Offenbarungen, wie den «Kampf ums Dasein» oder das «Überleben der Besten» begründet. Durch viele Jahre seiner Jugend wird jedem Menschen durch praktisches Beispiel, durch Erfahrung und Belehrung beigebracht, dass dies so sei, bis der Gedanke aus seiner Seele gar nicht mehr zu tilgen ist, dass das gewöhnliche «Ich», das niedere Selbst, der Ausgangspunkt und das Endziel alles Lebens sei. Hier ist die große Quelle alles späteren Elends, der Verbrechen, der herzlosen Selbstsucht zu suchen — das kann niemand leugnen. Selbstsucht ist, wie oft auseinandergesetzt worden ist, der Fluch der Menschheit, und der eigentliche Vater von allem Bösen und allen Verbrechen in diesem Leben; und die gegenwärtigen Schulen sind die Pflanzstätten dieses Selbstsinnes.

Frag.: Das kann im Allgemeinen gelten; können denn aber nicht einige wenige Tatsachen angegeben werden, wie dem abgeholfen werden soll?

Theos.: Oh, es möge versucht werden, etwas Befriedigendes nach dieser Richtung anzuführen. Es gibt drei Arten von Schulen, interne, mittlere, und öffentliche, die eine ganze Skala bilden von jenen angefangen, die den Interessen des Handels dienen, bis zu denen, welche für die idealistisch-klassischen Bestrebungen bestimmt sind, mit allen Zwischenstufen und entsprechenden Kombinationen. Die praktisch-kommerziellen bilden den eigentlichen Lebensinhalt, und die alten und klassischen spiegeln seine als ehrwürdig geltende Seite, aber nur innerhalb des Bereiches, in dem der Lehrer herrscht. Man kann sehen, wie die materiellen und kommerziellen Interessen überall die orthodoxen und klassischen in den Hintergrund drängen. Der Grund davon liegt nahe genug. Die Ziele dieses Zweiges der Erziehung sind: Pfunde, Schillinge und Pfennige, das «absolut-Gute» des neunzehnten Jahrhunderts. So ist alle Tatkraft, welche von den Anhängern solcher Richtung innerhalb der Gehirnmoleküle erzeugt wird, lediglich auf den einen Punkt gerichtet, und darum werden sie ein solches Heer spekulativer Geister, eine Minorität von Menschen, bilden, die darauf hinerzogen sind, die Masse von unwissenden, ungebildeten Menschen zu beherrschen und auszubeuten. Das aber ist nicht nur eine untheosophische, sondern auch eine durchaus unchristliche Erziehung. Und das Resultat ist: Der unmittelbare Ausfluss solcher Erziehung ist eine Überflutung des Marktes mit Geld machenden Maschinen, mit herzlosen, selbstischen Menschen — welche sorgfältig dazu gebildet worden sind, ihre Mitmenschen zu übervorteilen und aus der Unwissenheit ihrer schwächeren Brüder Nutzen zu ziehen.

Frag.: Nun wohl; aber dieses kann doch von den großen öffentlichen Schulen nicht behauptet werden.

Theos.: Nicht durchaus, das ist wahr. Aber, obgleich die Form verschieden ist, der sie beherrschende Geist ist überall derselbe; untheosophisch und unchristlich, weder Eton noch Harrow lassen anders Gelehrte oder Theologen aus sich hervorgehen.

Frag.: Sicherlich aber kann nicht gemeint sein, dass Eton und Harrow «kommerziell» seien?

Theos.: Nein. Natürlich ist das klassische System vor allen Dingen ehrenwert, und es bringt in der Gegenwart manches Gute hervor. Es ist sicherlich noch immer der Günstling unserer höheren öffentlichen Schulen, wo man nicht nur eine intellektuelle, sondern auch eine soziale Erziehung erlangen kann. Es ist daher wichtig, dass die unbegabten Knaben der aristokratischen und wohlhabenden Eltern in solche Schulen gehen, um mit den jungen Leuten aus der «Blut- und Geldklasse» zusammenzukommen. Aber unglücklicherweise gibt es da einen zu großen Wettstreit; denn die geldbesitzenden Klassen sind im Wachstum, und auch arme, aber begabte Knaben suchen in öffentliche Schulen durch die reichen Stiftungen zu gelangen; und von da suchen sie den Zugang zu den Schulen und dann zu den Universitäten.

Frag.: In Gemäßheit dieser Behauptung müssten die reichen «Tröpfe» schwerer arbeiten als ihre ärmeren Genossen.

Theos.: So ist es. Aber, so seltsam es klingt, die Bekenner des Kultus vom «Überleben der Tüchtigsten» setzen ihren Glauben nicht in die Praxis um; denn all ihr Streben läuft darauf hinaus, zu bewirken, dass der von Natur Untaugliche den Tauglichen verdränge. So bringen sie, durch Geldbestechungen, die besten Lehrer dahin, dass diese sich von ihren naturgemäßen Zöglingen abwenden und die von Natur Untüchtigen in Berufe hineindrängen, zu denen sie keineswegs geeignet sind.

Frag.: Und welchen Tatsachen soll man alles dies zuschreiben?

Theos.: All dieses kommt lediglich von einem Lebenssystem, das sich von allem richtigen dadurch entfernt, dass es die natürlichen Anlagen und Fähigkeiten der Jugend unberücksichtigt lässt. Der arme kleine Kandidat für dieses Paradies des Fortschrittes kommt fast unmittelbar aus der Kinderstube in die Tretmühle einer Vorbereitungsschule für Männer. Hier wird er unmittelbar ergriffen durch die Werkleute der materiell-intellektuellen Fabrik und angefüllt mit lateinischen, französischen und griechischen Tatsachen, Daten und Tabellen, so dass, wenn er irgendwie natürliche Fähigkeiten haben sollte, dieselben so schnell als nur möglich ist verschwinden durch das, was Carlyle trefflich «tote Worte» genannt hat.

Frag.: Aber sicherlich wird ihm noch einiges andere beigebracht als nur «tote Worte», und vieles sogar von dem, was ihn zur Theosophie führen kann, wenn nicht sogar in die Theosophische Gesellschaft.

Theos.: Nicht viel. Denn von der Geschichte erlangt er nur eine Kenntnis von seiner besonderen Nation, die ihn ausstattet mit einer Stahlrüstung von Vorurteilen gegen alle andern Völker, und ihn mit bleibendem Nationalhass und Blutsfeindschaft beladet; und das kann doch unmöglich — Theosophie genannt werden?

Frag.: Was sind die weiteren Einwendungen?

Theos.: Zu all dem kommt nur noch eine Auswahl sogenannter biblischer Tatsachen hinzu, durch deren Studium aller Geist ausgetrieben wird. Es sind einfach Gedächtnis-Übungen, für deren Gründe der Lehrer durch die Umstände, und nicht durch die Vernunft bestimmt wird.

[Frag].: Ja; aber man kann gerade Theosophen sich selbst beglückwünschen hören zu der unaufhörlich zunehmenden Zahl von Agnostikern und Atheisten in unseren Tagen, so dass es doch scheint, dass das Volk in diesem System dazu geführt werde, sein eigenes Denken und seine Vernunft selbst zu gebrauchen.

Theos.: Ja; aber dies ist eher einer heilsamen Reaktion gegen das System als diesem selbst zu verdanken. Man muss in starkem Maße die Agnostiker, und sogar auch die Atheisten in unserer Gesellschaft, den Frömmlern irgendwelcher Religion vorziehen. Ein agnostischer Geist ist immer für die Wahrheit offen; während diese den Bigotten blendet wie die Sonne die Eule. Die besten — das ist die wahrheitsliebenden, menschenfreundlichen und ehrlichen — von unseren Genossen waren und sind Agnostiker und Atheisten, in dem Sinne, dass sie keinen Glauben haben an einen persönlichen Gott. Aber es gibt nicht freidenkende Knaben und Mädchen, und gewöhnlich verbleibt als Zeichen der frühen in gekennzeichnetem Sinn gehaltenen Erziehung das Schattenbild eines verstümmelten und verkrüppelten Geistes. Ein rechtes und gesundes Erziehungssystem müsste starke und freie Seelen hervorbringen, sorgsam gebildet im logischen und genauen Denken, nicht in blindem Glauben. Wie aber kann man gute Ergebnisse erwarten, wenn doch die Vernunft der Kinder so verkehrt wird, dass sie am Sonntag verhalten wird, an die Wunder der Bibel zu glauben, und an den sechs andern Tagen der Woche ihnen gelehrt wird, dass solche Dinge wissenschaftlich unmöglich seien?

Frag.: Was ist aber dagegen zu machen?

Theos.: Wenn die Theosophen Geld hätten, wollten sie Schulen gründen, die ein anderes hervorbrächten als lesende und schreibende Kandidaten des Darbens. Kinder sollten in gegenseitiger Selbstachtung belehrt werden, in der Liebe zu allen Menschen, im Altruismus, in wechselweisem Wohltun, und vor allem in selbständigem Denken. Es müsste das bloße Gedächtnisbilden auf ein Minimum begrenzt werden, und die Zeit der Entwicklung der inneren Sinne, Fähigkeiten und Kräfte gewidmet. Da müsste jedes Kind als eine Einheit behandelt werden, und dasselbe so erzogen, dass die Harmonie und die gleichmäßige Entfaltung der Kräfte sich ergibt, so dass die besonderen Anlagen ihre volle Entwicklung finden könnten. Es sollten freie Menschen erstehen durch solche Erziehung, intellektuell frei, moralisch frei, vorurteilsfrei in jeder Hinsicht, und vor allem: selbstlos. Und man darf glauben, dass vieles von diesem, wenn nicht alles durch eine wahre theosophische Erziehung erreicht werden kann.

Frag.: Wenn die Theosophie nur die Hälfte von dem ist, was man hier gesagt findet, warum bringt man ihr solches Missfallen entgegen? Das ist eine Frage, bedeutungsvoller als irgendeine andere.

Theos.: So ist es; aber es darf nicht außer Acht gelassen werden, wie viele mächtige Gegner sich die Gesellschaft seit ihrer Begründung geschaffen hat. Es ist schon gesagt worden: Wenn die theosophische Bewegung auf einem von den zahlreichen modernen Einfällen beruhte, ebenso harmlos wie vorübergehend in ihren Absichten — und man würde lachen über sie, wie es ohnehin von denen geschieht, die ihre wahre Grundlage nicht verstehen — und man würde über sie zur Tagesordnung übergehen. Aber sie ist nichts Derartiges. Tiefer gesehen ist sie die ernsteste Bewegung dieses Zeitalters; und außerdem eine solche, welche an den Tag bringt hundertjährigen Schwindel, Vorurteile und soziale Übel, jene Übel, welche sättigen und beglücken die oberen Schichten der Bevölkerung und ihre Nachahmer und Mitläufer, die wohlhabenden Dutzende der Mittelschichten, während sie bedrücken und aussaugen Millionen von Armen. Wenn man dies bedenkt, wird man leicht den Grund erkennen der fortdauernden Verfolgung durch diejenigen, welche durch Beobachtungsgabe und Scharfsinn die wahre Natur der Theosophie wittern, und sie darum fürchten.

Frag.: Soll damit angedeutet werden, dass die Theosophie deshalb verfolgt werde, weil einige wenige verstehen, wozu sie führt? Aber wenn die Theosophie doch nur zum Guten führt, so kann man doch unmöglich eine solch schreckliche Anklage von einiger Herzlosigkeit und Falschheit gegen die Wenigen aussprechen?

Theos.: Man muss es dennoch tun. Es sind die Feinde, die während der ersten neun oder zehn Jahre der Existenz der Gesellschaft zu bekämpfen waren, weder mächtig noch gefährlich; aber diejenigen sind es, welche während der folgenden drei bis vier Jahre sich erhoben haben. Und diese sprechen weder, noch schreiben sie gegen die Theosophie, sondern sie leiten in der Stille die Arbeit der törichten Marionetten, hinter denen sie stehen. Obwohl sie den Mitgliedern der Gesellschaft unbekannt sind, sind sie den Gründern und Beschützern der Gesellschaft gut bekannt. Aber man kann sie aus gewissen Gründen gegenwärtig nicht nennen.

Frag.: Sind diese mehreren bekannt?

Theos.: Es wird gar nichts darüber behauptet, wer sie kennt. Ob man ihre Namen anzugeben vermag oder nicht; man weiß von ihnen — und das genügt; und man kann sie sogar dazu auffordern, ihr Schlechtestes zu tun. Sie mögen großes Unheil vollführen und Verwirrung in die Reihen der Theosophen bringen, besonders unter die schwachherzigen und diejenigen, welche nur nach dem Schein zu urteilen vermögen. Die Gesellschaft zu zerstören werden sie unvermögend sein. Außer diesen wahrhaft gefährlichen Feinden, gefährlich allerdings nur für jene Theosophen, welche diesen Namen nicht mit Recht tragen, und deren Platz besser außerhalb als innerhalb der Gesellschaft wäre — ist die Anzahl der Gegner noch beträchtlich genug.

Frag.: Es wird von vielen Theosophen erwähnt, dass es «Kräfte hinter der Gesellschaft» gäbe, und es wird von gewissen «Mahatmas» gesprochen, die auch in dem Buche von Sinnett erwähnt werden; sie werden als die Gründer der Gesellschaft angeführt, und als Beschützer und ihre Wächter.

German original of XIII. On the Misconceptions about the Theosophical Society · ← Previous · Next →