Olaf Åstesons «Traumlied»
Das sogenannte «Traumlied», das heute zum Vortrag gebracht werden wird, erfordert einige Bemerkungen, die vorausgeschickt werden sollen.
Es ist auf dieses Traumlied schon in der vor einigen Tagen von mir Ihnen gegebenen Weihnachtsansprache hingewiesen worden. Da konnte ich sagen, daß die Feststellung des Weihnachtsfestes keineswegs eine nur ausgedachte, eine aus dem Gedanken entsprungene sei, sondern daß die Feststellung des Weihnachtsfestes im Laufe des Jahres entspringt ganz bestimmten inneren Vorgängen, die sich zutragen können in der menschlichen Seele, wenn diese Seele zu hellseherischen Visionen als höchsten Seelenfrüchten entweder durch gewisse im natürlichen Lauf der Dinge gelegene Kräfte oder durch geschultes Hellsehertum kommt. Was da eigentlich der menschlichen Seele zugrunde liegen kann, das können wir uns am besten dadurch klarmachen, daß wir den folgenden Gedanken vor unsere Seele hinstellen.
All das an Pflanzen, all das an sprießenden, sprossenden Gewächsen, was Sonnenlicht und Sonnenwärme hervorzaubert im Frühling und gedeihen läßt den Sommer hindurch, all das geht gleichsam ein zu einem winterlichen Schlafe, zu winterlicher Finsternis auf einer Art Winterpfad ein in derjenigen Zeit, in welche verlegt wurde von dem geschichtlichen Bewußtsein der Menschheit das Weihnachtsfest. Wie Schlaf, wie Finsternis der Naturwesen, so erscheint uns die Zeit, in welcher das Weihnachtsfest festgesetzt ist. Umgekehrt wie mit der äußeren Natur ist es mit der menschlichen Seele. Während die Naturwesen hinuntersteigen in die Finsternis und sie die menschliche Seele in dieses Reich äußerer Sonnenfinsternis begleitet, wird es in dieser menschlichen Seele - oder kann es wenigstens werden - heller. Sie kann durch den natürlichen Verlauf der Dinge, den wir öfter als ein gewisses vererbtes Hellsehertum angedeutet haben, oder durch geschultes Hellsehertum gerade in die lichteste Geisteswelt eintauchen, wo ihr aufgehen dann die Geheimnisse des Geistes, die hinter den äußeren sinnlichen Dingen verborgen liegen. Und so wie dieses Heruntersteigen der Pflanzenwelt um die Zeit des Winterpfades einem regelmäßigen Gesetz unterliegt, so unterliegt auch das spirituelle Aufblühen der Menschen solch einem Gesetz, so daß es zusammenfällt in seiner lichten Helligkeit mit der natürlichen Finsternis, in welche das Weihnachtsfest verlegt ist.
Es könnte nun scheinen, als ob solche Dinge ausgesprochen würden bloß aus dem heutigen geschulten Hellsehertum, oder, wie unsere Gegner sagen, aus der bloßen Phantastik. Dagegen wird aber immer ein lebendiger, vollgültiger Beweis das sein, was Menschen, was Völker äußerlich erleben. Daher war es mir außerordentlich interessant, daß, als ich mehrere Jahre hindurch innerhalb unserer Bewegung von diesem weihnachtlichen Hellsehertum gesprochen hatte, das uns einführt in die Bedeutung des Christus-Wesens, in das Aufgehen des Christus-Wesens gerade dann, wenn am stärksten die menschliche Seele in Hellsichtigkeit untertaucht, und ich dann wiederum einmal zu einem Vortragszyklus nach dem in spiritueller Beziehung uns so befreundeten Norwegen kam — daß mir da entgegengebracht wurde eine dort oben lebende merkwürdige Vision, von der allerdings derjenige, der mit solchen Dingen bekannt ist, sich gleich sagen muß: Ja, das klingt an vieles an, was an ähnlichen Visionen innerhalb germanischer Völker immer gelebt hat, was viele Menschen im Grunde genommen hellsichtig geschaut haben in der Zeit der dreizehn Nächte vom Weihnachtsabend bis zum Erscheinungsfeste Christi, dem 6. Januar. - Da kann die menschliche Seele hineinschauen in die geistige Welt und sieht da das Schicksal der Menschenseele im entkörperten Zustande, wenn sie durchgeht durch Kamaloka und es ihr dann klar wird, wie ein Verhältnis der höheren geistigen Welten zu den Taten der Menschen hier auf Erden hergestellt wird. Und interessant ist es, daß derjenige, von dem uns nun in diesem Traumlied erzählt wird und dem diese Visionen in dieser nordischen Gegend durch dieses Traumlied zugeschrieben werden, ein Mensch ist, der den Namen trägt: Olaf Åsteson. Von diesem wird erzählt, daß er während dieser dreizehn Nächte in einer Art hellsichtiger Erfahrung dasjenige durchmachte, was der nordische Mensch in seiner Art als Vision empfinden kann. Er erfuhr zunächst, wie sich die menschlichen Taten weiter gestalten, wenn der Mensch durch die Todespforte gegangen ist, er erfuhr aber auch, wie in das Walten und Weben der Seele nach der Entkörperung das eingreift, was wir die Christus-Wesenheit nennen, wie hineinfällt in die nordische Geistesordnung des Lebens nach dem Tode das Richteramt des Jesus, des Christus, der da an die Seite tritt des alten Weltenrichters, des sogenannten Angesichtes Jehovas, des Erzengels Michael. So daß neben allem übrigen, was der Hellsichtigkeit des Olaf Åsteson auftaucht, das Eindringen des Christentums in den Norden mit anklingt, und daß ihm alles in der Zeit des Jesus-Geburtstagsfestes in den dreizehn Nächten hellsichtig klar wird, die er hindurch schlief.
Welchem Bewußtsein wird das klar? Das ist nun merkwürdig, daß uns das schon im Namen angedeutet wird, der ganz offenbar im Norden ursprünglich bedeutete ein solches menschliches Bewußtsein, das ererbt ist von den Urvätern, von den Ahnen. Olaf ist so recht Olaf in den Zeiten, wo das uralte, hellseherische Ahnenbewußstsein in ihm wieder aufgeht. Der von den Ahnen sein Bewußtsein, sein inneres Wesen ererbt Habende: das ist in dem Namen Olaf enthalten. Und Äste heißt die Liebe, die Liebe, die sich im Blute fortpflanzt von Generation zu Generation. Dieser Liebe Sohn, Åsteson, ist Olaf, ist das Bewußtsein, das sich von Generation zu Generation von der alten hellsichtigen Zeit her fortgepflanzt hat, ist wie wiedererstandenes Ahnentum. Olaf, der mit diesem hellsichtigen Bewußtsein geboren ist, erkennt der Menschenseele Schicksal, schaut zugleich das Eingreifen desjenigen Wesens, das wir feiern in Jesu Geburtstagfest als seinen Eintritt in das Erdendasein. Und merkwürdig, während ganz sicher solche Visionen immer wiederum, namentlich in germanischen Ländern, erlebt worden sind, scheint vergessen gewesen zu sein dieses Traumlied. Denn 1850 machte sich der Prediger Landstad in Telemarken, einem einsamen Gebirgstal, wo damals wenig Menschen wohnten, daran, Volkslieder zu sammeln. Und unter den mancherlei Volksliedern war lebendig im Volksmund - er wußte nicht seit wann, er wußte nicht wie lange — das Lied vom Olaf Åsteson, der in den dreizehn Nächten gesehen hat der Menschenseele Schicksal, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, und das Hereintreten des Christus Jesus in die Weltgeschichte. Er wußte nicht, wann sich hineingelebt hat dieses Einweihungslied der Menschenseele, dieses Initiationslied, denn es lebte und wurde anlehnend an eine musikalische Stimmung im Volksmund immerdar rezitiert. Es erfreuten sich daran die wenigen Menschen des einsamen Gebirgstals, und da las es auf der Prediger Landstad, indem es ihm sprach von den Geheimnissen, die erkundet waren — wie von dem Volksgemüt selber — über die Initiation in uralten Zeiten. So hat es sich herübergelebt, bis es Landstad im Volksmund fand. Viele Leute glauben natürlich, daß es anspielt an Sankt Olaf, ce, 1030 nach Christi das Christentum eingeführt hat und dessen Mutter Äste geheißen hat, die Liebe. Damit verhält es sich so wie mit vielem, daß zugleich Geschichtliches und Spirituelles vorliegt.
Interessant ist es fernerhin, daß dieses Traumlied nun schnell in einen großen Teil des nordischen Volkes eingedrungen ist und in den Herzen des norwegischen Volkes lebt. Es besteht ja in Norwegen eine große Bewegung, die dahin geht, die alten Zeiten wieder lebendig zu machen, und damit die alte Sprache, welche der urgermanischen Sprache sehr nahesteht, die nordische Sprache wieder aufleben zu lassen gegenüber der später eingedrungenen dänischen Sprache. Nun ist dieses Lied in einer Sprache, die anklingt an die älteste Sprache, die sich dort erhalten hat, und die Leute, die ihr Altertum überhaupt wieder herauftragen wollen, denen sprach dieses Lied wiederum zu Herzen, und es drang in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren nicht nur in die Volksherzen, sondern auch in die Schulen ein. Überall wird es gesungen, rezitiert, überall hört man sozusagen da, wo die Seele erwacht an dem alten Volkstum, das Traumlied vom Olaf Åsteson, der in den dreizehn Nächten von Weihnachten bis zum 6. Januar sozusagen natürlicherweise in die heiligen Geheimnisse der Menschheit eingeweiht worden ist. Und aus diesem Grunde möchten wir Ihnen heute dieses Traumlied vom Olaf Åsteson vorführen. Fräulein von Sivers wird es rezitieren. Ich versuchte es zunächst provisorisch so herzurichten, daß es in deutscher Sprache rezitiert werden kann, nachdem mir Frau Lindholm an die Hand gegangen ist, die eigentümliche Sprache, in der das Lied eben lebt und jetzt immer mehr und mehr lebt und zu einer Ari von Volkslied geworden ist, in deutscher Sprache möglich zu machen. So werden wir es in dieser zunächst provisorischen Einrichtung, die ich in wenigen Tagen geben konnte, jetzt hören.