Das Heilige Drama von Eleusis
Rekonstrniert durch Edouard Schuré In freie Rhythmen gebracht durch Rudolf Steiner
Schauspiel in drei Akten
nach einer autorisierten Übersetzung von Marie von Sivers
Liste1 der Gestalten mit ihrem geheimen Sinn:
DER HIEROCERYX oder HEILIGE HEROLD, dem Hermes gleichgestellt, vermittelnder Genius zwischen den Menschen und den Göttern, Interpret der Mysterien.
ZEUS, der Demiurg, erhabener Schöpfer des Universums, dargestellt durch den Hierophanten, das Haupt der Familie der Eumolpiden und Hohepriester von Eleusis.
DEMETER, die göttliche Vernunft und das himmlische Licht, dargestellt durch die Hierophantide, die Gattin des Hohepriesters von Eleusis.
DIONYSOS, Sohn des Zeus und der Demeter, das Wort oder der göttliche Geist, wirkend im Universum.
PERSEPHONE, Tochter des Zeus und der Demeter, Ursprungsseele der gesamten Menschheit.
EROS, in der Gestalt eines geflügelten Knaben. Der Wandler und Umformer aller Dinge. Werkzeug des Demiurgen, sein magischer Mittler.
CHOR DER NYMPHEN
Die dreifache HEKATE, Göttin des Mondes, Genius der Umwandlungen und Metamorphosen, zugleich versinnbildlichend die drei Regionen, welche die Seele durchschreiten muss, um sich zu verkörpern und um zu ihrem Ursprung wiederzukehren.
METANIRA, Witwe des Keleos, des Königs von Eleusis.
TRIPTOLEM, ihr Sohn, junger Ephebe.
RHODOPE, KALLIRHÖE, PHAINO, Töchter der Metanira.
PLUTO, der Gott der niederen Welt oder der dichten Materie.
UNGEHEUER und PHANTOME, LARVEN und LEMUREN, aus dem Schlunde der Hekate.
CHOR DER MYSTEN, die an den Mysterien teilnehmen, individuelle Seelen auf der Suche nach Wahrheit.
CHOR DER SELIGEN, im Lichte der Demeter.
CHOR DER HELDEN
Prolog: Der Raub der Persephone
HERMES [ der Herold der Mysterien, zu den Anwesenden]:
Erahnend Gottes Werdekraft in seiner Seele
Erhebe denkend seinen Sinn der Mensch
Zu Demeter, der Erdenmutter.
Sie hat durch zwei der Göttergaben
Sein Wesen wohl gestellt ins Weltenall.
Sie lässt der Erde Früchte ihn gewinnen,
Dass er der Tierheit Überwinder werde.
Sie strahlt Erkenntnis-Weihemacht
In seiner Seele tiefste Schachten,
Dass er der Ewigkeiten Gotteskeime
In seinem Geiste kraften fühlt.
Wie ihrer Gaben Früchte reifen,
Des achtet in den Worten, in den Dingen,
Die ihr nun hören und auch schauen sollt.
Im Hintergrunde sieht man Felsen mit einer Grotte, umgeben von einem Myrtenhain und einigen Pappeln. Im Vordergrunde eine Wiese, auf der, um eine Quelle herum, Nymphen lagern.
DEMETER den Kalathos auf dem Haupt, das Zepter in der Hand, mit ernster Stimme:
In dieser Grotte lass ich dich,
Den Göttern teures Kind.
Den Schleier webe hier,
Der Mutter Heimkehr harre
Im Kreis der Nymphen, die freundlich dich umringen.
Im Himmel darf dein Auge
Die liebe Heimat, im Weltenall
Das stolze Eigentum erkennen.
[Die Götter alle folgen deinem Ruf!
Doch höre nicht auf des Eros lockende Stimme,
Denn listig ist er, und tückischen Rat
Nur kann er geben, trotz sanften Blicken.
Verlassen sollst du diese Grotte nicht
Und pflücken nicht die verführerischen Blumen
Der Erde; berauschen würde dich ihr Duft,
Und rauben müsst’ er dir das Licht des Himmels,
Die Erinnerung selbst würd’ er entreißen deiner Seele.
Im Kreis der heitern Nymphen bleib,
Die freundlich dich umringen,
Und kehr zurück ich dir,
Enteilen wir zum hohen Äther,
Im Schlangenwagen, feuerumlodert!
PERSEPHONE an einem langen, vielfarbigen Schleier stickend:
Erhabne, strenge Mutter,
Geloben will ich’s dir.
Des Lichtes ernster Glanz,
Der deiner edlen Gottgestalt
Entstrahlt und teuer ist
Der Seele deiner Tochter,
Er sei Zeuge meines Schwurs.
Der Götter Strafe treffe
Erbarmungslos die Ungehorsame.
Demeter geht ab.
CHOR DER NYMPHEN!:
O Persephone! O Jungfrau!
Des Himmels keusche Braut!
In deinen Schleier webest du
Der Göuter lichte Formen.
Der Erde eitler Trug
Sei ewig ferne dir!
Der Wahrheit reiner Glanz
Nur strahle deinem Blick!
Im Empyreum lebei dir
Dionysos, der Gemahl,
Vom Himmel selbst erkoren.
Wie ferner Sonne keuscher Strahl
Berührt sein Kuss dich nur.
Von deinem Atem lebet er,
In seinem Lichte atmest du
Es ist nicht größ’res Heil
Zu finden im weiten All.
PERSEPHONE:
Der Weltendinge ungezählte Formen
Von meiner Hand sind sie
Gewirkt ins Himmelsblau
Des weiten Ätherschleiers;
Er zeiget Falte neben Falte.
Doch jede birgt Gestalten,
Von meiner Elfenbeinnadel
Gewoben nach der Götter Ratschluss.
An dieses Götterreiches Ende
Ist meine Kunst gelangt.
Des Chaos hundert Köpfe
Und seine tausend Arme,
Sie alle hab’ ich eingewebt,
Auf dass die sterblichen Wesen
Entkeimen sollen seinem Schoß.
er aber ruft nun sie
Aus öder Tiefe auf
Zu lichtem Freudeleben?
Verraten hat der Göttervater
Das dunkle Rätsel mir.
Verlangend aber pocht mein Herz,
Zu sehen dess’ Gestalt,
Der solches Wunder gewirkt.
DIE NYMPPHEN:
Nicht dessen gedenke!
Der eitlen Frage
Entziehe dich.
PERSEPHONE erhebt sich und wirft ihren Schleier zurück:
O Eros, du, der Götter
Ältester und ihr Jüngster,
er Freuden wie der Tränen
Unversieglicher Weltenquell:
So nennt man dich,
Der unsichtbar, unbekannt
Unsterblichen beigezählt.
Geheimnisumwobener Eros!
Betäubt wie von mächtigem Zauber
Entflieht Bewusstsein meiner Seele,
Wenn nur deines Namens
Berauschenden Klang sie hört.
CHOR DER NYMPHEN:
Nicht weiter forsche!
Entflieh Gefahren,
Den Menschen drohend
Und auch den Göttern.
PERSEPHONE starrt ins Leere mit entsetzten Augen:
Entsteigt der Seele Erinnerung?
Erfüllt sie der Ahnung Schrecken?
Das Chaos ... Menschenformen,
Geschlechter aus dem Abgrund
Aufsteigend ohne Zahl
Der Schrei der Werdewelt,
Des Hasses Schreien und des Krieges!
es furchtbaren Todes Macht.
Das alles steht vor Augen mir!
Verlangend zieht der Abgrund
In seine dunkle Tiefe mich.
Hinunter strebt meine Seele.
Des Eros Zauber fasst mich,
Die Fackel weist er mir:
Der Tod schon steht vor mir.
Verlass mich, schrecklich Traumgesicht.
[Sie bedeckt das Gesicht mit den Händen und schluchzt.]
CHOR DER NYMPHEN:
O göttliche Jungfrau!
Ein Traum ist es nur,
Doch Wesen wird er,
Wenn schuldiger Wunsch
In deine Seele ihn ruft.
In Schein muss vergehen
Des Himmels Wonne dir,
Wenn Heiles Mahnung
Umsonst dir ertönt.
Den Schleier webe weiter,
Vergiss, was Eros unkeusch
Dir offenbaren mag.
PERSEPHONE [lässt die Hände von ihrem Antlitz sinken, das einen andern Ausdruck erhalten hat]:
Unsinnige, die ihr seid,
O ich Törin, die ich war.
Nun keimt Erinnerung.
Nur brauch ich zu denken
Der heiligen Mysterien.
In Olympia enthüllt’ sich’s mir:
Der Götter Schönster ist Eros.
Auf seinem Flügelwagen fährt
Unsterblichen Göttern er voran,
Wenn formenbildend Elemente
Sich binden, Wesen schaffend.
Des Chaos’ Tiefe entlockt
Sein Liebeston die Helden
Und führt zu Ätherhöhen sie.
Sein Wissen kennt nicht Grenzen.
Dem Feuer gleich, aus dem
Die Schöpfung quoll,
Beseelt die Welten seine Kraft.
Die Schlüssel zu den Pforten
Der Erde und des Himmels selbst,
Er darf sie führen!
O Eros, enthüll’ dich mir!
CHOR DER NYMPHEN:
Unglückliche, halt ein!
EROS [tritt aus dem Walde in Gestalt eines geflügelten Knaben]:
Es klingt so mächtig
Persephones Verlangen
Zu Eros: Hier ist er.
PERSEPHONE [lässt sich auf ihren Sitz nieder]:
Wie anders, Eros, muss
Persephone dich schauen,
Als man im Bilde
Dich ihr gezeichnet.
Verrat und List,
So sprachen sie,
Erfülle deine Seele,
Nun seh’ ich dich,
Und weit wird Herz
Und Seele mir,
Erblicke ich das Auge
So klar und offen.
Des Kindes Schönheit,
Der Unschuld reiner Glanz
Entströmt deinem Leibe.
An dir wird hoch gepriesen
Die Klugheit, nicht minder
Geschick in jeglicher Arbeit.
Erweis Persephone sie jetzt,
Ihr Hilfe leistend
An dieses Schleiers
Bedeutungsvoller Arbeit.
EROS:
Gehorchend solchem Wunsch,
Zu ihren Füßen sieht
Persephone mich liegen,
Bewundernd des Schleiers
Gewebe, das spiegelgleich zurückstrahlt
Der Künstlerin Augenblau
Dem staunenden Beschauer.
Und Formen ohnegleichen
Hat deine Hand hineingewoben,
An Schönheit sie übertreffen
Kann eines nur im Weltenall,
Das unbekannt sich selbst,
Das nie im Spiegel sich geschaut:
Der Künstlerin eigne Gestalt.
[Er lächelt listig.
PERSEPHONE:
Ist’s möglich, sich zu schauen?
[Sie errötet.]
Erkennt Eros solche Formen?
EROS:
Nicht unbekannt sind
Sie meiner Seele,
Der Götter Werden blickt
Aus ihnen mir entgegen. —
Warum doch endet
Beim Chaos deine Arbeit?
Da erst ist des Kampfes
Beginn und sein Ziel
Der forschenden Seele kenntlich.
Der Titanen Empörung,
Wie Menschen zur Geburt
Erstehen und zur Liebesmacht,
Vermisst der prüfende Blick.
PERSEPHONE:
Nicht reicht mein Wissen
Zu solcher Offenbarung.
Was folgt, das kann
Persephone nur leisten,
Wenn Eros’ Hilfe ihr wird.
EROS [wirft ihr einen zündenden Blick zu]:
Nicht fehlen soll dir,
Wonach die Seele dir verlangt,
Wenn erst du eines nur
Gewähren willst dem Helfer:
Die Wiese sollst besuchen mit ihm,
Der Blumen schönste zu holen.
PERSEPHONE [ernst]:
Wollt solchen Schritt ich tun,
Der Mutter, der weisen
Und strengen, ernstlich Gebot
Verletzen müsst’ ich:
«Des Eros Stimme darf nicht
Verlocken dich, die Blumen
Zu holen von der Wiese.
Wenn solcher Mahnung
Dein Sinn nicht sich fügte,
Der Götter Elendste müsstest
Unwiderruflich du werden.» —
EROS:
Nicht will die Mutter, dass
Der Erde und der Höllen
Geheimnisse sich erschließen
Der Tochter Seele.
Dem Atmen jener Blumen Duft
Verdankest du die Offenbarung.
PERSEPHONE:
Und dir sind sie kund?
EROS:
Nicht eines fehlt meiner Kenntnis.
Und jünger nur geworden
Von ihrer Kraft empfinde ich mich.
Der Götter Tochter, wisse es!
Von Schrecken und Schauern
Erfüllt ist der Abgrund,
Die unbekannt sind dem Himmel.
Doch niemand erkennt Göttlichkeit,
Dem Erd- und Höllenmacht verborgen.
PERSEPHONE:
Vermagst du zu geben
Der Seele solches Wissen?
EROS:
Bewiesen soll es sein!
[Er berührt die Erde mit der Spitze seines Bogens, eine ‚große Narzisse steigt auf.]
PERSEPHONE:
O welch ein Wunder!
Bedeutsam Erinnerung
Erwacht im zitternden Herzen.
Auf meinem geliebten Sterne war’s,
Da lag ich ruhepflegend
Auf Bergesgipfel oft.
Erwachend strahlte dann
Entgegen mir silbern
Ein Stern, erglänzend
Opalgleich im blassen Blau
Des weit sich dehnenden Himmels.
Mir war’s als sei er
Verkündigung meines Gemahls,
Von Göttern mir versprochen.
Die Fackel Dionysos’ schien mir
Der Stern, der doch stets
Nach seinem Erscheinen bald versank.
Der Fackel gleich ist die Blume.
EROS:
Der Dinge Wandlung
Und Umformung, mein Werk ist's.
Aus Kleinem lass’ erstehen ich
Des Größten Bild und Gleichnis.
Der Tiefe entlock ich
Des Himmels Spiegel.
In Erde und Himmel
Vermische die Formen ich,
Die aus den formenlosen Tiefen
Zu gestalten mir obliegt.
Dem Abgrund hab’ ich
Den Stern, den dein
Du nennst, dir entrissen
In Blumenform, auf dass
Den Duft zu atmen du vermagst.
CHOR DER NYMPHEN:
Gib acht, Persephone,
Unheil kann leicht
Aus Zauberei entstehen.
PERSEPHONE:
Den Namen künde mir
Von dieser Blume.
EROS:
Narzisse ist der Name
Von Menschen ihr gegeben,
Des Wunsches ewig Sinnbild heißt
In meiner Sprache sie.
Betrachte sie genau:
Zu dir blickt sie auf,
Gleich Lebendem glänzt
Die zarte, weiße Krone.
Ihr Duft entströmt dem Herzen,
Das golden ihr im Innern lebt.
Mit Lust erfüllt
Den Umkreis sie.
Erhebe die Zauberblume
Zu deinem Antlitz,
Und bildhaft vor dem Blick
Erscheinen sollen alle Ungeheuer
Des Abgrunds und was an Rätseln
Die Erdentiefe birgt,
Und was Menschenherz bewegt.
Verborgen bleibt dir nichts.
PERSEPHONE:
O Wunderblume,
Berauschend ist dein Duft!
Das Herz erbebt mir,
Die Finger erglühen,
Ergreifen sie dich!
Einatmen will ich dich,
Will dich an die Lippe drücken,
Aufs Herz mir legen
Und selig sterben,
In deinem Zauberhauch!
Die Erde spaltet sich neben ihr. Aus dem weitgeöffneten, schwarzen Spalt sieht man langsam, bis zu halber Höhe, Pluto aufsteigen, in einem Wagen, bespannt mit schwarzen Pferden. Er ergreift Persephone in dem Augenblick, wo sie die Blume pflückt, und zieht sie gewaltsam an sich. Diese windet sich vergebens in seinen Armen und stößt einen großen Schrei aus. Alsbald versinkt der Wagen und verschwindet, Sein Rollen verhallt in der Feme wie unterirdischer Donner. Die Nymphen zerstreuen sich seufzend im Hain. Eros läuft lachend davon.
Die Stimme PERSEPHONES [unter der Erde]:
Zu Hilfe, Mutter, Mutter!
-
Alle diese Persönlichkeiten befinden sich in dem Homerischen Hymnos an Demeter «Lob der Demeter», mit Ausnahme des Dionysos, der später in Eleusis eingeführt wurde unter dem Namen Jackos. ↩