Die Kinder des Lucifer Erster Aufzug

Öffentlicher Platz in Dionysia, einer Stadt in Klein-Asien. im Hintergrunde ein Portikus mit Ausblick auf den Hof des Prytaneums. Links„ Eingang in den von Sykomoren beschatteten Tempel des Bacchus. Rechts, eine christliche Basilika mit ragendem Kreuz. Es ist Nacht.

1. Auftritt

Damis, Phrygius kommen. langsam, lauschend und als suchten sie etwas in der Finsternis zu unterscheiden.

PHRYGIUS:
Schon nahen wohl die Römer?

DAMIS:
Noch sah ich nichts!

PHRYGIUS:
An welchem Platze sind wir?

DAMIS:
Die Agora mit dem Prytaneum ist's.
So öde und so dunkel ist der Ort
Als fürchte selbst der leere Raum
Sich vor dem Licht des Tages.

[Trompetenstöße in der Ferne]

PHRYGIUS:
Die Fanfare!

DAMIS [zusammenfahrend]:
Da kommen sie wie Diebe;
Vor Morgengrauen dringen sie heran.

PHRYGIUS:
Es nahet die Fanfare,
[neuer deutlicher Trompetenstoß]
Sie tönt so schaudervoll
Durch% fahle Grau des Morgens

DAMIS:
Es tötet ein jeglicher dieser Töne
Den feigen Schläfern eine Tugend.
Des Kaisers Legionen aus Rom und Byzanz
Sie werden Herren sein der Zitadelle,
Und von der Höhe der Akropolis
Herab wird des Cäsars Fanfare tönen,
Um anzukünden des Prokonsuls Einzug.
Gekommen ist der letzte Atemzug
Der alten stolzen Freiheit Dionysias.

PHRYGIUS:
So ist das Schicksal aller Welt,
Im Staube liegen vor dem Menschengotte,
Vor Romas Cäsar alle Städte.
Dyrapolis, meine eigne Vaterstadt
Die als Beschützer den donnernden Zeus
Erkoren sich, und die unnahbar
Auf stolzen Bergeshöhen thronte,
Sie unterwarf sich einst die Stadt,
Die deine Heimat ist. Tribut
An Gold und Menschen musstet
Ihr zahlen uns, den Söhnen der Galater.
Noch weiß genau ich alles dieses,
Ich, der Sprosse alter Könige sich nennt —
Und heute seufzen unter des Cäsaren Macht
Selbst wir, die Blitz und Donner
Seit alten Tagen als Herren nur gekannt.
Gerecht erscheint es da, wenn Dionysia,
Die Stadt der Weichlichkeit,
Sich beugen muss vor dem Herrn der Welt.

DAMIS:
Ach ohne Verständnis blickst du
Auf meine Vaterstadt — auf alles,
Was an Erhabenem, an Traurigern
Die edle Königin Ioniens
Erlebt. Den Thyrsus und die Lyra
Hat sie geschenkt der Welt. —
Sie musste dulden einst die Ketten,
Die ihr geschmiedet euren Ahnen. —
Doch Freiheit gab ihr der große Alexander,
Da er begleitet ward bis zu Indiens Tor,
Von Dionysias froher, junger Ephebenschar.
In seiner Seele lebt' Verständnis
Für unseres Gottes freie Wesenheit. —
Wir beten Dionysius an, den Gottesgeist.
Er ward geboren zu schenken
Der Erde neues Leben, nachdem
Der Blitz in Trümmer sie geschlagen.
Zerrissen haben ihn die Titanen,
Doch in des Himmels Licht erwachte er ...
Nicht ein ewig Verhüllter, menschenferner
Gebieter ist unser Gott — — —
Ein Geist ist er, der leidet
Und wird, wie Menschenseelen.
Das Blut, es kreist und lebt
In unserm Herzen, unsern Gliedern,
Und mit dem Blut in uns
Der Gott.
Und unsere Seelen sind
Die Tränen seiner Augen, sie sind
Unsterblich, weil geweint von ihm!
Und Abbild seines sel'gen Wesens
Ist unsere Stadt, ob frohes,
Ob ernstes Schicksal auch sie traf;
Sie zündet mit dem Feuer
Des Herzens — alle Welt, wie Liebe
Des Chaos Werdelust entflammt. — —
Zu schaffen geborne Könige ist gegeben
Ihr nicht. — Auch der Weisen Licht,
Es strahlt in ihrer Mitte nicht, — —
Doch aus des Tages Freud' und Lust
Ersteht in ihr des Dichters Schwung. —
Begeisterung erhöht zu Seherkraft sich
Und aus dem Jammer erblühen ihre Helden.
Zur höchsten Ehre — wisse dies —
Gereicht als edles Gut dem Ort —
Der Altar, der, umrankt von Blumenschmuck,
Errichtet ist der Menschen höchstem Geist,
«Dem Letztgebornen aus dem Götterstamm».
Und wenn das Unglück hereinbricht
In seinem Übermaß, verlieren wir
Die Hoffnung nicht, dass Götter
Sich offenbaren und Helden erstehe!
Und freudig nahten Knaben,
Athleten, Jungfraun sich dem Altar
Des Gottes, opfernd Waffen, Fackeln
Und Lockenschmuck als Erstlingsgabe. —
Dionysia, es heißt mit Recht darum:
Der Hoffnung Heimat und der Sehnsucht Hort. —

[Die Morgenröte geht auf]

PHRYGIUS:
Und fürder ist des Kaisers Bild
Des Altars höchster Schmuck?

DAMIS [lässt Haupt und Arme sinken]:
Ich fühle wohl die Schmach!

PHRYGIUS:
Erkennst in Cäsars Macht und in Schicksalskraft
Du nun der Welten einzigen Gott?

2. Auftritt

Dieselben, Lykophron, ein gebückter, in Lumpen gehüllter Greis, nähert sich langsam den Sprechenden. In seiner zitternden Hand trägt er an einer Kette eine kleine Laterne aus Bronze und Hornplatten, die ein trübes Licht verbreitet.

PHRYGIUS:
Der Alte Mann, wer ist's?
Führwahr! Man könnte halten ihn
Für Charon, der im Hades Wache hält.

DAMIS:
Ein Weiser ist's unansehnlich
Und Lykophron sein Name.
Er muss uns Rede stehen,

PHRYGIUS:
Was treibst du?

LYKOPHRON:
Des Gottesackers Wächter hin ich.

PHRYGIUS:
Was suchst du mit der Laterne?
Die wie Diogenes du trägst?

LYKOPHRON:
Im weiten Umkreis der toten Stadt
Möchte finden eine Seele ich, von der
Man sagen kann, mit Recht: Sie lebt.

PHRYGIUS:
Noch keiner konntest du begegnen?

LYKOPHRON:
Ich fand nicht eine, hier nicht
Und nicht an andern Orten,
Wohin ich konnte lenken meine Schritte.
Ihr seid Schatten nur und Larven,
Entbehrt des Lebens und des Willens,
Geeignet nur zum Volk des Hades!
Doch freie Männer und zur Lust
Apollos Sonne, seid ihr nicht!
Der freie Mensch trägt im Innern
Das eigne Licht, auf dass es
Beleuchte ihm des Lebens Ziele.
Doch ihr erwartet fremden Stoß,
Der treiben soll die wesenlose Seele
Die gleich dem Schatten andrer Schatten
Ihr trägt in eurer hohlen Brust
Es lenken Furcht und Eitelkeit und nicht
Der Dinge eigne Kräfte eure Taten.
O werfet von euch den Maskentrug,
Dass sichtbar werden kann
Verborgnes Affenwesen und Schafgetier.

PHRYGIUS:
Nur Neid und Ohnmacht hör' ich grollen
Gemeiner Thersites, zeige doch die eignen Werke,
Bevor mit Schimpf und Hohn du redest
Von hoher Ahnen edlen Söhnen,
Du würdest sehen Ruhmeskränze
Um ihre stolzen Stirnen, wäre nur
Gefallen ihnen bessrer Zeiten Los.

LYKOPHRON:
Nach meinen Taten forschest du?
Die Schritte lenke ich Tag und Nacht
In alle Straßenecken, in der Häuser Innres,
Der Menschen verborgenes Denken
Erlausche ich mit meiner Seherkraft.
Mein Blick, er fällt in die Köpfe
Von Alt und Jung, von Reich und Arm,
Tyrannen und Demagogen schau
Ins Innere der Hirne ich.
0, überall erscheint mir nur dasselbe,
Nur ekelhafte Ungeheuer lauern
In kahlen Schädeln, kunstvollen Locken.
Von Furcht befallen werden Mann und Weib
Erscheine ich, die Wahrheit zu verkünden.
Ist einer unter euch, der Mut der Wahrheit,
Die stärkste seiner Waffen kennt?
Vergleichen nur könnt' er sich mir.
Der Mut zur Wahrheit gibt ein volles Recht,
Zu wandeln in der Sonne Licht,

PHRYGIUS:
Es lohnt mit recht dir niemand solche Arbeit!

LYKOPHRON:
Man kann dabei vor Hunger sterben,
Dafür erbeuten die Lügner reichlich Gold.
[geheimnisvoll]
Jedoch nicht alles verriet ich schon:
Ich suche hinter der Menschen Denken,
Die Seele, die als wunderbare Jungfrau
Mit Flügeln oft geschildert wird,
Ich aber kenne ein Geheimnis,
Zu schauen durch des Leibes Hülle
Der Seelen tiefste Untergründe.

DAMIS:
Vertrau uns dies Geheimnis! [neugierig]

LYKOPHRON:
Betrachte diese Zauberlampe!
Ich halte sie dem Menschen unters Auge,
Im Augenblick, da er sich's nicht versieht.
Wenn dann ihr Licht in die Pupille
Eindringt, die durch den Schein sich weitet,
Dann wird bewusst mir seines Wesens
Astralischer Leib, als leuchtender Schatten,
Und schrecklich zeigen diese Bilder sich,
Nie ein Apollo, immer ein Marsyas!
Kein Bacchus — Faunen und Satyrn jedoch
O, diese Tiergesichter aller Sippen:
Hyänen, Tiger, Eber, Böcke, Stiere,
Und oft noch weit Schauervolleres!
Es ist nun bald an hundert Jahre
Seit ich versuche, zu schauen
Die göttliche Seele mit den Goldesschwingen,
[mit Ekel]
Doch Eulen nur und Fledermäuse
Erscheinen mir durch meine Zauberlampe.

PHRYGIUS [höhnisch auflachend]:
Du Mensch mit Deinem Hexenlicht, dich hat
Gelähmt und mit Wut erfüllt die Jagd!

DAMIS [neugierig].
O welches Seelenwesen hast
In uns du entdeckt.

LYKOPHRON [nähert seine Laterne langsam den Augen des Damis und betrachtet sie mit Zärtlichkeit]:
In dir erblick' ich eine Puppe
Wie eines weißen Schmetterlings.
Sie hat von innen zarte Farben
Und hübsche Flügel. Fliegen möchte sie,
Doch sie vermag es nicht. Sie sitzt
Gefangen in deinem Leib, und will
Sie frei sich regen, hüte dich,
Dass nicht der nächste Stoß
Des Windes ihr Verderben bringt.

PHRYGIUS:
Und wie erscheint die meine?

LYKOPHRON [schiebt ihm jäh die Laterne unter die Nase];
Beim Hades! Eine schwarze Raupe
Mit schwarzem Stachelkleide! Wie Gift
Ist, was von dieser kommt„ Ein dicker Falter,
Wie sie die Nacht bevölkern, tragend einen Totenkopf.
[Er wendet sich mit Grauen ab.]

PHRYGIUS:
Hinweg, ein Falter für die Nacht,
Du bist es selbst! Du riechst
Nach Totenacker und Spelunken.
An deine Arbeit geh, du altes Scheusal!

LYKOPHRON [ohne ihn anzuhören, geht langsam ab, in Gedanken verloren]:
Wann werde ich dich endlich finden,
O Seele mit dem echten Leben?

PHRYGIUS [die Achseln zuckend]:
Er ist von Sinnen!

DAMIS:
Ein Seher ist er!

3. Auftritt

Damis, Phrygius, der Herold des Prokonsuls. Die römische Fanfare ertönt ganz nah, im Garten des Prytaneum. Bei diesen Lauten versammelt sich einiges Volk. Der Herold des Prokonsuls erscheint im Portikus begleitet von drei Liktoren, die Bündel und Beile tragen. Es ist heller Tag.

DAMIS:
Der Herold des Prokonsuls! Hört. [Fanfarenstoß]

DER HEROLD:
Augustus Cäsar, Roms Beherrscher,
Gebieter vieler Völker, Imperator der Armeen,
Der große Konstantin, an die ruhmreiche Stadt
Des Dionysius sendet Heil und Segen!
Der Schützer der Hellenen und der Christen,
Wird in Zukunft auch Schützer sein
Der alten Stadt des Bacchus,
Mit allen ihren Kirchen, Tempeln, Häusern.
Des Cäsars Legion wird die Zitadelle
Besetzen; darum befiehlt dem Androkles er
In des Kaisers Namen, auszuliefern
Die Tore der Stadt, sowie die Banner der Phratrien.
Es wird, des Kaisers Stellvertreter
Von Androkles geleitet, steigen zur Akropolis,
Zu tragen hat er das Feuer vom Prytaneum
Zum Altar des letzten aus dem Götterstamme
Wo jetzt des Kaisers Bildnis sich erhebt.
Die Thyrsen schwingt, und Blumen streut,
Ihr Kinder Dionysias.
Den großen Cäsar, den Weltbesieger
Ihn werdet ihr bald selbst in euern Mauern sehen;
Denn kommen wird er, die Hochzeit mit Ioniens Königin
Unter Christus heil'gem Schutz zu feiern.
Er wird euch bringen Tanz und Spiel
Und wilde Tiere, und Gladiatoren!
Der allgewalt'ge Cäsar, an Dionysia; Heil!

[Das Volk schreit: «Heil Cäsar!» Der Herold und die Liktoren verschwinden ran Hofe des Prytaneums.]

PHRYGIUS:
So also überliefert ihr dem Harpalus
Die Tore der Stadt mit all ihren Rechten
Und selbst der Vesta heil'ges Feuer
Und Androkles, er selbst, das Haupt
Der stolzen Phalanx von Dionysia
Begeht die würdelose Tat!

DAMIS:
Es sollte niemand zweifeln, dass Androkles
Das Herz des Löwen im Athletenleibe birgt.
Es ruft den Kaiser der Senat,
Und unser Volk, es jauchzt ihm zu
Er kann deshalb nichts tun,
Als zähneknirschend den Verrat begehn.

PHRYGIUS:
An seinem Platz stehend
Ertrüg' ich lieber den Tod, als solche Schmach.
[Man hört wieder die Fanfare und in der Ferne gedämpfte Rufe: «Heil Cäsar!»]

DAMIS:
O hör die Rufe!
Was kann man tun mit solchem Volk?
[In der Basilika ertönt Glockengeläute.]

PHRYG/us:
Es läuten schon die Glocken.
Es ist der Gruß der Christen an den Cäsar,
Ihn wollen sie zu ihres Glaubens Schutz.

DAMIS:
Es ist dein Todesläuten, Vaterstadt.
In meinem Herzen ist's, als fühlte ich
Den letzten Seufzer Dionysias.
[Er lässt das Haupt sinken und fährt dann plötzlich empor.]
Und dennoch, du lebtest, sprachst zu mir,
Durch, meines einz'gen Freundes Mund,
Der meiner Jugend Sonne war,
Und der verloren mir scheint für immer. —
[Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen.]

4. Auftritt

Damis, Phrygius, Theokies, in violetter Tunika, schwarzem Mantel, mit einem Zypressenkranz auf dem Haupt, einem mit Myrten geschmückten kurzen Schwert am Gürtel. Er ist unbemerkt näher getreten, und legt seine Hand auf Damis' Schulter

DAMIS [sich umwendend].
Theokles, deiner dacht' ich eben.
Es ist kein Trug: Du lebst, du atmest?
O, Bruder meiner Seele, reifer als ich es bin,
Besessen hab' ich keinen zweiten Freund wie dich.
In deinem ersten Blick erscheint
Dein ganzes Wesen mir aufs Neue.

THEÖKLES:
So ist auch mir das Wiederfinden.
O, heilig ist edler Männer Freundesbund,
Und ihre Treue Labsal dieser Erde!

DAMIS:
Du warst mir fern durch sieben Jahre,
So lange ward mir keine Kunde von dir.
Gedenkst du noch der Jugend Zeiten,
Als unsere Seelen irrend suchten
In den Gefilden der hohen Musen?
Du zähltest fünfundzwanzig Jahre,
Ich selbst war sechzehn erst geworden.
Geschmückt mit Blumen eilten wir
Am frühen Morgen zum Hain der Daphnis,
Wo neben der Platane rauscht die Ulme.
Gedenkst du noch der goldnen Tage,
Da wir in Plato uns versenkend,
Das Rechte, Wahre, Schöne fühlten.
Wie Gaben, die von Göttinnen kamen
In unsere andachtsvollen Seelen strömten?
Gedenkst du dieser Tage noch?

THEOKLES:
Zu viele Stürme sind seit jenen Tagen
Verwüstend mir durchs Herz gezogen
Und haben draus verdrängt der Jugend reinen Glanz.

DAMIS:
O, hast du mich vergessen?

THEOKLES:
Du solltest es so nicht deuten!
Nach der Wahrheit tiefstem Grund zu forschen
Die Schritte lenkte ich durch alle Welten,
Da fand ich zwei strenge Göttinnen:
Die Einsamkeit und das Schweigen.
Es baute einen Wall ums Herz
Die eine mir, und es verschloss
Den Mund die andre mir.

DAMIS:
Der Wahrheit Ziel ist dir erblüht?

THEOKLES [finster]:
Für Augenblicke leuchtet mir
Im eignen Selbst die Göttin.
Doch kenn' ich nicht die Stunde,
Da ich der Welt sie bringen kann,

PHRYGIUS:
Erinnerst meiner du dich auch?

THEOKLES:
Noch kenne ich dich, Phrygius.

PHRYGIUS:
Wir waren Nebenbuhler im Gymnasium.

THEOKLES:
Im guten Wettbewerb
Nur standen wir selbander.

PHRYGIUS:
Wir wurden gleich an Wert befunden.
So schlugst du vor,
Wir sollten Freunde werden.

THEOKLES:
Wir zogen in den Krieg,
Der mit den Parthern entbrannte,
Die den Pamphyliern verbündet.

PHRYGIUS:
Eine Krone wollte ich mir
Erbeuten in jenem Kampfe.

THEOKLES:
Des Denkens Fesseln lösen
Ward meiner Seele Streben,

PHRYGIUS [ironisch]:
Keiner von uns hat sein Ziel erreicht.

DAMIS:
Doch welche Bedeutung hat wohl dies?
Ich sehe dich im schwarzen Mantel
Und mit Zypressen deine Stirn bekränzt —
Ist ein Verwandter dir gestorben?

THEOKLES:
Seit lange schon sind tot
Die Menschen, denen ich verwandt,

DAMIS:
Und wem dann gilt die Trauer?

THEOKLES:
Den Wünschen, die unerfüllt mir blieben.
Der eignen Seele, die zu tragen nicht vermag
Die Weltenlast, und nicht zuletzt
Dem Streben nach der Wahrheit,
Die ewig bleibt verschleiert.

DAMIS:
Wenn dies ein Grund zur Trauer wäre,
Dann gelte er für alle Menschen,

THEOKLES:
Es hat die Hoffnung ihrer Seelen
Vertilgt das Streben nach Genuss.
So muss ich trauern auch um sie,
Um diese Stadt, die Sklavenketten trägt.
Und um die Welt, die seufzet in Banden,
Geschmiedet aus gemeinem Sinn und Hass.

PHRYGIUS:
Und dennoch hast du sehen wollen
Die Völker im weiten Erdenkreis?

THEOKLES:
Gesehen habe ich Athen und Rom,
Auch Theben, Babylon und Alexandrien.
Doch stumm sind alle Tempel,
Die Götter tot, die Seelen leer.
Und vor den Götzen, die aus Gold und Erz,
Nach Torenart sie selbst sich bilden,
Erniedern sich die Menschen.
Und Cäsar ist frei wie ein Gott,
Und wert auch sind sie seiner. —
Es müsste größer sein meine Seele
Zum Werk der Welterlösung;
Und kleiner, zu fügen sich dem Joch.
Wer kann mir lösen
Des eignen Schicksals Rätsel?
Wer wird mir offenbaren,
Was meinem Vaterland bestimmt?

PHRYGIUS:
Die Antwort schickt dir Bacchus selbst.
Es naht des Gottes eigne Dienerschar.

DAMIS:
Alcetas ist's mit den Bacchantinnen.

5. Auftritt

Dieselben. Alcetas tritt auf mit Aglaë, Cytheris und Mir Jane. Sie sind mit Tuniken aus Reh-, Panther- und Tigerfellen bekleidet, und mit Blättern- und Blumengewinden geschmückt. Sie nähern sich dem auf den Stufen des Bacchus-Tempels errichteten Altar.

MIMALONE [den Thyrsus erhebend]:
[Dir göttlicher Bacchus bringen wir unsere Gaben.]

AGLAË [Haus goldenem Becher Trankopfer gießend]:
Das Blut der Reben bring' ich dir,
Des Herzens Flamme zu entzünden.

CYTHERIS [aus einem Korbe Rosen streuend]:
Den Schmuck der Wiesen nimm von mir
Der Stirne soll er Kühlung bringen.

MIMALONE [den Thyrsus schwingend]:
Den Thyrsus schwinge ich vor dir,
Der Zauberruf dich lockt in dichte Wälder;
In süßen Schlummer hüllst Du uns,
Ob Tod du bringst, ob Wonnerausch.
O, göttlich Wesen, Opfer der Titanen,
Im Lichte neu Erstandner,
Den Tag des Festes lass uns glücklich sein,
Und selig macht uns dann die Nacht.

ALCETAS [Theokles erblickend]:
Theokles, du, zurück schon von den Reisen?

THEOKLES:
Gewandert bin ich sieben Jahre;
Erscheint dir kurz die Zeit?

ALCETAS:
Es schwinden schnell die Jahre,
Wenn im Genuss man sie verlebt.

THEOKLES:
Es blieb dir treu das Glück?

ALCETAS:
Es ist also. Erinnerst du dich
Dass du Gefährte mir einst warst?
Mir brachte jeder Tag einen neuen Wunsch
Und jede Nacht eine neue Lust.
Doch anders flossen dir die Tage hin!
Selbst wenn Genuss sich reichlich dir erschloss,
Vergrub dein Geist sich in der Welten Rätsel.
Die keuschen Hymnen junger Mädchen,
Die heißen Tränen kranker Liebe,
Der Rausch der Kurtisanen,
Es war dir nichts als Quell des Forschens.
In allem suchtest du des leidenden
Verborgnen Gottes Offenbarung.
Vergeblich war dein Streben!
In finstre Qualen wandelten sich
Die hellsten Freuden in deinem Herzen.
Wie steht es jetzt mit dir?

THEOKLES:
In kühner Kraft steht aufrecht
Die Seele jetzt in meiner Brust,
Der Pallas gleich in ihrem Tempel.
Zum Kampf gerüstet fühlt sie sich.

ALCETAS:
Du sprichst von Politik,
Du wirst im Elend enden.
Ergötze dich auf unsere Art,
Wir führen Bacchus' Mädchen
Mit froher Laune zu heitrem Fest.
— Versucht an ihm doch eure Künste,
Ihr klugen Töchter Aphroditens!

AGLAË [zeigt ihm den Becher]!
AgIü ist mein Name,
Begierde ist mein Wesen.
Der Trank aus diesem Becher
Wird Feuer deinem Blute bringen.

CYTHERIS [reicht ihm den Korb]:
Cytheris nennt man mich, Die Lust bewegt mein Sein.
Aglaës Flammen schwinden,
Wenn meine Rosen kühlen.

MIMALONE [schwinge ihren Thyrsus]:
Ich heiße Mimalone,
Des endlosen Rausches
Verkörperung erblick in mir.
Mein Thyrsus weist den Weg, dahin,
Wo du in anmutvollen Tänzen
Vielhundert Venustöchter schauen kannst.
Und wieder finden sollst du jede
In meinen eignen Armen.
Des Lebens Weite, wie des Todes Tiefe,
Verborgen liegen sie in meinem Reiche.

THEOKLES:
Ihr, die ihr Töchter euch nennt
Der Lust, ihr betörten Zauberwesen,
Des Menschen Grazien und Furien,
Vermögt ihr mir zu löschen
Den heißen Seelendurst?
Den Weg des Wahren mir zu weisen,
Den Glauben mir zu geben, der erlöst.
Und jene Taten, welche schaffend sind?
Und wenn ihr das nicht könnt,
Dann soll zufrieden meine Seele sein,
Wenn nur Vergessen ihr beschert.
Bis an die Todespforte folg' ich euch,
Liegt dies in eurer Macht, —

[Sie beraten sich still untereinander und umringen ihn, wie um ihn zu bezaubern. Aglaë; reicht ihm den Becher,
Cytheris wirft ihm Rosen zu, Mimalone schwingt den Thyrsus über seinen Kopf]

THEOKLES [steht unbeweglich, mit verschränkten Armen, mit Augen., die wie auf eine ferne Vision blicken]:
Hinweg die losen Wesen! —
Wo find ich dich, o, meine Muse?

BACCHANTINNEN [ziehen sich pl4itzlich scheu und ehrfürchtig zurück]:
Die Muse!

MIMALONE:
Es scheitert unsere Kunst an ihm!

ALCETAS:
Du folgst uns nicht?

THEOKLES:
Ich kann es nicht!

ALCETAS:
Dein Ehrgeiz hindert dich,
Fortuna sei dir gnädig!

THEOKLES:
Aphrodite neige sich zu dir.

[Alcetas geht ab, die Hetären folgen ihm. Bevor sie verschwinden, wenden sie sich noch einmal um, an den. Schultern sich haltend, und werfen einen langen Blick auf Theokles.]

AGLAË:
Wie schön er ist!

CYTHERIS:
Wie rein!

MIMALONE;
Wie stark!

ALLE DREI:
So leb denn wohl,
Des Dionysos Sohn!

[Theokles steht wie in Träumen versunken, ohne sie zu sehen und zu hören.]

6. Auftritt

Mamis, Phrygius, Theokles, der Vater der Wüste mit den sieben Jungfrauen, unter ihnen Kleonis, verschleiert. (Aus der Basilika dringt Glockengeläute und Orgelton

PHRYGIUS:
Das Totenläuten der Christen hör ich wieder,

DAMIS:
Der Vater der Wüste naht,
Begleitet von geweihten Jungfraun.

DER VATER DER WÜSTE [zu Theokles]:
Theokles, mein Sohn, ich grüße dich!
Du junge Hoffnung der alten Stadt.
Bekannt war mir deine Ankunft,
Ein Traum der Nacht belehrte mich.
In lichten Fluten sah dich meine Seele,
Doch unheilkündend war der Traum;
Denn deutlich hören konnte ich das Wort:
«Er wird zum Ruhme werden
Und auch zur Geißel seinem Land.»
Ich kenne deine Seele, ihren Mut
Und dass nach Wahrem sie nur strebt.
Es ist jedoch bekannt mir auch,
Des bösen Feindes Macht in deiner Brust.
Versuchung aller Art belauert dich.
[Theokles blickt ihn erstaunt an.]
Ich weiß es, und ich will dir Rettung bringen.
Das Wüstenleben sollst mit mir du teilen
Und werden wird dir, was du suchst:
Das Wahre, das Große, aller Welten Seele.

THEOKLES:
Und was begehrest du dafür?

DER VATER:
Verleugnung deiner selbst,
Entsagung allen Wünschen.
In Christus sollst du sterben,
Nur Werkzeug sollst du sein
In Gottes weiser Führung.

THEOKLES:
Also verleugnen soll ich
Den Quell des eignen Wollens?
Die heilge Seelenflamme,
Verlöschen soll sie und untergehn?
In fremder Gotteskraft?

DER VATER:
So muss zuerst es sein.

THEOKLES:
Und lebt im eignen Selbst
Denn nicht die Gotteskraft?
Und Gott zu werden
Ist doch des Seelenlebens Ziel!

DER VATER:
Nur Torheit ist in solchem Wort,
Nur Lästerung des einen Gottes,
Der Christus Jesus heißt.

THEOKLES:
Es sei dem größten Gottessohne
Die Ehre und der Ruhm!
Wenn Jesus wiederkäme, dieser Welt,
Ich wollte lauschen jedem seiner Worte,
Und beten wollt> ich an der Stätte seiner Leiden,
Doch niemals beuge ich mich dir
Noch deinem Orden.
Verweigre ich den Olympiern
Des eignen Selbstes Opfer,
So will ich auch dem Kreuze nicht verfallen.
Ich will verderben für alle Ewigkeit,
Wenn Heil nur blüht verlornen Seelen.
Mir sollte fließen Lebensmut aus eines Gottes Opfertod?
Erspare dir die Mühe, Greis!
Es lockt mich nicht der Strick der Buße,
Es schreckt mich nicht der Furcht Gespenst.
Ich will die Erde wandeln
Zur Stätte hehrer Freuden,
Und freie Seelen sollen werden
Zum Tempel des göttlich Schönen.

DER VATER:
Die wahre Freiheit, sie erblüht allein
Aus Christi Opfertat.
Verborgen bleibt für dein Gefühl
Erkenntnis höchsten Lebensgrundes.
Zu meinem Leide muss ich's sehn. (Pause)
Du trägst des Lucifer
Gefährlich Sinnbild an der Stirn?

THEOKLES [mit plötzlicher Neugierde sich dem Vater nährend]:
Wer ist denn Lucifer?

DER VATER:
Der Geist empörter Seelen!

THEOKLES:
O, seinen Anblick erstrebe ich.

DER VATER:
Schon hat er dich ergriffen
[Er weicht einen Schritt zurück mit einer Gebärde des Schreckens.]
Ein Sohn des Lucifer, o Graun!

THEOKLES:
Verhüllt ist eine der jungfraun,
Die andern aber ohne Schleier.
Erkläre, Vater, mir den Unterschied.

DER VATER:
Kleonis ist's, die Tochter des Archonten,
Des reichsten Christen in der Stadt.
Ihr blühend Antlitz verhüllt' sie;
Verhöhnen könnten es die Heiden.
Den andern gleich ist hingegeben
Die Flamme ihres Herzens,
Die Blüte ihrer Schönheit,
Als Opfer für den höchsten Gott.
Nur wenn ein Weib, das ihr
An Reinheit und an Seelengröße gleicht,
Gebete schickt für dich zum Himmel,
Ist Rettung möglich deiner Seele, Du Mann des Unheils!
Zu eigner und unsrer
Verderbnis wirst du schleudern
Den Aufruhr in die Stadt.
Denn Christus kennst du nicht.
Des Satans Priester willst du sein!
[Kleonis richtet durch den Schleier einen langen Blick auf Theokles.]

THEOKLES [beiseite]:
Erblick' ich eine stumme Gottheit?
Was unter diesem Schleier ist,
Es scheint zu zeigen mir,
Die Züge meines Schicksals! —
— So war die Muse meines Traumes.

[Kleonis wendet sich ab, indem sie mit einer verzweiflungsvollen Gebärde die Arme zum Himmel hebt und dann die Hände zum Gebet faltet; sie bedeckt darauf schluchzend das Gesicht mit den Händen.]

DER VATER DER WÜSTE [die Erregung Kleonis bemerkend, wendet sich zu Theokls]:
Des Satans Sohn, der Zorn Gottes
Er komme über dich
Und schütze uns vor dir,
[Er geht mit Kleonis und den Jungfraun ab.]

THEOKLES [folgt Kleonis mit dem Blick]
Sie weint noch immer
Es strahlt die hehrste Schönheit
Durch ihres Schleiers Falten,
Und ihre Gebärden sind voll Adel.
Nur Größe strömt von ihr,
Von ihren Schrecken, ihren Tränen,
Und groß ist ihr Gebet.
Und ich soll nie vielleicht
In diese Augen schaun?
Die Tränen könnten mir doch gelten.
O Gott, warum verbergen
In dieser Welt die schönen Seelen sich
Wie Inseln in dem Weltenmeere?

7. Auftritt

Damis, Phyrgius, Theokles, bald danach Androkles mit einigem Volk.

DAMIS:
Erstaunen fasst mir die Seele
Bei diesem Kreuz, das aus dem Dämmer
Der Basiliken und der Krypten
Erscheint, zu erobern die Welt.

PHRYGIUS:
Die Christen künden ihren Gott
Als einzigstehend in der Welt.

DAMIS:
Und Israels Söhne sagen,
Den Messias werde erst die Zukunft schauen.

THEOKLES:
Der Traum vom künftgen Heiland
Erhebt der Menschen frommen Sinn.
Es weiß ja keiner, wann erscheinen
Die Lenker unsrer Weltenordnung.
Vergebens hoffte man auf sie,
Wenn Seelen nicht in Durst nach Licht
Sie riefen, und die Kämpfer des Geistes
Die Wege ihnen bereiteten.
[Er versinkt in Nachsinnen.]
Ist aber Gott geworden zum Menschen,
Dann ist's vermessen sicher nicht,
Wenn Gott zu werden strebt der Mensch.
Es sind da zwei der Gottesworte:
Messias! Lucifer!

DAMIS:
Was ist mit dir?
Es strahlen Blitze dir aus deinen Augen,
Und funkeln seh' ich Sterne!

THEOKLES [wie in Ekstase]:
Im Reiche der Begierden leben wir,
Wo alles sich verzehrt,
Um zu besitzen sich.
Erst jenseits dieser Weit
Erblühen seh' ich das Reich der Kunst,
Das seine Träume meißelt
In Marmor und in der Schönheit. —
Und in der Welten Mittelpunkt
Erstrahlt die Kraft der Liebe,
Die aus dem Gottesfeuer formt
Die Seelen der Wesen. —
Des Ursprungs Engel leben dort.
Es gibt nur die eine Seligkeit,
Zu schaffen so wie sie!

PHRYGIUS:
Du träumst, uns aber
Beweisen Taten nur das Sein.

THEOKLES [zu sich kommend, sehr ruhig]:
Das soll geschehe?

[Großer Lärm hinter der Bühne, Volk stürzt schreiend herein]

EINE FRAU:
Welch unerhörte Dreistigkeit!

EIN GREIS:
Es ist Verwegenheit,

EIN JUNGER MANN:
Es ist des Aufruhrs Anfang.

EIN GREIS:
Es ist das Ende der Stadt.

[Die Fanfare ertönt.]

EIN JUNGER MANN:
Der Herold kündet an den Prokonsul.
Wir wollen sehen!

[Volk lärmend ah.]

DAMIS:
Androkles ist's, der befehligt
Auf der Akropolis

[Androkles tritt hastig herein.]

PHRYGIUS:
Was gibt es?

ANDROKLES [in großer Erregung]:
Ein Zeichen ist gegeben,
Ein Wunder ist geschehn.
Es wird mit Blitzesschnelle
Sich durch die Stadt verbreiten!
Mit Harpalus begab ich mich,
Der Vesta Fackel tragend, zur Akropolis,
Ich tat's nicht willig.
Es hat es der Senat mir auferlegt.
Wir nahn dem Altar, der geweiht
Dem letzten aus dem Götterstamme,
Wo vordem Orakel Zukunft sprachen
Und jetzt des Cäsars Bildnis sich erhebt.
Heran tritt der Prokonsul,
Doch zurück weicht er voll des Schreckens,
Mit großen Zeichen kann man lesen
Für Cäsar Spott und Hohn.
Der Prokonsul versichert streng,
Dass er vor Sonnenuntergang noch
Den Frevler finden und bestrafen will.
Mir fällt die Fackel aus der Hand,
Ihr Licht erlischt, doch schon
Hat sich gedrängt das Volk
Zum Altar und den Spott gelesen,
Und schon bespricht man aller Orten
Das Wunder, das man glaubt
Getan von einem unbekannten Gotte,
Der sich an Cäsar rächen will,
Man schwingt die Thyrsen, Palmen, Schwerter,
Und Furcht erfasst die Römer.

THEOKLEs:
Wie sind die Worte?
Gesprochen zur Erweckung
Der schlafenden Seele der Stadt?

ANDROKLES:
So höre das Orakel auf dem Altar
Des Letztgebornen aus dem Götterstamme:
«O Dionysia, blutende Königin Joniens!
Lass deine Helden verstummen! Lass deine Ahnen
Schweigend verhüllen die Häupter, die schmachvoll gebeugten
Schmach deckt und Spott deiner Hochburg ragende Feste;
Und von des Gottes Altar höhnt Cäsar das hilflose
Volk! ...»

PHRYGIUS:
Von wem sind wohl die Verse?

ANDROKLES:
Von einem Helden sicher.
Sie sind mit Blut geschrieben,
Darunter steht: Harmodius.

PHRYGIUS:
Harmodius, der einst
Befreit Athen von den Tyrannen?

DAMIS:
Die Massen sprechen oft durch Blut.

PHRYGIUS:
Man müsste wissen, ob ein Toter
Geschrieben sie hat, ob ein Lebender.

THEOKLES:
Ein Lebender is es. Ich bin's?

[Damis, Phrygius, Androkles treten erschrocken zurück und ziehen ihre Schwerter]

ALLE DREI:
Theokles du?

THEOKLES:
Ob einen Aristogiton ich finde?

DAMIS [die Hand in die seine legend]:
Du findest mich!

ANDROKLES:
Und mich!

THEOKLES:
So sind zu dreien wir vereint.
Die Welt erobern können drei,
Die starker Freundschaft Band umschließt.

ANDROKLES:
Den Hammer leg in unsere Hände,
Wir stoßen zu!

THEOKLES [zu Androkles und Damis]:
Die Häupter zweier Phratrien,
Die heute man entwaffnet hat,
Ihr seid sie? Eben jener, welche kämpften
Im Zeichen des Apollo und des Mars.

DAMIS UND ANDROKLES:
Wir sind es!

THEOKLES:
So übt sie weiter ein.
Verheimlicht eure Absicht ihnen,
Und wenn der große Tag erscheint,
Versteckt sie in verborgnen Gängen,
Die gibt es in der Akropolis,
Hinaus dann müsst ihr sie führen,
Beim ersten Zeichen der Empörung
Und töten alle Führer unserer Feinde.

ANDROKLES:
Und was dann?

THEOKLES:
Verbünden werden andere sich
Der alten Dionysia, ist sie nur erst frei. —
[zu Phrygius]
Sind deine Ahnen nicht
Dyrapolis' alte Könige?
Ermangelst Du des Mutes
Und edlen Stolzes deiner Väter?

PHRYGIUS:
Das Blut der Ahnen spricht in mir.

THEOKLES:
So sei unsere Sache auch die deine.
Vertreib die Römer und befreie deine Stadt.
Gelingt es dir, und — König kannst du sein.

PHRYGIUS [beiseite]:
Wie sprach er: «König»?
Führwahr, ich könnt' es werden.
[Er greift sich mit der Hand an die Brust wie im Übermaß der Freude.]
[laut] Es sei. Befreit erst Dionysia sich,
Dyrapolis soll zurück nicht stehen.
Wer wird das Zeichen geben?

THEOKLES:
Wir drei.

DAMIS, ANDROKLES [zugleich]:
Wie soll es sein?

THEOKLES [geht in den Hintergrund und zeigt auf den kurdischen Sessel unter dem Portikus.]
Hier im Prätorium, auf seinem Richterstuhl
Im Angesicht der ganzen Stadt
Ermorden wir den Prokonsul.

DAMIS, ANDROKLES [sind Theokles gefolgt wie gebannt durch die Vision der Tat]:
Hier soll es sein?

THEOKLES:
ja hier! Der Aufstand wird um sich greifen.
Von Berg zu Berg, von Stadt zu Stadt.

[Sie kehren alle vier auf den Vordergrund der Bühne zurück,]

DAMIS:
Wir wollen schmücken unser Schwert
An jenem Tage mit dem Zeichen
Der beiden Freunde, die einst Athen befreit.

THEOKLES:
So bleibe es bei diesem Zeichen.
Das nackte Schwert, es liegt in grünen Zweigen,
Wie schaffender Wille in Gedankenblüten,
Wie unser furchtbares Ziel
In Lust und Kraft der Jugend,
Die aus der Fülle überschäumt.
Und wie sich birgt der Rache Stahl
In duftig grünen Blattgewinden;
So möge bergen freudig Lächeln
Die schwarzen Ziele unserer Seelen.
Von keinem Wert ist Freiheit der Städte,
Sind frei im Innern nicht die Seelen.
So rüsten wir zum Kampf der Geister
Und wäre auch Vernichtung unser Los.
Kein schöner Beispiel gibt es für die Welt,
Als treue Brüderschaft befreiter Seelen.
Es können Leiber sterben, Schwerter brechen
Und Wälle stürzen, ewig sind die Seelen.
So wollen wir denn Seelen sein,
Und ein Ewiges leisten wir der Welt.

[Damis, Androkles, Phrygius kreuzen ihre Schwerter mit dem des Theokles.]

ALLE DREI ZUSAMMEN:
So sei es!

[Man hört die römische Fanfare im Innern des Prytaneums. Die drei Verschworenen fahren zurück und verbergen ihr Schwert unter dem Mantel. Theokles allein bleibt unbeweglich und hängt das seine ruhig an den Gürtel.]

8. Auftritt

Dieselben, der Herold des Prokonsuls erscheint mit drei Liktoren auf der Treppe des Prytaneums. Volk versammelt sich vor ihm. Zu gleicher Zeit tritt der Pontifex des Dionysos aus dem Tempel und bleibt auf der Schwelle stehen. Aus der Basilika gegenüber tritt der christliche Bischof und bleibt unter dem Portikus stehen.

DER HEROLD:
Die Kunde hört, die Cäsar
Und das Volk von Rom euch senden!
Ein Frevler hat geschändet
Des Kaisers Bildnis.
Der Prokonsul gebietet
Den Bürgern, Sklaven, Fremden
Der Stadt, auszuspüren den Täter.
Mit Tod bestraft wird,
Wer Wasser oder Feuer
Ihm reicht, ob Mann, ob Frau.
Gefesselt ist er ins Prätoriurn
Zu führen; er soll erleiden
Die Strafe für seine Missetat.
Der Prokonsul befiehlt zu schließen
Die Bäder, Zirken und die andern Orte,
In welchen sich vergnügt das Volk.
Verdreifacht sind die Steuern,
Bis man dem Richter überliefert
Den Menschen, der Harmodius sich nennt.

[Murren im Volk]

DER PONTIFEX:
Wer da ist Feind der Götter
Er ist ein Feind des Volkes auch.
Sein Haupt, das stolz sich hebt,
Und Führer sein will den Massen,
Es fällt zu Boden, hohen Bäumen gleich
Die vor den andern trifft des Blitzes Strahl.
Der Cäsar und das Schicksal,
In ihnen müssen Götter wir erkennen,
Und wehe dem, der ihnen widersteht.
Harmodius wird es bald erfahren!

DER BISCHOFF:
Dem Kaiser werde, was des Kaisers,
Und Gott, was Gottes ist, gegeben.
Gesegnet seist du, Cäsar, unser Schirm;
Denn Cäsars Feinde sind Christi Feinde,
Verflucht soll sein, wer Lästrung übt.

[Der Herold, der Pontifex und der Bischof ziehen sich zurück; das Volk geht bestürzt und murrend ah.]

DAS VOLK:
Harmodius, er ist verflucht!

DAMIS:
Entdeckt man dich, du kannst Zuflucht
In meinem Hause immer finden;
Was mir gehört, ist alle Zeit auch dein.

THEOKLES:
Mein Freund, es dünkt mir,
Verbannung gibt mir größre Sicherheit.

ANDROKLES:
Du kennst mein Herz und weißt,
Mit welcher Kraft es für dich schlägt,
Und weißt nicht minder, wie zu Stahl
Ein jeder Muskel dieses Armes wird,
Sobald des Kampfes Stunde schlägt.
Noch aber ist die Zeit geeignet nicht;
Dein Leben ist in Gefahr. Entflieh'!

THEOKLES:
O wehe dieser Stadt!
Schon hat der Sturm der Leidenschaft,
Der eben noch so mächtig überschäumte,
In Ohnmacht sich gewandelt.
Des Herolds Worte wirkten dies;
Man kann erraten was geschehen wird,
Sobald der Prokonsul erscheint,
Und gar der Cäsar selbst mit seiner Schar.

[Ein Mann im Mantel gehüllt, schleicht im Hintergrund der Bühne umher]

ANDROKLES [zu Theokles]:
Ein Mensch ist dort im Hintergrund.
Es scheint des Prokonsuls Spion zu sein.
Belauschen will er uns. Nimm dich in acht.
Den Schatten Cäsars schweben seh' ich
Schon über deinem Haupte.
Ergreifen wird dich seine Hand,
Die gierig alle Welt beherrschen will.
Dein Leben hängt an einem Faden,
Theokles fliehe, fliehe!

[Der Mann im Mantel verschwindet.]

THEOKLES:
Das eben ist der Schatten,
Der düster lagert über aller Welt,
Die 1land, die euch zermalmt,
Von ihnen wollt' ich frei euch machen.

ANDROKLES:
Zu wenig ist eine Menschenkraft
Zu solcher Tat, die Gottes Willen nötig hat.

PHRYGIUS:
ja, Gottes Willen!

THEOKLES:
Und wenn ihr hört des Gottes Stimme,
Es ist gewiss auf euch zu zählen?

ANDROKLES UND PERYGIUS:
Gewiss, gewiss!

THEOKLES:
Und bis das Gotteszeichen kommt,
Soll nichts vermögen, unsern Bund zu lösen.

ANDROKLES, DAMIS, PHRYGIUS:
Nichts wird ihn lösen.

THEOKLES:
So lebt denn wohl, auf Wiedersehn!

[Androkles und Phrygius gehen ab.]

DAMIS:
Lass mich dir folgen!

THEOKLES:
Nein bleibe du, ich bitte dich
Von Zeit zu Zeit um und Botschaft aus der Stadt.
Ich sehe dich noch, ehe ich gehe.
Jetzt aber brauch ich Einsamkeit

[DAMIS ab.]

9. Auftritt

Theokles, bald darauf Lykophron

THEOKLES:
Sie haben recht. Zu denken
Genügt der Mensch sich selbst,
Zu handeln doch muss Gottes Stimme
Ihm Kraft und Sicherheit verleihn.
Wo ist der Gott, der zu mir sprechen will?
[Er sinnt nach, das Kinn in der Hand.]

[(Lykophron rückt Theokles seine hell brennende Laterne nahe und betrachtet ihn aufinerksarn.]

THEOKLES [seinen Gedanken sich entreißend)]:
Was willst du?

LYKOPHRON
Du junger Mann im Kleid der Trauer.
Und mit dem Myrthenkranz am Schwert
Ein Weib erscheint mir schwebend hinter dir.
Narzissen hat es im Haar
Und ein seltsam Lächeln zeigt sie.
Einen Palmenzweig und einen Dolch
Erblicke ich in ihrer Hand
Sie flüstert goldne Worte dir ins Ohr.
Von beiden ist sie eines sicherlich:
Der Tod entweder oder die Unsterblichkeit,
Vielleicht auch beides!
[Er nähert seine Laterne den Augen des Theokles.]
In dir erblicke ich die Seele, welche lebt ...
[Er löscht seine Laterne aus.]
Es hat nun ausgedient die alte Lampe,
Gefunden ist, was ich ein Leben lang gesucht.

THEOKLES:
Und welcher Seele sprichst du Leben zu?

LYKOPHRON:
Nur solcher Seele, die in sich
Den Quell des Handelns hat,
Und keinem äußern.' Zwang sich beugt.
Zu trotzen jedem Widerstand,
Zu siegen über Welten,
Ihr ist's allein gegeben.

THEOKLES:
Wenn solcher Seele Macht du siehst
In mir: Weshalb vermag so wenig sie?
O gib mir Kentaurenschnelligkeit,
Die Gipfel zu überfliegen,
Des Adlers Flügel gib mir,
Von Berg zu Berg zu schweben.
Und meine Menschheit wird erreichen,
Das Ziel, wohin mein Wunsch sie weist.
Vorerst bin unvermögend ich,
Den Glauben andern einzuflößen,
Der Wurzel schon in eignet Seele hat geschlagen.

LYKOPHRON:
Noch unbekannt ist dir
Das Wesen aller Kräfte.
Du scheinst zu kennen nicht Heraklidos,
Der in des wilden Taurus Schluchten
Sich weiht dem unbekannten Gott.

THEOKLES:
Nicht kenn' ich ihn.

LYKOPHRON:
Dann such den Weg zu ihm!
Er wird dich zeigen dir selbst
Und dir enträtseln die Kräfte,
In welchen alle Wesen wurzeln.
Er wird dich schauen lassen
Des Geistes Quell und der Welten Herz.

THEOKLES:
Gewaltig klingt in meinem Herzen
Das Echo deiner Rede!
Wer bist du?

LYKOPHRON:
Des Totengräbers Arbeit
Verein ich mit des Sehers Auge.
Die Toten best' ich in die Erde,
Den Lebendigen weis' ich den Weg!

[Er geht langsam ab. Theokles, unbeweglich, blickt ihm nach.]

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