Die Kinder des Lucifer Zweiter Aufzug

Erstes Bild

Der Tempel des unbekannten Gottes

Wilde Gegend im Taures. — Ein breiter Portikus nimmt die Bühne ein und lehnt sich an die Bergwand. Die überhängenden Blöcke werden von hohen dorischen Säulen getragen. Ihre doppelte Reihe lässt in der Mitte einen leeren Raum frei; der als Eingang dient; im Hintergrunde gähnt die Spalte eines offenen Abgrundes. Man erblickt hinter der Spalte eine Flucht gedrungener viereckiger Säulen, in das Innere der Berge sich verlierend und in einem leuchtenden Punkt entschwindend. Dies ist das unzugängliche Heiligtum. Weder Statuen noch Ornamentik; der Tempel ist kahl und leer Boden und Decke sind in den rohen Stein gehauen. Zwei Riesen-Sphinxe allein, das Antlitz zum Zuschauer gewendet, am Rande des Abgrunds kauernd, halten Wache. Die Sphinx rechts ist weiß, die andere links ist schwarz. Ihre Flügel sind weit gespannt. - Neben der Spalte, in gleicher Entfernung von beiden Sphinxen, erhebt sich ein Altar aus Marmor; auf welchem, kaum sichtbar, eine Flamme brennt, Links und rechts von ihm stehen auf drei Füßen kupferne Becken mit Weihrauch.

1. Auftritt

Theokles, einen Helm auf dem Haupte, das nackte Schwert in der Hand kommt durch ein Felsentor links. In der Mitte der Bühne bleibt er stehen und wirft staunende Blicke um sich.

THEOKLES:
Da bist du endlich, furchtbar Heiligtum!
Wie war es möglich hierher zu kommen
In diese Felseneinsamkeit der Adler!
Ohne eignen Willen trugen meine Wünsche mich.
Und dieses Schwert es bahnte mir den Weg.
Doch wissen möcht' ich, wo ich bin!
Das Schweigen und der Schrecken hausen hier;
Das Auge sieht nur Gipfel und Abgrund! —
Und ihr Kolosse, stumme Fabelwesen,
Ist außer euch kein Leben hier?
Welch I leimlichkeit, welch unbekannten Gott
Bewachet ihr mit ausgespannten Flügeln?
Und welchem soll Vertraun ich schenken?
Dem schwarzen oder weißen?
Dir, düsterer Wächter finstrer Nacht
Soll zu dir ich mich lieber wenden
Dess' Licht unsterblich Leben strahlt?
[Er schreitet zwischen den beiden Sphinxen hindurch bis
zum Rande des Abgrundes und beugt sich darüber.]

Der Blick versinkt in Abgrundtiefen,
Ins Erden-Innre scheinen sie zu weisen ...
Ein schmaler Pfad ist hinter ihnen;
In unbegrenzte Fernen schwindet er,
Wo schwach ein Licht mir dämmert ...
Des unbekannten Gottes Tempel ist's. —
Die Seele ahnt es — dass von da
Orakel dunkel künden Menschenrätsel:
In ruhelosen Nächten lebte mir im Geist
Der Schauer deiner Heiligtümer,
Doch jetzt ertrag ich nicht,
Zu treten vor dich selbst.
Ich möchte fliehen bis an der Welten Ende
[Er wirft wieder einen Blick auf die Sphinxe.]
Doch hören will ich seine Stimme,
Selbst wenn sie mich zerschmettern sollte.
Wie aber Worte ihm entlocken?
Die Sphinxe schweigen seit Ewigkeiten.
Zu Gott nur reden ihre Augen,
Für Menschen sind sie stumm.
[Er sieht einen Schild, der in seinem Mittelpunkt an einer
Säule des Portikus befestigt ist.]

Was seh' ich? Einen Schild?
Und auf dem Erz in gold'ner Schrift:
[Er liest mit lauter Stimme folgende Inschrift.]
«Verderben droht dem Menschen,
Der ohne Weihe überschreitet diese Schwelle.
Es trete keiner in den Tempel
Der nicht gereinigt sein ganzes Wesen.
Doch wagst du es, ihn anzurufen,
So klopfe einmal,
Wenn du ein Mensch bist —
Und zweimal, wenn du ein König.
Bist du jedoch ein Eingeweihter,
So sollst du dreimal klopfen.»
[Er denkt einen Augenblick nach]
Dies Herz, gezittert hat es nicht
Beim Kriegsgeschrei des Feindes,
Und in dem Sturm der Waffen.
So darf es auch dem Unbekannten trotzen,
Mein Schicksal sei meinem Schwert verpfändet,
Und antworten soll mir dieser Schild,
Wenn er eine Seele in sich birgt.
Hinweg alles Zagen! Klopfen will ich!
[Er schlägt dreimal mit dem Schwertgriff auf den Schild.]

2. Auftritt

Theokles, Heraklidos tritt langsam aus dem Bronzetor eines Nebengebäudes rechts vorn Portikus. Er trägt das weiße Gewand der Hierophanten, die goldene Tiara, ein purpurnes Stirnband in den weißen Haaren und ein Zepter aus Ebenholz mit goldenem Löwenkopf

HERAKLIDOS:
Du, der es wagte zu besteigen
Des Heiles und des Schreckens Ort
Und mit dem bloßen Schwerte,
Die Schwelle des Tempels zu betreten —
Wie heißt der Gott, dem du geweiht?

THEOKLES:
Ich bin noch keinem Gott geweiht.

HERAKLIDOS:
Ein König also bist du?

THEOKLES:
Das bin ich nicht.

HERAKLIDOS:
Nicht Priester noch König bist du?
Und dennoch wagst du dreimal zu klopfen
An dieses schicksalschwere Tor?
Es weckt der Ruf, der hier ertönt,
Sein Echo in den Tiefen des Seins,
Und unaufhaltsam dringt er
Zum Trane jenes hohen Gottes,,
Der Welten kreist uni Welten
In dreifach heil'gem Sphärenreigen.
Wie soll, wer nicht bestanden hat
Des Königs noch des Priesters Probe
Ertragen seine Stimme und sein Licht.

THEOKLES:
Ein Mensch bin ich, der ungeweiht,
Doch König fühl ich mich
Durch grenzenlosen Wunsch.
Und darf sich Priester nennen nicht
Wer durch den Schrecken voll erprobt?

HERAKLIDOS:
Ob größer ist dein Wagemut
Ob deine Eitelkeit; ich weiß es nicht.
Begehrt ein Gaukler oder ein Frevler
In Gottes Weihestatt zu dringen?
In diesen Abgrund blick hinunter!
Es gibt genug der Menschen,
Die einmal nur es wagten,
Weil sie sogleich ein Schwinde] fasste
Und in die tiefste Tiefe stürzte.
Des Sinnes Klarheit büßten andre ein,
Den grauenvollen Eindruck konnten verlöschen
Sie niemals wieder in der Seele.
Ins Bodenlose sinken sehn sie stets sich.
Zurück noch kannst du treten. Prüfe dich!

THEOKLES:
In dieser Stunde kann mir werden
Erfüllung für des Lebens höchsten Wunsch,
Es wäre feige, jetzt zurückzutreten.
Verwegen bin ich nicht,
Bin Frevler nicht, noch Gaukler.
Ein Mann bin ich, der ohne Zagen
Den Blick in Abgrundtiefen senden Und mit dem Weltengotte
Den Gott der eignen Seele messen will —
Die Schrecken, die mir drohn,
Sie können klein mir scheinen
Verglichen mit des eignen Denkens Qualen,

HERAKLIDOS:
Die Worte sind wie eines auserwählten Helden.
Wie ist dein Name?

THEOKLES:
Ich bin Theokles, bin aus Dionysia.

HERAKLIDOS:
Von wem gesandt?

THEOKLES:
Von Lykophron.

HERAKLIDOS:
So ist es gut. Ich habe dich erwartet.
Die Klinge stimmt nicht besser
Zum Griff des Schwertes,
Als deine Taten zu dem, was du sprichst.
Die Zeichen des Starken schau' ich an dir,
Ein Sonnenkind aus Japhets Stamme bist du,
Und mir, dem Hüter uralter Wissenschaft,
Obliegt es, Menschen deiner Art zu schützen,
So künde mir, was du begehrst. -

THEOKLES:
Erkennen will ich mein Schicksal
Will echten Wollens Ziel erfassen.

HERAKLIDOS:
Kein andrer kann den Weg
Zu diesem Ziel dir weisen.
Da musst du selbst dir Führer sein.
Die Mächte aber kann ich rufen,
Die dir den Ursprung gaben.
Beschwören kann ich den Genius,
Der deines Wesens Wesen ist.

THEOKLES:
O, wenn du dieses könntest!

HERAKLIDOS:
Versuchen will ich es,
Gebiete Ruhe deiner Seele;
Im Innern deines Herzens;
Und rege keines deiner Glieder,
Bevor mein Ruf ertönt.
[Heraklidos kniet nieder; beugt sich zur Erde und richtet
sich wieder auf, indem er auf den Knien bleibt. Dann betet
er mit erhobenen Armen.]

«O Gott des Unbegrenzten,
Du König der Höhen und der Tiefen,
Du Vater aller Welten und Seelen
O Zeus Adonai — ich rufe dich!
Es möge fallen einer deiner Strahlen
Auf diesen kühnen Sohn der Erde, —
Er strebt zu dir mit Mut und edlem Geist.»
[Ein weißer Blitz zuckt hervor aus dem unzugänglichen
Heiligtum. Heraklidos richtet sich auf]

Der unbekannte Gott wird sprechen —
[Er zieht einen Kreis in der Luft.]
Du hast in diesen Kreis zu treten!
[Theokles stellt sich in die Mitte und bleibt unbeweglich.
Heraklidos nimmt Weihrauch aus dem kupfernen
Becken neben der schwarzen Sphinx und wirft ihn auf das
Feuer des Altars. Eine rote Flamme zuckt empor.]

Und jetzt, im Namen des höchsten Geistes,
Ihr Mächte der Höhen und der Tiefen, redet!
O Geist, der waltet über diesem Manne,
Dich rufe ich. — Erscheine! ...
[Er erhebt sein Zepter. Man hört unterirdisches Donner
getöse. Ein grellroter Schein steigt aus dem Abgrund.]

Der Berg erzittert,
Des Tempels Säulen wanken,
Es kündet roten Blitzes Licht
Des Abgrunds allmächtgen Geist ...
[Zu Theokles]
Umfasse fest das Schwert, nach oben blicke!

[Eine schöne Gestalt steigt langsam empor und erscheint
über dem Abgrund. Der gefallene Engel sitzt auf einem halb
zerschmetterten, durchfurchten Planeten. Die eine Hand ist
an den Globus gekettet, die Kette durch einen in den Boden
gesenkten Blitzstrahl befestigt. Die andere hebt stolz in die
Nacht hinein eine brennende Fackel.]

THEOKLES:
O Geist, erhaben und schrecklich
Du machst mich schaudern und beglückst mich!
Es bebt mein Leib in allen Fibern,
Es lebt in mir ein tausendfaches Leben,
Als ob erst jetzt des Daseins Urquell
Geboren mich hätte, so empfinde ich
Wie bist du traurig, o wie schön,
Mein Geist, mein Gott, mein Lucifer!

LUCIFER:
Dein Ruf, er kam zu mir!
Was ist dein Wunsch?

THEOKLES:
Zu sein wie du!

LUCIFER:
Versuch es!

THEOKLES:
Was soll ich tun?

LUCIFER:
Den Glauben an das eigne Selbst
Zu finden trachte;
Ringe mit dem Ewigen,
Auf dass sich offenbare all dein Wesen.

THEOKLES:
Und du wirst helfen?

LUCIFER:
Solange treu du selbst dir bleibst.

THEOKLES:
Es kann mir rauben keine Macht der Welt
Den Glauben an das eigne Selbst,
Da diese Stunde ich erleben durfte.
Erkläre mir, gewaltger Geist,
Das Rätselvolle deines Wesens.
Gewoben ist aus Leid dein Dasein
Und düster windet sich des Todes Schatten
Um deine leuchtend-schöne Stirn.

LUCIFER:
Es sprach im Urbeginn der Ewige:
«Es werde Licht!» Und strahlend
Erstand ich aus dem Odem seines Mundes.
An meiner Stirne flammte hell der Stern.
Ergießend mich in Raumesweiten
Erklärte ich meines Wesens Sinn,
Des ewigen Gottes Zorn nicht fürchtend:
«Ich bin die Freiheit, bin Verstand
Und bin des Lichtes Klarheit —
Gehorchen will ich andern Göttern nicht!
Durch mich wirst selbst du dich offenbaren,
Erkenntnis wirst du leihn von mir!»
Da sprach der Ewige: «Suche, Lucifer!
Es gehe dein Weg durch Schmerz und Tod!»
Ich trat an des Gottes herz
Und raubte da die Feuerkraft —
Zerschmettert fiel ich in den Abgrund
Und mit mir Sonnen und Dämonen.
Der Stern an meiner Stirn erlosch.
Seit jenem Fall durcheile ich die Weh.
Mit dieser Fackel, die entzündet
An Gottes eignem Herzen ist.
Doch kommen wird der Tag,
Da seine Schöpfung mein wird sein. —
Ist's lieber dir, o Erdensohn,
Zu leben in anfanglosem Licht?
Scheint's besser dir, zu wandeln meinen Weg:
Er führt durch Tod und Leiden.

THEOKLES:
Erdulden will ich lieber tausend Tode
Und in Schmerzen leben ewiglich,
Als opfern der Freiheit kleinstes Maß.

LUCIFER:
Wird deine Kraft dir treu auch bleiben?

THEOKLES:
Mein ganzes Wesen drängt zu dir!
Gesteigert fühl ich all mein Sein, Wenn ich in deiner Nähe bin.
An deinem Licht, an deinem Stolze
Entzündet sich der eignen Seele Feuer.

LUCIFER:
So mag es sein!
Theokles war dein Name
In Zukunft heiße: Phosphoros!
Denn bringen sollst du ewiglich
Den Menschenkindern meines Lichtes Kraft!
[Er versinkt in der schwarzen Spalte heim Scheine roter
Blitze und unter neuem unterirdischen Donnergetöse.]

THEOKLES:
Er Sinkt in tiefste Tiefen — — —
Dahin ist er.
Da unten stöhnen Seelen ohne Zahl,
Verdammte winden sich in Schmerzen
O Lucifer, was durchzittert meine Seele!
Ich fühle meine Schmerzen wachsen ...
Entfallen wird mir deine Fackel!
Ohnmacht verfinstert meinen Geist.
[Er sch-wankt und macht einige Schritte nach rückwürts.]

HERAKLIDOS:
Besinne dich!
Im Kreise musst du bleiben
Du wagst das Leben.
Der Flammenabgrund siedet,
Er wirft Dämonen aus der Tiefe.
Die andre Stimme höre jetzt_
[Er nimmt Weihrauch vorn Dreifuß rechts, neben der
weißen Sphinx, und wirft ihn auf den Altar.
Eine blendend weiße Flamme schlägt empor.
Aus dem unzugänglichen Heiligtum ertönt alsbald Musik]

THEOKLES:
Ich höre Himmelstöne
Wie Opferrauch erscheinen sie,
Der aus den Herzen hoher Geister kommt.
Der raue Fels nimmt Weichheit an,
Die rohen Bergesmassen
Durchgeistern sich wie Seelen!
Die Säulen dieses Göttertempels
Erzittern wie die Saiten einer Lyra!
Die Seele öffnet sich in Sehnsucht.

HERAKLIDOS:
Die Stimme aus den Höhen höre!
Nach oben wende den Blick!
Es wandelt sich Musik in Licht
Und aus dem Lichte klingt die Stimme.

[Ein Stern erscheint über dem Abgrund. Es ist ein fünfzackiger, strahlend weißer Stern mit goldenem Herzen. Er leuchtet wie eine Sonne. Aus ihm ertönt eine Stimme.]

Die himmlische Stimme:
O Phosphoros, o Phosphoros,
Der Fackel flammend Licht
Du hast es dir errungen!
Doch willst du Sieger sein und Held,
Verein' dem starken Willen
Den Glauben einer reinen Seele.

THEOKLES:
Wo lebt mir diese Seele?

DIE STIMME;
Phosphoros, o Phosphoros,
Es muss dir geben Liebe ohne Furcht
Ein Weib, dem sieben Ehrenstrahlen
Als Schmuck im Haupte glänzen.
Sie muss die sieben Leidensschwerter
Sich stoßen in das eigne Herz.
Sie muss verlassen den erkornen Gott,
Und hebend folgen dir.
Ist Kraft in deiner Seele
Um solche Liebe zu erwecken?

THEOKLES [mit einem Freudenschrei]:
Fürwahr, bei meiner Seele Sehnsucht,
Ich fühl die Kraft in mir.

DIE STIMMIE:
So soll dein Schicksal sich erfüllen!
Dem stolzen Sinn entsage
Er führt dich in des Abgrunds Tiefen.
Und folg' dem Stern der Liebe.
Sein Licht ist eine Himmelsstimme.
Es sei sein Wort dir Licht.

[Der Stern verschwindet.]

HERAKLIDOS:
Der Abgrund hat gesprochen.
Der Himmel hat sich offenbart.
Die Geister haben dich geweiht,
Den Gottesnamcn dir verliehen.
Sie haben deinen Ruf erhört.
Gehorsam ihrem hohen Willen
Ist fürder deine ernste Pflicht.

PHOSPHOROS:
Die Fackel und den Stern,
Wann werde ich sie wiedersehen?

HERAKLIDOS:
Die Fackel wirst du wiedersehen,
Wenn dir des Kampfes Stunde naht.
Der Stern jedoch wird wieder scheinen,
Wenn liebend ihn erweckt
Der Atem einer gottgeweihten Frau.

PHOSPHOROS [ergreift den Arm des Hirophanten und ruft voll Leidensehaft]
So birgt der Atem einer Frau
Den Zauber, der entzünden kann
Den Stern auf eines Kämpfers Stirn!
[Er lässt den Arm des Hirophanten los.]
Ich schau' im Geiste diese Frau ...
Dein Wille ruft sie mir herbei.
Ich seh' den Schimmer ihrer Haut
Der Locken volle Pracht,
Der Augen sonnig Leuchten! ...
[Er schüttelt den Kopf]
Doch nur ein Bildnis steht vor mir ...
Du formst es selbst, o kühner Zaubergeist.
Weshalb erfüllst du meine Brust
Mit der Begierde wilden Gluten,
Die nicht Mänadenlocken
Und nicht die Reize der Bacchantinnen
In ewigen Zeiten je erlöschen können?

HERAKLIDOS:
In solchem Feuer formt man Helden!
Dein Herz ist auf dem Amboss;
Der Hammer möge fallen,
Die Funken sollen sprühen.

PHOSPHOROS [ohne auf ihn zu hören]
Die Jungfrau, die zu folgen mir
Verlassen soll den erkornen Gott,
Die Heldin, die entkeimt der Liebe
Der Göttersöhne mit den Erdentöchtern:
Wo werde ich sie finden?

HERAKLIDOS:
Auf deinen Stern vertrau'
Und finden wirst du sie gewiss.

PHOSPHOROS:
Geheimnisvolle Schwester meiner Sehnsucht,
Aus meinen Träumen, meinem Leid gebildet,
Auf welcher Höhe, in welchem Abgrund such ich dich?
Zu finden dich, erlitte ich willig
Vielhundert Tode und möchte reisen
Bis an der Weltenkette Ende.
Doch ich verlasse dich in Wehmut, Priester,
Und Schmerzen macht es mir,
Zu trennen mich von diesem Tempel,
In weichem Götterstimme mir erklang!
Wann darf ich wieder euch erblicken?

HERAKLIDOS:
O, Phosphoros, du kehrst einst wieder.

PHOSPHOROS:
Am Tage meines Sieges — oder meines Untergangs?

HERAKLIDOS:
Das weiß nur Gott allein.
Doch gut wird alles enden,
Wenn treu du bleibst dir selbst.

PHOSPHQRQS:
Erhabner Weiser, der löwengleich
Behütet aller Weisheit Schätze>
Du hast die Geister mir gerufen,
Mich selbst hast du mir offenbart.
Die Freiheit hast du mir gegeben,
Mein König und mein Herr.
[Er kniet vor ihm nieder]

HERAKLIDOS:
Und du, mein Sohn! O Phosphoros,
Erwecker sollst du sein des Größten
Das in den Menschen herzen schlummert.
Des unbekannten Gottes Bote
Für Menschenkinder sollst du werden!
... ... ...
Und jetzt zur Tat.

PHOSPEOROS [sich erhebend]
Die Fackel und der Stern
Sie rufen, leb' wohl!

HERAKLIDOS [sein Zepter ausstreckend]:
Auf Wiedersehn! —

[Phosphoros gebt ah.)]

Zweites Bild:

Die Thehais der jungfrauen der Wüste

Eine Oase in Unterägypten. In die Ruinen eines ägyptischen Tempels unter offenem Himmel ist eine christliche Kapelle von primitiver Einfachheit hineingebaut. Zwei riesige Säulen mit glockenförmigem Kapitäl, deren oberer Teil sich den Blicken entzieht, rahmen die Bühne ein.

Hier und da dienen Säulenstumpfe als Sitze. Auf den Mauern sieht man, in roher Ausführung, Bilder im byzantinischen Stil, Gottvater, die jungfrau und Christus darstellend. Hinter ihnen und sie überragend, erblickt man die in Stein gehauenen hieratischen Kolossalbilder ägyptischer Götter. — Rechts wird die Mauer von Türen durchbrochen, die zu den Zellen der Jungfrauen führen.. — Links führt ein größeres Tort; über des-sen runden Bogen die in Stein gemeißelte Tube des Heiligen Geistes zu sehen ist, zu der Zelle des Vaters der Wüste. — Im Hintergrund, in der einst den Thron eines ägyptischen Gottes enthaltenden Nische des Tempels erhebt sich die von Einsiedlern errichtete Statue Christi, des guten Hirten, mit dem Lamm im Arm, dem Kreuz als Hirtenstab. Hinter den Ruinen der Mauerstücke sind die Kronen riesiger Palmen zu sehen., die einen Teil des Tempels beschatten.

1. Auftritt

Der Vater der Wüste, Kleonis.

Der Vater der Wüste steht im Vordergrund der Bühne. Kleonis tritt aus ihrer Zelle und nähert sich ihm langsam. Es ist, als suchte sie jemanden hinter den Säulen der Ruine; endlich berührt sie den Arm des Vaters.

KLEONIS:
Noch ist er nicht gekommen?

DER VATER:
Ich glaube nicht, dass er noch heute kommt.
Die Sonne ist schon nah dem Untergange.
Mein Beten hat ihn ferngehalten.

KLEONIS:
O nein, mir sagt mein Herz,

Dass zornesvoll und ängstlich schlägt:
Wir werden sicher ihn bald sehn.

DER VATER:
Theokles, welcher Phosphoros
Genannt wird durch die Satansmächte!
Gelüstees dich durchaus
Zu sehen den Verruchten?

KLEONIS:
Ich will es.

DER VATER:
Warum begehrst du, wehrlose Jungfrau,
Das Wort an ihn zu richten?

KLEONIS:
Ich will ihn niederwerfen vor Christus!
Und wenn er sich nicht beugen will
Beladen ihn mit einem Fluch,
Der alle Kraft ihm nimmt für immer.

DER VATER:
Gib acht, o meine Tochter,
Gefährlich ist, wonach du sinnst.
Du kennst noch nicht des Satans Macht.
Ist auch wie Spinngewebe fein,
Die List, die seinem Geist entspringt,
Er kann sie dichter machen,
Als selbst ein Eisenpanzer ist,
Will er uns gänzlich wehrlos haben, —
Verderblich ist die Nähe solcher Menschen.
Es kann die Seele Schaden nehmen,
Wenn sie nur eines ihrer Worte hört.

KLEONIS:
Da Christus lebt in mir,
Besitz ich auch die Macht,
Zu schleudern diesen Frevler
Zu Füßen meines Gottes.

DER VATER:
Du bist recht hochmütig> meine Tochter,
Und deine Frömmigkeit, sie ist nicht rein.
Sie ist mit Heftigkeit vereint.
Demut geziemt dir, soll nicht
Dich fangen Satanas in seine Netze.

KLEONIS:
Unmöglich ist's! Jesus,
Der oft im Traum mir naht,
Hat selbst den Panzer mir verliehn
Gewoben aus der Keuschheit Wesen —
Und auch den Schild aus Edelstein
Der Mut und Kraft beschehrt.

DER VATER:
Um solches zu vollbringen, müsstest du
Geschritten sein durch höhere Prüfung.
Noch aber hat die Novize
Zu viel des Feuers in der Brust.

KLEONIS:
Es hat der höchste Meister doch gesagt:
Es soll euch alles werden,
Was ihr erfleht mit frommem Beten.
Gelingen selbst wird reinem Glauben,
Zu stürzen Berge in das Meer!
Mein Hassgefühl gegen Phosphoros
Ist mächtig, Berge umzustürzen,
Er soll mir knien vor dem Herrn!

DER VATER:
Es führt dich dein Wagemut
In schlimmen Irrtum und Ketzerei.
Nicht Hass versetzt die Berge, sondern Liebe.
Den Hass verbietet Jesus,
Er führt Verderbnis nur herbei.

KLEONIS [mit einen tiefen Seufzer]
Ich hasse Jesu Feinde glühend,
Weil ihn ich glühend liebe.
[Sie ringt die Hände und verbirgt das Gesicht in ihren
übereinander gekreuzten Armem]

DER VATER [streng].'
Ja, jetzt erkenn' ich klar,
Wie schlimm es steht mit deinem Herzen!
Deshalb befehl' ich dir, den Feind zu meiden.
In deine Zelle sollst du gehn.

KLEONIS:
Gehorchen will ich dir, mein Vater.
[Sie geht langsam und mit gesenktem Haupt in die Zelle.]

DER VATER [nachdenklich]
Sie wird noch schwere Leiden
Erfahren müssen vor der Heiligung.
ich werde Wache bei ihr stehn
Und ferne halten ihr den Feind
[Er hebt seine beiden Hände wie beschwörend gegen die Wüste.]
Es ziemt mir, jetzt zu beten.
[Er geht in seine Behausung zurück.]

2. Auftritt

Phosphoros, bald darauf Kleonis.

PHOSPHOROS [kommt von links und lehnt sich an die große
Säule im Vordergrund der Bühne]:

Das ist der Ort, o Christus,
Wo man dir Opfer bringt?
Und die Gebete deiner Priesterinnen
Ergießen sich zu diesem Bildnis?
Ein Hirte ist's mit einem Lamm.
Und ich, der ich den Menschen
Die Freiheit und der Welt die Schönheit
Aus vollem Herzen möchte bringen,
Ich kann nicht eine Seele finden,
Die in den Grund der meinen tauchte,
Darin zu finden solchen Glauben,
Der über Tod und Leben siegt!
Das Zeichen, soll es nicht erscheinen?
Wird ewig mir verborgen bleiben
Der Stern an meinem Himmel,
Der mir verkündet die Stunde
Nach der meine Seele drängt?
O, schon erstirbt in mir die Hoffnung!
[Er wendet sich gegen den Horizont mit einer müden
Gebärde.]

Mein Innres scheint der Wüste gleich,
Die weit sich vor mir breitet,
Und welche stumm bedeckt
Götter und Menschen, die verschwinden.

[In diesem Augenblick tritt Kleonis aus ihrer Zelle. Die untergehende Sonne fällt voll auf ihr Gesicht. Sie schrickt zusammen, wie sie Phosphoros erblickt, fasst sich aber schnell und tritt ihm feierlich entgegen.]

KLEONIS:
Mit welchem Recht betrittst
Als Fremdling du die Weihestatt?

PHOSPHOROS:
Der Tempel steht zum Eintritt offen;
Ich habe deinen Gott besuchen wollen,

KLEONIS:
Und ist bewusst es dir, dass Christus
Beschützer ist des Tempels,
Und dass die Priesterinnen
An diesem Ort ihm dienen?

PHOSPHOROS:
Ich weiß es; doch wer bist du?
Aus deren Mund so stolz
Die Sprache klingt, die mir vertraut?

KLEONIS:
Ich bin Kleonis aus Dionysia,
Mein Vater ist Laodikos.

PHOSPHOROS:
Kleonis, die einst ich sah
Verschleiert in unserer Agora?

KLEONIS:
Ich bin's. Und nun erblickst du mich
Im stillen Hafen, wo Gebete
Die fromme Seele schicket himmelwärts.
Gefunden hab ich der Orte einen, Die Christus sich erwählet,
Von ihnen aus zu führen,
Die Kämpfe für das Heil der Welt.
Und welchen Namen führest du?

PHOSPHOROS:
Theokles nannte mich der Vater.
Doch Phosphoros ist ais Name
Von meinen Schicksalsmächten
Und meinem Geiste mir gegeben.

KLEONIS:
Du sollst erkennen, Phosphoros,
Der wahre Gott ist Christus!
Und der verflucht dich, Weltengeißel.
Er wird dem Boden Bäume
Entreißen, und zu Ruten binden
Zu zähmen deine schwarzen Kräfte.
Durch Zeichen hat er sich gezeigt.
Du hast sie nicht begriffen.
Durch Stimmen hat er dich gerufen,
Du hast sie nicht gehört.
Es haben Hände wie Flammen
In Zeichen, die im Feuer strahlten
Des Gottes Namenszug geschrieben ...
Du aber hast in wildem Hochmut
Hinweggewischt des Gottes Schrift.
Du weißt es nicht, dass Christus
Geschritten ist durch Qual und Tod,
Und dass er glorreich auferstand.
Verfallen muss der finstern Hölle,
Wem fremd der Welten Heiland bleibt.

PHOSPHOROS:
Mein Glauben gilt dem eignen Selbst.
Als Gott erkenne ich den Engel,
Der trotzig widerstanden hat
Dem unerschaffnen Licht

KLEONIS:
Du kennst ihn nicht, den Gott,
Und ahnest nicht den Schmerz,
Den er erlitten hat als Opfer
Zu lösen uns von schwerster Pein,
Du hast nicht geschaut, wie er
Zusammenbrach von Kreuzeslast
Er tritt in unsere Krypten.
Er bringt uns Brot des Lebens.
Den Kelch des Opfers reicht er uns.
Der Sonne gleich erstrahlt sein Leib.
Aus seinen Wunden ersprießen
Die Rosen reiner Liebe
Die Lilien hoher Gnade!
Ich liege betend oft zu seinen Füßen
Und weine vor den Bluteszeichen
Und bitte, dass vergönnt mir werde,
Zu leiden für ihn alle Schmerzen,
Die er getragen für der Menschen I Teil.
O, könntest du ihn doch erkennen!

PHOSPHOROS [sieht sie scharf an, dann wendet er sich ab]:
Es treffen unsere Wege
Zu spät fürwahr zusammen, —

KLEONIS:
Was, Phosphoros, befällt dich? Du bebst. Erschüttert seh ich dich.

PHOSPHOROS [sieht sie nochmals an und werdet sich wieder ab]:
Zum ersten Male steht ein Weib vor mir,
In weichem wahres Menschenwesen lebt.
Ertötet war der Mensch bei allen andern
Von dem, wozu das Leben sie geformt,
Von Jungfrau, Gattin, von Bacchantin.
Den edlen Leib durchglüht
Die starke, hohe Seele.
Aus ihren weiten Augen
Erglänzt die helle Sonnenflamme,
Und ihre Brust belebt ein Herz,
Das fähig ist zu tragen
In Würde Schmerzen und Liebe —
O, solchen Weibes Liebe kann erschaffen
Aus Manneskräften Heldensinn.

KLEONIS:
Was denkst du?

PHOSPHOROS:
Ach, denken musste ich
Wie glücklich der Messias ist,
Dem deine Seele sich geneigt.
Denn wisse, ein Messias bin ich selbst!
Und wecken will ich alles,
Was in den Menschenseelen schläft.
Es werden Flüche auf mich stürmen
Und Schmerzen mich befallen ...
Denn so ist jener Menschen Los,
Die Ketten sprengen und Freiheit schaffen;
Es wurde ihnen alle Zeit
Verbannung, Hass und Tod!
Du lebst in deiner Wüste,
Ich werde in der meinen sterben.
Mir werden keine solchen Tränen fließen,
Wie du sie weinst für deinen Christus.
Leb wohl!

KLEONIS [wendet nun ihrerseits die Augen ab. Beiseite]:
O wehe, dass ich schaute in dies Auge!
Es blickte aus ihm ein Engel
Vereint mit wildem Schlangenwesen;
Und Heldensinn mit Versucherlist.
Erhabner Schrecken, frohes Grausen
Erfassen mich im tiefsten Innern.
Wie kann mir Himmelsruhe
Und Seelenfrieden wiederkehren,
Wenn niemals mich verlassen wird
Das Bild des ernsten Kämpfers,
Der schwergeprüft am Abgrund steht!
Ich sah des Aufruhrs Engel
Aus seinen Augen auf mich stürzen.
[Sie wankt und lehnt sich an die Säule.]

PHOSPHOROS:
O Jungfrau, was ist dir?
Du neigst den stolzen Nacken!
Warum verfinstern deine dunklen Wimpern
Die Sonne deiner Himmelsaugen?
Du magst mich überschütten mit Flüchen,
Doch lasse einmal nur noch
Das Licht aus deinen Augen
In meine Augen leuchten!

[Sie sehen sich mit wachsender Intensität und Bewegung an. Plötzlich wendet sie sich ab, fasst sich wie fiebernd an die Schläfen, dann ans Herz, als ob sie erstickte.]

PHOSPHOROS:
Im Namen Christi, was ist dir?

KLEONIS [Mit einer Gebärde des jähen Abweisens]
O schweig, hinweg den Blick,
Hinweg, hinweg!
[Sie entfernt sich mit schnellen Schritten und geht in ihre Zelle ohne sich umzuwenden]

PHOSPHOROS [allein]:
Ich habe über eine Seele gesiegt!
Es ist meines Lebens größter Sieg.
In diesem Weibe lebt des Gottes Bild.
Es wird der Widerschein von solchem Licht
Aus meinem Herzen niemals schwinden.
Ein stiller Sieg in tiefer Wüste,
Doch wiegt er mehr als einer,
Der über das größte Heer errungen.
Wohl werde ich dich niemals wiedersehn.
Es wird jedoch das Licht,
Das aus Kleonis' Auge fiel,
In meiner Seele tiefsten Kern
Erleuchten meine Einsamkeit
Und sollte diese ewig sein!
Die einsame Seele der Wüste
Dem einsamen Weltenwanderer
Gehört sie an für immer. —

3. Auftritt

Phosphoros, ein Diener

DER DIENER:
Ich bin ganz außer Atem.
Aus Alexandrien komm ich.
Das letzte Schiff aus Ionien,
Es brachte diese Botschaft,
Die Damis dir sendet.
[Er überreicht ihm eine Wachstablette]

PHOSPHOROS [lesend]:
«Es wissen alle Menschen hier.
Was du getan für unsere Stadt.
Dein Anhang wichst mit Windeseile.
An den Mauern des Prytaneum
Ist jeden Tag zu lesen
Der Wunsch, du mögest wiederkehren,
Es traure ganz Dionysia
Um ihren größten Sohn.
Beunruhigt ist der Prokonsul,
Um dieser Volkesstimmung willen,
Er sinnt auf dein Verderben.
Er hat das Urteil widerrufen,
Dass dich verbannt aus unserer Stadt.
Versprechen will er dir
Den freien Aufenthalt in deiner Heimat
Und Rückgabe aller Güter.
Jedoch, du sollst vor seinem Richterstuhl
Erweisen, dass du unschuldig seist
An allem, wessen man dich zeiht.
Vor allen Bürgern soll dies sein.
Es ist dies eine Falle,
Gelegt von deinem Feinde.
Man will dich töten und versucht,
Um dich herbeizulocken, diese List,
Ich bitte dich, verbleibe in der Ferne.
Dein treuer Damis,»
Also es steht so —
Entmutigen will man meine Freunde,
Indem man von meinem Tode spricht!
Es sollen ihre Herzen zittern
Und dadurch meine Taten sterben,
Noch ehe sie geboren.
Es ist nur allzu fein, o Harpalus
Gesponnen dein Gewebe.
Nur einen Fehler weist es auf:
Du hast mit meiner Angst gerechnet.
Verrechnet aber hast du dich!
Es wird vor Cäsars Stellvertreter
Erscheinen Phosphoros gewiss.
Es ist der Ruf des Schicksals,
Ich will ihm Folge leisten!
[Zaun Diener]
Ist dir bekannt,
Ob bald ein Schiff nach meiner Heimat geht?

DER DIENER:
Man kann in wenig Tagen fahren —

PHOSPHOROS:
Dann eilen wir zum Hafen
Nach Dionysia, wohlan. —
Und du, o Stern Lucifers,
Erleuchte meinen Schicksalsweg.
[Er geht mit dem Diener ab.]

4. Auftritt

Kleonis und die jungfrauen der Wüste.

Es ist Nacht. Die Jungfrauen, brennende Kerzen tragend, kommen einzeln aus ihren Zellen und knien nieder vor der Statue Christi, des guten Hirten, im Hintergrund der Bühne. Kleonis kommt zuletzt und folgt ihnen mit dem Blick.

KLEONIS:
Ich wage nicht zu folgen.
Es drängt zu beten mich nicht mehr.
O dieses Auge, dessen Zauberblick
So sicher traf in meiner Seele Kern.
Aus welchem Abgrund stammte er?
Es sprach der Schmerz so urgewaltig
Aus diesem göttergleichen Antlitz.

JUNGFRAUEN [Gesang der im Hintergrund des Saales knien den jungfrauen]
Wir bringen die Blumen des Feldes,
Der Lilien heilige Zier,
Die Ernte der ewigen Liebe,
O ewiger Schnitter, dir!
Wir bringen dir unser Leben,
Wir bringen das durstige Streben
Im Schatten des Kreuzes zur Ruh!
O lass in den ewigen Wunden
Die Seele versinken, gesunden,
O König der Könige, du!
[Die Jungfrauen steigen in die Krypta hinunter.]

KLEONIS:
Wie glücklich seid ihr, Bräute Christi!
Den Himmel habt ihr hier auf Erden.
Es war einst meine Seele gleich der euren.
Doch jetzt verzehrt mein Herz ein andres Feuer.
Wird Jesus nicht an meiner Seite stehn,
Wenn die Versuchung furchtbar droht!
Hat weggezogen schon die Gnadenhand
Der Meister, welcher aller Liebe Quelle ist?
Wie soll ich fassen ihr Geschick und meines?
Sie haben hingeopfert schwache Herzen
Und Seelen, die der Weltenprüfung nie erfahren,
Und nie des Lebens wahre Zaubermacht!
Ich habe Größeres dir zu bringen,
Ein stolzes Herz, erfüllt von Liebe,
Ich legte willig es dir zu Füßen,
Um deinen Schmerz in mir zu tragen.
O Gott: erbitten darf ich mir von deiner Hand
Die Rettung durch des Himmels Wunderkraft!

[Sie schreitet in den Hintergrund des düsteren Tempels und kniet vor dem Altar nieder. Aber plötzlich wirft sie das Haupt zurück. In einem Strahle blendenden Lichtes sieht sie, statt Christus, Lucifer, aufrecht stehend, mit ausgebreiteten Flügeln, in der Stellung eines Genius, der zum Fluge ausholt. Seine Rechte hält die Fackel, seine Linke breitet sich über die überraschte Flehende. Die Erscheinung dauert einige Sekunden, dann verschwindet sie.]

KLEONIS [stürzt entsetzt in den Vordergrund der Bühne]:
Der gestürzte Engel. Lucifer!
Des Phosphoros Gesicht! Er war es selbst.
[Sie bricht halb ohnmächtig zusammen, mit dem Kopf gegen die Säule.]
Ich bin verloren! —

5. Auftritt

DER VATER [aus seiner Behausung tretend]:
Wer kann nur hier sein, in der Nacht.
Ich hörte einen Schrei —
Wie eine angsterfüllte Seele ruft.

[Jemand stöhnt am Fut? der Säule. Er tritt näher.]

Du, Kleonis, meine Tochter,
Was tust du hier in finstrer Nacht?

KLEONIS [sich auf einem Arm aufrichtend]:
O, es war so schaudervoll!

DER VATER [ihren Arm fassend]:
Du scheinst mir krank, verwirrt zu sein!
Es fiebert deine Wange, deine Hände glühn.
Erhebe dich, ich helfe dir.

KLEONIS [lässt alles mit sich geschehen und bleibt wie im Traum versunken; zuletzt murmelt sie mit halber Stimme]:
Lucifer! Phosporos!

DER VATER:
Du scheinst mir wirklich krank,
Und deines Leidens Quelle liegt
In deiner Seele mehr als in dem Leibe.

KLEONIS [sieht den Vater mit Erstaunen an, als ob sie ihn nicht erkannte, dann fährt sie sich mit der Hand über die Stirn und kommt allmählich zum Bewusstsein der Realität]:
Ja krank — ich fühl's,
O besser wäre — tot.

DER VATER:
Was ist geschehn?

KLEONIS:
Es war so furchtbar und so grauenvoll,
Dass alle Tempel der Erde brechen möchten.
Doch auszusprechen wag ich's nimmermehr.

DER VATER:
Erzähl es ruhig, meine Tochter.

KLEONIS:
Gewandelt ist, seitdem ich dies erblickt
Für mich der Welten Antlitz.
Und endlos scheint die Zeit, ...
Die seit jenem Schrecken ich verlebt.

DER VATER:
Es ziemt sich dir,
Mir alles zu erzählen,

KLEONIS:
Du willst es?

DER VATER:
Es ist mein Recht, es zu befehlen.

KLEONIS [mit dumpfer Stimme und immer wie im Traum]:
Ein fromm' Gebet sprachen meine Lippen,
Am Fuß des Altars lag ich,
Das Herz begehrte Ihn zu sehn.
In meiner Seele lebte Er allein.
Da zuckte es wie Flammen ...
Ich hob das Haupt, zu schauen
Des Christus Gnadensonne ...
Und auf dem Altar war nicht Er,
Es war ... es war Lucifer.

DER VATER:
Es war — der Lucifer?

KLEONIS [mit einem geheimnisvollen Lächeln]:
ja, Lucifer mit seiner Fackel, seinen Flügeln.
Nicht furchtbar war er, wie du ihn malst.
Er war so strahlend schön wie unser Gott,
Nur strahlten seine Züge düstres Leid.

DER VATER:
O mein betörtes Mädchen?
Verirrt schon durch den bösen Geist,
Des Dämons Werk gelingt am besten,
Erborgt er eines Engels Form.
Dies sollte dir bekannt doch sein.
Es ist unrein deine Seele jetzt.
Verboten ist es dir von dieser Stunde an,
An unsern Heileswerken
Und Liebesmahlen teilzunehmen.
Gereinigt kannst du werden nur
Durch tiefe Demut und Willenstötung.

KLEONIS [immer- noch wie im Traum]:
In Demut will ich mich neigen,
Vernichten meinen Leib und meine Seele will ich ...
Wird er gerettet durch des Opfers Kraft.

DER VATER;
Gerettet? ... Wer?

KLEONIS:
Phosphoros!

DER VATER:
Du sprichst von Phosphoros?
Von ihm, der unser Heiligtum
Durch seine bloße Gegenwart entweihte?
Und welcher deine Seele schuldig machte?
Und Schuld bedeutet alles Denken,
Das ferner du an ihn wendest.
Er ist verflucht in alle Ewigkeit.
Vergiss den bösen Zauber
Und denk' an nichts als Buße!
[Er geht in den Hintergrund und steigt in die Krypta hinab.]

KLEONIS [die unter der Verdammung des Vaters den Kopf gesenkt hatte, richtet ihn wieder auf Ein Lächeln des Mitleids gejagt von einem Strahle innerer Verzückung erhellt ihre Züge.]:
Verflucht! ...
Ich werde für ihn beten ...
[Sie geht mit erhabenem Haupt, wie in Ekstase, in ihre Zelle.]

6. Auftritt

Thessalus, bald danach Kleonis.

THESSALUS [ein alter Sklave]
Beim Zeus, ich sterbe vor Ermüdung.
Mich quälen Durst und Hunger.
Hier leben die Jungfrauen der Wüste,
Und auch Kleonies muss hier sein,
Sie kann mich retten. Ich erwarte sie.
[Er kauert bei der Säule nieder und schläft ein.
Die Morgenröte geht auf]

KLEONIS [aus ihrer Zelle tretend]:
Prophetisch hell verkündet weißes Licht
Den neuen Tage der öden Wüste ...
Doch welch wunderbarer Stern erglänzt! ..,
Er schimmert durch das Morgenrot
Wie Edelstein durch Purpurschleier
Dem Sterne gleich erscheint er mir
Von welchem ein Prophetenwort uns sagt:
«Warum verstießen dich des Himmels Geister,
Da überherrlich war dein leuchtend Wesen
Im Urbeginn des Weltenseins? »
Ich sah des Edelsteines Leuchten
In deiner Krone, o du stolzer Engel,
Ich sah den Geist des Aufruhrs und des Leides
Er steigt herauf in neuem Glanze
Und sendet seinen Flammengruß der Sonne ...
Ich liebe dich, du traurig schöner Phosphoros.
Ach, finstrer Vater, töten möchtest du
Des freien Herzens Opferliebe ...
Der Seele edelste Kraft und höchster Schwung
Sie sind dir fremd. Und fremd ist dir,
Dass Gott im Menschen sie entzündet.
Der Himmel Seligkeit ist Christi Reich,
Der Erde Leiden sind Phosphoros zu eigen.
Zu Jesu Füßen mögen andre knien.
Sie bitten für der eignen Seele Seligkeit.
Ich aber will für den Verdammten
Die meine willig opfern! ...

THESSALUS [erwacht und steht auf]:
Kleonis, erkennst du mich?

KLEONIS:
Wie, Thessalus, der Sklave meines Vaters?

THESSALUS:
Ja, Thessalus bin ich.
Als kleines Kind habe ich
In diesen Armen dich getragen.
Dein Vater hat die Freiheit mir versprochen ...
Er hat jedoch an Händler mich verkauft,
Als ich zum Haus der guten Göttin ging
Zu heilen meine Krankheit.
Die Händler brachten mich nach Theben.
Und als ich alt und schwach geworden
Da warfen sie mich auf die Straße.
In Not und Elend kam ich hierher
In deine Wüste und zu dir.
O sprich ein Wort zu meinen Gunsten
Zu ihm, der Vater wird genannt bei euch.
Er könnte vielleicht als Hirte mich gebrauchen,
O gute Herrin, bitte für den alten Diener.

KLEONIS:
Wer sagte dir, dass ich hier bin?

THESSALUS:
Ein Mann aus deiner Stadt
Den Phosphoros man jetzo nennt,
Und der in dieser Gegend reist.

KLEONIS:
Wo sahst du ihn?

THESSALUS:
Er war ganz nah von hier.
Er will zurück in seine Heimat reisen
Und stellen sich dem Prokonsul.
Man sagt, er sei des Cäsars Feind
Und ihn erwarte Todesstrafe.

KLEONIS:
Der Tod? Das kann nicht sein!
So höre, Thessalus: Willst Du
Nach Dionysia mich führen?

THESSALUS:
Gewiss, ich will es,
Wenn du zum Diener mich bestellst.
Doch wie entkommen wir von hier?

KLEONIS:
Das wirst du sehen, wart ein wenig!
[Sie geht in ihre Zelle und kommt bald wieder mit einem Kästchen aus Zedernholz im Arm und in einen großen Mantel gehüllt.]
Das ist der letzte Rest von allem,
Was meinen Reichtum einst gebildet.
Noch ist der Kasten voll von Edelsteinen.
Es ist in ihm mein ganzes Erbe.
Mit diesem Schatz wollte ich bauen
Den Bräuten Christi ein stilles KIaster.
Nun soll er dir, o Phosphoros,
Die Rettung bringen aus der Not.

THESSALUS [öffnet das Kästchen und wirft gierige Blicke hinein]:
Beim Hades, welche Schätze!
Wann reisen wir?

KLEONIS:
Sogleich.

[Man sieht die Jungfrauen und den Vater der Wüste aus der Krypta im. Hintergrund der Bühne steigen und sich vor dem Altar gruppieren> zu Füßen Christi; des guten Hirten. Die Jungfrauen knien nieder und stimmen die Hymne am Der Vater steht hinter ihnen mit erhobenen Armen, den Rücken zum Publikum gewendet bis zum Schluss der Szene.]

JUNGFRAUEN [Gesang]:
Wir bringen die Blumen des Feldes,
Der Lilien heilige Zier,
Der Ernte der ewigen Liebe,
O ewiger Schnitter dir!

[Sobald sie die Jungfrauen erblickt hat, stößt Kleonis den Sklaven hinter die Säule.]

KLEONIS:
Verbergen wir uns.
[während des Gesanges]
Es wird mir schwer hinwegzugehn
Von euch geliebten Tönen, süßen Wonnen,
Von dir, du holde Wüsteneinsamkeit.
Verlassen muss ich alles dies. Lebt wohl.
Dem Hafen fern, auf wilden Wellen
Zu leben ist in Zukunft mein Geschick.
[zu Thessalus]
Ich lechze nach dem Schaum des Meeres
Nach loniens Küsten sehn ich mich.

THESSALUS:
Und du hast nicht Furcht,
Zu reisen allein
Unter eines alten Mannes Schutz?

KLEONIS:
Nein, Thessalus, ich fürchte nichts;
Ich will ertragen, was auch kommen mag.

THESSALUS [im Tone des Aberglaubens]:
So stehst du — in eines Gottes Schutz?

KLEONIS:
Ja, Thessalus, von einem Gotte,
Er ist stärker als der Zorn der Menge
Und kühner als Prophetenwort.
Dem Gotte, der Trotz kann bieten
Der Schmach, der Lästerung und dem Tod.
Er ist der Herr der Liebe
Du bist es, Eros, Weltenschöpfer!
[Sie zieht Tbessalus mit sich, beide gehen eilends ab.]

German original of The Children of Lucifer Act II · ← Previous · Next →