Das Heilige Drama von Eleusis Zweiter Aufzug: Persephone in der Unterwelt
Der Tartaros. Im Tempel des Pluto. Im Halbdunkel rechts ist ein Thron errichtet unter dem Baum der Träume, in dessen Laub man ungenau die Formen phantastischer Tiere erblickt: Lemuren, Harpyen und Gorgonen.
1. Auftritt
Pluto, das Zepter in der Hand, sitzt neben Persephone, die auf ihrem Throne eingeschlafen ist, das Haupt gelehnt an den Stamm des Baumes der Träume. Die Mysten legen schweigend Blumenspenden nieder zu Füßen der Königin der Toten, die aus ihrem tiefen Schlafe [nicht] erwacht.
CHOR DER UNSICHTBAREN DÄMONEN DES TARTAROS:
Persephones Besieger, Dem großen Pluto,
Ihm sei die Ehre!
Es jubelt die Hölle
An deinem Hochzeitsfest,
In tausend Freudenfeuern
Erglänzt der Tartaros.
Bis jetzt entwichen
Der Erde Kinder ihm
In ihrer Unschuld.
Zu leicht waren sie
Dem Reich der Finsternis.
Doch jetzt besitzend
Die Göttin der Höhe,
In unermesslicher Zahl
Erobern wir sie uns.
Denn ziehen werden sie
Die Fehler ihres Lebens
Und ihrer Formen Schönheit
In unser Reich.
Bevölkern muss sich dies
Mit eitlen Schatten.
Ihr Stygien, Harpyen,
Ihr Ungeheuer, freut euch Im Lügenbaume.
Dem Pluto Ehre!
Vor Freude erzittert
Die Hölle, und halten
Wird seine Beute
Der dunkle Tartaros.
PLUTO hält einen schwarzen Kelch und blickt auf die schlafende Persephone:
Wie schön in ihrem Schlummer
Erscheint des Himmels Tochter!
In mein’ Bereich bist aufgenommen
Du holde Himmelstochter,
Du lichte Götterblume.
Es soll in künft’ger Zeit
Dich keiner der Unsterblichen
Zu sehen je vermögen.
Auf dass du jedoch nimmer
Verloren mir kannst sein:
Den Trank des Vergessens
Und blinden Wunsches
Muss reichen ich dir.
Zerdrücken in diesem Kelch,
Im roten Blut muss ich
Der Finsternis geweihte Frucht.
Er drückt den Saft eines Granatapfels in den Kelch aus.
Erinnerung wird erlöschen
In deiner Seele dann,
Und Sehnsucht nach dem Reich,
An das Gedanken sonst
Noch leben könnten in dir,
Zu rauben mir die Gemahlin.
Genießest du jedoch erst
Von dieser Frucht,
Selbst Zeus wird nicht
Vermögen dich zu entreißen
Der Macht, die dich fesselt.
Erschüfe einen neuen Dionysos
Die Macht des Göttervaters selbst,
Zu nehmen [dich], wäre allein
Im Stande dein Gemahl,
Wenn er, gerufen von dir,
Im Schoße der Demeter
Zu neuem Dasein würde.
PERSEPHONE erwachend:
An welchem Orte bin ich?
O dieser schwere Schlaf
In den Armen des Herrschers,
Die furchtbar mich halten!
Was ist geworden aus mir?
Die unheilvolle Königin
Des Reiches der Finsternis!
Die Nacht umgibt mich, Die nimmer enden kann.
Ein Volk von Schatten ...
Und Ungeheuer schreckhaft
Muss schauen ich über mir ...
Gestalten umgaukeln mich,
Aus Träumen gewoben
Und aus der Lügen Macht!
CHOR DER SCHATTEN:
Du siehst nur Seelen in uns,
Gebeugt von Unglücksgewalt,
An diesem Ufer irrend.
Erflehen wollen wir
Die Rettung, o Königin,
Von dir, dich bittend
Zu führen uns hinan
In Elysiums Gefilde.
PERSEPHONE:
In euch erkennen muss
Ich meine Brüder und Schwestern,
Und machtlos, euch zu erlösen
Aus diesem Abgrund
Bin ich, die selbst gefangen
Sich fühlt im finstern Reich.
Im Ohr erklingt mir euer Stöhnen,
Im Herzen fühl ich eure Tränen,
Wie eine Erinnrung von oben.
Doch bitten kann ich euch nur,
Zu weinen über mich,
Wie über euch ich weine!
Nichts andres können hier
Sich schenken unsere Seelen.
PLUTO:
Erhebe deine Stirne,
Des Pluto Ehgemahl,
Der Toten Königin!
Kein Reich ist im weiten All,
Das schöner war als deines!
Geehrt bin ich im All,
Gefürchtet auf der Erde.
Auf meinen Altären Fließt
Opferblut in Strömen.
Die gleichen Ehren
Bezeugen wird man dir.
Persephone bedeckt ihr Gesicht mit den Händen.
Zu deinen Füßen siehst
Hindrängen du die Toten
Mit einem Ungestüm,
Das größer wahrlich ist
Als jenes zu der Olympier
Geweihten Altären.
Erblicke ihr Flehen!
Erscheinen muss die Macht,
Die hier du dein magst nennen,
Gewaltiger als jene,
Die eigen ist der stolzen Demeter.
Anweisen sollst du
Den Flehenden ewige Wohnungen!
Doch trinke jetzt den Trank!
Er wird Verständnis dir
Eröffnen für dieses Reiches
Erhabene Freuden
Und für die Liebe,
Die ich dir geben kann.
Er reicht Persephone den Kelch; sie zaudert, ihn zu nehmen, und ergreift ihn endlich mit einem Gemisch von Neugierde und Schrecken. In demselben Augenblicke beginnen die Stygien, Sphinxe, Harpyen im Baum der Träume magischen Lichtschein auszuströmen. Sie reißen ihre Augen auf und recken ihre Krallen.
PERSEPHONE:
O sonderbarer Kelch!
Erzittern macht er meine Hand ...
Einen schreckensvollen Wunsch
Kann fühlen ich
In seinem roten Saft ...
Es funkeln in ihm,
Der Weisheit gleich, die
Im Bösen Wurzeln schlägt,
ie Kerne der Rätselfrucht ...
Wie furchtbare Saat zu schauen,
Entsprossen endlosen Qualen!
Nicht trinken will ich! ...
Doch kleben fühl’ ich
In meiner Hand den Kelch ...
Und hat man erst geschaut
In diesen schwarzen Krater,
So muss immer wieder
Das Schauen man erneuern!
Sie blickt ein zweites Mal in den Kelch.
Wie sonderbar: Mich selbst
Erblick ich nun darin!
In dunklem Feuer glänzen
Die eignen Augen mir entgegen.
Es ist das Feuer, das
Aus meines Gemahles Augen,
So furchtbar mir erglänzt.
Es brennt in meinen Adern,
Als ob ein furchtbarer Pfeil
Das Herz mir durchbohrte!
So fühlt Erinnerung an oben
Als furchtbar Leid die Seele.
Gedenken muss der Zeit ich,
Da auf den Knien
Der himmlischen Mutter
Ich spielte und, obgleich
Als Jungfrau, der Gemahl
Vereint mir doch war.
Doch unbekannt sind mir
Sein Name und sein Bild
In dieser schweren Stunde.
Ob Träume mich erfüllen?
O wehe, wehe, unfähig
Emporzusteigen bin
Für immer ich geworden!
Vergessen soll ich also?
CHOR DER SCHATTEN:
Nicht trinke, Persephone,
Das rote Blut
Im schwarzen Kelch.
Und lass emporsteigen uns
Aus Hekates Finsternis
Ins Elysäische Reich.
CHOR DER DÄMONEN:
Vergiss, vergiss,
Du sollst trinken
Aus diesem Kelche
Und uns zum Tranke
Ihn reichen.
Des Lebens Kraft zu trinken
Verlangen wir
Aus diesem Kelche!
Es brennt in uns
Der Hölle Durst,
Er allein
Kann löschen ihn.
PERSEPHONE:
Selbst fühl’ ich Durst
In diesem Augenblick!
O furchtbare Qual
Der Rückerinnerung ...
Ersterbende Hoffnung
Verwirrt mein Inneres.
O könnt entzünden sich
Aufs Neue diese Hoffnung!
Und wenn unmöglich dies,
Verlöschen für immer!
Sie blickt ein drittes Mal in den Kelch.
PLUTO:
Es wirkt der Zauber!
Sie genießt den Trank.
PERSEPHONE wendet sich zu Pluto:
Ein Blendwerk ist's, dem machtlos ich verfalle!
Ein unbekannter Rausch, der mich befällt!
Es ändert deine Farbe sich, o König,
Und heller werden deine Augen ...
Ein strahlend Leuchten zeigt das Diadem!
Im dunklen Haar erscheinen blaue Sterne!
Des schwarzen Pluto furchtbar Wesen
Es wird zum schönen Adonai gewandelt ...
Verloren also ist mein Gemahl mir nicht?
Verwirrt, berauscht von seinem jetzigen Anblick,
Vermag ich’s kaum zu glauben, dass er
Es ist, so schrecklich und schön zugleich,
Wie jetzt er strahlend vor mir steht!
PLUTO:
Ich bin es, bin von Zeus gegeben
Persephone, der Jungfrau, ewig zum Gemahl.
Zur Königin der Toten verwandelt
Der Trank dich, und die ganze Hölle
Erlebt dann mit die Freuden unserer Ehe.
Erbleichen werden die Olympier alle!
Persephone schließt die Augen und führt den Kelch an die Lippen, aber ein Donnerschlag ertönt, den ein Rauschen von Zimbeln begleitet; in der Finsternis erscheint ein von Jeurigen Drachen gezogener Wagen. Hekate führt ihn. Triptolem sitzt ihr zur Rechten. Er hält in der Rechten seine Spitzhane wie eine Lanze.
2. Auftritt
Die Vorigen. Hekate. Triptolem.
PLUTO erhebt sich und schwenkt drohend sein Zepter:
Wer wagt zu dringen in der Hölle Tore
Wenn der Befehl ihm nicht von mir gegeben?
Zerschmettert ohne Säumen müsst’ er werden,
Sollt’ lebend sich vermessen dess’ ein Mensch.
HEKATE: Ohnmächtig bist du gegen Triptolem!
Gebadet hat im Feuer ihn Demeter,
Und ich bin’s selbst, die ihn hierher gebracht.
Unwirksam wären selbst die stärksten Blitze,
Denn unverwundbar ist der Jüngling.
PLUTO:
Dies also hast du bewirkt, du Elende!
Schamlose Späherin, mit dem Sirenengesicht!
Ich will zur Strafe dir welken lassen
Die lächelnde Maske, die betrügerisch
Du trägst zum Trug für Götter und Menschen.
Der Schrecken sollst du sein der Erde!
Dein Name sei Hexe und Verführerin!
Ich werde Furchen ziehen in deine Stirne,
Wie die Lemuren als Mal sie tragen!
HEKATE:
Nichts will ich, als vollziehen den Befehl,
Den mir gegeben hat die große Göttin.
Doch höre, Gott der Toten, jetzt dir an,
Was die Stimme eines Lebenden sagt.
TRIPTOLEM:
Halt ein, Persephone, trinke nicht
Aus diesem unheilvollen Kelche!
Erinnere dich der Mutter Warnung.
PERSEPHONE verwirrt und wie einem bösen Traum sich entreißend:
Wer bist du, Jüngling, sterblich zwar,
Doch gleich den Göttern kühn und mutig?
TRIPTOLEM:
Der Sohn des Königs von Eleusis,
Beschützt von Demeter, der großen Göttin,
Die Krone sollt’ ich aufs Haupt mir setzen.
Zu lösen dich aus furchtbaren Banden,
Hab ich verachtet, was bestimmt mir schien.
PERSEPHONE:
O junger und furchtloser Ephebe!
Dein Anblick reißt mich aus dem Traum,
Der grauenvoll entstieg meiner Seele;
Du rufst die Frühlingserde mir zurück
Mit meiner Mutter und dem Uranos,
Und dem Gemahl, den ich vergessen hatte
In dieser Welt voll Nacht und Schrecken.
Wie eine Quelle, die aufs Neue beginnt
Zu sprießen, nachdem sie lange versiegt,
So murmeln Himmelsstimmen mir im Herzen.
TRIPTOLEM:
Dann steige auf den Wagen, folgend mir.
PERSEPHONE:
Zu brechen für mich dieses Reiches Tore
Nicht ist es dir verstattet! Zu entreißen
Vermag allein ein Gott mich einem Gotte.
Nur jener hat Gewalt dazu, der
Im Mutterschoße schon mit mir vereint!
Zerrissen haben die Titanen mir den Teuren!
Lebendig ist er immer in Gedanken, die
Verborgen hält in seiner Seele Zeus.
Erretten kann nur dieser mich.
Dich ruf ich, Dionysos, Dionysos!
Sie wirft Plutos Becher zu Boden.
PLUTO:
Den Tod verhäng ich über Triptolem!
Er ist für ewig der Hölle eigen.
Neuer Donnerschlag. Pluto, Persephone, Hekate und Triptolem verschwinden.