Das Heilige Drama von Eleusis Erster Aufzug: Der Schmerz der Demeter
Die Bühne stellt dar die Höhle Hekates. Große, finstere Felsen, kaum beleuchtet durch fahles Licht, das aus dem Hintergrunde sickert.
1. Auftritt
Demeter, bald danach Hekate. Demeter in weißem Peplos. Von ihren Schultern wogt ein blauer, mit silbernen Sternen besäter Mantel. Sie trägt ein Diadem und goldenes Zepter. Ihre rotblonden Haare sind durch himmelblaue Stirnbänder zurückgehalten. Sie tritt eilends ein, eine Fackel in jeder Hand haltend, und späht in den Hintergrund der Höhle.
DEMETER:
Hekate, Hekate,
Wo bist du?
Verborgen scheint auch sie.
Wird Antwort sie mir weigern
Den andern gleich, die ich frug?
Erscheine, o Hekate!
Der Göttermutter banger Ruf
Nicht sei er wertlos dir.
HEKATE tritt langsam aus dem Hintergrund der Höhle. Sie trägt einen mit goldenen Drachen besäumten Peplos und einen roten Mantel. Ihre schwarzen Haare fallen in unentwirrbaren Ringen auf ihren Hals. Sie hält in der Hand einen Caduceus, dessen beide ineinander geschlungene und sich anstarrende Schlangen wie aus Feuer gebildet scheinen. Sie ist schön, aber in ihren Augen strahlt eine beängstigende Neugierde, und das rätselhafte Lächeln der alten Statuen irrt auf ihrem Munde:
Es ist die Königin der Welt,
Die klagend mich ruft.
In Eile folg ich der Stimme.
Zum ersten Mal erscheint
In meiner Höhle Demeter.
Welch einen Befehl erteilt
Die hohe Göttin mir?
DEMETER:
Der Dämmerung Tochter und der Nacht,
Bis heute mied ich deinen lauernden Blick,
Der durch die Öde nur den Weg
Vermag zu finden.
Doch muss ich heute in Verlassenheit
Die Hilfe der stets Geflohenen
Erbitten. Mit den Nymphen
Zu spielen hab’ ich erlaubt
Persephone, meiner Tochter,
Auf dass mit Okeanos Kindern
Sie pflücke Hyazinthen und Schwerteln.
Sie glücklich wähnend, stieg zum Empyreum
Ich wieder auf, der Freude überlassend mich
An jenen Strahlenfluten,
Die keinem Wechsel des Jahres unterliegen.
Doch plötzlich drang durch Äthersphären
Ein Jammerschrei, der widerhallte
Im mütterlichen Herzen mir.
Persephones Stimme war's.
Als ob Gewalt sie erleide,
So klang der schreckliche Ruf.
Und dreimal wiederholte
Der furchtbare Schmerzensschrei sich,
Im Innersten mich durchbebend,
Im Abgrund sich verlierend dann.
Ergreifend diese beiden Fackeln
Zur Erde stieg ich eilends nieder,
Nach allen Seiten forschend und,
Erfüllend mit meinem Schrei
Die weiten Berge.
Die Götter alle sollten hören
Den Schwur, der sich mir entrang!
Doch stumm mir blieben alle.
Selbst Helios, dem nichts verborgen,
Die Antwort blieb auch er mir schuldig.
Verbirgt solch grässlich Geheimnis
Sich meinem Wissen, dass keiner
Zu antworten wagt der bangen Frage?
So sage du, o Hekate, was geschehen.
Dir sind bekannt
Die krummen Wege, die erlauernd
Als listige Späherin du erschaust
In Zeus’ verborgnen Absichten.
Dem rätselvollen Lächeln
In deinem Antlitz
Entnehmen kann ich, dass
Dir kund ist die Lösung.
HEKATE:
Bekannt ist es mir
Und auch erfahren sollst du es.
Doch eins gelobe mir vorher:
Zu fluchen nicht der Künderin
Des Unglücks, das dich betroffen.
DEMETER:
Versprechen will ich dir
Des Lichtes schönste Gaben,
Beim Styx gelob ich’s treulich.
Und Freundin werden
Soll Demeter der Löserin
Des bangen, schweren Zweifels.
Denn weiß ich erst, wo Persephone ist,
Zu finden sie und zurückzubringen
Versteht der Mutter Herz gewiss.
HEKATE:
Geraubt hat Pluto deine Tochter,
Im Einverständnis mit Zeus,
Dem Herrn des Himmels und der Erde.
Dein Gatte selbst hat zur
Gemahlin ihm sie geschenkt.
DEMETER lässt ihre zwei Fackeln fallen, welche verlöschen:
Entführt von Pluto,
Dem König der Hölle.
Der einzige Ort ist das,
In den zu dringen
Verwehrt mir bleiben muss.
Sie lässt sich auf einen Felsen nieder; ihr Kopf sinkt auf die Brust.
HEKATE:
Bedenken sollst du, dass
Unwürdig nicht ist Hades
Als deiner Tochter Ehgenoss,
Des Zeus erhabner Bruder
Und zahlloser Güter König!
Mit sicherm Blick kann ich
Vertrauen dir, dass freudelos
Den Abgrund mit Unrecht
Man nur nennt.
Der Toten Königin zu sein
Ist besser als der Götter Dienerin.
DEMETER ohne ihre Haltung zu verändern:
Im Totenreich die Unsterbliche
Verdammt, entweiht
Die reine Jungfrau
In Plutos verzehrenden Armen!
Im Auge ihr getilgt
Erinnerung an Himmelsfreuden;
In ihren Augen, licht wie
Die sternengleiche Narzisse,
Die unter meinen Küssen
Sich schlossen und sich öffneten wieder,
Den vollen Sternenhimmel spiegelnd.
Getrennt von meiner Tochter!
O Schmerz, der nie verlöscht,
O Schrecken, der nie verglimmt!
Den hohen Olymp zu besuchen
Ist ewig mir nun versagt.
Des Abgrunds Grauen erfüllt mich,
Aus welchem jener sich nährt.
Zerbrechen wollt’ ich des Weltenalls
Gewaltigen Bau, könnt’
Die Blitze meines Gemahls
Mit meiner Hand ich lenken,
Erzwingend so der Tochter Wiederkehr.
Von mir werfen will ich
Dies himmlische Zeichen!
Verzweifelte Mutter zu sein
Ist ferner mein Geschick.
Sie reißt das himmelblaue Stirnband von ihrem Haupte und wirft es zur Erde.
HEKATE:
Erhabne Demeter,
Wo wirst du weiter leben?
DEMETER:
Die elenden Menschen sollen
Gefährten mir sein.
HEKATE:
[In] welchem Lande?
DEMETER:
Wo Freiheit wohnt.
HEKATE:
Und welches Volk
Soll aufnehmen dich?
DEMETER:
Das grenzenlosen Stolz
Sein eigen nennt.
HEKATE:
In welchem Heime?
DEMETER:
Wo am unseligsten es ist.
Unsterbliche Tränen will
Ich weinen dort und trotzen
Dem Herrn des Blitzes,
Der feiger Helfer geworden ist
Dem ruchlosen Bruder.
Erfahren möcht ich von dir,
Wohin ich wenden mich muss,
Zu finden das frei’ste Land,
Das stolzeste Volk und traurigste Haus.
HEKATE:
Im attischen Land,
Nicht weit vom Felsen der Pallas,
Ein suilles, gastliches Ufer,
Beschützi von Megaras Bergen
Und von des Okeanos’ weißem Gürtel,
Da findest du, was du suchst.
Eleusis nennt man es.
Die rauen Fluten dringen
Beim sanften Murmeln
Der himmelblauen Nereiden,
Beim fröhlichen Hauch
Des Zephyrs nur dahin.
Ein freies Volk ist dort,
Vom Sinn erfüllt des Rechten,
Der Ackerarbeit fleißig ergeben.
Verehrend blickt es auf zu dir
Und nennt die nährende Erde dich.
Die goldenen Ähren und klingenden Ernten
Erkoren sie als Schutz gegen
Des Helios versengende Blicke.
In Trauer lebt da eine Familie.
Der König Keleos war deren Haupt,
Ins Reich des Todes eben ging er.
Es weinen um ihn Metanira,
Die Witwe, mit dreien Töchtern
Und Triptolem, dem Sohne,
Der seine Pferde und den Pflug
Nur liebt. Zu schwach noch ist
Der Erbe des großen Königs,
Zu schützen die Verwaisten.
Es herrschen Trauer, Schweigen, Angst,
Als sei zum Grabe gewandelt
Des Herrschers stolzes Heim.
DEMETER:
An diesem Tor will Einlass
Erbitten Demeter; dieser Herd
Soll Zuflucht gewähren der Trauernden.
Nur brauch ich deinen Beistand,
Auf dass ich wandle meine Gestalt
Und trage einer irrenden,
Verfallenen Greisin Maske.
HEKATE lächelnd:
Dass dieses, o ehrwürdige Göttin
Gelingen möge, sollen Hekates
Geschickte Hände willig dienen.
Zu weben wechselreiche Masken,
Zu wandeln Form in Form,
Beruf ist’s immer mir gewesen.
Ein feines Gewand zu weben
Den Wesen, die vom Monde
Zur Erde niedersteigen, und ihnen
Es zu nehmen wieder, wenn
Zu Uranos sie finden sollen
Die Rückkehr, alles dies obliegt
Der Königin der Umgestaltung.
Der großen Göttin soll
Es fehlen nicht an Früchten
Der oft geübten Kunst.
In meiner Höhle Tiefe folge mir,
Und durch des Schlangenstabes Kraft
Soll schwinden deine Göuterherrlichkeit.
Dies jugendschöne Götterantlitz
Von tiefen Furchen durchwühlt
Erscheinen soll es, den Göttern
Und Menschen, keinem kenntlich.
DEMETER:
So muss mit schmachvoller Maske
Entstellen sich die Unsterbliche,
Erniedrigen sich die Göttin.
Doch so nur darf die Träne
Entfließen diesem zerbrochnen Herzen.
Hekate und Demeter entschwinden im Hintergrunde.
2. Auftritt
Die Szene stellt das Innere des Palastes von Keleos in Eleusis dar. Rechts und links eine dorische Säule. Im Hintergrund eine Nische, ähnlich der Cella eines Tempels, mit dem Hausaltar, auf welchem ein beinah verloschenes Feuer unter der Asche glimmt. Metanira in Trauer auf einem Sessel. Ihre drei Töchter in Tranergewändern sind auf den Stufen des Altars gruppiert. Rechts und links haben Phaino und Kallirhoe ihre Libationsurnen auf die Erde gestellt; halbliegend neben ihnen umschlingen sie sie mit ihren Armen und ihrem aufgelösten Haar. Rhodope, in der Mitte sitzend, hält ihre Urne auf ihren Knien und sinnt.
KALLIRHÖE:
O Vater, König Keleos,
Bevor der finstere Tod
Dich raubte diesem Haus,
Erstrahlte Festesfröhlichkeit
In seinen Mauern. Munter
Bewegten unter dem heiligen Ölbaum,
Der Artemis und den Grazien
Zu Ehren, sich die Töchter.
Verlassen hast du uns.
Und als geweihtes Wasser
Auf dein Grab wir gegossen
Und deinen Namen gerufen haben,
Ertönte keine Antwort zu uns
Herauf aus dem finstern Ort.
PHAINO:
O innig geliebter Vater,
Des Abends beim heitern Fest
War so oft mir vergönnt
Im Schmuck zu bringen dir
Den rebenumkränzten Becher,
Gefüllt mit lauterem Wein.
Und hören durfte ich dann,
Wie du das Licht deiner Augen
Mich nanntest, das an Sanftheit
Der milden Morgenröte gleiche,
Aus der des Tages Wunder geboren.
Nun haben wir die Decke
Aus Gras und Blumen
Dir aufs Grab gelegt,
Und Früchte und Kuchen
Bereitet für das Trauermahl.
Es fehlte dein Lächeln,
An dem wir sonst uns labten.
Die Tränen, die nun vergießt
Mein Auge, erreichen sie dich?
RHODOPE:
O Vater, welches Daseins Weise
Ist jetzt die deine?
Dem Feuer haben wir dich
Gegeben mit Waffen und Kleidern,
Und deine Asche ist in der Urne,
Die in des Grabes Tiefe ruht.
Dein müder Schatten, wo ist er?
Ob er im Grabe weilt,
Ob umher er irrt auf Erden?
Das wissen des Schattenreichs
Unheimliche Wesen allein.
Versäumen aber wollen wir
Die heiligen Bräuche nicht,
Die man vorgezeichnet,
Zu ehren die teuren Toten.
METANIRA:
Die Tränen sind in ihren Augen,
In meinem Herzen aber Zorn.
Zu eitlen Schatten flehen sie,
Doch mich verzehrt der Wunsch,
Lebendigen Kraft zu leihen.
3. Auftritt
Dieselben, Triptolem, ein achtzehnjähriger Ephebe; er halt in der einen Hand einen Pferdezaum und in der andern einen lanzenförmigen Stachel. Seine Haltung ist ernst und bescheiden.
METANIRA:
Wo weiltest du?
TRIPTOLEM:
An meines Vaters Grabe.
METANIRA:
Wie brachtest deine Zeit du zu?
TRIPTOLEM:
Ein Pferd gebändigt hab’ ich
Und mein Feld geackert.
METANIRA:
Bekannt ist dir also nicht,
dass heute Volksversammlung in der Agora
Und dass ein neuer König
Gewählt soll werden in Eleusis?
Des Vaters Nachfolger müsste
Der Sohn durch Volkeswillen werden.
Doch niemand wird dich wählen,
Erscheinst vor den Menschen
Du nicht, zu sprechen und zu erweisen
Die Kraft, die eignet deiner Jugend,
Versprechend ihnen, zu bringen sie
An ihrer Wünsche Ziel.
TRIPTOLEM:
Nicht betteln will ich
Um Volkes Gunst und Stimme.
Bewiesen hab’ ich meine Kraft
Und meine Gerechtigkeit im Kampf
Durch Wort und Tat.
Bekannt bin ich denen,
Die wählen sollen ihren Führer.
Wenn unbeeinflusst sie finden
Geeignet mich, dann will
Des Vaters Amt ich bekleiden.
Ein andrer möge sonst
Der Krone Zier und Last ergreifen.
METANIRA:
Den Oheim werden so sie wählen,
Und wenn Dolikos erst gewählt
Zum König ist - wird er
Berauben unserer Güter uns
Und jagen aus dem Haus,
Des heiligen Dienst der Vater
Durch lange Zeiten hat verrichtet.
TRIPTOLEM:
Er soll bemächtigen sich
Der Stadt, des Thrones, soll
Berauben mich des Platzes,
An dem mein Vater stand;
Den Pflug mir zu entreißen
Vermag er nicht. Und auch
Die Scholle muss er lassen mir,
Auf welcher arbeitet der Pflug.
Nur, wenn ein Gott mich ruft,
Will König ich sein von Eleusis,
Geloben zwiefach will ich dies.
METANIRA:
O Unsinniger! Unbekannt
Ist dir, was Dank man nennt.
O wehe, wehe!
4. Auftritt
Dieselben. Demeter erscheint in der Verkleidung einer alten Frau, gebückt und in einen grauen Mantel gehüllt, einen Stab in der Hand. Sie bleibt an der Tür stehen und streckt flehend die Hand gegen den Herd. Triptolem bleibt unbeweglich auf seine Lanze gestützt. Die drei jungen Mädchen erheben sich.
METANIRA immer sitzend:
Die Unbekannte, wer ist sie? Phaino:
Gebeugt vom Alter, eine Greisin.
KALLIRHÖE:
Von edlem Wuchse doch.
METANIRA:
Zu betteln scheint gekommen sie. Praino:
An Kraft zu gehen, fehlt es ihr!
Ins Haus zu führen die Arme
Erlaube uns, o Mutter.
KALLIRHÖE:
Von Hunger und Durst
Erschöpft ist sie gewiss.
RHODOPE:
Und schwerer noch zu tragen
An ihres Herzens Leid scheint
Die Unselige als an ihren Gliedern.
METANIRA:
Nicht lieben kann ich
Die Unbekannten, die schweigend
n unseren Herd sich schleichen,
Verbergend unlautre Absicht.
Man kann nicht wissen, welcher Feind
Geschickt sie, uns zu schaden,
Und welches Unglück sich birgt
In ihres Mantels Falten.
Ich frage dich, du fremdes Weib,
Ob eine Botschaft zu bringen
Du hast oder eine Gnade zu erbitten.
Zu bleiben nur erlaub ich dir,
Wenn reden du willst
Von jenen, die gesandt dich.
Verweigerst du dieses, dann
Betritt das Haus mir nicht.
Demeter streckt beide Hände zum Herd ans, dann führt sie sie zum Antlitz zurück und scheint schweigend zu schluchzen.
PHAINO:
Um Obdach bittet sie.
RHODOPE:
Es spricht ihr Unglück für sie.
ALLE DREI:
Lass Gnade walten, Mutter,
Und nimm sie auf!
Metanira bleibt unbeweglich und schweigt.
TRIPTOLEM:
Im Namen des großen Zeus,
Der gastlich allen Verbannten ist,
Sollst aufgenommen sein, o Fremde,
In dieses Haus, ob bekannt,
Ob unbekannt dein Name auch ist.
Die drei Schwestern bemühen sich, Demeter zu stützen, und führen sie an den Herd zu einem Sessel, auf den sie sich langsam niederlässt, mit gesenktem Haupte, in der Haltung eines hoffnungslosen Schmerzes. Triptolem legt seinen Zaum und seine Lanze beiseite, nimmt einen Becher mit Wein und reicht ihn Demeter.
TRIPTOLEM:
Den Becher reich ich der Fremden,
Die edel und ehrwürdig mir ist.
Den Durst sollst löschen und Gast uns sein.
Gefällt hernach zu reden dir,
So wollen hören wir dein Wort.
Doch auch wenn schweigsam bleibt und
Verborgen dein Unheil,
Nicht weniger heilig sollen
Verhaltene Schmerzen uns sein.
Demeter nimmt den Becher und trinkt einen Schluck unter ihrem Schleier; dann reicht sie ihn dem Triptolem, faltet die Hände zum Zeichen der Dankbarkeit und sinkt wieder in sich zurück.
METANIRA:
Da Gast du uns geworden,
Und schützend dieses Dach
Dich deckt, ist’s recht nur und billig
Von dir, zu sagen uns,
Woher du kommst und wer du bist,
In welchem Lande du heimisch
Und durch welch Geschick gezwungen,
An dieses Ufer entflohn du bist.
DEMETER hebt etwas das Haupt und spricht mit majestätischer Stimme, die zu ihren Lumpen in Widerspruch steht:
Aus Kreta komme ich.
Dort wohnte ich in einem Haus
Aus Marmor gebaut und
Geziert mit edlem Golde.
Denn eines Königs Kinder waren
Zur Pflege mir vertraut.
Beschenkt von Götter Gnade
Ward selbst mit einer Tochter ich,
Die zart wie ein Reh war
Und sanft, einer Nymphe
Im Walde gleich.
Ein Räuber stahl die Teure.
Von Ufer zu Ufer irren
Ist seither mein Schicksal,
Vergebens zu suchen
Nach einer Spur der Verlorenen.
Es sind der Jahre viele hingegangen
In diesem heimatlosen Leben,
Und alt und kraftlos ist
Das Herz, das ohne Trost mir schlägt.
Willst nehmen mich ins Haus,
O Meuanira: die Töchter will ich
Getreulich dir pflegen, sie lehrend
Zu weben schöne Stoffe
Auf elfenbeinenem Webstuhl,
Und andere Künste von Wert.
Der königlichen Paläste Rätsel
Vertraut sind sie mir alle.
Die Balsame auch sind mir bekannt,
Die schwarze Schmerzen heilen.
Die Zauberkräuter am Ida-Berg,
Zu denen Zeus hinabgestiegen,
bei dem Namen des Zeus lodert eine leichte Flamme auf
Sind meiner Kenntnis nicht verborgen.
Die Heilung bringen können sie allen,
Nur mir nicht, der Heilenden.
PHAINO:
Wie sanft erklingt die Stimme
der Dulderin, wie rätselhaft.
KALLIRHÖE:
Sie gleicht der Lyra,
Die klagend ertönt im Tempel.
RHODOPE:
Die Worte, die sie spricht,
Sind wie von einer Königin Munde.
METANIRA:
Wie einer Königstochter Botschaft
Erklangen deine Worte, Fremde,
Und aufgenommen sollst deshalb
Du sein in diesem edlen Hause,
Das vielleicht nicht lange mehr
Wir unser nennen dürfen.
Denn wissen musst du, dass Dolikos
Entreißen will dem Sohne
Das heilige Amt, das so viele Jahre
Bekleidet hat der würdige Vater.
O Frau, erfahren durch das Alter,
Und weise, du Künstlerin
Der Rede, bleibe allein
Mit meinem Sohne eine Weile,
Zu geben ihm der Vorsicht Lehre,
Auf dass vor allem Volke
Die Krone des Vaters er begehre.
DEMETER
Ja, sprechen will ich ihn.
METANIRA zu ihren Töchtern:
Ein Mahl bereitet werde
Der Fremden, bei ihr
Soll weilen Triptolem.
Bestreben will inzwischen
Ich selbst mich, das Ohr zu finden
Der greisen Männer des Rates.
Sie geht ab mit ihren drei Töchtern.
5. Auftritt
DEMETER:
Welch schwarze Sorge lastet
Auf deiner jungen Stirne,
Mein Triptolem?
TRIPTOLEM:
Mein Vater ist gestorben.
DEMETER Bedenk, dass weniger schmerzlich
Für einen Sohn es ist,
Den Vater zu verlieren,
Als einer Mutter die Tochter.
Und richtet an die Menschen
Sich deine Klage oder an die Götter?
TRIPTOLEM:
Ich klage niemand an,
Kein anderes Schicksal ja
Erleide ich als alle.
Noch grausamer ist der Tod
Den Hingegangenen als jenen,
Die zurück müssen bleiben.
DEMETER Wie weißt du dieses?
TRIPTOLEM mit leiser Stimme:
Als eines Abends ich des Ritus
Gedenkend ich war, den Pluto liebt,
Da schlachtete ich ein Lamm
Auf Keleos Grabe,
Beschwörend seine Seele.
Im Rauch des schwarzen Blutes
Aufsteigen sah ich da den Schatten,
Der blass und schreckensvoll erschien.
Durch schweren Dunst erklangen
Die Worte, die zu mir er sprach:
«Ein Schatten nur, umhergetrieben,
Unglücksvoll und bedrängt
Von Bildern des Schreckens ...
Denn Plutos Herz ist unerbittlich.
In tiefe Finsternis hüllt er
Die Menschen, die im Leben
Sich hingegeben haben
Der Lust und unsinnigem Vergnügen.
Beschützt nicht ein unsterblicher Genius
Die Toten, so können sie leben
Nur noch von jener Liebe,
Die ihnen Lebende senden.
Zerstieben müssen wir
Wie eitler Rauch hier unten,
Verlassen jene uns.
In Nacht und Schrecken muss
Umher ich irren, ein Schatten,
Gejagt von andern Schatten,
Ein Schreckensbild, das
Entsetzen sich muss
Vor andern Schreckensbildern ...
Allein du, Triptolem, mein Sohn,
Du könntest schenken mir
Den Frieden des Elysiums.»
«Bereit dazu bin ich»,
so sprach ich zu ihm,
«Wie aber kann zu dir
Gelangen ich?» Bleicher
Erschien der Schatten dann,
Und seufzte: «O vergiss,
Mein Sohn, mich nicht,
Denn leiden muss ich, leiden.»
Darauf verschwand das Schattenbild.
DEMETER beiseite:
O schrecklich Reich des Pluto.
In das Persephone verbannt.
TRIPTOLEM:
Bewegt erscheinst du mir.
Es zittern deine Hände
Auf deinem Stab.
Durch deinen Schleier sichtbar
Sind deine Tränen mir.
Was geht doch vor mit dir,
O schmerzbewegte Frau?
DEMETER mit dumpfer Stimme:
O sag mir, was gelang dir
Zu tun für deines Vaters
Verdammten Schatten?
TRIPTOLEM:
Sein Grab mit Blumen
Bekränzte ich und dann wandte
Dem Pfluge ich mich wieder zu.
Anrufend die große Demeter,
Bestellte ich den Acker
Und streute die Saat.
DEMETER:
Weshalb richtetest
An Demeter du den Ruf?
TRIPTOLEM:
Zwar kenne ich sie nicht,
Doch wird die größte
Der Göttinnen sie genannt
Und Mutter der Götter.
Ist sie es nicht, die wohnet
Im Himmel und beherrscht die Erde?
Und Korn und Blumen,
Gedeihen nicht durch ihre Kräfte sie?
DEMETER:
Worauf aber kannst du gründen
Die Meinung, dass erlösen
Sie kann die Seele deines Vaters?
TRIPTOLEM:
Sie ist’s, die eine Decke
Ausbreitet über die Erdenmutter,
Hat aufgenommen diese
Die Saaten aus der Menschen Hand.
Doch bei dem lauen Hauch
Des Frühlings erscheint
Die grüne Spitze,
Die reifend dann
Zur goldnen Ähre wird!
Wer aber kann erwecken
Ins Dasein die Goldesfrucht,
Vermag zu neuem Leben
Zu rufen auch die Seelen, die
Hinabgestiegen ins Totenreich.
Das hat verkündet die Hoffnung,
Die sang über meinem Haupte,
Wie über der Furche die Lerche.
DEMETER erbebt und blickt bewegt auf Triptolem. Beiseite:
Wie schön doch ist
Der stolze Jüngling!
In seiner kühnen Hoffnung
Erscheint er herrlicher mir
Als alle olympischen Götter
In ihrer heitren Ruhe.
Es ist eines Helden Seele
In seiner Brust, und würdig
Ist ohne Zweifel er
Zu sein ein Gott.
Hat Jupiter ohne meine Hilfe
Erzeugt Athene, die weise:
Gelingen muss auch mir es,
Aus einem jungfräulichen
Epheben zu bilden einen Gott!
[Sie richtet sich jählings auf.]
Mein Wille ist, dass unsterblich
Er werde, denn wiedergeben
Kann er nur mir die Tochter.
TRIPTOLEM:
O fremde Verbannte, was
Befällt dich, dass im Sinnen
Dein Alter von dir fällt,
Und Funken deinem Peplos
Entsprühen, und Fackeln
Entzünden sich hinter deinem Schleier?
DEMETER setzt sich nieder und nimmi wieder die Haltung eines alten Weibes an:
Des Herdes Widerschein nur ist’s,
Bespiegelnd sich in meinem Kleide,
Und feurig erscheinen
Die Tränen dir, vergossen
Im Schmerzgefühl der Mutter.
Doch näher tritt zu mir.
Und höre, was ich sagen will.
Gelernt hab’ vieles ich, und
Geheimnisse sind mir kund,
Und manches Heilmittel
Enthüllte das Alter
Der guten Zauberin,
Die vor dir nun steht.
Du weinest über deines Vaters
Verdammite Seele, ich jedoch
Beweine die verlorne Tochter.
Geloben will ich dir,
dass deines Vaters Seele
Befreit soll werden aus
Des Abgrunds dunklem Reich,
Wenn deine starke Kraft
Entreißen will die Tochter
Dem Räuber, der sie
Zur Beute sich erkoren.
TRIPTOLEM:
Nicht zaudern will ich,
Wenn ich erst erkenne
Den Räuber, der solch
Enisetzliches dir zugefügt.
DEMETER Erkenntest du ihn,
Es reichte wohl nicht aus
Der Mut in deiner Seele.
TRIPTOLEM:
Wer gleich mir wilde Pferde
Vermag zu zähmen und
Zu bändigen die reißenden Tiere
Der Berge mit seiner Lanze,
Er wird zurückschrecken auch
Vor solchem Räuber nicht.
DEMETER:
So wisse, dass gestorben
Die Tochter mir ist und
Dass Pluto der Räuber ist.
ollbringen also müsstest du
Das Wagnis, hinabzusteigen
Ins finstre Reich des Tartaros.
TRIPTOLEM:
Nicht schreckhaft kann
Erscheinen der Schatten
ebiet für jenen,
Der liebt des Lichtes Reich.
Hinabsteigen werde ich
Zur Hölle, öffnest du
Die Tore mir.
DEMETER:
Du wagst es, ohne
Zu wissen, ob Wiederkehr
Verstattet dir ist?
TRIPTOLEM feierlich und ruhig:
Was tut es? Anrufen will ich
Die große Demeter
Auf meines Vaters
Geweihtem Acker, auf dem
Das Korn ersprießt.
Ich weiß, dass dringen wird
Zu ihr mein Ruf
In Uranos’ Tiefen selbst.
DEMETER:
O edles Blut, du junger Löwe,
Genährt von der Milch einer Frau!
Die Frömmigkeit des Kindes,
Sie lebt in deinem Herzen;
Von deinen Lippen fließt
Der Honig der Weisen,
Aus deinen Augen sprüht
Der Helden Flamme.
Wie eine Mutter muss
Ich lieben dich. Mehr als
Einen Menschen möcht ich
Dich nennen, meinen Sohn
Erkennen will ich in dir.
Und offenbaren will ich dir
Geheimnisse, bisher dem Geiste
Der Menschen streng verborgen.
Ich will dir künden, was
Verbirgt die Höhe und was
Die Tiefe, reißen will ich
Von deinen Augen die Binden.
Gering an Kraft sollen sein
Mit dir verglichen in der Kraft
Die Könige und Erdenherrscher.
Die göttlichen Eumolpäen
Zu singen lehr’ ich dir.
Und zeichnen sollst du
Die Bahnen, die hinaus
Aus diesen Welten führen.
Und trotz des Tartaros,
Den arglistigen Menschen zum Trotz
Und selbst dem allmächt’gen Zeus,
Wird kommen der Tag,
An dem du meine Tochter
Wirst bringen in das himmlische Licht
Auf Hekates feurigem Schlangenwagen.
Das Schicksal möge Triptolem
Bestimmen zu der Menschen
Geweihten Ackerbauer und zu
Der Götter göttlichstem Helden.
TRIPTOLEM:
Wer bist du, mächtige Mutter,
Verehrung heischend mehr von mir
Als meine eigne Mutter?
DEMETER Erfahren wirst du’s zur Zeit.
Jetzt aber soll meine Kunst
Dich unverwundbar machen
Für deine furchtbare Arbeit,
Die unermesslich Heil
Mir bringen soll.
Mit meinen Händen
Will schmieden ich für dich
Die Rüstung, die, ätherfein
Und unzerbrechlich zugleich,
Dich fähig macht zu durchschreiten
Der Hölle und des Himmels Tore,
Und schaden dir nicht können
Die wilden Dämonen, die lauern
Begierdevoll an dem finstern Ort.
Sie berührt mit ihren Händen die Arme und die Brust Triptolems. Ein lebhaftes Licht strahlt aus unter den Liebkosungen Demeters, und Triptolem erscheint weiß strahlend, mit verzückten Augen in die Augen der Göttin blickend. Flammen und Blitze sprühen um sie herum.
6. Auftritt
Dieselben. Metanira, Phaino, Rhodope, Kallirhöe.
METANIRA:
Zu Hilfe! Feuer dringt aus dem Palast!
Verfluchte schlimme Zauberin!
So dankst du, dass an meinen Herd
Ich dich gelassen habe! Möge vernichten
Die dreifache Hekate dich
Und das Feuer, von dir entfacht.
Von unseren Feinden, von Dolikos
Gesandt bist du, zu schlagen
Den Sohn mit Blindheit,
Und auf das Haupt uns laden
Die Flüche des Volkes.
Hinweg, abscheuliche Hexe!
Beim letzten Wort Metaniras verschwinden die Flammen plötzlich, der Saal wird dunkel und der Herd erlischt. Aber Demeter, ihren Schleier und ihren Greisinnenmantel zurückwerfend, erscheint plötzlich strahlend mit ihrem Götterantlitz. Der Stab, den sie in der Hand hielt, verwandelt sich in eine brennende Fackel.
METANIRA:
Wer ist’s aus der Unsterblichen
Bereich, der treibt sein Spiel
Mit uns? Gebrochen
Sind meine Kräfte.
Sie fällt zu Boden wie zerschmettert, das Haupt auf den Sessel gestützt, das Gesicht in die Hände bergend.
DIE DREI TÖCHTER auf die Knie sinkend:
Erbarm dich unser, großer Zeus!
TRIPTOLEM immer noch aufrecht und wie verloren in seiner Verzückung:
Wer steht vor mir, o Göttin?
DEMETER:
Ich bin Demeter, bin’s selbst,
Die Göttin.
Zu Metanira gewendet, mit ruhiger und majestätischer Stimme)!:
Nicht wohlwollend
Der Fremden und Verbannten
Begegnetest du. Unbewusst
In diesem Augenblick
War deinem Geiste, o Weib,
Dass in des Elends Gestalt
Und in der Lumpen Maske
Erscheinen die unbekannten Götter,
Verbergend sich so unter Tränen.
Weil aber, ungleich dir selbst,
Mit Milde deine Töchter
Empfingen mich, und weil
Du Mutter bist dieses Sohnes,
Verzeiht Demeter dir.
Verhindern aber kann ich nicht
Den Kampf, der zwischen
Eleusis’ Kindern und denen,
Die ähnlich sind dir selbst,
Entbrennen wird, als Frucht
Des lieblosen Grußes,
Der mir geworden durch dich.
Doch dich, o Sohn des Keleos,
Dich will ich lieben,
Wie meine Tochter ich liebe,
Die du entreißen mir wirst
Der finstern Höllenmacht.
Und nun begib zur Agora dich,
Dem Volk zu sagen: Demeter,
Die Göttin, sendet Befehl,
Zu bauen einen Tempel
Da, wo der Hügel des Kallikoros
Zu Eleusis sich erhebt.
Ernennen will ich dich
Zu meinem Oberpriester
Und überragen sollst du
An Ruhm die Könige,
Die deine Vorfahren waren.
Einweihen will dort ich
Dich in meine Mysterien,
Dich unterrichten für das Werk,
Das himmlische Quellen soll
Erschließen den Menschen
Im Heiligtum zu Eleusis.
Geweiht soll sein jener Tempel
Der Demeter und Persephone,
Der schmerzlich Entbehrten.
Sie verschwindet.
METANIRA steht wütend auf; zu Triptolem:
Verlustig bin durch dich
Geworden ich des Königsmantels
Und meines Alters Ehre.
Verfluchen will ich darum dich.
Mich Mutter zu nennen,
Verwehrt soll es dir sein.
Die drei knienden Schwestern erheben sich und nähern sich neugierig ihrem Bruder. Sie legen ihre Hände auf seine Schultern und murmeln mit bebender Stimme:
Persephone, wer ist sie?
TRIPTOLEM steht sinnend, die Hände über die Brust gekreuzt, seit dem Entschwinden Demeters. Bei der Frage seiner Schwestern hebt er feierlich die rechte Hand empor und antwortet:
Die Göttin ist [es], die
Befreien wir müssen,
Auf dass erringen
Die eigne Freiheit wir.